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Der Israelit · 1931-12-03 · Heft 49 (3.12.1931) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 49 (3.12.1931)
Date
1931-12-03
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Das Buch Zirmejahu. Verdeutscht von Marlin Buber. Berlin, Verlag Lambert Schneider. Besprochen von Joseph Earlebach. Es ist unmöglich, jedesmal, wenn ein neuer Band Dieser Bibelübersetzung erscheint, noch einmal die ungeheure Arbeitsleistung, die ganze Summe der in sie hineingesteckten Gedanken und Empfindungen hervorzuheben, wo jedes Wort überlegt, jeder Buchstabe gewogen, wo das visuelle Satzbild genau so ernst in Betracht gezogen wie der Klang und Schall des gesprochenen Wortes, wo jede Wendung siebenfach geläutert, im Schmelztiegel der Kunst von jeder Schlacke gereinigt, wo jedesmal der Sinn originell aus philologischem und religionsok'ilosophisckem Gewissen geschöpft, wo die Disposition des Ganzen selbständig überprüft und wieder neu herausgestellt worden qr. Es kann u. E. kaum eine interessantere Lektüre geben als diese Bibelübersetzung. Jede Zeile ruft bei dem denkenden und selbständigen Leser die geistigen Kräfte auf, noch einmal sich die Bibelstellen anzusehen und sich mit der Auffassung der Uebersetzer auseinanderzusetzen. Aber auch das sprachlichkünstlerische Gefühl wird mit jeder Wendung herausgesordert, zustimmend oder ablehnend die immer reizvolle und originelle Neufassung der Gedanken zu werten. Buber und Rosenzweig haben sich für ihre Bibelübersetzung ein eigenes Sprachlexikon geschaffen. Es ist infolgedessen jede Wiederanwendung ihres Idioms eine neue Kraftprobe, ob ihre Wahl glücklich, ob sie durchführbar ist durch das Ganze des biblischen Textes. Da nun erhebt sich bereits die eine Schwierigkeit, daß doch der Bibeltext nicht einer Zeit entstammt und nicht eine einheitliche Stilprägung besitzt. Je weiter sich die Sprache entwickelt, müssen notwendig die alten Ausdrücke abgegriffener, gängiger, weiter von ihrer Urquelle abgelöst mnd ihres Ursinnes entkleidet empfunden werden. Will man immerhin zugeben, daß die ältesten Epochen das Wort in seiner etymologischen Urbedeutung noch empfanden, so ist es klar, daß die späteren Perioden, die zeitlich der Sprachschäpfung obliegen, auch innerlich die Sprache, die seit Jahrhunderten gesprochene, von allen benutzte und mechanisierte Denkform, nicht mehr im Ursinn empfinden konnten. Hier wird nun die starre Prägung der Uebersetzung höchst problematisch. Je später also die Entstehungszeit des betreffenden Buches ist, um so fragwürdiger wird die Berechtigung der Uebersetzer, die Versteinerung der Formen im Fluß des lebendigen Lebens uns suggerieren zu wollen. Die Bibel gleicht den großartigen Bauwerken des Miüelalters, deren Entstehungszeit sich durch Jahrhunderte hindurchzieht, an der jede Generation in ihrem' Stile anbaute und Zutaten anfügte, aber mit jenem künstlerischen Instinkt, daß aus dem Ziele und Zweck des. Ganzen sich jeder neue Teil doch wieder künstlerisch in das Ganze eingliederte. Vubers Uebersetzung aber behandelt das Ganze wie aus einer Vauperiode mit unwandelbaren Stilgesetzen entstanden, ja sogar die Rustika des Unterbaues, die gewachsenen Felsteile, die in den Gesamtbau mit verschmolzen sind, müssen bei ihm sich ebenfalls dem Meißel und den architektonischen Stilformen mitunterwersen. Wir glauben, daß deshalb gerade das Buch Jirmijah eine schwere Klippe für Bubers System darstellt. Während die Sprache des Jesajas, diese in Marmor gemeißelte Gedankenpoesie, in ihrer plastischen Fülle, aber auch zugleich in ihrer plastischen Schwere und Körperlichkeit, der glücklichste. Vorwurf und das beste Material für die reliefartig-anschauliche Buber'sche Konzeption gebildet hat, ist Jirmijah in seinen wichtigsten und bedeutsamsten Partien in so weicher, flüssiger Sprache gehalten, herrscht in ihr eine so natürliche, nachgiebige Weise des Ausdrucks, daß sie darin aus das lebhafteste mit der jef manischen Art kontrastiert. Die Not und das Elend, die Angst und das Entsetzen, die Verzweiflung und Trauer, das tränenvolle Mitleid und die väterliche Liebe, die alle Jirmijah durchgekostet und empfunden hat, sie lassen in ihrer affektvollen Bewegtheit, in ihrem seelischen Ungestüm, der den Propheten selbst übermannt, nur den schlichtesten, einfachsten sprachlichen Ausdruck zu. Wenn ein Haus brennt, dann kann man nicht in Versen zur Rettung aufrufen. Wenn ein Mensch in seiner Qual zerschmilzt, dann