Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1931)
- Date
- 1931-12-03
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 40 Der Israelit 3. Dezember 1931 Tüssaurus pbxlosopIrlLUs lingua kebraica. Auctore , die inzwischen eingetretenen Fortschritte der Sprachfor- Jac■ Klatzkin, operis collaborator M. Zobel schl ng zur Geltung gebracht sind Dow tertia. Berlin 1930. Verlag Es c h k o 1 Von Klatzkins großem philosophischen Lexikon liegt der dritte Band vor, der voll und ganz erfüllt, was die beiden vorangegangenen versprochen haben, es umfaßt die Buchstaben i — j? Klatzkins Buch ist ein bereits unentbehrlicher Behelf für alle, die hebräisch-philosophische Werke lesen, denn sie werden die terwini technici nirgends so prägnant übersetzt und erklärt finden. Es scheint mir aber auch berufen, die hebräischen Schriftsteller unserer Zeit von unglücklichen neuen Wortbildungen und Sprachexzessen zu bewahren, indem es ihnen eine solche Fülle seit langem gebräuchlicher termini vermittelt, die wohl für alle philosophischen Begriffe ausreichen. Lieben. JVQK 7N2, Von Rabbi Schlome S a l m a n, Rabbiner in Neustadt-Sugindt. Herausgegeben vom Sohne des Verfassers, Samuel Jizchok Herschmann, Hamburg. (Teilfeld 7 und 8.) Gedruckt bei I. Jtzkowski, Berlin. Wir haben hier einen kompletten Kommentar zu den Sprüchen der Väter, der sich der großen Literatur zu diesem Mischnateile würdig einreiht. Die Erklärungen find oft weitläufig, wissen aber vieles anzuführen, was zum Verständnis der Mischna beiträgt und bilden, wo sie nicht gerade unbedingt den vva treffen, einen beachtenswerten Gedankenbau für sich. Die Einleitung ist eine Autobiographie des Herausgebers. Der Anhang unter dem Titel oixrr ’emn der agadischen Abhandlungen gewidmet ist, ist mit einer historisch interessanten Fußnote versehen, die wertvollen Aufschluß über eine Rabbinerversammlung in Petersburg im Jahre 5604 gibt. Wir behalten uns vor einiges aus der hier aufgez^'chneten Auseinandersetzung zwischen dem Führer der Rabbinerversammlung, Rabbi Jtschele Woloschiner, und dem antisemitischen Minister an anderer Stelle wiederzugeben. Das fowjelrufsische Eherecht. Unter besonderer Berücksichtigung des Eheauflösungsrechtes. Von Dr. jur. I. Magidsohn. Leipzig 1931. Theodor Weicher. Die Schrift bietet einen interessanten Einblick in die Regelung des Eheverhältnisses im Sowjetstaat. Die Gesetzgebung der Sowjets betrachtet die Ehe nicht mehr als Grundlage der Familie, da das Familienleben nicht auf der Abstammung aus einer vom Staate sanktionierten Verbindung, sondern aus jeder natürlichen Abstammung beruhen soll. Da somit die Ehe ihrer Bedeutung als Zelle des Staates entkleidet ist, verdient sie im Sowjetstaat nicht mehr das erhebliche Interesse, das sie bisher genossen hat. Daraus hat sich der Zustand entwickelt, daß die Ehe nunmehr nicht nur entkirchlicht, sondern in weitem Umfang auch entstaatlicht ist und die Verhältnisse zwischen Mann und Frau weitgehend der Privat-Autonomie unterworfen sind. Eingebung Ebe und Scheidung bedürfen zu ihrer Gültigkeit nicht nur nicht der kirchlichen, sondern auch nicht einmal der staatlichen. Mitwirkung; die Scheidung kann formlos schon von einem Ehegatten herbeigeführt werden. Es muß jedoch bemerkt werden, daß der Staat der alten, besonders in bäuerlichen Kreisen noch herrschenden Auffassung' insofern Rechnung trägt, als er seine Organe (Gericht und Registerbehörde) aus Wunsch zur Mitwirkung bei Eheschließung und Scheidung zur Verfügung stellt. Mit Recht kritisiert der Verfasser den mangelhaften Schutz, den die sowjetrussische Regelung der Scheidung der Frau gewährt, die als wirtschaftlich schwächerer Teil durch die schrankenlose Scheidungsfreiheit stark benachteiligt wird. Von der besonderen Gehässigkeit^gegen den Einfluß des religiösen Elementes auf das Eheleben zeugen besonders zwei Tatsachen: Für die zwecks Schließung einer Ehe notwendige Einigung der Parteien genügt