Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1931)
- Date
- 1931-11-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Jciiilltion Btilaot ü\ Nr. 47 Jüdische Seelen. Don Saly Geis in Tel--Awiw. (Fortsetzung.) Simon Blum hatte sich warm gesprochen; er holte Atem und fuhr dünn ruhiger fort: „Von unseren Vorfahren wurde verlangt, daß' sie für ihr Judentum das Lehen opferten. Aber von' unserem heutigen kleinen Geschlecht wird nur gefordert, mehr Vertrauen zu Ej'ttäls zum Gelde zu haben. Lieber JiMok, icH)^ sreue. mich deiner geschäftlichen Tüchtigkeit. Vergiß aber' die Grenzen nicht! Unser Judentum verlangt in unseren egoistischen persönlichen Wünschen das Setzen von Grenzen, damit wir nicht in unserer g'ttlichen Seele Einbuße erleiden."/, , , ' Jizchok schwieg, ergriffen von der Gesinnungsgröße seines Vaters. Diesem aber war es wehe ums Herz, denn er begriff jetzt, worüber er sich bisher noch immer hatte täuschen wollen^ daß der Sohn kühler als er dachte, und er wußte gar zu gut, daß es im Leben des Menschen manch einen entscheidenden Moment gibt, in dem ein ganz wenig mehr Begeisterung oder ein ganz wenig mehr Nüchternheit den weiteren Lebenswegbestimmen. Auch sah sein klarer, scharfer Verstand für die Zukunft eine gegenseitige Entfremdung und Kämpfe voraus, denn so friedl-iebend, nachgiebig und gütig er sonst war, kannte er -doch bei der Erfüllung feiner Pflichten nur das Diktat des Judentums und in dieser Hinsicht keinerlei Konzessionen. Simon Blum suchte nach einer Ablenkung, um wieder Ruhe zu gewinnen. Er fragte daher, ob die Post Briefe gebracht habe. Jizchok reichte mehrere Briefe hinüber. Simon Blum las bedächtig Brief für Brief. Dann sagte er: „Du hast gestern das Kalbleder teuerer akzeptiert, als es heute von anderer Seite angeboten wird. Schade, daß wir diesen Brief nicht schon gestern erhielten." Diese Worte waren Wasser auf Jizchoks Mühlen; doch er bezwang sich, seinen Triumph zu beherrschen. Ganz harmlos warf er die Worte hin: „Es ist unsere Schuld, daß wir-den Brief nicht schon gestern hatten. Der Spaß kostet ungefähr fünfzig Mark. Die hättest du besser für Gemilus-Chessed ausgegeben." „Wieso unsere Schuld? Ich verstehe nicht, wie das gemeint fein soll." - „Wir brauchten nur am anderen Ende der Sekundärbahn zu wohnen, die dort in die Hauptbahnlinie mündet, dann hätten wir den 23rief gestern gehabt." Der Vater lächelte: „Aha, so ist es gemeint! — Du bist glücklich, wieder bei deinem Steckenpferd angelangt!" „Vater, es sind doch Vernunftgründe! Siehe, am Jsru Chag muß ich hier schon um sechs Uhr abfahren, um den Zwölfuhr-Schnellzug zu erreichen. Würden wir dort, nur eine Stunde Bahnfahrt von hier,' wohnen, dann stände mir der ganze» Vormittag zur Verfügung." „Geschäftlich sprechen 'tatsächlich wichtige Gründe für die Uebersiedlung." „Vater, du bist also mit mir einig!" rief Jizchok freudig. „Man muß den anderen ausreden lassen, denn vielleicht kommt noch ein Aber. — Ich habe nichts dagegen, wenn du, sobald du heiratest, dich dorten niederläßt und von dort aus dein Geschäft zu einem großen Unternehmen entwickelst, — aber ich will hier bleiben und mit meinen Dorsschustern wie früher zufrieden sein." „Warum sollen wir uns trennen? Deine Kraft als Geschäftsmann ist zu schade für die Enge dieses