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Der Israelit · 1931-10-08 · Heft 41 (8.10.1931) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 41 (8.10.1931)
Date
1931-10-08
Page
– (sequence 13)
Language
German
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r>.* \a Meikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines Menfchenfchicksals und einer Zeitepoche. . Don S. Izchaki. , (Schluß.) Der Graurock schüttelte den Kopf. Er wollte unbeachtet bleiben. „Wer bin ich und was ist mein Leben?" Diese Worte, Mussarworte aus einer längst verklungenen Welt, gingen mit ihm herum, seit er mit dem Zuge aus der russischen Welt und aus dem bisherigen Leben herausgefahren war. Aber des Rabbi Worte hatten ihn menschlich so an gerührt, daß seine Seele in Bewegung kam. Noch hatte er nicht geglaubt, daß sie bewußt für ihn bestimmt waren. Nun die Winke und Ruse, die vielen Hände, die sich nach ihm streckten.!Er wurde über den Tisch gehoben. Er saß, er wußte nicht-wie, bald auf einem Ehrenplatz zur Linken des Rabbi. „Ihr seid der Mann, der zu mir in Petersburg ins Gefängnis kam, der mir die Kleider brachte, der mir sonst vieles brachte, der mir ein Licht in der Finsternis anzündete. Ich habe Euch mehr zu danken, als ich damals ahnte." Meikemeier wollte abwehren, fand aber nicht die richtigen Worte. Und der Rabbi sprach weiter: „Meine Augen suchten an diesem ersten Sabbat nach dem Halte, den mir G'tt mitten im Wanken meiner Seele geboten, nach dem Voten, den er zu meiner Errettung erkoren hatte. Ich erblickte Euch, und wußte jetzt gleich: Ihr habt Amt und Stellung mir geopfert, das Leben für mich riskiert. Ihr seid Flüchtling wie ich. Es gehört Euch ein höherer Platz an dieser Tafel als mir ..." Meikemeier hätte es als Gnadengeschenk vom Himmel erachtet, wenn ihm ein Wort zur Abwahr dieser Ehrung und Anerkennung eingefallen wäre. Aber er fand keines. Erst nach längerer Zeit, als er nach aufgehobener Tafel und nach Sabbatende mit dem Rabbi allein war, fand er die Sprache für einige wenige Sätze: „Mein Lebensweg, Rabbi, führte durch ein Gestrüpp * von Irrtumern und Enttäuschungen, hie durch ei me Tat nicht ausgelöscht werden können. iNun aber hat mein Leben jeden Änhält verloren.!Was' mm?". ■ „Ihr habt vielleicht Kenntnis von der Talmudstelle, die davon spricht, daß sich I rrtüm er hUit b.. Berge hen iN V erd i e n st e w a n - d e l n > wenn ihnen mit einer großen' Tat ein! Ziel für immer gesetzt wird." „Diese eine Tat kann vielleicht Sühne sein, aber mein Leben für die Zukunft nicht ausfüllen. Ich habe die erste Lebenshälfte längst überschritten. Was hätte ich noch zu leisten, nachdem ich die Vergangenheit abgeschworen, aber in eine Zukunft, die an die jüngste Vergangenheit anknüpfte, kaum den Weg finden werde?" Der Rabbi verstand. Er sprach jetzt so klar und sachlich, als galt es, ein.einfaches Geschäft abzuwickeln, einen Pakt auf der Basis gegenseitiger Leistung zu schließen. „Eure Aufgabe ist nicht beendet, Es gibt noch mancherlei zu tun auf dem Euch und mir von G'tt gewiesenen Wege. Wir wollen ganz deutlich reden. .Mit meiner Errettung ist. nichts erreicht. Hunderttausende drüben leiden nach wie vor, und' es leidet die heilige Thora.: Man 'kann sie acht ins Gefängnis sperren und nicht an die Wand stellen, aber sie wird doch so geschändet und verfolgt, daß wir für eine kommende Generation schwer besorgt sein Müssen. Ich darf den Kamps —mcht ein Kampf gegen die staatliche Ordnung in Rußland, aber den Verteidigungskampf für die Thora, für das Kind — nicht aufgeben. Ich bin entschlossen, die Welt in Bewegung