Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1931)
- Date
- 1931-11-05
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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-Ff—TT Jüdische Seelen. AiV Bon Saly Geis in Tel-Awiw.! (Fortsetzung.) „Ich dürste nach Arbeit! Das Militär war trotz mancher' Anstrengungen eine tzbdcknkenlose Faulenzerei. «'-Werschwächlich und ungewandt ist, muß' sich wohl abrackern, aber die anderen . „Wenn du, mein SohN, sonst keine Wünsche hast, dann kann dir geholfen werden! Denn an Arbeit wird es Nicht fehlen. Juli und August waren in diesem Jahre ausnahmsweise heiß, und da ich die Hitze nicht gut vertrage, so fühlte ich mich häufig nicht frisch. Im Vertrauen auf dein Kommen ist darum das Hauptbuch seit zwei Monaten rückständig! Hast du alles nachgetragen, dann wirst du das Lager aufnehmen.' Dhe Beendigung dieser beiden Arbeiten aber ist die Voraussetzung, um dir einen Ueberblick über das Geschäft zu geben." „ „Ich denke, daß ich dir, lieber Vater, manche Neuerung als Tribut an den Fortschritt Vorschlägen werde. Ich spüre die Kraft in mir, das Geschäft sehr zu vergrößern." „Erst vergiß die Gewohnheiten deiner Militärzeit und gewöhne dich wieder in das bürgerliche Leben ein! Die Arbeiten, die ich dir übergeben habe, kannst du bis Rauschhaschonoh beendigen. Bis dahin warte! Nach Jaumtauw soll dann die erste geschäftliche Erledigung eine Besprechung zwischen uns beiden betreffen." Der junge Stürmer sollte also seinem Eifer Zügel anlegen. Am liebsten hätte er gleich feine Pläne entwickelt; doch er erkannte, daß die väterlichen Ausführungen unbedingt richtig waren. Aus solcher Besinnung wurde es ihm leicht, sich der gewohnten Autorität zu fügen. IV. Am Ausgang des Rauschhaschonoh nach dem Abendessen teilte Frau Riwkah den Herren mit, daß sie noch einen Krankenbesuch mache und Hannah mitnehme, denn ein neunzehnjähriges Mädchen sei alt genug, um sich an solchen Mizwaus der Mutter zu beteiligen. Salomon Blum war gerade mit dem Anzünden der Pfeife beschäftigt; er nickte daher nur. Jizchok hatte den gleichen Genuß beim Militär zu würdigen gelernt, er hätte es sich aber in Gegenwart des Vaters nie erlaubt, zu rauchen. Endlich zog die Pfeife. Blum lehnte sich gemütlich zurück und sah zu dem Jüngling hinüber. „Na, mein Sohn," sagte er, „da wir allein sind, können wir jetzt darüber sprechen, ob wir mit dem neuen Jahre auch im Geschäft Neues einführen sollen." „Als ich, lieber Vater, das Hauptbuch in Ordnung brachte, erhielt ich den Eindruck, daß deine Geschäftsführung zu konziliant ist. Bei manchen Kunden wartest du mit der Zahlung ein halbes Jahr und länger. Davon hast du doch keinen Dank, verlierst aber Zinsen." „Mein kluger Junge, wenn einer Dank erwartet, verliert er die Güte gegen seine Mitmenschen. Aber von der Güte geht ein Strahl der Schechinah aus, und wer — fei er Jude oder Nichtjude — diesen Strahl auffängt, der muß auf die Größe unserer heiligen Tauroh aufmerksam werden. Ich habe es als Geschäftsmann zu etwas gebracht, aber, daß die Tauroh in den Augen der Menschen an Glanz zunehme, ist mir wichtiger als der Glanz meines Geschäftes." „Verzeih'; — muß man nicht mit solchen Prinzipien Geld verlieren? Für Gemilus-Chessed haben wir doch wohl 'das Maaßer? Verliert man Geld, dann kann man weniger Maaßer