Nestes. Aber auch für deine jüdischen Ideale ist hier das Feld zu klein." „Jizchok, ich bin der Vorsteher dieser kleinen jüdischen Gemeinde. Mein Fortziehen, würde noch für mehrere Familien ein Anstoß sein, bald meinem Beispiel zu folgen. Das aber bedeutet das Ende der Gemeinde. Unser Lehrer kann bei seinem Alter von bald sechzig.Jahren wahrlich keine neue Stelle mehr bekommen. Doch das allein ist es nicht. Hier, wo ich mein.ganzes Lehe^; verbracht habe, wo ich jeden ■ Menschen und Heben Stein kenne und liebe,, will ich.auch sterben, oder es müßte an unser-.jüdisches Volk schon der Nus ergehen, nach Erez Israel zurückzukehren!";; ,ji: 1 „Dieses Oder, lieber Vater,, braucht sicherlich länge Zeit!^ „So, so . . . Wenn du dies denkst, ist deine Tefilloh nur äußerer Lippendienst! Unsere Augen mögen die Rückkehr G'ttes nach Zijaun schauen, erflehen wir. dreimal des Tages.- Daß G'tt Jeruscholajim, - die heilige Stadt, bald in unseren Tagen erbaue, bitten wir nach jeder Mahlzeit. Das Gute Jeruscholajims alle Tage des Lebens zu schauen, erbitten wir noch, bevor wir müde einschlafen. Mit dem Wunsche zu G'tt, es möge bald in den Städten von Jehudo und in den Straßen von Jeruscholajim wieder die Stimme der Freude gehört werden, reicht der jüdische Jüngling der jüdischen Jungfrau die Hand. Doch, du weißt das ja alles so gut wie ich!" „Vater,. Vater!" ertönte jetzt Hannahs Stimme, „das Frühstück wartet auf dich!" VI. Am Abend des gleichen Tages begann Hauschano-Rabbo. Nach alter Sitte versammelten sich nach dem Abendessen die Herren im Hause eines Gemeindemitgliedes, um Tehillim, das fünfte Buch Moscheh und noch einiges andere zu sagen. Um etwa elf Uhr findet eine längere Pause statt, in der die Hausfrau die Teilnehmer bewirtet. Diesmal wurde das Lernen bei Blums veranstaltet. Im Wohnzimmer hatte man zwei Tische zusammengerückt und mit blendend weißem Damast bedeckt. Zwei Petroleumlampen und die Schabbosleuchter verbreiteten festliche Helle,. In zwei Vasen schmückten die bunten Blumen des Herbstes die Tafel.- Eben war es; neun Uhr, als ein Gepolter auf der Treppe das Eintreffen, der Gäste anzeigte. Die Blums, Vater und Sohn, eilten zur Tür, um die Ankömmlinge zu begrüßen. Die meisten der Gäste zeigten gebräunte, verwitterte Gesichter. Sturm, Regen und Sonne hatten die weiße, glatte Haut gefärbt und durchfurcht. Auch fielen die kräftigen, ausgearbeiteten Hände an ihnen auf. Die Mehrzahl dieser Juden verdiente ihre Existenz weder am Schreibpult, noch hinter dem Ladentisch, Von ihnen verlangte der Kampf ums Dasein, tagtäglich eine Kuh oder; einen Ochsen vor sich herzutreiüen oder mit einem Packen Ware auf dem Rücken stundenlang über Land zu wandern. Und wie dürftig ernährten sie sich unterwegs! Ein Stück Brot und ein Stück Wurst oder Käse in der Tasche, mehr konnte man nicht mitnehmen. Beim Bauern ließ man sich rohe Eier geben oder Milch einmelken. Manch einer hatte auch in einem Versteck einen Topf, in dem er sich über Holz Kartoffeln kochte. Nun saß die Kehilloh nach einigen Umständen, nach Stuhlrücken und ungeschicktem Niedersetzen um den Tisch. Gesellschaftliche Geschliffenheit war außer Blums niemandem bekannt.' Da schrie auch schon ein dicker, rotwangiger Viehhändler: „Sind wir alle da?" Die Blicke flogen umher, und als