Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1931)
- Date
- 1931-11-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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26. November 1931 Frankfurt a. M., den Nr. 48 16. Kislew 5692 Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Abonnement ab Juli 1939: Drarjchlanv 1.30 Mark aronaclich-, Ansland: 'Ltettelflavten SS Din.; Litauen 7,50 Sit.; Rumänien ab 1. 7. 37. ISO Lei; Polen 4 deutsche Toldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty: Schweiz S Fr.; Tschecho-Slowaket 3S Kronen; Ungarn Pengo S ab 1. Juli 1927; Dänemark 3.80 Kcon.; Norwegen 3.S0 Krön.; Schweden 3.80 Krön. Einzelnummer vierzig Goldvfenntge. Der Israelit erscheint teden Donnerstag. Inserate 80 Goldpf. für die stebengesp altene Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Steuengesuchen und Familienanzeigeu nur 40 Pf. Die 78 mm breite Reklamezetle: letzte Tertsette 3.— M!., vorletzte Textseite 280 Mk.; Ehiffregebühr in Höhe eines dopp. Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bet laufenden Jnferätaufträgen tartfm. Preiserhöhung jederz Vorbehalt. Jnferatenannahme durch den Verlag des Israelit T.m.v.tz., Frankfurt a. M , Rechneiarabenftratze 7, Tel. Hansa 21084 sow. durch sämtl. Annoncen-Erved. d. In» und Auslands. Alleinige Jnferatenann. für Franks. Gefchärtsanz.: Jul. Schmidt, Hölderlintzrahe W Tel. 48888. Platzvcrschr. ohne Berbindlichk. Zablnnge« direkt an de« Verlag auf Postscheckkonto Frankfurt ( Nun- Ae. — Atgerssm an: Poitiorckaifs Wien Nr.79605. — Postsoarkaifen rmt Budapest Nr. 18434.—Postscheckkonto Warschau Nr. 1907S7. - Postscheckamt Zürich Nr. VIU 7384. — Postscheckamt Amsterdam Nr. 34889 - Postscheckamt Prag Nr. 79.080 — Rumänische Kreditbank Bukarest und ihre sämtl. Filialen Der Gerichtsstand für alle aus Abonnements oder aus Inseraten stch ergebenden Zahlungsverpflichtungen ist Frankfurt a. M. Erneuern Sie sofort beim Postboten die Bestellung auf den „Israelit“ für den Monat Dezember Wird dies versäumt, so tritt eine Unterbrechung der Zusendung ein, ohne daß wir selbst Kenntnis davon erhalten, Für verspätete Bestellungen rechnet die Post einen Aufschlag von 20 Pfg, Verlag des Israelit G.m.b.H., Frankfurt a.M. Rach dem Skurm in Polen. Die Dinge in Polen überstürzten sich, die Berichte über die Ausschreitungen in Warschau, Wilna, Krakau, zuletzt auch in Lemberg und Posen, kamen ganz unerwartet und wirkten wie ein Sturm bei heiterer Sonne und klarem Himmel. Was ist geschehen? Aus den Berichten und Gerüchten (es gibt eine deutsche Presse, die Interesse daran hat, aus den polnischen Studentenkrawallen „einen Bürgerkrieg" zu machen, wie es eine polnische Presse gibt, die aus den Ausschreitungen am Berliner Kürfürstendamm einen „Pogrom" zu machen bestrebt ist) ergibt sich in aller Kürze folgendes Bild: In Warschau revoltierten zuerst die nationalen Medizinstudenten gegen die jüdischen Kommilitonen, angeblich, weil von den jüdischen Krankenhäusern nicht, oder nicht genügend jüdische Leichen für die Anatomie geliefert werden. In Wahrheit bilden aber die Studenten nur einen stoßkräftigen Vorspann für die Ratio n a l - demokratische Partei, die ihre Cinflußlosigkeit im Parlamente durch ein großangelegtes Hetzwerk mit Hitler'fchen Methoden im Volk und bei den Studierenden zu ersetzen sucht. Die Unruhen führten zur Schließung der Universität und zur exemplarischen Bestrafung der-Rädelsführer, etwa hundert an der Zahl, die eigentlich nur willenlose Instrumente in der Hund der)— dort wie überall — im sicheren Port bleibenden Parteibönzen sind. Im Warschauer Judenmertel erhielten die Herren Studenten noch überdies einen Denkzettel, der vielleicht ein wenig zur Bereicherung ihrer anatomischen Kenntnisse und zur besseren Durchleuchtung ihrer Gehirnsubstanz beitragen wird. Ihrer viele werden Gelegenheit haben, im Gefängnis über oie Geister, „die sie ins feindliche Leben hineinführten, um sie der Pein zu überlassen," stille nachzudenken, oder in der Kaserne und auf dem Manövergelände ihren Ueberschuß an Energie und' Tatkraft besser anzulegen, als in mutigen Attacken auf jüdische Kinderwagen im Sächsischen Garten. InWilna, wohin sich die Unruhen prompt übertrugen, verschärfte