zu setzen, nicht gegen den Staat, der in falscher Auffassung der Freiheit, Menschen die Möglichkeit gibt, andere in die Ketten der Unfreiheit zu schmieden, aber gegen jene entarteten Söhne jüdischer Mütter, die sich gegen G'tt und seine Lehre auflehnen und allen, die zu G'tt halten, Vernichtung geschworen, muß die Welt aufgeboten werden. Ich gehe, kurz gesprochen, nach Amerika, wo ich wahre Freiheit gegen jette Unfreiheit einzusetzen hoffe. Ihr geht mit mir dahin. Ihr seid ein Mann von Krafft, mit der Erfahrung der Tat und der Enttäuschung und ''im Besitze des lebendigen Wortes. Ihr werdet mit mir die Arbeit der Aufklärung, der Aufrüttelung leiten. Dazu ruft Euch G'tt! - Meikemeier 'schwieg eine Weile. Er kämpfte schwer mit sich. Dann aber fragte er: „Wann soll die Reise dahin gehen?" „In etwa vierzehn Tagen gedenke ich, mich mit Hilfe G'ttes im Hafen von Libau einzuschisfen." '' „Ich habe einen Besuch dör alten litauischen Heimat gelobt. Ich will mein Gelübde jetzt einlösen und mich dort mit mir selbst und denen, die mir nahestehen, beraten. Bis dahin muß ich den Rabbi um Bedenkzeit bitten." Sonntag riß sich Meikemeier von den ihm zugedachten Ehrungen — ein Abglanz des großen Rabbi war auf ihn gefallen — los, und fuhr über die litauische Grenze der alten Heimat zu. xxv. Ein Fremder in der Heimat, stieg er aus dem Dampfer, der noch so schön und-so weiß war wie vor dreißig Jahren, aber nicht mehr „Frumkin" hieß, sondern „Litwia", ein Symbol des neuen zum Staatsleben erwachten Litauen, das jetzt auch den Njemen beherrschte. Zollbeamte, deren Beamtencharakter nur durch die Kokarde auf der Mütze angedeutet war, die aber, wie damals und immer, in zerlumpter Kleidung steckten, stocherten im Gepäck herum und prüften Pässe, die sie nicht lesen konnten. Auch ein Symbol der neuen Staatshoheit! Meikemeier war wieder in der Heimat. So kahl und grau und arm war alles, aber es trug einen eigenen glänzenden litauischen Adler. Dieser Adler schwebte und leuchtete über die graue Armut der Straße wie ein Kinderballon, der sich von der kleinen Hand'losgelöst hat und, bar aller Bindungen, sich ist die. hohen Lüfte erhob. Wahrscheinlich um zu zerschellen. dachte, der Ankömmling, ohne Freude und ohne Bedauern. ' ... ' Die Sändebene vor dem - Fluß, „Sarde" genannt-'war noch voller Stoppeln, Schuft, und Geröll. Da wo die Gräser etwas höher schössen und sich eine kleine Öase in der Sandwüste bildete, weideten Bauernburschen Schweineherden und warfen mit Steinen nach jüdischen Jungen. Ganz wie damals. Es konnten die gleichen Burschen, die gleichen Schweine, die gleichen Steine und die gleichen erschrocken davonlaufenden jüdischen Kinder sein. - Zu Eingang des Städtchens brütete in der warmen Sonne der persumpfte Bach, ein gelbschlammiges Abwasser vom Njemen, in dem die Srösche-uwie ihm schien-^seit dreißig Jahren das gleiche Lied quäkten. Er/hüpfte an einer schmalen Stelle Hinüber, genau so wie er es als Kind immer mit, Wonne im Wettspringen'mit Spielgenossen getan hatte. Er war im Städtchen. Die Häuschen unteman der Peripherie waren noch kleiner, noch grauer -geworden, Schindel¬ und Strohdächer wären! vornüber geneigt, wie der schwere Kopf eines altersschwachen Greises.' Am Hause von Leibe, dem Schneider, sprang eine Ziege das niedere Strohdach an und fraß mit Genuß die gelbbemoosten Strähnen. War das die Ziege von Wolf, dem Milchhändler, die im Leben seiner Kindheit eine gewisse Rolle spielte? Aus dem Häuschen schauten ganz fremde Gesichter. Es'klapperte keine Nähmaschine^ wie damals, zum offenen Fenster hinaus. „Wohnt hier nicht