Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1931)
- Date
- 1931-11-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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lucendo), konnten derartige Schulen gar nicht schaffen, weil ja schon bei ihrer Entstehung die Frage> in welchem Geiste die Schule geleitet werden soll, die Geister und Gemüter in so viele Parteien geteilt hätte, als die Einheitsgemeinde beherbergt. Ich sage dies nicht, um irgend jemandem zu nahe zu treten, denn es ist mir wahrlich nicht um Polemik zu tun, sondern um zu beweisen, daß nur thoratreue Gemeinden Träger der thorarreuen Lehranstalten sein können und daß daher — und nun komme ich zu dem eigentlichen Zweck dieser Zeilen — die Erhaltung dieser Anstalten nicht ausschließlich Sache der einzelnen Gemeinden bleiben könne. Die Gemeinschaftsnot sollte jeden anspornen, eine Notgemeinschaft zur Erhaltung dieser jüdischen Heiligtümer ins Leben, zu rufen. Alle, die die Zukunft des wahren Judentums bejahen, die noch etwas für das Judentum ersehnen und erstreben, sollten sich die Hand reichen, um die Quellen offen zu halten, aus denen unsere Kraft strömt. Hier müßten doch die Grenzen fallen, die die innerlich Gleichgesinnten trennen. Alle, die von sich bekennen, daß an sie der Ruf ergangen ist, mp» 11^ .112 min apjp Hbtip mpm» dafür zu sorgen, daß die Thora Erbgut der Jakobsgemeinde bleibe, müßten herbeieilen, um den Gemeinden in ihrem heldenmütigen Kampf für die Erhaltung der Pflanzstätten von nn»x und nirp berzustehen. Die ganze deutsche thoratreue Judenheit müßte sich zu dieser Notgemeinschaft zusammenschließen, denn in allen diesen Anstalten wird an der Zukunft des ganzen deutschen Judentums gearbeitet. Wehe uns, wenn wir uns von der thoratreuen Gemeinschaft lossagen, wenn sie in Not ist! 0**113» n 1x3 *6 rnprr bv, so lautet die Begründung eines Fluches, der vor langer langer Zeit die Bewohner von Meros traf, und rmr fürchten, daß dieser Fluch auch heute noch wirksam werden könnte, wenn nicht noch in zwölfter Stunde die Gemeinschaftsnot zur Gründung einer Notgemeinschaft führt, dje die Not beseitigen helfen soll. Sicher ist eines, daß Alle, die sich von der Gemeinschaft, die heute um ihr Kostbarstes ringt, lossagen, die Kraftquellen verschließen, aus denen ihre Stärke herrührt, sie werden sich nicht zu retten vermögen, wenn rn der Zusammenbruch kommen sollte, wie es auch umgekehrt sicher ist, daß Alle, die gerade in der Zeit der Not ihre unverbrüchliche Treue zur Gemeinschaft durch erhöhte Arbeit und Opferbereitschaft besiegeln, in sich die Gewähr tragen, daß die Not vorübergehen wird. Sie sehen schon jetzt die Erlösung der Gemeinschaft aus ihrer Not, denn ihre opferfreudige Mitarbeit ist schon ein Teil dieser Erlösung, denn die Arbeit stärkt das 1 Selbstvertrauen und weckt ungeahnte Energien, die alle Not verschwinden lassen. Die Schutzengel kehren heim und legen segnend ihre Hände auf das Haupt der treuen Arbeiter an der Ueberwindung der Not und sprechen: Wer aufrichtigen Herzens teilnimmt an den Kämpfen und Sorgen der Gemeinschaft, der sieht schon jetzt ihre Freude und ihre Erlösung! Wochenrundschau. Die Volkszählung. Für Mitte November hat die palästinensische Regierung, wie bereits früher gemeldet, eine allgemeine Volkszählung angeordnet, mit deren Vorbereitung man feit Monaten eifrig beschäftigt ist. Die Regierung scheint sich von vornherein darüber klar gewesen zu sein, daß man bei der Volkszählung mit gewissen Widerständen zu rechnen haben werde, weil es natürlich klar ist, daß aus der Statistik der Bevölkerung nach Nationalitäten, Konfessionen, Berufsgruppen usw. je nach der Einstellung der Behörden alle möglichen politischen Schlußfolgerungen gezogen werden können. Jede politische Partei hat also Grund, einer Volkszählung nicht ganz ohne Mißtrauen gegenüberzustehen. Was die Juden anbetrifst, so fürchtete man vielfach, daß man die Ergebnisse der Volkszählung in jedem