Antwort kam: „Nein, Dowid, der Kaddischfresser, fehlt noch." „Na, der wird seinem Sarchen die'Simchas- Tauroh-Gans rupfen. Doch bis zum ersten Kaddisch ist er gewiß hier, denn Kaddisch, Kaffee und Kuchen läßt er sich nicht entgehen." „Und dazu bei Blums!" „Ja, Blum, man sieht, daß du bei uns der Melech bist. Hier im Zimmer glänzt und blinkt es wie bei keinem von uns. Ich freue mich schon auf den Zwetschen- und Käsekuchen nachher. Sicher haben deine Weiber nicht an den besten Zutaten gespart." „Sieh einer den Feinschmecker, — und dabei ist er so dürr, daß man ihn bald durch ein Nadelöhr ziehen kann!" „Na, ihr alten Leute seid noch wie Kindsköpfe! Redet doch von Tachlis! — Was hört man z. B. über den neuen Pfarrer? Ob er Rijchus hat oder nicht, das ist mir wahrlich wichtiger als euer ganzes Gerede!" „Was sind wir Juden doch für ein armseliges Volk! Haben Pfarrer und Amtsrichter keinen Rischus, dann wohl uns; haben sie aber Rifchus, dann wehe uns. Nach dein Ponim der gojfchen Honorationen müssen wir sehen, — und einst in Palästina hatten wir einen starken, aufrechten Nacken!" „Hurra, der Dowid! Herr Lehrer, wir können beginnen. Der Kaffee duftet schon aus der Küche." Der Lehrer, ein ergrautes, mageres Männchen, setzte bie Brille auf und griff zum Tikkun Lei! Hauschanoh-Rabbo. Vers für Vers wurden in den nächsten zwei Stunden die Texte gesagt, freilich mit den merkwürdigsten Vergaloppierungen' und Verschlechterungen bei denen, die eher mit einer Kuh oder mit einem Ballen Stoff als mit einem Buche umzugehen wußten. Der Lehrer und die Blums, Vater und Sohn, suchten die Eile zu bremsen: aber sie kannten ihre Pappenheimer und wußten, daß sie sich gegen die Mehrheit nicht durchsetzen konnten. Endlich war es so weit, daß Hannah das große Brett mit den Tassen hereinbringen konnte. Teller mit Haufen von Kuchen, Schalen mit Zucker, Kännchen mit Milch und eine große Kanne mit Kaffee folgten, — und' bald herrschte für einige Zeit -andächtige Stille in der Runde. „Die Kawonoh könnten wir in Schul' gebrauchen," unterbrach dre Hausherr scherzhaft die Stille. „Der erste Sturm ist vorüber, die leeren Magen füllen sich, — darum, Blum, kannst du schon ein gut' Wörtchen reden, wenn du eines im Vorrat hast," erwiderte ihm einer aus der Gesellschaft." „Nein, erst kommt unser Herr Lehrer. Ehre, wem Ehre gebühret!" Der Lehrer zog seine Halsbinde fest, setzte seine Brille ab, putzte langsam ihre Gläser und begann dann nach dieser Kunstpause des Ueberlegens: „Unser Suckaus-Feststrauß weiß viel von den Erlebnissen unseres Volkes auf seinem Gang durch die Jahrtausende zu erzählen. Denn fast dreieinhalb Jahrtausende sind es her, seitdem Haschem jisborach in der Wüste mit der Tauroh auch das Suckaus-Fest mit seiner Hütte und seinem Feststrauß gegeben hat. Die goldgelbe wohlriechende und schmackhafte Esrogfrucht vereint mit einem Zweig der Palme, drei Zweiglem der Myrthe und zwei Zweig lein der Bachweide bilden den Feststrauß. In den ungefähr fünfzehnhundert Jahren, da unsere Väter in ihrem eigenen Lande wohnten, konnten sie das Taurohwort „Ihr sollt euch nehmen" ganz, genau erfüllen. Sie brauchten nur aus ihren Häusern herauszugehen und von dem Esrogbaum, der Palme, der Myrthe und der Bachweide das Nötige abzuschneiden." (Fortsetzung folgt.)