Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1931)
- Date
- 1931-11-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 46 Der Israelit 12. November 1931 Der Vater zuckte die Achseln: „Der Begriff der Dringlichkeit steht hier zur Untersuchung. Wer nicht zu essen hat, wenn er nicht arbeitet, der soll am Chaulhamoeö arbeiten. Auch wenn größerer Geldschaden entstehen würde, darf man arbeiten." „Der letztere Fall gibt mir das Recht, zu arbeiten. Wird auch unser Leder nicht schlechter, so kann doch Geldverlust eintreten, wenn ich jetzt auf längere Zeit verreise, ohne vorher Bücher und Lager durchgesehen zu haben. Wegen der Messe läßt sich die Reise auch nicht aufschieben, sonst wäre ich einige Tage länger zu Hause geblieben. — Als du eintratst, hatte ich gerade deine Zahlung des nächste Woche fälligen Wechsels nötig. Jetzt hast du deine Sorge wegen der Deckung des Akzepts, und du weißt, daß dies deiner Gesundheit schadet. Wofür hat Katz das Geld erhalten? Wenn er schon Geld bekam, dann hätte er sich mit Ratenzahlungen abfinden sollen!" „Katz war vor Jaumkippur hier, um die Gräber seiner Eltern und seiner Großeltern, die sämtlich hier liegen, zu besuchen. Natürlich lud ich ihn ein, bei uns abzusteigen. Ich sah ihm an, daß es ihm nicht gut geht und fragte ihn nach seinen Verhältnissen. Er hat längst eine kleine Wohnung undspart, wo es irgend geht. Trotzdem kann er sich infolge seines Konkurses vor zwei Jahren nicht erholen. Jetzt bietet sich ihm die Gelegenheit, mit fünfhundert Mark Anzahlung ein altes Geschäft zu kaufen und so wieder zu einer Existenz zu kommen.' Ich sah, daß es hier darum ging, eine achtbare Familie vor Verelendung zu retten und bot Katz daher das Geld an. Den nächste Woche auf mich fälligen Wechsel hatte ich nicht vergessen, — aber auch das wird sich erledigen." „Lieber Vater, fünfhundert Mark bares Geld bedeuten für unser Geschäft immer noch eine Summe. Wir haben genug ^mit dem Kredit an unsere Kundschaft. Wahrscheinlich siehst du das Katz. gegebene Geld nicht wieder und kannst es gleich als Maaßer aufschreiben, — doch das Maaßerkonto ist bereits überschritten." „Du erzählst mir nichts Neues. Ich habe Katz das Geld unter stillem Verzicht gegeben und aus diesem Grunde nichts Schriftliches von ihm verlangt. Gibt er es mir eines Tages zurück, weil er es als eine Schuld betrachtet, ist es gut; gibt er es aber nicht zurück, dann ist es auch gut, denn ich betrachte mich nicht als seinen Gläubiger." „Verzeih, wenn ich meine Anschauung weiter ausspreche. Nach dem Sprichwort „Das Hemd ist mir näher als der Rock" kommt erst die Familie und dann der Nächste. Hannah ist schon im heiratsfähigen Alter, und wir müssen daher jetzt an eine Mitgift für sie denken, damit nicht etwa bei einer geeigneten Partie es am Gelde fehlt. Darum erscheint es mir notwendig, an andere nicht mehr zu geben, als es das Maaßer erfordert." „Ist die Hand G'ttes zu kurz? Er kann Hannah zu einer glücklichen Ehefrau machen ebenso wie unserem Geschäfte weiter Gelingen geben, wenn auch oder vielmehr weil das Geld an Katz gegangen ist. Fallende zu stützen, Menschen, die bessere Tage gesehen haben, wieder aufzuhelfen, — das ist eine solch große Sache, daß, wenn zu ihrer Ausführung nur irgendwie die Möglichkeit vorhanden ist, man sie sich nicht entgehen lassen