Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1931-11-05 · Heft 45 (5.11.1931) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 45 (5.11.1931)
Date
1931-11-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450652-2450696--78338-2536038
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 10 Nr. 45 Personalien. Laslellaun. 1. Nov. Kurz nach Vollendung ihres 66. Lebensjahres verstarb nach viertägigem Krankenlager Frau Rika Kahn geb. Forst, tiefbetrauert von ihrem Gatten, den vier Kindern und Angehörigen. Mit ihr ist eine g'ttesfürchtige, schlichte, selbstlose Frau zu Grabe getragen worden. Das zahlreiche Trauergefolge zeugte von ihrer besonderen Beliebtheit sowohl bei den Glaubensgenossen als auch bei der nichtjüdischen Konfession. Am offenen Grabe gab Herr Lehrer G a b e l in seiner Trauerrede beredten Ausdruck, indem er in kurzen Strichen das Bild der Entschlafenen zeichnete. Möge den trauernden Hinterbliebenen Trost spenden. trasiiv Ichenhausen (Bayern), 1. Nov. Unsere altehrwürdige Gemeinde hat den Verlust eines ihrer besten Mitglieder zu beklagen. Am Freitag, den 30. Oktober, wurde Herr Aaron S. G. Heller im Alter von nahezu neunundsiebzig Jahren zur ewigen Ruhe gebettet. Der Verblichene gehörte der Verwaltung der Israelitischen Kultusgemeinde beinahe fünfundoierzig Jahre an, war fünfundzwanzig Jahre deren erster Vorsitzender und wurde, als er aus Gesundheitsrücksichten dieses Amt niederlegte, zum Ehrenvorsitzenden ernannt. Auch den städtischen Kollegien gehörte er viele Jahrzehnte als Stadtrat an und erwarb sich in dieser Eigenschaft durch seinen Weitblick und insbesondere durch seine Friedfertigkeit unvergängliche Verdienste um die Stadt. Sein Leichenbegängnis gestaltete sich zu einer erhebenden Trauerkundgebung, an der sich die Angehörigen aller Bekenntnisse beteiligten. Unter Vorantritt der. Freiwilligen Feuerwehr, der der Verblichene nahezu ein halbes Jahrhundert als aktiver Feuerwehrmann angehört hatte, begab sich der eindrucksvolle Trauerzug in den Hof der weihevoll erleuchteten Synagoge, wo Herr Rabbiner Dr. N e u w i r t h in tiefgefühlten Worten der Trauer und der Dankbarkeit der Gemeinde und der zahlreichen Körperschaften beredten Ausdruck verlieh. Im Namen des Landesverbandes bayerischer israelitischer Gemeinden sprach alsdann Herr Schloß, Augsburg, Mitglied des Rates des Verbands. Der Vorsitzende der Kultusgemeinde Jchenhausen, Herr Krämer, würdigte hierauf in herzlichen Worten die Verdienste des Heimgegangenen, woraus dessen Schwiegersohn, Herr Wäglein, der Trauer der Familie Ausdruck verlieh. Gerade in unserer Zeit, in der die jüdischen Landgemeinden von der Gefahr des Niedergangs mehr als früher bedroht sind, reiht der Verlust eines Mannes wie Aaron S. G. Heller eine besonders schmerzliche Lücke; denn er verband tiefe Frömmigkeit mit dem Willen und der Fähigkeit zu hingebender Mitarbeit an den Aufgaben der religiösen und der politischen Gemeinde und er trug so zu beider Gedeihen und zur friedvollen Zusammenarbeit der jüdischen und der nichtjüdischen Bürger unseres, von ihm so heißgeliebten Vaterlandes bei. Ludwrgshafen, 2. Nov. In der festlich geschmückten Synagoge verabschiedete sich Samstag, den 1-. Oktober, im Rahmen des Morgeng'ttesdienstes Herr Studienrat Metzler von seiner Gemeinde, der er drei Jahrzehnte lang als 1. Kantor, Lehrer und Prediger wertvollste Dienste geleistet hat. Herr Bezirksrabbiner Dr. Steckelm a ch e r aus Bad Dürkheim feierte in einer weihevollen Ansprache, ergriffen und ergreifend, den hervorragenden Lehrer, Kantor und Prediger und verlieh dem Jubilar die seltene Auszeichnung des Chower-Titels. Im Namen des Synagogenrats gab hierauf