Falle, einerlei, wie diese Ergebnisse aussehen werden, gegen die Juden ausspieln könne. Fällt nämlich die Proportion zwischen jüdischer und arabischer Bevölkerung im Verhältnis zu den bis jetzt bekannten Ziffern für die Juden günstig aus, so wird es heißen, man fei auf dem besten Wege zur Majorisierung der Araber, fällt sie ungünstig aus, so kann man sich auf das demokratische Prinzip berufen, das die Unterordnung der Minderheiten unter die Mehrheit verlangt. Auf arabischer Seite hat man sich willig in den Dienst der Volkszählung gestellt. Auf jüdischer Seite verkündeten die Revisionisten den Boykott der Zählung, haben damit jedoch bei keiner der maßgebenden jüdischen Parteien Anklang gefunden. „Agudas Jisroel" hat von vornherein, ihrem grundsätzlichen Loyalitätsprinzip gemäß, erklärt, daß sie zur Mitarbeit bereit sei, aber auch der „Waad leumi"; hat sich von den Revisionisten nicht irre machen lassen und seinen Apparat in den Dienst der Volkszählung gestellt. Die Regierung hat dann 82 agudiftische Zeirim zu Zählern ernannt und dem Kreis der Knefes Israel loz Zähler entnommen. Schwierigkeiten sind dadurch entstanden, daß die Nichtbeantwortung der Fragebogen mit einer Geldstrafe von Lst. 10.— bedroht ist, so daß manche orthodoxe Zähler fürchten, sich durch die Annahme eines Zähleramtes in die Zwangslage zu begeben, eine nrno» ausüben zu müssen, wenn sie friß Nichtbeantwortung des Fragebogens der Behörde melden. Merkwürdigerweise hat nun die Volkszählungsangelegenheit, obgleich man dies kaum für möglich halten sollte, zu besonders scharfen Auseinandersetzungen auch auf religiösem Gebiete geführt. Für die Geltung der hebräischen Sprache und ihre gleichberechtigte Anerkennung neben dem Arabischen und Englischen ist es natürlich von großer Bedeutung, daß die jüdische Bevölkerung sich einheitlich zum Hebräischen als Muttersprache bekennt. Das moralische Recht dazu liegt gewiß vor, auch wenn die . ältere Generation und ein Teil der jüngeren gewohnheitsmäßig sich im Umgang des Jiddischen bedient. Nun haben aber die fortgesetzten antireligiösen Ausschreitungen der jung-jüdischen Kreise mit ihrer Verhöhnung des jüdischen Gefühls durch hartnäckige öffentliche Entweihung des Sabbats in der orthodoxen Bevölkerung Erez Jisroels, insbesondere unter der Jugend der „Agudas Jisroel", eine solche Entrüstung ausgelöst, daß man sich begreiflicherweise fragt, ob es einen Sinn hat, den Feinden der jüdischen Religion, denen hebräische Sprache und reiner Nationalismus zum Surrogat für die Thora geworden sind, politische Hilfsdienste in der Sprachenfrage zu leisten. In einem Ende Tischri im „Kol Jisroel" erschienenen Artikel ist diese Frage rundweg verneint und in leidenschaftlichen Worten dazu aufgefordert worden, nicht nur generell als Muttersprache das Jiddische anzugeben, sondern auch die ganze Frage nach dem Nutzen der Valfoür-Erklärung und des jüdischen National-, heims, die einen so furchtbaren Rückgang der religiösen Treue im heiligen Lande zur Folge gehabt hätten, in aller Oeffentlichkeit aufzurollen. Der Verfasser des anonym erschienenen Artikels schreibt alles Unheil auf religiösem Gebiete der Valfour-Erklärung, dem Nationalheim, dem Nationalismus und der hebräischen Sprache zu Und er glaubt, daß mit der Vernichtung dieser Errungenschaften eine neue Blüte des religiösen Hi ■ u Von Rabbiner Dr. Mchalski in Karlsruhe. Eheanbahnung Es gibt Entschlüsse im menschlichen Leben, durch die die Zukunft gestaltet wird. Sorge erfüllt der Eltern Herz, wenn der Sohn an die Wahl der Gefährtin denkt. Sie bangen um des Kindes Glück, sie wissen, was die Wahl in sich birgt. Sarah weilte nicht mehr unter den Lebenden, Abraham war zu alt, um im fernen Land dem Sohne die Gattin zu wählen, seinem Diener muhte er es anvertrauen. Wie mochte er zagen, was gab ihm Hoffnung und Mut? „Wer unter Euch fürchtet G'tt, der hört auf Seines Dieners Stimme! Wandelte er auch in Finsternissen, leuchtete auch kein