Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1931)
- Date
- 1931-10-08
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Nr. 41 Der Israelit 8. Oktober 1931 den gar nicht gewahrte. Hier in der Vorderstube standen früher die Tonnen, in die die Federn der Hühner hineingerupft wurden. Sie waren Eigentum von Rabbi Iechiel und der karge Nebenverdienst der schwergeplagten Schächtersfrau. Im inneren Gemach, allwo jetzt der rocklose, vergrämte Klempner mit viel Geräusch hämmerte und lötete, pflegte der Vater bis in die tiefe Nacht hinein an dem offenen großen Buche zu sitzen. In guten Tagen fehlte dabei der dampfende Tee nicht und die lange Pfeife steckte ihm zwischen den Zähnen, Wo war der Bücherschrank mit der ein geschlagenen Scheibe? Wo die große Schwarzwälderuhr mit den schweren Gewichtsteinen, die ihn nachts in die Kinderträume tickte? „Herr, was habt Ihr?" redete ihn der Klempner etwas barsch an, in der Meinung, er sei gekommen, um etwas zu reparieren. „Ihr wohnt, schon lange in diesem Hause?" Der Klempner sah ärgerlich aus, am Ende gar einer von der Steuer oder von der Polizei, oder sonst so ein „Knöpfel", der etwas auszuschnüffeln hatte. Das Leben war ohnehin schon hart genug. Der tränenumflorte Blick des Fremden muß ihn aber beruhigt haben, denn Meister Blech wurde auf einmal vertraulicher und gesprächiger. „Ich habe das Häuschen von Perez, dem Krämer, kurz vor dem Kriege gekauft, als er nach Amerika gehen wollte. Er ist aber gar nicht nach Amerika gekommen, sondern nach der Austreibung irgendwo in Rußland geblieben. Mein Sohn in Amerika schickte mir damals hundert Dollar dafür. Heute höre ich nichts von ihm. Es war auch dort Krieg, und wer weiß? ... — Er seufzte.,— Früher hat hier ein sehr gelehrter und frommer Mann gewohnt, Rabbi Iechiel, der Schächter. Er war so weise wie ein Rabbi und säst ein Heiliger. Die Menschen kamen zu ihm, daß er sie belehre und für sie bete ... Ich schon lange tot, ist, glaube ich, nach Königsberg zu den Professoren gegangen und kam nicht wieder . . . Hatte auch einen Sohn, auf den er sehr viel hielt. Wer weiß, wo er ist, was aus ihm geworden ist? Heutige Kinder! . . seufzte er tief und klopfte auf das pralle Blech, als schlug er in die Trommel den Takt zu seinen Worten. Meikemeier verließ das Haus, begleitet von den blechernen Tönen des Klempners. . Er bog in die Langestraße ein, und wie von selber trugen ihn die Füße nach rechts, immer weiter, bis zum Birnbaum und zum weißen Häuschen, das wie ein Totengebein in die Talstraße hinableuchtete. Wer fand sich im Labyrinth der Gräber und Hügel, ganz und halb verfallenen Steine und Denkbretter auf diesem von mächtigen Bäumen eines Urwaldes umgebenen Totenfeldes zurecht? Der Vater lag weit weg in fremder Erde, wohl nummeriert und registriert, auf dem Friedhof zu Königsberg, dahin er jeßt nicht gelangen konnte. Die Mutter war daheim geblieben. Mutter, wo bist Du? . . . Eine alte Frau, die auf dem Friedhof Führer- und Klagedienste leistete, kam ihm zu Hilfe. Die fromme Lea, die Schächtersfrau? Dort, noch ein Stückchen weiter, zwischen jenen Gräbern hinter dem Steine. Ein winziges Brettchen vor dem fast plattgetretenen Hügelchen lag umgeknickt auf dem Boden. Er hob es auf, senkte es tiefer in die Erde, glättete