Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1931)
- Date
- 1931-11-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10 Nr. 48 Der Israelit Fremdenrechtes im Talmud, eine Abhandlung übrigens, die in ihrem apologetischen Werte in einer Zeit, da der Talmud als Freibeute für alle gehässigen Charlatane und hetzerischen Skribenten gilt, von höchst aktueller Bedeutung ist. Rein bibelexegetische Fragen behandelt der auf diesem Gebiete allbekannte und verdiente Dr. Samuel Grünberg. Rätselhafte o'pios aus er**’:» erhalten klares Licht. Auch hier, wie in all seinen Arbeiten, schlägt er den von David Hosfmann t,"2r gewiesenen Weg ein, aus dem es wohl möglich ist, reine und strenge Bibelwissenschaft ohne Bibelkritik, ja unter Ablehnung und Bekämpfung all der üblichen bibelkritischen Methoden, zu pflegen. Die Geschichtswissenschaft ist in diesem Jahrbuch mit einer gründlichen Abhandlung mit komplettem Literaturnachweis über „Esra Hasofer nach Talmud und Midrasch" von Dr. Michael Munk in Berlin vertreten. Interessante Angaben über die f r ü h e st e n Beziehungen der Juden Hamburgs zu Palästina macht Bernhard V rill in g. Man erfährt dabei die Entwicklung der Chalukah, die schon 1653 in Hamburg ihren „Gabbai" hat. Lokal und zeitlich begrenzte Geschichte bringt ferner Dr. Heinrich T l e s ch mit Mitteilungen aus dem Neu-Rauhnitzer Steuerbuch und aus den Vereinsbüchern der mährischen „Heiligen Vereine". Moritz Stern weist überzeugend nach, daß der „Hohe Rabbi Löw" wirklich L ö w , Leb oder L ö b und nicht „Liva", wie ihn L. Lewin nennt, hieß. Für alte Frankfurter bietet eine Veröffentlichung von Lehrer Simon Unna (die lebte Arbeit des verdienten Forschers) über den Statutenenwurs eines alten Vereins in Frankfurt a. M. aus dem Jahre 1822 (Zizith- Verein) eine köstliche Lektüre. Man erfährt ferner einiges über die ersten Niederlal>ungen deutscher Juden in Südafrika (S. A. Rochlin-Kapstadt) und über die portugiesischen Juden in Glück st adt Ujehe Kl. Feuilleton in Nr. 46). Wie immer, weiß Rabbiner Dr. einberg - Neumarkt sehr anschaulich aus dem Repertoir seines historischen Wissens zu erzählen. Er referiert diefesmal über die hebräischen Druckereien in Sulzbach, die bis auf 1669 zurückgehen und es wahrlich verdienen, für die Geschichte festgehalten zu werden. Ein vortreffliches Bild der Stadt Sulzbach, heroorgegangen aus den hebräischen Druckereien des 18. Jahrhunderts, >dient zur besseren Veranschaulichung der Materie. Es folgen Bemerkungen und Bücherbesprechungen. Einleitend bringt das Jahrbuch ein paar schlichte herzliche Gedenkporte für ^simon Unna V'st und I. Lebermann b"2h die beide treue Freunde und produktive Mitarbeiter der „Jahrbücher" waren. Eine Heimstätte der Züdischkeit. In Heide bei Antwerpen, weitab vom lauten Getriebe der Großstadt, in der stillen Umgebung von Wiesen und Wäldern befindet sich eine prächtige Heimstätte für lebendige Jüdischkeit — die Jeschiwo „Ez chajim". Dort spinnen jüdische junge Menschen, voller Lebensfreude und Energie, die bescheidenen Fäden eines verantwortungsvollen historischen Werkes: Verantwortungsvoll und historisch deshalb, weil dort — vielleicht zum ersten Male praktisch versucht wird, in treuem Dienste am überlieferten Judentum das Hislahawus und Dwejkus, die Freude und Lebendigkeit des Chassidus mit der Tiefe und dem Ernst des Muffor und mit dem Sinn für Form und Würde zu einer harmonischen