jede Art der Willenskundgebung, selbst das tatsächliche Zusammenleben und sonstige konkludente Handlungen; von diesem Grundsätze gilt nur eine Ausnahme: die religiöse Eheschließung gilt nicht einmal als Ausdruck des Willens der Parteien, die Ehe zu schließen! Entsprechendes gilt für die Scheidung: auch die hierzu gehörige Willenserklärung kann von dem die Scheidung verlangenden Teil in jeder Weife, auch durch tatsächliches Verhalten, abgegeben werden. Nur die vor k i r ch l i =, chen Organen abgegebenen Scheidungserklärungen entbehren jeder Wirkung und sind vom Richter zu ignorieren. Im Uebrigen sind religiöse Trauung und Scheidung gestattet, wenn sie auch ohne Rechtswirkung sind. M.R. Hebräisches und aramäisches Wörterbuch zum Alten Testament. Mit Einschaltung und Analyse aller schwer erkennbaren Formen, Deutung der Eigennamen sowie der massoretischen Randbemerkungen und einem deutschhebräischen Wortregister. Von Dr. phil. theol. Eduard König, Ordentlicher Professor und Geh. Konsistorialrat in Bonn. . IV. und V. vermehrte Auflaae, Leipzig li/31. Dieteriche Verlagsbuchhandlung. Das bekannte 1910 zuerst erschienene König'sche Wörterbuch zum Alten Testament bedarf in wissenschaftlichen Kreisen keiner besonderen Empfehlung mehr. Die hier ’ vorliegende neue Auflage stellt im wesentumen eine Wiedergabe der ersten Auflage dar, nur daß in einem Nachtrag von etwa 15 Seiten bei einer Reihe von Stichworten Das Buch bringt zuerst die rein hebräischen Wörter des Tenach und fügt alsdann das Verzeichnis der aramäischen Wortbildungen an. Für prnktycbe Zwecke wird manchem das deutsch-hebräische Wörterbuch, das etwa 50 Seiten umfaßt, willkommen fein. Fm aramäischen Teil ist das ganze irgendwie bedeutsame Sprachmrleual, das in den aramäischen Texten von Assuan und Elephanthine gefunden worden ist, mitverarbeitet. Weltkrise — Welkwende. Kurs auf Staatskapitalismus. Von Karl Steuermann, Berlin 1931, S. Fischer Verlag. Unter den zahlreichen Neuerscheinungen, die dem Bedürfnis der Zeit nach Selbstbesinnung über die krisenhafte Entwicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse entgegenkommen, nimmt das vorliegende Buch einen hohen Rang ein. Es setzt sich zunächst in fünf Kapiteln mit den Ursachen auseinander, die zu dem jetzigen Zustand einer scheinbaren Ueberproduktion geführt haben und behandelt in diesem Sinne nacheinander den Aufschwung der Technik, über dessen geradezu märchenhafte Ergebnisse die meisten Menschen noch völlig im Unklaren sind, die Geschichte der Arbeitslosigkeit und des Lohnabbaus in den Industrieländern, die Folgen der Monopolbildungen und der Subventionspolitik, und wendet sich dann in einer fesselnden Darstellung den im Keim stecken gebliebenen Versuchen zu, die in Deutschland nach der Revolution zum Zwecke der Einführung einer Planwirtschaft einsetzten. Ein Kapitel ist dem interessanten Experiment gewidmet, das der Bolschewismus in Rußland versucht hat und das, wie jede eindringliche Betrachtung zeigt, für Westeuropa keinerlei Anwendbarkeit zeigt. Aus seinen Untersuchungen zieht der Verfasser den Schluß, daß der deutsche Kapitalismus sich nur noch eine Zeitlang halten könne, wenn man riesige Ersparnisse durch verwaltungsmäßige Rationalisierung, durch Verständigung über die Rüstungen, durch Neuorganisation des Bankwesens und internationale Bewirtschaftung der Kredite machen könne, daß aber eine wirkilche Behebung der Krise damit in'keiner Weise gegeben sein würde. Eine wirkliche Beseitigung würde die Umwandlung der auf dem Privateigentum beruhenden Weltwirtschaft zur Voraussetzung haben und diese Beseitigung kann ohne blutige Kämpfe kaum vorgestellt werden. Das Buch schließt also mit einem großen Fragezeichen. Der Verfasser ist Marxist und es läßt ich daraus vielleicht erklären, daß seine ganze Darstellung zwar die äußerlichen Probleme mit großer Schärfe erfaßt, daß er aber an den sittlichen Kern dieser ganzen Problematik blind vorübergeht. Ohne