dessen Vorsitzender, Herr Prof. Koburger, dem aufrichtigen Dank der ganzen Gemeinde in warm empfundenen Worten beredten Ausdruck. Alsdann ergriff Herr Studienrat W e tz l e r das Wort, dankte Herrn Bezirksrabbiner Dr. Steckelmacher für die überraschende Ehrung und gelobte, sich ihrer würdig zu erweisen. Da der Festakt gleichzeitig der Einweihung einer Thorarolle galt, ging der Amtsnachfolger, 1. Kantor, Lehrer und Prediger, Herr Josef L i b e r l e s, in seiner gedankenreichen Predigt aus von der religiösen Bedeutung der Thora, um mit dem Gelöbnis zu schließen, in seinem neu übernommenen Pflichteukreise zum Besten der Gemeinde und ihrer Jugend wirken zu wollen. Der feierliche G'ttesdienst, welcher durch die künstlerisch geschulte wohlklingende Tenorstimme des Kantors Liberles verschönert wurde, wird jedem Teilnehmer in nachhaltiger Erinnerung bleiben. Am darauffolgenden Sonntag fand sich der gesamte Synagogenrat in der Wohnung des Herrn Studienrats Wetzler ein, woselbst ihm Herr Prof. Koburger mit nochmaligen herzilichen Dankesworten eine künfllerifch ausgeführte Ehrengabe überreichte. Die Woche. Leopold Sonneniann und dle „Frankfurler Zeitung". In diesen Tagen des schweren politischen und wirtschaftlichen Ringens erinnert sich Deutschland seiner großen Führer in der Gründungszeit des Reiches. Zu ihnen gehörte unstreitig Leopold Sonnemann, dessen hundertster Geburtstag am 29. Oktober wiederkshrte. Sein politisches Instrument war die von ihm begründete „Frankfurter Zeitung", die am gleichen Tage das Jubiläum ihres 75jährigen Bestehens begehen konnte. Was sich, organisiert oder nicht organisiert, zum Gedanken der Demokratie und des politischen Liberalismus kn Deutschland zählt, stand in der Reihe der Der Israelit Gratulanten. Auch das deutsche Judentum hat eine kleine Dankesschuld an das führende liberale Blatt in Frankfurt und leinen genialen Begründer abzutragen. Leopold Sonnemanns Begabung, Kraft und Ehrgeiz lagen aus Gebieten, die sich weitab von der jüdischen Welt befanden. Aber er war ein Vorkämpfer der Freiheit und des Rechtes, und das jüdische Recht war damals, als Sonnemann in der vordersten Reihe der Kämpfer stand, (wie übrigens auch heute) der Punkt, an dem sich die Geister nach rechts und links schieden. Was er an der Seite seiner Freunde von der alten Demokratie in Parlament und Presse errang, war auch für uns Juben mit errungen. Aus einem kleinen jüdischen frommen Milieu hervorgegangen, hatte er in den Jahren des Aufstieges die Fäden zum positiven Judentum leider verloren. Aber strenges Rechtsgefühl zwang ihn aus die Seite derer, die sich für religiöse und Gewissensfreiheit um jeden Preis einfetzen. Im harten Kampfe des Thorajudentums gegen die Zwingherren der Reform leistete er, wie sein Freund Ludwig Bamberger und sein stürmischer Antipode Eduard Laster, Samson Raphael Hirsch bei der Durchführung des Austrittsgesetzes für Preußen im Jahre 1876 große Dienste. Die „Frankfurter Zeitung" hielt nach dem Tode Sonnemanns den ihr von diesen gewiesenen Kurs im Ganzen ein. Den innerlichen Dingen des Judentums fremd und fern, oft genug sogar mit einer Einstellung zu ihnen, die die Anhänger der Tradition verletzen mußte, stand sie doch, und steht sie noch nach außen treu auf der Wacht für gleiches Recht für alle und eine höhere Moral im Geistigen wie im Politischen. Mit dem ganzen Gewicht ihres politischen Einflusses setzt sie sich offen und unerschrocken für das ein, was sie für gut und recht hält, und gegen alles, was ihr im politischen Leben oder im Wirtschastsorganismus als schädlich und verderblich erscheint. Nicht verkennen wollen wir, daß auch die Einstellung der „Frankfurter Zeitung" zu Religion und der Welt des Üebersinnlichen in den letzten Jahren eine Wandlung nach der positiven Richtung erfahren hat. Wir wünschen der „Frankfurter Zeitung", daß sie sich in dieser schweren Krisenzeit noch weiter als wackere Kämpferin für Recht und Freiheit bewährt. ANNONCEN-BÜRO JULIUS SCHMIDT FRANKFURTA. M. JETZT HOLDERUNSTR. 