sich die Lage dadurch, daß im Laufe der Rampenschlacht ein antisemitischer Student erschlagen wurde, von 'v vm es steht nicht fest, ob von einem Juden, der in Gegen- und Notwehr auf den Angreifer losgeschlagen hat, oder, wie von jüdischer Seite mit Bestimmtheit behauptet wird, durch den Schlag eines Parteifreundes, der einem Juden gegolten und das richtige Ziel verfehlt hat. In Wilna stießen die Angreifer auch nicht, wie in Warschau, auf eine geschlossene Phalanx von jüdischen Fuhrleuten und Lastträgern. Das Zuschlägen liegt dem litauischen Juden auch in der Gegenwehr nicht, eher das ‘pnVn iirvi *pYm sn 'vp -]1?* Hunderte zertrümmerte Fensterscheiben in den jüdischen Gassen, unzählige Läden, die die Beisitzer auch noch drei Tage später nicht aufzumachen wagten, zeigten den Kriegszustand auf der jüdischen Gasse an. Aber hier griffen Regierungs¬ und Universitätsbehörden (wenn auch die Polizei gerade in Wilna spät auf dem Platze erschien), womöglich noch gründlicher durch. Jüdische Leichen, so sagte der Rektor einer bei ihm intervenierenden antisemitischen Studentenabordnung, sind mehr wie genug da. Die Untersuchung im Falle des ermordeten Studenten ist Sache der Gerichtsbehörden, die Frage des R u m e r u s c l a u s u s eine Angelegenheit von Parlament und Regierung. Die Herren Studenten mögen sich auf ihr Studium beschränken. Soweit der Sachverhalt. Die Vorkommnisse auf den Universitäten in Lemberg, Krakau, Posen gehen über das Maß der gelegentlichen Ausschreitungen auf den Universitäten in W i e n, B e r l i n , V u d apest und Prag nicht hinaus. In einigen größeren Provinzstädten. dauern die Unruhen noch an. Aber sie sind „studentisch" auch wo kein Student da ist. Alle Lamentationen in den Flugschriften gipfeln in der Forderung nach R u m e - r u s c l a u s u s — ein Wort, das das kleine Volk nach Abstammung und Anwendung gar nicht kennt, mit dem es die mystische Vorstellung vom Endziel aller europäischen Hochkultur verbindet. Mit „Kultur"-Antisemitismus muh schließlich diese ganze studentische Bewegung in Polen bezeichnet werden. So wie die ganze Nationaldemokratische Partei ja nur dazu da ist, eine nicht auf polnischem Boden naturgewachsene, sondern in Zeiten der Verwirrung eingefchleppte Giftpflanze zu hüten, und zu zeigen, daß Polen, als Kulturstaat mehr zu Mitteleuropa als zum Osten gehörend, wie Mitteleuropa des politischen Faktors des Judenhasses nicht ganz entbehrt. Als wir vor etwa drei Monaten Polen besuchten, gewannen wir von der Lage folgenden Eindruck. Die Regierung steht auf Seiten des Rechtes und der Juden, was das Gleiche ist, nicht allein weil das Gros der Judenheit, dank der Politik der Agudas Jisroel, zur Regierungspartei gehört, sondern auch deshalb, weil man in der Gleichberechtigung das Symbol des Kultur- und Rechtstaates im guten europäischen Sinne steht. Man verübelte es den jüdischnationalen Parteien, daß sie, mit oppositionellen Minderheiten verbunden, der Regierung Schwierigkeiten machten, und man ist ehrlich froh, mittels der jüdischen Orthodoxie einen Weg der Zusammenarbeit mit den Juden gefunden zu haben, auf dem sich über alle Rückständigkeiten aus der Zarenzeit hinweg zum letzten Ziele streben läßt. Im Volke, von den intellektuellen Schichten mit ihrem traditionellen Panenstolz bis zu den Niederungen des von primitiven slawischen Instinkten beherrschten Proletariats, ist die Abneigung gegen die Juden nach wie vor bemerkbar, aber ebenso die Tradition des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens lebendig, vielleicht in der Einsicht, daß in der Zeit des nationalen und wirtschaftlichen Aufbaus dieses Zusammengehen noch dringlicher ist, als in der Zeit der gemeinsamen russischen Knute. Elementare Ausbrüche gegen die Juden wären in dieser Atmosphäre naturgemäß nicht denkbar. Das S i ch e r h e i t s g efühl d e s I u d e n in Polen bei aller Not und Armut und wirtschaftlichen Depression fiel uns allen mif, schien uns viel stärker und berechtigter als in dem Teil des gebildeten Europa, woher wir zum großen Teile kamen und wohin wir wieder gingen. An diesem Gesamtbilde hat sich durch die jüngsten Unruhen in Polen nicht die Spur geändert. Das Verhalten der Regierung