Einheit zu verschmelzen. Dort wird mit großem Fleiß, mit Begabung und Verständnis daran gearbeitet, einen gesunden, vollkonmrenen jüdischen Typus heraus zu kristallisieren. Besonders wird darauf geachtet, daß der junge Mensch von stark erzieherischen Faktoren beeinflußt wird. Das gemeinsame Beten und Lernen, die Spaziergänge, die Unterhaltungen, das Zusammensein und das Alleinsein, die Freitagabende, der Sabbat und der Sabbatausgang, alles das ist eine lange Kette zusammenhängender Kapitel eines beabsichtigten und doch ungekünstelten Erlebens. Die Schüler sind nach der Stufe ihrer Entwicklung in verschiedene Gruppen eingeteilt. Jede Begabung wird mit Ueberlegung und Verantwortung gepflegt und es wird für ihre systematische Entwicklung gesorgt, damit jeder alles leiste, was er mit seinen Kräften leisten kann. Ueberhaupt wird in Heide nichts gedankenlos gemacht. Alles wird nach reiflicher Erwägung, nach Plan, ausgeführt. Dem ganzen Werke liegt ein großer und klarer Gedanke, dem alle bisherigen Erfolge zu verdanken sind, zugrunde. Es ist dies der Aulim-Gedanke Dr. Birnbaums. Die Jeschiwo erhält ihre Prägung von der Aulim-Gruppe in ihr, die sich ihrer erzieherischen Aufgabe voll bewußt ist. Die Arbeit hat bis jetzt G. s. D. gute Erfolge gezeitigt und ist dies ein konkreter Beweis dafür, daß her Aulim-Gedanke ein ausgezeichnetes Instrument für eine wahre jüdische Selbsterziehung und imstande ist, das Ideal eines geläuterten jüdischen Lebens zu verwirklichen. Um die Wirkungsmöglichkeiten der Jeschiwo noch zu erhöhen, ist in ihr Programm noch ein wichtiger Punkt ausgenommen. Sie soll nämlich, um ihre Zöglinge in ihrem Bereiche und unter ihrem Einfluß zu erhalten, bestrebt sein, in nächster Zukunft eine landwirtschaftliche Siedlung zu gründen, welche die materielle Existenzbasis der Zöglinge zu bilden haben wird. Hoffentlich wird es ihr m. G. H. gelingen, auch diesen ihren Plan zur Ausführung zu bringen. Der Rosch Jeschiwo ist Rabbi S. Schapira aus Chelm, eine von den Schülern hochgeschätzte erzieherische Kraft. Ehrenpräsident ist Dr. Ritter, Rotterdam. Rabbi Mordechai Rottenberg, Antwerpen, darf man wohl als einen warmen Freund der Jeschiwo betrachten. Herr Isidor Masel, ein dem Ideal jüdischen Aufstiegs ergebener Mann, hat die materielle Erhaltung der Jeschiwo bisher ermöglicht. K. A. Eine Winternachk. Von E. H. Es war in einer Winternacht in Mattersdorf. Wir saßen zu zweit am Tische, gebeugt über einer vergilbten Gemoro, und lernten beim Lichte eines Lämpchens. Es war schon spät. In gewissen Zeitabständen hörte man noch die bekannte Lernmelodei aus der Nebenstube, wo Jossel mit Abaja und Rowa disputierte. Dann sagte er sein „Sch'ma", dehnte minutenlang „Echod" und begab sich zur Ruhe. Wir beide, Jankel und ich, lernten noch. Wir rauchten Zigaretten und tranken Tee. Dies wärmte uns in der eiskalten Stube. Sicher haben auch die lieblichen, vieltausendjährigen Worte der vergilbten Gemoro dazu beigetragen, daß wir uns noch aufrecht erhielten, und nur hie und da unsere Zähne klapperten. Wir machten noch einen Spaziergang. ANNONCEN-BÜRO JULIUS SCHMIDT FRANKFURT A. M. JETZT HÖLDERLINSTR. 