Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1931)
- Date
- 1931-11-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Jüdische Seelen. VI- , M7 / i Von Saly Geis in Tel-Awiw. (Schluß.) Der Lehrer fuhr fort: „Dann trat aber eine furchtbare Veränderung in unserer Geschichte ein: der Ehurbon und die Zerstreuung unter die Völker. /Die von ihrem Heimatböden Vertriebenen gelangten in Länder, in denen kein Esrog reifte, keine Palme in den Himmel strebte. Kostspielige, gefahrvolle Reisen verlangte besonders die Herbeischaffung des Esrog. Aber auch noch zu Zeiten unserer Großväter freuten sich die meisten Kehillaus, nur einen einzigen Esrog mit seinen Genossen aufzutreiben. ,denn die. Beförderungsmittel waren damals noch' sehr langsam; wo man heute Stunden braucht, brauchte man damals Tage. Jetzt kann wieder jeder die Mizwoh der Arba Minim erfüllen: freilich kann er sie noch nicht selber abschneiden. Doch auch dieser Tag wird kommen, und darauf mögen wir Omen sagen." „Dowid, Kaddisch!" riefen mehrere. Sogleich stellte sich Dowid Hin, diese Lobpreisung des Herrn der Welt zu verkünden.. „Unser Lehrer ist ein Studierter, ein Lamdon! Aber auch unser Vorsteher ist nicht so ohne. — Also, Blum, fang an, am liebsten ein Moschelchen, du hast uns schon manches schöne erzählt." „Ich will dir den Gefallen tun; hoffentlich sind auch die anderen Herren einverstanden." Die anderen nickten. Simon Blum schickte erst eine Einleitung voraus, indem er sagte: „Mein Moschelchen erzählt von einem reichen Manne. Wir alle, wie wir hier sitzen, sind nicht reich. Trotzdem geht es jeden von uns an, denn jeder kann einmal in die Lage kommen, einem anderen gegenüber der Gebende, der Helfende fein zu sollen. In einem solchen Augenblick bedeutet er für den anderen den Reichen, auch wenn er sonst nicht reich ist. Doch nun zu meinem Moschelchen! In einer Kehilloh lebte ein sehr wohltätiger reicher Mann. 'Einmal kam -zu ihm ein Kaufmann, der stets als vermögend galt, und sagte ihm, daß er große Verluste gehabt habe und nur mit fünftausend Mark vor ' der Schande, seine. Zahlungen^inzustellen, zu retten sei. / Der reiche Mann versprach ihm ohne weiteres, diese Summe, doch erst für seine Rückkunft in zwei Wochen, denn er stehe.im Begriff, zu verreisen und habe jetzt keine Zeit. Eines Tages mußte auch der reiche Mann nach dem Los aller Menschen sterben. Seine Seele flog'hinauf zum himmlischen Gericht. Sie hatte keine Angst vor dem Verlauf der Verhandlung, und als die vielen Guttaten verlesen wurden, wartete sie gespannt auf den Augenblick, der ihr den Himmel der reinen Seelen öffne. Doch, was war das? Der Engel der Anklage trat drohend vor. „Diese Seele hat eine Sünde verübt, die all ihr Guttun überwiegt!" donnerte er. „Sie hat, trotzdem es nicht nötig war, einen Hilfesuchenden vierzehn Tage warten lassen, und die Aengste, die der Aermste in den vierzehn Tagen bangen Wartens erlitten hat, überwiegen all ihre Guttaten!" Da ertönte die Stimme G'ttes: „Er ist verurteilt!" Die Tischgesellschaft war sichtlich ergriffen. Der dicke rotbackige Viehhändler wischte mit seinem Schnupftuch sogar Tränen ab. Jetzt nahm zum ersten Male Jizchok das Wort. „Lieber Vater, gib uns zur Nutzanwendung ein Beispiel, wie das Moschelchen auch auf nichtreiche Leute Anwendung findet!" „Sehr