es und streichelte es. Mutter! ... Die alte Frau schob ihm ein altvergilbtes und an vielen Stellen zerrissenes Gebetbuch in die Hand. Hier „Gebet am Grabe der Mutter". Verwischte Buchstaben und eine Sprache so verworren wie das Leben, endlos und verschlungen in unzähligen Wiederholungen. Er schloß das Buch, gab es der staunenden Frau wieder zurück, betete sein eigenes kurzes Gebet: „Mutter, ich war weit, weit weg und komme jetzt wieder . . . Mutter, ich gehe vielleicht jetzt noch weiter fort, über Länder und Meere, aber ich bleibe Dir nahe, bei Dir Mutter und beim Vater!" . . . Er drückte der Frau einige Münzen in die Hand und dem dazukommenden Manne noch mehr, mit dem Auftrag, daß er am Grabe einen richtigen Stein stelle und erhalte. Dann ging er den schmalen, ihm so vertrauten Pfad hinunter bis zum Njemen und wusch sich, wie es alle im Städtchen feit Menschengedenken taten wenn sie den „Heligen Ort" besuchten, die Hände . . . Alles grinste ihn im Städtchen auf der Straße zwischen den neuen Steinhäusern so fremd, fast feindselig an. Die Heimat im Herzen drohte zu erstarren. Noch am gleichen Abend begab er sich mit der Fuhre Burres, die jetzt dessen Sohn bediente, über die Grenze. Von Memel führte ein Zug nach dem Hafen von L i b a u , wo der Lubawitscher Rabbi Schneiersohn seiner harrte. Als er auf der preußischen Seite — es war jetzt Memelland — die schön gebaute glatte Chaussee zwischen den gutgepflegten Baumreihen dahinfuhr, hatte er volle Ruhe im Herzen. Die ihm in der Heimat nahestanden, gaben ihm das Geleite, den Segen . . . Es schien ihm nur so merkwürdig, daß der gleiche schöne gutgepflasterte Weg, der ihn vor dreißig Jahren aus dem Städtchen hinaus zum Kreml führte, ihn jetzt wiederum aus dem Städtchen, wert vom Kreml weg führte . . . KtrtberecFe. Die Schöpfung. (Für die Größeren.) 'pbx *oi wv>r02 Warum beginnt wohl die min mit dem zweiten Buchstaben des a"X und nicht mit dem m dem Anfangsbuchstaben des gewaltigen Wortes na«? Weil das n nach allen Seiten geöffnet ist, das »»a" aber eine Schranke darstellt ,welche abfchließt; das soll uns bedeuten, daß alles, was vor der Schöpfungstat G'ttes liegt, unserer Erkenntnis entzogen ist, de>' nv» darüber ist den Sterblichen versagt. Aber die Menschen haben immet wieder versucht, hinter die Schranke zu gelangen, und haben in großen, gelehrten Büchern ihre Meinungen _ darüber geäußert. Die einen wollten beweisen, daß die Welt von jeher bestand, die anderen, daß sie sich von selbst aus einem Urstoff entwickelt bat. Aber was heißt „von selbst", was heißt „von jeher"? Das sind nur Worte, welche die Menschen geprägt haben für etwas, was der menschliche Verstand niemals zu Ende denken kann. Gab es einen Urstoff ,wer hat ihn geschaffen?' und „von selbst"? Das Hebräische hat dafür den Ausdruck Tsn i» vm das „Etwas aus dem Nichts". Läßt sich das vorstellen, daß etwas aus dem Nichts entsteht ohne Zutun einer äußeren Kraft? Niemals! Alle Mittel menschlicher Denkkunst würden nicht ausreichen, um es zu beweisen. Hier ist die Schranke des «a" hier hört eben das Wissen auf. Dafür spricht die mm und erzählt uns das Schöpfungswunder G'ttes. „Wunder" nennen wir ein Geschehen, dessen Ursache sich nicht Nachweisen läßt wie z. B. G'ttes Ausspruch: „Es werde