25 T DIE N E U E TELEFONNUMMER CAROLUS 45866 Den ganzen Abend hatte es geschneit und es herrschte eine grimmige Kälte. Der Schnee reichte bis an die Knie und da er gefroren war., knirschte es unter unseren Sohlen. Jankel machte bald Halt. Wir waren in die Nähe des alten Friedhofs gelangt. Weiter traute er sich nicht. Jankel, noch unter dem Einfluß seines gewesenen Lehrers, glaubte fest daran, daß jetzt die fünfundzwanzig Toten im Massengrabe — die in einer Nacht durch eine Pest weggerafft wurden — und die vielen Märtyrer, die an der Friedhofsmauer lagen, aus ihrem Grabe steigen, um in einer Thorarolle zu lesen. In Gedanken sah er sie schon dort stehen, gehüllt in ihre Gebetmäntel. Mich gruselte es. Es war eben die Geisterstunde. Wir gaben unserem Weg eine andere Richtung und stampften in die Judengasse. Es war sehr finster. Nur vom „Ner Tomid", der uralten „Schul", fiel durchs Fenster ein matter Schein auf den frisch gefallenen Schnee. Rauhe Lust, nur aus den nassen Kellerwohnungen drang ein Modergeruch zu uns. Ringsum Totenstille. — Da vernahmen wir ein — Liedlein. Es klang so süß, daß sich unsere Füße von selbst erhoben, um nach der Richtung der Stimme zu eilen. Sie kam aus einem Fensterlein, in dessen Rahmen kaum mehr eine Glasscheibe zu sehen war. Geflickt mit Pappe und verstopft mit Fetzen. Aus einem Fensterlein, das einem Keller — in Mattersdorf Wohnung genannt — angehörte, wo Mendel Schammes hauste. Wir klopften an die Türe. Es wurde uns gleich geöffnet. Mendel war ein armer Mann und reich an Kindern. Seine Frau starb vorigen Winter an Unterernährung. Sein kleines Gehalt, das er von der Gemeinde bezog, reichte gerade für ein Gläschen Schnaps täglich, Brot für die Kinder und warme Kartoffeln für die Orchim. Denn Mendel war ein äußerst gutherziger Mensch, und manche Mattersdorfer Baale Battim ließen ihm gerne die Freude, jeden vorüberziehenden Fremden zu sich zu nehmen. Daher war er gar nicht überrascht, daß bei ihm noch so spät geklopft wurde. Er war es gewöhnt, noch in später Stunde von ermüdeten jüdischen armen Hausierern geweckt zu werden, die bei ihm Einlaß begehrten. „Guten Abend, meine Herrn," begrüßte uns Mendel und glaubte, — weil wir zwei Groschen mehr besaßen als er, — sich vor uns verbeugen zu müssen, „mit was kann ich dienen, meine Herrn Bocherim?" „Ein wenig ausruhen wollen wir uns, Reb Mendel," antwortete Jankel. Wir gingen hinein (wobei wir unsere Köpfe an den Türhalken anstießen). An der Wand standen, zwei Betten, genagelt aus Brettern, die vor langer Zeit einer 26. November 1931 Sukko ebenso auch einer Kiste'angehört haben dürften. Eines für Mendel, das andere für einen Orech vorbereitet. Auf dem Boden lagen einige Kinder,'mit Lumpen zugedeckt. Am Tische saß ein Jude, sichtlich abgehetzt und müde. Um ihn aufzumuntern, sang — auch die Wirkung des „Gläschens" war dabei— fang Mendel das süße Liedlein. Sie aßen Brot; trockenes Brot. Denn mehr befaß keiner von beiden. Oft stimmte der Jude in den Gesang Mendels ein. Und in diesem Sing-Sang lag das tiefe Aufseufzen eines echten Galuthjuden, der für eine Nacht wenig, aber gut gegönnte Ruhe fand. Dabei spuckte er sich in die Hände, glättete seinen Bart, befeuchtete die grauen Schläsenlocken und drehte sie zu einem Knäuel. Dann begann Mendels jüngstes Kind zu schreien. Mendel nahm es zu sich und beruhigte es. Jankel und ich entfernten uns. Wir schritten über den zugefrorenen Bach und stampften im tiefen Schnee durch dichten Nebel. (Reisebücher.) Der Verlag F. A. B r o ck h a u s in Leipzig hat im Laufe ds. Js. wieder eine ganze Anzahl fesselnder Reisebeschreibungen herausgebracht, die nicht nur von hohem wissenschaftlichen Werte sind, sondern auch nach Form und Inhalt das Interesse weiterer gebildeter Kreise beanspruchen. Sven Heb in veröffentlicht ein neues Buch über seine große Asienexpedition (Rätsel der Gobi, die Fortsetzung der großen Fahrt durch Jnnerasien. 