Erizehung der Menschheit zu jener Höhe der politischen Sittlichkeit, wie sie die jüdische Ethik, die Thora und die Propheten zeichnen, kann auch aus wirtschaftlichem Gebiete der Menschheit kein Friede werden. Jude oder Europäer. Porträt von Georg Brandes. Mit 8 Bildnissen. Von Henri Rath ans e n. Frankfurt a. M. 1931. R ü t t e n und Loening Verlag. An einer tiefen Zwiespältigkeit seines inneren Wesens krankte Georg Brandes und zerrieb sich daran. Der nicht genug zu preisende Literaturhistoriker, der mit einer geradezu nachtwandlerischen Sicherheit in Charaktere e kndrang und Dichtungen nicht nur erfaßte, sondern vom Embryo aus nachschuf, der zu Recht berühmte Geschichtsforscher, der in weitgespannter Konzeption und plastischer Meißelung Welten und Persönlichkeiten neu aufleben ließ, war ein unglücklicher Mensch. Gegensätze, die nicht durch das Band eines straffen, bewußten und ausgleichenden Willens zufammenaehalten und gezügelt wurden, stritten zeitlebens in ihm. Der eine: der der Geburt. Er war Jude, ohne je zu sehen und zu wissen, was es heißt und erfordert: Jude zu sein. Er war Däne seinem Heimatslande leidenschaftlich zugestammt — von ihm um seiner jüdischen Abstammung willen fauo,. zurückgestoßen und in seiner Bedeutung angefeindet Aus dieser Reibung entstand seine Verkennung, Verachtung, stark betonte Abkehr vom Judentum, dem er doch manche Quellen seiner menschlichen Art dankte: sein unerschrockenes, flammendes Eintreten für Gerechtigkeit, die verehrungsv.olle Liebe für seine Mutter und seinen unbestechlichen Wahrheitsdrang. Er war souverän und machtherrlich in der Welt des reinen Geistes und hatte doch hei-» ßen, bis ins Alter unstillbaren Lebenshunger nach Genüssen, die er aus der reinen Welt des Geistes heraus hätte verschmähen müssen, so nach Frauenliebe. Bald sagte er mit Hamlet: Wie ekel, schal und unerquicklich dünkt mich doch das ganze Treiben dieser Welt. Bald schwamm er seelenvergnügt mit im Strom dieser Welt, ließ sich bewundern, feiern, hätscheln. Die Darstellung, die hier ein jahrzehntelang Brandes treu ergebener und innig befreundeter Landsmann gibt, ist von großartiger Deutlichkeit, Schärfe und Eindrucksfülle. Mag man sie Porträt, Bild, Büste nennen: nichts an ihr ist starr und öde, nichts verlogen und kriecherisch, nichts gekünstelt und gepreßt. Ist sie Porträt, so wünschen wir, daß die Züge des Vielverkannten in Erkenntnis ihrer wahren Art der Allgemeinheit vertrauter und liebenswerter erscheinen sollen. Ist es Bild, so mag der Genuß der Erschütterung, die man bei der Betrachtung empfängt, eine schnellebige Gegenwart Zurückführen zu vertieftem Genuß eines der genialsten Werke von Brandes, der Haupt ström ungen der Literatur des 19. Jahrhunderts. Ist es Büste, so mag sich der Marmor beleben im Hauch echt menschlicher Teilnahme. - Die Wahrheitsliebe, ein Prinzip von Brandes und N a t h a n s e n , erheischt noch einige Worte. Die Untermauerung des hier aufgeführten Baus ist stellenweise zu stark und dick, nicht alles läßt uns in vollem Umfange unterschreiben, was der Autor der jüdischen Pincke zuschreibt, manchmal wohl andichtet. Der von ihm hochverehrte und hochgehaltene Zionism u s, der sogar Brandes eine denkwürdige, neue und anerkennende Auffassung von Juden gegeben hat, ist uns lieb und wert als Erwerber eines gewaltigen Selbstaufopferunostriebs um einer an sich edlen Sache willen, ir+ uns lieb und wert als Sprungbrett von Assimilation und Emanzipation zum Judentum. Aber um als Sprungbrett und vorläufige Brücke, nicht als Selbstzweck und Selbstziel, solange der selbstherrlichen Vergottung der menschlicken Kraft nicht die bedingungslose Anerkennung des g'ttlichen Gesetzes und der g'ttlich befeuerten und geleiteten Kraft als Fundament und zugleich Kuppel des Baus der jüdischen Zukunft in Erez Jisroel vorangeht. Die Ausstattung des Buches macht dem rühmlich bekannten Verlag in allen Richtungen hohe Ehre. Sp. Wellabenleuer