Licht", das Licht schuf, ohne daß eine Quelle des Lichts vorher vorhanden war. Ein solches „Wunder" muß immer als Anfang des Wellgeschehens gedacht werden. Was aber die Wissenschaft uns zumutet zu glauben, eine nicht erschaffene, eine aus sich selbst erstandene Welt wäre gleichfalls ein Wunder und unserem Denken viel weniger vorstellbar. Darum haben auch große Gelehrte, die Weilen der cnbipn mnjn diese Grenze menschlichen Denkens schließlich anerkannt und zugegeben, daß unser Verstand selbst nur ein Teil der Natur ist, daß wir über sie gar nicht hinausdenken können und daß wir von dem „Vorher" der Schöpfung nichts wissen können. Nur die Natur selbst, wie sie sich - uns heute zeigt, ist das Buch, in dem wir zu lesen vermögen. So gingen die Männer der Wissenschaft daran, sie zu erforschen. In alle Winkel der Naturvorflänge haben sie bineingeleuchtet und haben entdeckt, welche wundervolle Ordnung da waltet, wie sich alles genau, so vollziehen muß, wie es geschieht .weil unumstößliche Gesetze wirken: die Naturgesetze. Und all das Herrliche, was wir beute an Erfindungen besitzen, das Flugzeug, die Elektrizität, die Röntgenstrahlen, das Radio, das konnte nur gelingen, weil der menfchlische Geist die Naturgesetze erkannt hat und zu benützen wußte. Aber die Menschen haben sich nicht damit begnügt, durch ihre Kenntnis der Naturgesetze so aewaltige Dinge wie Luftschiffe entstehen zu lassen, sie wollten am liebsten die Welt noch einmal entstehen lassen, in Gedanken sie wenigstens nachschaffen aus den Naturgesetzen. Ihr versteht mich doch, wie ich das meine? Sie sagten, wenn wir nun schon fast alle Naturgesetze kennen, dann müssen wir doch auch zu erkennen vermögen, wie auf Grund dieser Gesetze die ganze Welt entstanden ist. Und die Menschen, die großen Männer der Wissenschaft merkten es nicht, daß sie da wieder einmal an unser n»a gerieten, an diese große Schranke, die dem menschlichen Geist Halt gebietet. Darum kamen sie auch zu ganz merkwürdigen Ergebnissen. Sie errechneten z. B. das Alter der Erde aus den Gesteinslagerungen und erhielten phantastische Zahlen. Millionen von Jahren müsse die Erde alt sein, nicht 5692, wie es unsere 'Weisen aus der Thora errechnet haben. Langsam, ganz allmählich müsse sich zu ihrer heutigen Gestalt entwickelt haben, das bewiesen Versteinerungen, Anschwemmungsgebjete, Ge-. birgsschichtungen,. an denen Millionen von Jahren ihre stille Arbeit getan hätten. In Jahrmillionen also und nicht in sechs Tagen.durch G'ttes- Wort wie es die Thora berichtet! Eines nur haben die Weisen der Erde in ihrer großen Rechnung übersehen. Wenn nämlich die Natur einen Anfang hatte — und wir haben doch üben gesehen, daß das Gegenteil niemals bewiesen werden kann, — wenn Erde, Himmel, Welt einen Anfang haben, dann müssen auch die in ihnen wirkenden Gesetze einen Anfang haben und . . . einen Schöpfer. Das Naturgesetz war selbst nur eines der Wunder, die das G'tteswort vollbrachte. Fertig ging die Schöpfung aus ihres G'ttes Hand hervor, fertig, d. h. mit dem von nun an in ihr herrschenden Gesetz. Von diesem Moment an übte das Naturgesetz sein: Wirkungen und Einflüsse, aus innerhalb der Welt, aber der einmalige große Schöpfungsakt steht vor und über dem Gesetz und konnte die Welt so schassen wie sie