1928—1930 mit 74 Abbildungen geb. Mk. 15.—). Die Expedition stellt die Krönung der fast 40jährigen Arbeit Hedins im Dienste der Forschung dar. Ueber die nach einem eineinhalbjahrtausende dauernden Schlafe unter der Erde entdeckte alte chinesische Militärkolonie Lou-lan berichtet Albert Herrmann (Lou-lan, China, Indien und Rom im Lichte der Ausgrabugnen am Lobor, mit 66 Abbildungen geb. Mk. 7.50). Der eigentliche Entdecker dieser Stadt ist ebenfalls Sven Hedin gewesen, er hat in Dr. Albert Herrmann den geeigneten Fachwissenschaftler gesunden, der in diesem Buche das Bild der alten Stadt rekonstruiert und über die große Zahl von Manuskripten aus Holz und Papier berichtet, die 1600 Jahre lang vergessen in den Ruinen geruht haben. Ein temperamentvolles Werk, in dem die ganze Raserei eines leidenschaftlichen Reisenden pulst, ist das Werk des amerikanischen Forschers Roy Chapman Andrews. Unter dem Titel „Mit Harpune, Büchse und Spaten" schildert er sein Leben, das ihn 10 Jahre lang harte und gefahrenrei'-e Zelten auf dem offenen Meer oder in den Revieren der wilden Tierwelt verbringen ließ. Zuletzt nahm auch er an der Riefenexpedition in die Gobi teil. Ebenfalls nach Asien führt das Werk von Alexandra David-Neel (Heilige und Hexer, Glaube und Aberglaube im Lande des Lamaismus mit 22 Abbildungen'geb. Mk. 10.50). Heilige und Hexer treiben in dem verbotenen Land des Schnees seit Jahrhunderten ihren gespenstischen Spuk. Einsiedler haben es zu unerhörten seelischen Fähigkeiten gebracht. Die Erschließung dieser bunten, rätselhaften und widerspruchsvollen Welt ist zweifellos auch vom wissenschaftlichen Standpunkte ein Verdienst. Endlich sei auf das bedeutungsvolle Werk des Freiherrn Max von Oppenheim hingewiesen, der jetzt in Berlin als Ergebnis seiner m e s o p o t amilchen Forschungen ein Museum eingerichtet hat. Unter welchen abenteuerlichen Umständen diese Funde geborgen wurden, erzählt sein Buch. (Der Teil Halas. Eine neue Kultur im ältesten Mesopotamien mit 131 Abbildungen geb. Mk. 14.—). Drei Jahrzehnte hat Freiherr von Oppenheim in Mesopotamien gearbeitet und an der Spitze von 550 Beduinen den Boden umgewühlt; ein Dutzend wissenschaftliche Mitarbeiter standen ihm zur Seite. Der Krieg unterbrach die Arbeiten, die erst 1927 beendet werden konnten. Es handelt sich hier um eine auch für die Bibelforschung wichtige, bisher kaum gekannte große selbständige Kultur, die neben der ägyptischen und babylonischen als subaräische bestanden hat. Die indogermanischen Hettiter sind erst UM das Jahr 2000, also zu Abrahams Zeit, nach Vorderasien gekommen. Ihre Vorgänger waren eben die Subaräer. Die Ergebnisse der Oppenheim'schen Forschungen auszuwerten wird Sache der Wissenschaft sein. Das Buch selbst ist jedoch für jeden gebildeten Leser von Interesse und vom ersten bis zum letzten Buchstaben fesselnd. Wochenkalender. - om 28. November bis B. Dez, 1931 orn 18. — 25. KiKley) 5992 ’ÖT» Y1 Samstag Nov 28 18 KB Sonntag 29 19 33 Montag 30 20 as . Dienstag Dez. 1 21 “TB Mittwoch 2 22 NB Donnerstag 3 23 1B Freitag 4 24 TB Samstag 5 25 NB nsan nasr 3v'i »ihn l’aaa» Mauled Mittw. nachts 13 XtWtSS^hs Minuten.