25 “ t DIE NEUE TELEFONNUMMER CAROLUS 45866 Agudistifche Frauengruppe. Auf vielfachen Wunsch sei hier nachträglich das verflossene und kommende Winterprogramm 1931—1932 wiedergegeben: Folgende Vorträge haben bis jetzt stattgefunden: Frl. Jetta Rosenheim: „Eindrücke von einer Erez Jisroel-Reise", am Dienstag, den 6. Oktober. Hulda Pofen-Falk: „Was fordert die Zeit von der jüdischen Frau?", am Montag, den 12. Oktober. Jacob Nosenheim: Tfilloerläuterungen am Montag, den 19. Oktober. Die nächsten Vorträge des Herrn Jacob Rosenheim finden am 30. Nov., 21. 3., 25. Jan. und 22. Febr. statt. Aerztin Dr. Margot Rothenberger: „Die schöpferischen Pausen im Leben der Frau", am Montag, den 26. Oktober. Leopold M e r z b a ch: „Betrachtungen zur Wirtschaftslage", am Montag, den 2. November. Folgende Vorträge sind für nächste Zeit vorgesehen: Dr. Willy H 0 f m a n n : „Unsere Stellungnahme im Kampf um den § 218, am Montag, den 9. November, abends 8.45 Uhr, im Hörsaal Friedb. Anlage. Vortragszyklus von Herrn Rechtsanwalt Dr. Jsaac Breuer: „Jüdische Erziehungsprobleme der Gegenwart". Beginn am Monatg, den 16. November, abends 8.45 Uhr im Hörsaal Friedb. Anl. Der zweite Vortrag findet am 7. März statt. Frau Landgerichtsrätin Dr. Brann-Frank: „Gefährdung der Frauenberussarbeit", am Montag, den 23. November, abends 8.45 Uhr im Hause von Frau Siegfried Löwenthal, Mauerweg 34. Rabb. Dr. Pinchas K 0 h n: „Probleme innerhalb der Agudas Jisroel", am Montag, den 15. Dezember, abends 8.45 Uhr, im Hörsaal Friedb. Anl. Zahnarzt Dr. Ehrmann: „Zür Orientierung über jüdische Gegenwartsfragen", am Montag, den 28. Dezember, abends 8.45 Uhr, im Hörsaal Friedb. Anl. Nechtsanwält Dr. Jsaac Breuer: „Jüdische Erziehungsprobleme der Gegenwart", am Montag, den 4. Januar, abends 8.45 Uhr,, im Hörsaal Friedb.; Anl. Heinrich Eisemann: „Das jüdische Buch im M- 5. November 1931 tertum", am Montag, den 11. Januar, abends 8.45 Uhr,; im Hörsaal Friedb. Anl.! . Dr. Leo D e u t s ch l ä n d e r : „Wie bringen wir uns und unserem Kinde die Schönheiten der Psalmen bei?", am Montag, den 18. Januar, abends 8.45 Uhr, im Hörsaal Friedb. Anl. Abend der Friedensidee am Montag, den 1. Februar, j abends 8.45 Uhr, im Hause von Frau Dr. Herbert Brinkmann, Sandweg 9. Vortrag von Frau Olly -Ritter und Rezitation von Frau Selma E i s e m a n n. I Red. S. Schachn 0 witz : „Von Wien bis Wilna" (Eindrücke auf einer Ostreise), am Montag, den 8. Febr., abends 8.45 Uhr, im Hörsaal Friedb. Anl. Gemütlicher Abend am Montag, den 15. Februar. Name der Rednerin und Titel des Vortrages werden noch 'bekannt gegeben. Montag, den 29. Februar, Frau Dr. Dora E d i n - lg er: (Thema und Ort werden noch bekannt'gegeben.) Frau Therese M e r z b a ch r „Eindrücke von einem! Aufenthalt in Rußland", am Montag, den 15. März. Ort wird noch bekannt gegeben. Veränderungen Vorbehalten. — Alle Veranstaltungen werden wöchentlich im „Israelit" bekannt gegeben. — Gäste sind immer herzlich willkommen.. Soziale Probleme und Maßnahmen in der Israelitischen Gemeinde. ZurSitzung der Gemeind evertretungam 2. November. Im Mittelpunkt und Brennpunkt der Sitzung stand, was uns alle heute erregt, bewegt, ergreift — im doppelten Sinne des Wortes ergreift —: die soziale No t. .. Mau erblickt Teilausschnitte des Elends der Gegenwart, wenn man die Maßnahmen hört, die von der Gemeinde