geben, — und man schädigt so Arme." Der Vater schüttelte den Kopf: „Mit dieser Logik kann ich nichts anfangen, wenn m. mir Gefühle sprechen, die einstmals in unseren Vätern am Sinai entzündet worden sind. Ich kenne z. B. einen Kunden als ordentlichen. Menschen und weiß, daß er durch Krankheit oder durch einen Geldverlust zurückgekommen ist und die Schonung, langsamer zahlen zu dürfen, brqucht. Darf ich ihn dann drängen?" „Und wenn er nachher gar nicht zahlen kann?" „Dann habe ich eben einmal Geld verloren; genau so, wie ein anderer, trotz rigoroser Grundsätze es auch einmal verlieren kann." Der Sohn lenkte jetzt ein, indem er sagte: „Du wirst mir aber darin zustimmen, in dem neuen Kundenkreis, den ich jetzt erwerben will, feste geschäftliche Normen Gl betätigen." „Das ist deine Sache. Hier kann ich nichts hineinreden, da ich diese Leute nicht kenne., Ich kann dich Nur ermahnen, auch im Geschäft nie das Denken zu vergessen, daß unsere heilige Tauroh erziehen will. Die Tauroh soll nicht nur innerhalb der Familie, sondern auch im Erwerb gelebt werden. Wer dies nicht beachtet, braucht sich nicht zu wundern, wenn aus solchem Zwiespalt nichts Gutes ersteht. — Doch, was hast du noch zu sagen?" „Bei Durchsicht des Briefwechsels ist mir aufgefallen, keine Klagen zu finden. Ein Geschäft ohne Klagen? — nein, das verstehe ich nicht. Bei meinem Lehrherrn kamen im Jahre mindestens zehn Klagen vor." Ueber Salomon Blums gutes Gesicht huschte ein Lächeln. „Dieses Wunder ist meiner altmodischen Gewohnheit zu verdanken, zu meinen Kunden freundschaftlich zu stehen. Gibt es einmal Schwierigkeiten, dann ziehe ich den mageren Vergleich, bei dem wir Freunde bleiben, dem fetten Prozeß vor, der meist für Lebenszeit entzweit. Uebrigens gehe ich nicht gern vor Gericht und zwar aus jüdischem Stolz." „Erkläre mir doch bitte, wieso ich als Jude auf einen mir zustehenden Rechtsanspruch verzichten soll." „Höre einige Beispiele aus meiner Erfahrung, nachher wirst du mich schon verstehen! — Voriges Jahr war ich Schöffe. Unser Amtsrichter ist ein gerechter, anständiger Mann, — aber in einem Prozesse spürte ich an ihm eine Voreingenommenheit gegen, den jüdischen Kläger. Es kam zu einem Vergleich, und ich hätte deshalb meinen Eindruck auf sich beruhen lassen können. Das kleine Erlebnis ließ mich aber nicht los, und als ich einige Tage später dem Amtsrichter auf der Chaussee begegnete, trat ich auf ihn zu und bat ihn, ihn einige Minuten begleiten zu dürfen, da mein Vertrauen zu ihm mir den Mut gebe, mich ihm gegenüber offen aüszusprechen. Ich tat dies. Als ich geendet hatte, sagte er: „Ja, wenn alle Juden so wären wie Sie, Herr Blum!" Worauf ich prompt erwiderte: „Und wenn alle Christen so wären wie Sie, Herr Amtsrichter!" Er sah mich einen Augenblick erstaunt an und reichte mir dann die Hand mit den Worten: „Entschuldigen Sie! Man soll wirklich nur den Menschen unabhängig von Religion, Stand oder dergleichen sehen! — Doch mein' Mißtrauen jüngst gegen den jüdischen Kläger hatte seine Ursache in einem früheren Prozesse, in dem er sich mit dem eigenen Bruder wegen der väterlichen Erbschaft klagte und des schnöden Geldes halber die Ehre seiner Familie bloßlegte." Simon Blum hielt inne. Seine Pfeife war bei der langen Rede ausgegangen, er stopfte sie langsam wieder, denn er mußte erst in seinem -»-!