darf. Man kann G'tt gegenüber nicht bestehen, wenn man heilige Menschenpflicht aus Pedanterie und Kleinlichkeit nicht erfüllt!" (Fortsetzung folgt.) Maharschooh. (Zum Z00jährigen Todestag eines großen Talmudlehrers.) „Maharschooh" ist ein Wort, das mit Talmud und Jeschiwa so eng verbunden ist, daß der Lernende über dem Werk den Menschen vollkommen vergißt. Nicht einmal der volle Name dieses großen Talmudkommentators ist jedermann bekannt, geschweige denn Zeit, Ort und Umstände seines Lebens und Wirkens. Versteht man die Tossafoth nicht, so schlägt man Maharschooh nach. In seiner Kürze und Präzision oft nicht gleich Lösung des Problemes, sondern ein neues Wort- und Godankenrätfel. es ist schwer ( nvp) oder j leicht ( bp ) zu verstehen, bestenfalls 22"'!? aw ij?nm' läßt sich die Sache „zur Not so klären". Das ist „Maharschooh". Der Mann, der hinter diesem Geisteswerke steht, heißt S a m u e l E l i e f e r, S o h n d e s Rabbi I e h u d a E d e l s. Mit letzterer Bezeichnung ist seiner Schw i e g e r m u t t e r Edel, die Jahrzehnte hindurch seine Jeschiwa in Posen unterhielt, ein Denkmal für alle Zeiten gesetzt. Ern leuchtender Edelstein im Kleinode unserer T almud schätz kamm er, das „Maharschooh" heißt. Rabbi Samuel wurde in Posen im Jahre 1555 geboren. Sein Vater war Nachkomme berühmter Rabbiner und die mütterliche Linie geht auf den Hohen R a b b i L ö w in Prag zurück. In jungen Jahren wirkt er als Rabbiner in der Stadt C h e l e m. Bald ein Sechziger, wird er als Oberrabbiner und Jeschiwaleiter nach Lublin berufen, später nach T ü ck t i n. Zuletzt leitet er die große Jeschiwa in O st r o in Wolhynien, wo er am 5. Kislew 5392 (1631), 76 Jahre alt, die Augen schließt. Sonntag fährt sich somit zum dreihundertsten Male der Tag, an dem dieser Fürst im Reiche des jüdischen Geistes der jüdischen Welt genommen wurde. Genommen und zugleich gegeben. Denn erst nach seinem Tode erreichen die in der geistigen Werkstätte seiner Lehrhäuser geschmiedeten nun 'Viin in kompletten Werken die jüdische Welt. Geistesblitze, aber solche von anhaltendem mildem Lichte, nvxn “pi by bisbs, sind seine halachischen Abhandlungen in ihrer lakonischen Kürze und schneidenden Schärfe. In seinen r\nm schlägt er einen Weg zur Klärung rätselhast anmutender agadischer Stellen ein, dem der Gläubige wie auch der von jüdischen Boraussetzungen und undiskutierbar-en Wahrheiten ausgehende Wissenschaftler folgen kann. Rabbi Samuel Edels lehnte moderne Bildung und Aufklärung an sich nicht ab, hält es aber mit Maimonides, daß alle Wissenschaften der Welt sich dienen der Wissenschaft der Thora einreihen müssen, niidkin lamm1-? i“i»2pn jn nnawn ‘isoan nasm ('’ nrnin) Ein Kenner der Kabalah, wehrt er sich (wie später. der Wilnaer Gaon) gegen diejenigen, die unbefugt in diese „inneren Gemächer" einzudvingen und auch andere einzuführen wagen. Forschen ist erlaubt und auch geboten, wenn es vom festen Boden der lebendigen Tat ausgeht. Rabbi Samuel Edels hat im Rahmen der damals in der Blüte stehenden B i e r l ä n d e r s y n o d e Gelegenheit, eine umfangreiche soziale Wirksamkeit zu entfalten. Eine geharnischte Mahnung an seine Brüder überall, sich strikter Ehrlichkeit im Handel und Wandel auch, und erst recht Nichtjuden gegenüber zu befleißigen, sind an verschiedenen Stellen seines