und in erster Linie von ihrer aus diesem Gebiet führenden Institution: der Jüdischen Wohlfahrtspflege in die Wege geleitet sind. Freilich: man ist sich bewußt, daß man gegen den Riesen Wirtschaftsnot nur mit schwachen Kräften kämpfen kann. Aber man weiß auch, daß der Kampf trotzdem eine unabweisbare Notwendigkeit ist, daß Tsilsiege erfechten. Teilhunger stillen; Teilkälte, wörtlich und bildlich genommen, durchwärmen auch schon Großes geleistet heißt. Daß man Menschenpslicht damit erfüllt hat und G'ttesruf gefolgt ist. Es ist anerkennenswert, was die Wohlfahrtspflege unter der Leitung ihres verdienten Vorsitzenden Jules Bloch bereits geleistet hat und noch zu leisten verspricht. Vor allem: ihre Notstandsküchen. Die Küche des Krankenhauses Gagernstraße bereitet jetzt schon täglich 310 Essen, die Kochkunst der Kochschule in der Kömgswarterstraße ergänzt sie durch 100 weitere Mahlzeiten. Den Teilnehmern wird ein Mittagessen, das sie bekanntlich abholen müssen, zu 10 Pfg. verabfolgt. Freilich sind die Mittel nur für einen Monat gesichert. Nicht jeder aber bringt es übers Herz, sich zum Proletarier öffentlich stempeln zu lassen, indem, man mit dem Kochgeschirr erscheint. Auch dafür ist jetzt vorgesorgt:;n der Gervinusst r a ß e wird verarmter Mittelstand verschwiegen betreut. Ja, mehr noch: bereitwillig haben sich die Jugendverbänöe erboten, in Krankheitsfällen und besonders diskreten Fällen das Essen in die Häuser zu bringen. Diese Art Humanitätsakte sind neben ihrer praktischen Bedeutung von nicht zu unterschätzendem erziehlichem Werte. Ein hochherziger Spender, ungenannt, nur wenigen bekannt, aber doch Dem bekannt, 0 r Dem alles kund und offenbar ist, hat 2 0 00 Zentner Kartoffeln gespendet, ein anderer 2 5 0. Z e n t n e r Kohlen. Nun will man neben dem leiblichen Hunger auch sonst dem leiblichen Wohlbehagen dienen, auch ein wenig dem seelisch-geistigen, heute gar oft sehr darniederliegenden Wohlbefinden aufhelfen. Im ehemaligen Königswarter-Hospital werden zwei Wärmehallen für Frierende errichtet und am 14. November eine Toynbeehatle zur Befriedigung von geistigen Bedürfnissen der Erwerbslosen eröffnet. Erwerbslose — hier ist das Problem, das auch noch andere Kreise als nur unmittelbar die Jüdische Wohlfahrtspflege erfaßt und angeht. Man sucht die Arbeitsnachweise auszubauen und nach Möglichkeit zu konzentrieren, zusammenzufassen und doch wieder in' ihren Teilgebieten vorteilhaft zu trennen. Der vorgeschlagene, warm befürwortete, an sich aus den .ersten Blick sympathisch erscheinende Weg einer völligen Zentralisierung aller hiesigen jüdischen Stellenvermittlungen wird nicht gangbar sein. Nicht nur weil die ^Weibliche Fürsorge" der Meinung ist, ihr Sond?r'''ebiet ceirennt am besten bearbeiten zu können, vielleicht auch il>ren Kampf für die Gleichberechtigung der Frau so besser führen zu können. Nein, vielmehr und viel mehr, weil die gesetzestreuen Stellenvermittlungen, die der Agudas Jisroel und des Schomre Schabbos-Vereins nie und nimmer sich gesellen und einheitlich zusammen arbeiten können mit Arbeitsnachweisen, die trotz ihres Ernstes und Eifers wahllos Stellen vermitteln auch für solche — nun für solche, die eben nicht Schomre Schabbos sind. Man wird uns nicht der Engherzigkeit zeihen, man weiß dort, wie gerne und bereitwillig der Verfasser dieser Zeilen durch den Jüdischen Arbeitsnachweis jüdische Kräfte bei allen Gelegenheiten unterzubringen sucht. Aber hier müssen sich unsere Wege scheiden. Kehren wir nach dieser notwendigen Abschweifung zu den Leistungen und Plänen der Gemeinde zurück. Manches ist getan, manches noch zu tun, manches

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.