gern! Der Gesunde ist dem Kranken, der Starke dem Schwachen, der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer gegenüber ein Reicher. Wer da seinen Vorzug ausnutzt und sich nicht in die Lage des anderen versetzt, vielmehr ihm Herzeleid bereitet, versündigt sich, mitunter sogar sehr schwer." „Das stimmt wirklich," ließ sich ein vom Alter gebückter Mann vernehmen. „Ich erinnere mich noch des lahmen, brustkranken Juda. Sein Bruder ernährte ihn. Seine Schwägerin aber, die sonst eine ganz ordentliche Person war, störte es manchmal bei ihrer vielen Arbeit für den Haushalt und für die Kinder, sich auch noch um den Schwager kümmern zu müssen. Es war von ihr nicht schlecht gemeint; aber einem Menschen wie dem Juda genügte eine unfreundliche Miene, ein unwilliges Wort, um ihn schwer zu kränken. An einem eiskalten Wintertage lief Juda nach einem Wortwechsel, an dem seine Schwägerin die Ursache war, trotz seiner lahmen Füße fort, und er wurde, als er nicht zurückkam, gesucht und erfroren aufgefunden. Die Frau hat sich ihr Lebtag Vorwürfe gemacht und ist nie wieder recht froh geworden." „Hier haben sich die Folgen des Tuns einmal gezeigt. Meistens aber ist dem nicht so, unb die Strafe muß für das Jenseits aufbewahrt bleiben," fügte der Lehrer noch hinzu. Jetzt rief eine Stimme: „Weiß denn keiner etwas zum Lachen? Wie auf den Regen die Sonne muß auf den Ernst die Heiterkeit folgen, sonst ist es nicht gut." Der Wunsch wurde schnell befriedigt, denn unter den Anwesenden war auch ein Anekdoten'- sammler, — und Sammler freuen sich stets, mit ihren Schätzen zu glänzen. Er begann also: „Oben an der Ostsee lebt ein Dichter, Fritz Reuter, ein großer Humorist. Er erzählt, wie an einem drückend heißen Sommertage zwei Juden unter dem Schatten eines Planwagens über die Chaussee fahren, auf der- Männer schwitzend Steine klopfen. Trotzdem diese Leute zu den Aermsten und Rechtlosesten gehörten, riefen sie den Juden Schimpfworte nach. Der eine Jude war über solche Gemeinheit sehr erregt, doch der andere suchte ihn zu besänftigen, indem er sagte: „Wozu regst du dich auf? Wenn der Moschiach kommen wird, werden sie auf hem Planwagen sitzen und wir Steine klopfen."/ Alles lachte herzlich. Der Erzähler aber, duz-ch seinen Erfolg aufgemuntert, bot noch weitere Anekdoten dar. Es war schon ein Uhr vorüber, als man sich trennte. Aus Haschano-Rabbo ruht noch ein Nachglanz des Jaumkippur. Der Lehrer hatte Schacharis vorgetragen, und nun übernahm Simon Blum das Amt eines Fürsprechers der Gemeinde vor dem Höchsten. Mit dem an die Vergänglichkeit alles Irdischen mahnenden weißen Kittel, seinem Gewände zum letzten Gange, angetan, stand Blum, den Blick auf die Heilige Lade gerichtet, und flehte: „O, hilf doch um Deinetwillen, der Du bist unser G'tt, unser Schöpfer, unser Erlöser, unser Annehmer!" Jetzt ordnete sich die Gemeinde zu einem siebenmaligen Umzuge. Voran schritt Blum im flehenden Gebete zu G'tt. Ihm folgte ein Mann mit der Thorarolle, dem sich die anderen mit Esrog und Palmzweig anschlossen. Immer wieder, siebenmal, ertönte aus Blums Munde der Refrain: „O hilf doch!" Siebenmal rundete sich der Kreis, sieben die Zahl der Vollendung, der Erfüllung. Nr.