Kommentares wiedergegeben (siehe X"n zu „Sabbat" 159, „Ketuboth" 67 und „Sota" 40). Eine Reihe tiefgehender Verordnungen tragen u. a. auch seinen Namen. Sein Wohltätigkeitssinn trieb ihn zu grenzenlosen Taten der Liebe. Ueber seiner Türe prangten die Worte aus dem Buche „Hiob" 31—32: xb pinn rmsN nyirrh pb' „Es übernachte nicht der Fremdling auf der Straße, meine Türen bleiben dem Gaste geöffnet." Maharschooh ist nicht, wie man von den Großen der Weltliteratur sagt, in die Geschichte eingegangen, er ist in den Lehrbetrieb unserer Thoraschulen eingegangen. Er wird unvergessen bleiben wie die Tossafot, der Talmud und die Thora selbst. Bei de« 900 Zuden in Gibralkar. Aus Reisenotizen von IN. Danzis. Vor Tagesanbruch kamen wir in Gibraltar an.. Die Flächen und Bergspitzen von Afrika waren noch in,Nebel gehüllt. Als die Sonne aufging und der Landschaft die Schleierhaube vom Gesichte riß, stand der riesige Berg wie ein Löwe da, der seinem Opfer auflauerte, die feurigen Augen auf zwei Kontinente gerichtet. Oben auf der höchsten Spitze glimmen und funkeln die Lichter der Festung. Ich suche die Juden aus Gibraltar, von denen ich sehr wenig weiß. Ob überhaupt welche vorhanden sind und wieviele? Ich stehe vor dem Eingang einer Kirche, aus der leise Choräle dringen. Ich frage einen Policeman, der hinter der Kirche in der Sonne steht. „Juden, Hebräer," suche ich mich zu verständigen. Er versteht kein Wort. Er ist Spanier und versteht nur einige Brocken englisch. Da alle Umschreibungen zwecklos sind, sage ich nur das eine Wort „Synagoge!" Das verstand er und bezeichnete mir den Weg zur Synagoge. Bald stehe ich vor einem bescheidenen Bau, über dessen Eingang die hebräischen Worte prangen: „Talmud Thora im Derech Erez". Es ist ein kleines stilles Gähchen jenseits vom Getriebe der Stadt. Man sieht keine lebende Seele. Ein Garten trennt das Gäßchen vom Stadtzentrum. Zypressen stehen davor und wiegen ihre Kronen im Winde. Ich stehe da und warte, daßjemand komme. Da huscht ein kleiner Junge herbei, der sich zur Türe des Hauses begibt. Ich stelle ihn und frage ihn auf englisch: „Du bist doch ein jüdisch Kind?" „Jawohl," gibt er zurück, und schaut mich interessiert an. Ein schönes Kind von zehn bis zwölf Jahren. Hier geboren, wie er auf meine Frage bestätigt. Seine Ellern stammen aber aus Lissabon. So ganz genau konnte er es nicht sagen. Englisch hatte er in der englischen Schule gelernt. Außerdem besuchte er die Talmud Thora. Wir gingen hinauf. Es ist Sabbat. Ein Mann streckt mir die Hand mit einem Schalom Alechem entgegen. Im kleinen Betraume sind nur einige Bänke, für etwa 20 Menschen berechnet. Almemor in der Mitte und Heilige Lade mit schönem Vorhang bedeckt. Auf dem Almemor liest ein kleiner Junge aus dem Thoraabschnitt. Die anderen Jungen und Männer auf den Bänken, knapp Minjan, beten leise mit. Ein älterer Jude, das Gesicht umrahmt von einem grauen Barte, ist geneigt, mit mir in ein Gespräch einzugehen. Das scheitert zunächst an der Sprachenfrags. Hebräisch versteht er nicht, sein Englisch ist sehr mangelhaft. Jüngere Leute gesellen sich zu uns, sie haben gebräunte Gesichter und funkelnde Augen, echte Südländer. Als sie hören, daß ich mich auf der Reise nach Palästina befinde, wächst ihr Respekt vor mir ins Unermeßliche. Sie berichten, daß die Kehilla