Lichtstrahl ihm, er vertraut auf den Namen G'ttes, Stütze, findet er in seinem G'tt" (Jes. 50, 10). Abraham fürchtete G'tt, und G'tt hörte auf seines Dieners Stimme. (Midr. rabbah I c. 60.) Einen Gesichtspunkt nur gab es für ihn, unter dem er zu wählen hatte, einen Schwur legte die G'ttesfurcht seinem Diener aus. »Ich beschwöre Dich bei dem Ewigen, dem G'tt des Himmels, der auch der G'tt der Erde, daß Du für meinen Sohn keine Frau von den Töchtern des Kananiters nimmst, in dessen Mitte ich wohne" (Ib. M. 27, 3). Nur keine Mischehe, dies gebietet die G'ttesfurcht, — alles andere vermag das Gebet, und G'tt hörte auf die Stimme dessen, der sein Diener ist und treu ihm diente. In allem Anderen tappte er in dunkler Finsternis, kein Lichtstrahl zeigte ihm den Weg, tk» r,n ■>»i und wer ließ Licht ihm leuchten? Er vertraute auf den Namen G'ttes, den er verkündet, Stütze findet er in seinem G'tt. Eheanbahnung in unserer Zeit!? Der Sohn trifft die Wahl nach Gestalt und Besitz, nach Aussehen und Lruoung, wenn er überhaupt noch Herr seiner Sinne, um prüfend wählen zu können. Sorge erfüllt der Eltern Herz, sie wissen, was die Wahl in sich birgt. In dunkler Finsternis grämen sich Eltern und Töchter, kein Lichtstrahl bescheint ihren Weg. Da gibt Hoffnung und Mut des Propheten Wort: „Wer unter Euch fürchtet G'tt, hört auf seines Dieners StimrNe?" Einen Gesichtspunkt nur gibt es, bestimmend für jede Wahl, einen Schwur legt die G'ttesfurcht auf: Nur keine Mischehe. „Wandelt er auch in Finsternissen, leuchtet kein Lichtstrahl ihm, er vertraut auf den Namen G'ttes, Stütze findet er in feinem G'tt." Meines Feuilleton. Aus den Memoiren eines allen Skadlan. Die junge Welt spricht nicht gerade mit Hochachtung vom Stadlonuswesen.. Fordern, .nicht bitten, aus seinem Rechte bestehen, nicht dieses sich erst erschleichen, erflehen, ist die Parole einer selbstbewußten Generation. Und dennoch wissen wir, daß das jüdische Volk, von Vater Jakow an bis zur Gegenwart, durch all die Jahrhunderte des Golus der Stadlonim, die mit, Geld Und guten Worten für die jüdische Gemeinschaft erst das sicher stellen mußten, was für die andern selbstverständliches, primitives Menschenrecht war, nicht entbehren konnte. Im zaristischen Rußland blühte das Stadlonus. Und man konnte noch von Glück reden, wenn der gegebene Mann-in gegebener Stunde an gegebenem Orte sich fand, der den Juden ein Minimum von Recht sicherte. Zu diesen rechten Männern mit reichen Erfahrungen gehört Herr Feiwel G ö tz, der nun in einem jiddischen Merkchen unter dem Titel „Sichraunaus von einem alten Stadlon" (Riga Skalas iela 38, dz. 12) uns seine Erlebnisse erzählt. Ein Kapitel behand'elt Stadlanim und Stadlonus im allgemeinen. Der Zweiundachtzigjährige weiß zu erzählen von Generälen und von Rabbis, von Graf Tolstoi und Rabbi „Ehanon Salanter", von Baron Ginzburg und Poljakow, vom russisch-türkischen Krieg und von den Anfängen der jüdischen Aufklärung in Petersburg, von alten „Nikolaiwer Soldaten" und Dörpater Studenten. Tietzener, I. M. Holpern und N. A. Vaxt u. v. a. ziehen an uns vorbei. Er, Verfasser selbst, hat einmal durch, seine Beziehungen zu einem General zwei Juden aus der Hand des Henkers gerettet. Auch zu Plehrve pflegte er enge Beziehungen. Ein hochinteressantes Kapitel ist die Geschichte der Blutbeschuldigung von Wilna, die sich um David Blondes drehte. Mehr wie einmal waren Cheder und Jeschiwa in Gefahr. Es kostete Mühe und Opfer, sie zu retten. Der grimmigste Feind der Juden vor und während des Weltkrieges war der Großfürst Nikolai Nikolaiwitsch, gegen den der Kamps mit Takt unb Klugheit und größter Vorsicht geführt werden mußte. Von historischem Werte sind auch die Angaben über den Beilis-Prozeß, der seinerzeit von Kiew aus die ganze jüdische..Welt erschütterte. Alles in allem: historische Dokumente und als ganzes Zeugnis für das reiche arbeitsoolle Leben eines wahren Menschenfreundes, eines Stadlan im besten Sinne.