« 1431 Vollendung und Erfüllung durch die Thorü. Auch der Kreis bedeutet Vollendung und Erfüllung. Nirgends kennt er eine Lücke, nirgends ein Abweichen von der ihm bestimmten Bahn, und was er umfaßt, ist ein Ganzes. Wenn du, Jude, flehst: „O hilf doch!", tue es mit dem Gelöbnis, die Thora ohne Abweichen, ohne Lücke erfüllen zu wollen! Dann wird deine Seele nach dem Sinnbild des Kreises fein, wie sie von ihrem Schöpfer ausgegangen ist, zu ihm zurückkehren. Dann aber wird auch dein Flehen Erhörung finden . . . Die siebenmalige Umkreisung war beendet, und jeder stand nun wieder auf seiner vorherigen Stelle. Immer inbrünstiger klangen Blums Worte, als ob sich sein Innerstes seinem Schöpfer ganz erschließen sollte. Jeder Nerv war ihm gespannt. Schneller und schneller kreiste sein Blut. Heißer Schweiß trat chm aus den Poren. VLnb er schrie zu G'tt: „O hilf doch, der Du unser Vater bist! O hilf doch, verzeih doch; laß gelingen und hilf uns, G'tt unserer Macht! Erbarme Dich doch der Gemeinde Jeschuruns; verzeihe ihre Schuld; hllf uns, G'tt unseres Heils! Oeffne die Himmelstore; öffne uns deinen guten Schatz; laß das Gericht ungeschehen; hilf uns, G'tt unseres Heils!" Und dann aus ticher Erschütterung des Bangens plötzlich mit froher Gewißheit jubilierend: „Eine Stimme verkündet, verkündet und spricht: Horch, es naht dein Heil! Heller und heller wird es. Wo das Dunkel des Abends sich schon senkte, erstrahlt plötzlich in diamantenem Glanze der leuchtende Tag. Me Retter ersteigen den Zionsberg. Das Volk Israel wird von neuem geboren, auch fein Land an einem Tage geboren,und allen Erdenbewohnern kündets die G'ttesstimme. Die Väter und Mütter in Chewron und David, der König, erwachen. All dies verkündet die Stimme!" Kaum war das letzte Wort verklungen, als Simon Blum leblos hinsank. Seine reine Seele war zu ihrem Schöpfer zurückgekehrt. Meines Feuilleton. Lin Buch der jüdischen Wissenschaft. Das Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft XXI (I. Karrffmann, Frankfurt a. M. 1930) bleibt sich und den Prinzipien, auf die sich die Jüdisch-Literarische Gesellschaft seit ihrer Gründung aufbaut, treu: Strenge Wissenschaft auf dem Boden ebenso strenger jüdischer Glaubenstreue. Auch äußerlich in Gewand, Farbe und Ausmachung reiht sich dieser 374 Seiten starke Band harmonisch in den Kreis seiner Brüder ein. Da die meisten größeren Aufsätze im Separatdruck erscheinen, so findet sich noch Gelegenheit, in eine Spezialbesprechung der einzelnen Arbeiten einzugehen. (Eine Besprechung der Broschüre von Alsonso Cassuto über „Die portugiesischen Juden in Glückstadt" ist in einer der letzten Nummern erschienen). Die Wissensgebiete der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft und seiner Jahrbücher sind: Bibelexegese, Talmudforschung, jüdische Kultur- und Literaturgeschichte des Altertums und Geschichte der jüdischen Gemeinwesen im Mittelalter. Der biblischtalmudischen Forschung dient in diesem Buche eine beachtenswerte Arbeit von Dr. Berthold I e i t e l e s über „Die Bibel im babylonischen Talmud", ebenso eine umfangreiche Abhandlung über „Die Bedeutung der Qeri und Kethib" von Rabbiner Dr. Simon Bamberger in Stuttgart. Sind diese beiden Arbeiten mehr der zentralen Stellung des biblischen Wortes im Talmud gewidmet, so befaßt sich ein Aufsatz von Dr, Isidor Jeiteles mit einem rein talmudifchen Thema, mit der Frage des