im Dienst. Von Winston S. Churchill. Leipzig. Paul List Verlag. Churchill ist uns nicht unbekannt, hat er doch als Kolonialminister 1922 jenes Weißbuch oorgelegt, das für die Interpretation der Balfourdeklaration und für die politische Ausgestaltung des binationalen Gemeinwesens in Palästina von Bedeutung geworden ist. In dem vorliegenden Buch kommt Churchill der Mensch und nicht der Politiker zu Worte. Dieses einer neuen Generation gewidmete Buch, in welchem der ehemalige Kolonialminister von seinem Leben plaudert, ist von eigenem Reiz. Die freie Sprache, die erfrischende Unmittelbarkeit, Anschaulichkeit und Natürlichkeit, mit der er zu erzählen weiß, dazu die geistvolle aus seinen Jugendschriften bekannte Art, zu angenehmen wie unangenehmen Dingen, die ihm in den 30 Jahren von seiner Geburt bis 1904 begegnet sind, Stellung zu nehmen, machen das Buch, das weder mit dem Anspruch aus politische Geltung, noch mit dem Vorhaben, große Geheimnisse zu enthüllen, an uns herantritt, zu einem ästhetischen Genuß. Fern von jeder wissenschaftlichen Prätention und langatmiger Ausführlichkeit ist es eine gute Lektüre für Jugendliche und für die Erwachsenen, eine in ihrer Schlichtheit doch beredte Kundgebung für das Menschliche gegen den Krieg Aller mit Allen, wie er ihn erlebt hat. Eine verklungene Zeit spricht zu uns und Churchill tut nichts, um das Ergreifende, das jeder in diesem Sinne posthumen Veröffentlichung anhastet, zu verwischen. Wir atmen die Lust des viktorianischen Zeitalters und der wilhelminischen Aera. Wir sehen die Militaristen unzufrieden und die Jungen trauernd, weil im Zeitalter der Humanität keine richtigen Kriege mehr geführt werden können. Wenn wir die Freuden und Kümmernisse des damaligen Hochadels und der Hochfinanz in England kennen lernen, dann fragen wir uns erstaunt, ob seitdem wirklich nur 40 Jahre vergangen sind. Wenn wir hören, daß damals ein Schiff auf der Fahrt über das Mittelmeer 14 Tage lang von aller Welt abgeschnitten 'und ohne alle Nachricht über die notwendigsten Ereignisse dahinfährt, da kommen wir uns steinalt vor. Da war eine Zeit, in der der deutsche Kronprinz des Abends Kopfkisfenfchlachten mit den englischen Vettern ausfocht, es war eine andere Zeit. In dieser Melodie weiß Churchill auch andere Töne erklingen zu lassen: Feine Ironie und ernste Satire über die Zeit und die Menschen, die ihm manchmal schwer zu schaffen machten. Er spricht von der Religion in der konventionellen Form, wie er sie in seiner Kindheit kennen gelernt, als von einer Geldquelle für die jungen Leute, die immer was brauchen und nie was haben, und ebenso ehrlich über nationale Blamagen, deren eine, die Tirahexpedition in Indien, er mit der bitter ernsten Glosse versieht „jedenfalls war nach Ablauf von 14 Tagen das Tal eine Wüste und der Ehre Genüge getan." Aus Konvention und Chauvinismus ringt er sich zur Humanität durch. Der Ertrag eines langen, gut genutzten Lebens wirkt sich bei der Rückschau auf die ersten drei Jahrzehnte in wahren und schönen Beobachtungen aus. Der tiefe Sinn für das Walten des Schicksals, für die Geringfügigkeit dessen, was der Mensch und was Völker tun können, um es sich gefügig zu machen, und der Ton reiner Frömmigkeit, die aus solcher Erkenntnis erwächst, vereinigen sich zu der Mahnung an die Leser: „Laßt uns die Lektionen lernen, die uns das Leben gibt!" Das ist es, was auch uns an dem Buch liebenswert erscheint, wenn es auch nichts spezifisch Jüdisches enthält. Von Begegnungen mit Juden und von seiner Stellung zur Judensrage enthält dieses Buch leider nichts. Sein Leben und seine Persönlichkeit bieten eine Gewähr, daß er dazu noch etwas zu sagen hat. Jedenfalls läßt sich nicht aufrechterhalten, was der Führer des Unterhauses, Balfour, eines Tages über den jungen Churchill sagte: „Ich hatte ihn für einen vielversprechenden jungen Mann gehalten, aber es scheint, daß er nur ein viel versprechender junger Mann ist." E.