heute ist. Bescheidene unter den Meistern der Wissenschaft geben ihr Teilwissen auch zu und sagen selbst: „Es ist nur „als ob". Die Erde sieht heute so aus, als ob sie in Millionen von Jahren sich entwickelt hätte, wenn ^nämlich in dieser Zeit das uns bekannte Naturgesetz wirksam war." Mehr kann auch kein Mann der Wissenschaft, und wäre es der gelehrteste der Gelehrten, behaupten. Darum können aber auch keine wirklichen Gegensätze entstehen zwischen der Wissenschaft und dem Schöpsungsbericht der Thora. Nur im Bereich der Wirkung des Naturgesetzes kann der menschliche Geist zu relativ sicheren Feststellungen gelangen. (Und auch aus diesem Gebiet sind schon manche frühere Jrrtümer der Wissenschaft später widerlegt worden.) Aber über die Entstehung der Natur und darum auch über den Beginn der Wirksamkeit der Naturgesetze vermag menschliche Forschung keine Gewißheit zu vermitteln. Aber in jedes Menschen Seele, wenn er nur richtig hinhorchen kann, ruft das Wissen, ja die Gewißheit des g'ttljchen ^chöpfungswunders: tna nnpsna* B. F. Don dem ersten Menschen. Als G'it den ersten Me.nschen erschaffen wollte, waren die Engel des Dienstes damit gar nicht einverstanden. „Was ist der Mensch?" isragten sie, „daß Du an ihn denkst? Er wird den Frieden der Welt zerstören, die Wahrheit wird er nicht achten und Weisheit wird nicht auf seinen Lippen sein." Aber G'tt beruhigte sie und sprach: „Ihr irrt Euch, meine Engel! Cs werden Menschen geboren werden, die die Wahrheit nie verletzen; es werden Menschen kommen, die den Frieden lieben und ihm nachjagen. An Weisheit aber wird der Mensch Euch alle übertreffen!" Das wollten die Engel natürlich nicht glauben. Da führte G'tt alle Tiere des Waldes und des Feldes vor sie und verlangte, sie sollten ihnen- Namen geben. Die Engel wußten aber nicht, wie sie die Tiere benennen sollten. „Seht Ihr," sprach G'tt, „Ihr seid nicht weise genug, um den Tieren ihre Namen zu geben, der Mensch aber wird dieses verstehen — ja selbst meinen Namen wird er zu nennen wissen." Als G'tt nun den ersten Menschen erschaffen hatte und ihm den großen, herrlichen Garten gezeigt hatte, führte G'tt auch vor ihm die Tiere des Waldes und des Feldes vorüber und bei jedem Wesen fragte G'tt, wie es genannt werden solle. „Dies soll Ochs heißen und dies Kuh," sagte der Mensch,-„dies mit dem Buckel soll Kamel heißen und dies mit dem langen Hals soll Giraffe genannt werden. Und dieses soll Pferd heißen und dieses Esel-", so gab er jedem Tiere seinen Namen. Und du selbst, Mensch, wie sollst du heißen?", fragte G'tt. „Ich heiße wohl am besten Adam," antwortete der Mensch, „denn aus der Erde hast iDu mich geschaffen." „Und ich, wie. soll ich genannt werden?" fragte G'tt wieder. Einen Augenblick dachte Adam nach. „Adonai, mein Herr, will ich Dich nennen, denn Du bist der Herr all Deiner Geschöpfe!" Als die Engel dies hörten, sahen sie ein, daß der Mensch klüger sei als sie alle und waren nun sehr zufrieden, daß G'tt ihn geschaffen. Kindermund. Im Kindergarten war den Kleinen die Geschichte von Adam und Eva erzählt worden und auch von ihrer Sünde, als sie vom verbotenen Baume aßen. „Und wie wurden sie dafür gestraft?" fragte die Tante eines der Kinder. „Sie mußten zum Zahnarzt!" war die Antwort! H. W. (Karlsruhe).