---=■=-7— Kopfe manches Verblaßte wachrufen. Sein scharfer Verstand ordnete aber schnell, so suhrer bald fort: „Der Amtsrichter lud mich zu einem Glase Bier in den „Schwarzen Adler" ein, bei dem wir jetzt angelangt waren. Er wollte mir an seinen Erfahrungen zeigen, wie leicht ein nicht abgeklärt denkender Richter zu einem Judengegner werden könne. Die Fälle waren mir bekannt; sie betrafen meist Viehhändler, die ihre Forderungen nicht -erhalten konnten und darum den Verkauf der Grundstücke der betreffenden Bauern durch das Gericht erreichen wollten." Hier unterbrach ihn der Sohn mit' dem Ausruf: „Was sollten sie denn anderes tun? Gerade der Viehhändler hat es sehr schwer. Noch bei Nacht muß er häufig aufstehen und bei jedem Wetter stundenlang durch Felder und Wälder gehen. Warum soll er den Lohn für die schwere Arbeit von Wochen, manchmal gar von Monaten verlieren?" „Das erwiderte ich auch und fügte noch hinzu, daß jeder für eine Leistung — sei sie nun Arbeit oder Ware — den Gegenwert verlange. Nun aber höre die Antwort des Amtsrichters! Er verlange von dem Juden als Nachkommen des Volkes Israel, dem sich G'tt, der Herr, offenbarte, eine höhere Moral. Der Jude dürfe nicht verkaufen, um zu verkaufen; sondern wenn er sehe, daß der Bauer im Kaufen über seine finanzielle Kraft gehe, dann müsse er bremsen." Der Erzähler schwieg einen Augenblick. Dann sagte er: „Die Worte des Amtsrichters zeigen, daß der Christ in dem Juden einen besseren Menschen, als der Durchschnitt es ist, sehen möchte. Glaubt er aber, mit den Juden, die gerade er kennen gelernt hat, schlechte Erfahrungen gemacht zu haben, dann ist er auf alle Juden schlecht zu sprechen. — Du wirst es jetzt verstehen, warum ich aus jüdischem Stolz nicht gern zu Gericht gehe. Ein menschlicher Gerichtshof ist in seiner Beurteilung von Zufälligkeiten und oberflächlichen Eindrücken abhängig." „Ich sehe aber auch einen Grund mehr für meine Wünsche," entgegnete Jizchok, der nach jeder Gelegenheit suchte, den Vater aus seine Pläne vorsichtig hinzuweisen und ihn zu gewinnen. „Alles, was du, lieber Vater, heute gesagt hast, beweist, daß es — soll unser Geschäft an Ausdehnung gewinnen und dabei deine Grundsätze aufrecht erhalten — besser ist nach der Stadt zu übersiedeln. In einem kleinen Orte muß man sich mit Rücksichten aufhalten, die einen in der Stadt nicht stören. Dort kann ich bei Verzögerung der Zahlungsfristen einen Rechtsanwalt beauftragen, und das Gericht, das weder Kläger noch Beklagten kennt, urteilt rein nach dem formalen Gesetze." „Zeige erst einmal, was du von hier aus leisten kannst! — Doch, ich höre die Haustüre gehen." Frau Riwkah und Hannah traten, nachdem sie Hut und Mantel abgelegt hatten, mit gerötetem Gesichte ein und setzten sich. „Die Abende sind schon kühl. Unser Schaufor ist wirklich das Herbsthorn," begann die Mutter. „Wir sind mehr als eine Stunde fortgeblieben. Frau Stern mußte nach Haufe gehen, Fräulein Katz, die sie ablöfen wollte, war aber noch nicht gekommen. Die alte Fradel fiebert stark und fühlt sich sehr schwach. Sie darf nicht ohne Aufsicht sein. Morgen soll Hannah einige Stunden bei ihr aufpassen. — Es ist doch gut, daß bei uns Juden jeder Kranke und jeder Arme bekannte Menschen hat, die sich um ihn kümmern!" (Fortsetzung folgt.)