Leibe, der Schneider?", fragte er einen barfüßigen Jungen. Dieser schüttelte den Kopf, hatte den Namen nie gehört. Eine alte Frau aber zuckte die Achseln und wies mit der Hand nach dem Baume auf dem Hügel am rechten Stadtende. Dort ruht Leibe vom Geklapper der Nähmaschine aus, dort liegt auch Wolf, „der Milchiger", dort lagen noch viele, die er suchte und nicht fand, seit vielen vielen Jahren... Die alte Frau aber, die er ansprach und die ihn interessiert musterte, hatte etwas im Auge, was ihn anheimelte, was die alten Erinnerungen aus einer verborgenen Ecke seiner Seele herauswühlte. „Ihr seid eine aus dem Städtchen?" fragte er, nur um einmal in dieser beklemmenden Stimmung mit einem Menschen ins Gespräch zu kommen. „Nicht ganz," gab die Alte mit einiger Würde zurück und zog ihr schwarzes Kopftuch tiefer über die ergrauten Haare. „Ich stamme von der anderen Seite, jenseits des Njemen, aus einem Hofgute, das wird Euch wenig interessieren." „Gelgudischkin!" entrang sich ihm aus der Brust, und das Wort hatte eine Wärme, die ihn selber erschreckte. Die Frau aber quittierte das Interesse dankbar mit einiger Auskunft über ihre Person. „Ihr kennt den Hof? Da ist nichts mehr zu sehen, ganz zerstört, erst die, Russen, dann die Deutschen. Mein Mann zog in den Krieg und kam nicht wieder. Flüchten mußten wir auch, bis Wilna hinaus. Wir kamen wieder. Häuschen und Hausrat drüben waren vernichtet. Wir wohnen seit ein paar Jahren im Städtchen, meine Kinder treiben kleinen Handel." „Marjafchka!" Er mußte schwer gegen sich ankämpfen, daß der Name ihm nicht über die Lippen kam. Aber es war nicht d i e Marjaschka, die ihm dreißig Jahre im Herzen saß, die er mit sich in der Seele auf dem ganzen Wege bis zum Kreml herumtrug. So wenig wie diese graue Straße mit dem Bilde zu tun hatte, das er vom Städtchen in seinem Herzen herumtrug. Er lief eiligen Schrittes davon, als fürchtete er, erkannt zu werden. Er mußte sich aber, wie aus innerem Zwang, noch einmal umdrehen. Die Augen im grauen, verwitterten Gesichte der Frau waren die alten geblieben. Tiefschwarz von dicken Wimpern beschattet. Wenn sie auf,schlugen, hatten sie jetzt noch den in die Seele leuchtenden Glanz von damals. Intakt gebliebene bunte Fenster an einer hinfälligen Ruine. Er ging weiter. Die Langestraße in der Stadtmitte hatte andere Häuser. Eine Feuersbrunst hatte hier, wie er. erfuhr, schon vor dem Kriege gewütet und ganze Reihen von Holzhäusern weggemäht. Neue, große Steinhäuser waren hie und da entstanden, an vielen Ecken zeugten aber noch Lücken und halbverkohlte Mauern vom Brandunglück. Nur links erhob sich noch in der Ferne, wo die Straße aufhörte, stolz und fremd die Zinne der katholischen Kathedrale zwischen den gewaltigen Linden und Kastanien, und rechts schloß die Langestraße ab mit dem einsamen üppigen Birnbaum vor dem weißen Häuschen, hinter dem die Totenstadt begann. Unten in der „Badegaß" standen noch die Häuschen und Baracken ohne . Reihe und Baustiel wie vom Winde zusammengetragen. Ihrer manche neigten den Kopf so tief, daß der Dachrand den Boden berührte. Hier war auch noch das kleine Schächterhäuschen. War es immer schon so klein, so grau, so hinfällig? Die erste Träne; kam ihm hier in die Augen und fiel auf den Heimatböden. Er trat durch den schmalen Flur. Hier pflegte der Eimer zu stehen, in den das Blut der geschächteten Hühner und Gänse aufgefangen wurde. Er trat in die Stube ein. Ein Klempner saß darin an einem wurmstichigen Tisch und hämmerte so eifrig an einer Blechkanne, daß er den Eintreten-

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