in Gibraltar 900 Seelen zählt. Die Gemeinde hat ein Alter von über 200 Jahren. Die Mitglieder kamen aus Portugal, Marokko und Bagdad. Afchkenasim wohnen keine auf Gibraltar. „Afchkenasim haben kein Interesse für uns," beklagte sich der Alte. „Hunderte von Schiffen passieren jährlich Gibraltar, unter den Reisenden sind unzählige Aschkenasim aus Amerika und anderen Ländern; keinem fällt es ein, uns zu besuchen. Die jüdischen Touristen besuchen die Spanier und die Araber und lassen bei ihnen viel viel Geld, unsere Schule, unsere Talmud Thora interessieren sie nicht!" Sie haben sogar eine Jeschiwa. Sie heißt „Jeschiwa Or Thora". Ich besuchte diese Lehranstalt. Es sind hier viele Drucke von seltenem Werte. Der Sohar und andere kabbalistische. Schriften nehmen großen Platz ein. Aber auch Talmudbände Wilnaer und Slawitaer Druck sind dabei. Die Lernenden sind die Chachamim, die zugleich auch die Schechita besorgen. Auch einige Mitglieder lernen fleißig. Einen Rabbiner hat Gibraltar zur zeit nicht. Der letzte, ein Kenner der Kabbala aus Marokko, starb vor zwei Jahren. An seiner Stelle wirkt ein Dajan. Die Juden ernähren sich als Krämer und kleine Handelsleute. Mehrere arbeiten im Hafen als Lastträger, auch als kleine Regierungsbeamte. Alle können reichlich ihre Existenz fristen. Eine andere Schul trägt den Namen „Nefuzoth Jehuda". Sie ist geräumig und hat eine ganz moderne Aufmachung. Dort treffe ich Rabbi Berachia, einen Chacham, der das Schächteramt ausübt. Er stammt aus Marokko und spricht ein gutes Englisch. Er erzählt mir auch von den wenigen reichen Juden, die auf der Insel wohnen, und von dem alten Friedhof, der sich auf der anderen Seite befindet. „Wie steht es mit der Religion bei euch?" frage ich. Rabbi Berachia ist nicht zufrieden. Einige sind sehr fromm, aber viele Juden halten am Sabbat ihre Geschäfte offen. Die junge Generation geht andere Wege. Ein schweres Problem bilden die Töchter. Es sind zu wenig junge Männer auf der Insel, und die wenigen ziehen in die offene Well hinaus. Auf der Straße stellt sich mir ein schwarzer Mann als M a r r a n e vor. Er sieht zwar nicht anders aus, als die arabischen Händler, die zudringlich die Passanten in ihre Kramläden zerren, aber in seinen Augen liegt doch etwas Treues, Zutunliches. Um feine Angaben zu bestätigen, flüstert er mir „Schma Jisroel" in die Ohren und zeigt mir feine Schaufäden. Wir gehen zusammen und irren durch das Labyrinth von schmalen, krummen Gassen, an unzähligen Kasernen und Festungen vorbei, bis zum Stadtgarten, der in wundervoller Blüte steht. Ein kleines Fuhrwerk mit einem Baldachin führt uns auf die spanische Seite von Gibraltar hinüber. Der Fuhrmann erzählt unterwegs Schauergeschichten wie aus „1001-Nacht". An der Grenze zwischen dem englischen und spanischen Gibraltar wachen zwei englische Soldaten, mit Gewehr am Fuß. Wenn man drüben ist, ist man in eine ganz andere Well geraten. Man ist mit wenigen Schritten von England nach Spanien gelangt. In einem kleinen Restaurant trinke ich ein Glas Bier. Der Gastwirt mißtraut dem ihm hingereichten Dollar, prüft ihn von allen Seiten, schickt darauf einen Jungen über die Straße, ihn zu wechseln, da. er nicht herausgeben kann. Der Junge ist nicht wiedergekommen und ich ging, da ich weiter zum Schiff mußte, ohne Restgeld davon.