kann lediglich der Naturlaut das Echo seiner Seele sein. Wenn Jesajas Wendungen wie die Falten einer Statue sind, so ist das Sprachgewand Jirmijahs so weich und wechselnd anschmiegend wie der Wurf eines natürlichen Kleides bei der stürmischen unruhigen Bewegung des Trägers. Diesem Naturlaut Jirmijas wird die Uebersetzung nicht gerecht. Während Jirmijas Reden ein wirklicher Spiegel all der Höhen und Tiefen seelischer Erschütterung vom Untergang Jerusalems sind, in dieser ihrer Unmittelbarkeit hinreißend und aufwühlend, wird dasselbe Buch in der Buber'schen Uebersetzung gedämpft und gemäßigt weil es aus der Weihe der künstlerischen Mäßigung und Festung hervorgegangen ist. Dadurch wird gerade an entscheidenden Partien der, Eindruck zu musikalisch, zu harmonisch und deshalb dem Jirmijah-Kenner fremd. Nur wenn Jrimijah seine Völkerreden in der überlegenen Selbstgewißheit des G'ttesmannes, in dem obsiegenden Gerechtigkeitsgefühl dessen, der im Rate des Ewigen gesessen, hält, und da seine Sprache Würde und Maß und glatte Formung erhält, ist auch Buber in seiner Uebersetzung in seinem Element. Dort trifft er und erhascht jenes flüchtige, nicht zu kennzeichnende Etwas, was zugleich das Typische und Charakteristische jener Rede ausmacht. Um an einem Beispiel es zu illustrieren, wählen wir etwa den Vers 22, io-. Nimmer weint um ihn der tot ist, nimmer nicket um den, weinen sollt ihr, weinen um ihn der davongeht, denn nie mehr wieder sieht das Land er seiner Geburt. Unseres Erachtens müßte es heißen: Weinet nicht um den Toten, und klagt nicht um ihn, weinet, ja weinet um den, der fortzieht, denn nimmer kehrt er und sieht das Land seiner Geburt. Wenn »tu" wirklich in der Urbedeutung „nicken" hieß, so hat es u. E. zu Jirmijas Zeit längst diesen Sinn eingebüßt. Oder im selben Kapitel der Satz 13: Weh ihm, der sein Haus ünwahrhaft baut. Es ist eben nicht möglich, mit dem Begriff „zedek" als „Wahrhaftigkeit" durchzukommen. Ost verliert durch eine leise Umstellung der Satz an oer ungeheuren Kraft, mit der bestimmte Begriffe herausgeschleudert sind. So in der einzig schönen Tempelrede in Kapitel 7, wo Buber übersetzt: Ist dieses Haus, über dem mein Name gerufen ist, in euren Augen zur Räuberhöhle geworden?! Wohl, auch ich sehe es so an. — Sein (Erlernten. — Der Text müßte lauten: Ist eine Räuberhöhle geworden dieses Haus, darüber mein Name gerufen ist in euren Augen? Auch Ich habe gesehen, spricht G'tt. Bubers „wohl, auch ich sehe ich es so an," ist gegenüber dem Bibelwort zu deutlich, daher die einfache Verbform ohne Objekt und adverbielle Bestimmung viel kraftvoller. Wir würden ferner das tu vna statt mit „ackert euch einen Acker" mit „neuet euch einen Neubruch" übersetzt haben. Oft stört uns eine zu große wissenschaftlich^ Genauigkeit: der Mastixbalsam oder die Zerastenschlange, u. a. m. Wir glauben nicht, daß die Wildesel krokodilgleich nach Luft schnappen, sondern wie Schakale. Eine Form: „ein Loch graben sie ja meiner Seele," oder: „die Schleppen aufstecken übers Angesicht," scheint uns unmöglich. Nicht richtig scheint uns übersetzt: bin ich ein Nahgott nur und ein Ferngott nicht auch? während es heißt: bin ich denn ein Gott der Nähe und nicht ein Gott der Ferne? Aber das ist eben Wesen dieser Uebersetzung, daß sie durchaus nicht selbstverständlich ist, daß man sich beinahe zu einem lebendigen Gegenüber mit dem Verfasser versetzt fühlt und mit ihm Wort um Wort seiner Arbeit besprechen und durchdenken möchte. So dient Buber jedenfalls in ganz außerordentlicher Weise der Erweckung des Verständnisses, der Liebe und Beschäftigung und Versenkung in die Bibel. Daher: nehmt alles nur in allem, es ist ein Großes und Gewaltiges um diese Bibelübersetzung. Bücherbesprechungen. Archiv für Religionspsychologie und Seelenführung, herausgegeben von Werner G r u e h n. Fünfter Band. Leipzig. 1930. Verlagsbuchhandlung Eduard Pfeiffer. Die Religionspsychologie ist eine junge Wissenschaft, die no^> um ihre Anerkennung in der Oeffentlichkeit ringt. Sie hat einen besonders energischen und großzügigen Vertreter in dem Dorpater Professor G r u e h n gefunden, der in seinem wissenschaftlicken Seminar eine Art internationale Zentrale für das gesamte Forschungsgebiet geschaffen hat. Man hat bisher den Fragen der Religionspfychologie in religiösen Kreisen wenig Beachtung geschenkt. Der religiöse Mensch fühlt in sich eine innere Befriedung und Sickerheit, so daß er nach der Analyse seiner religiösen Gefühle und der Erkenntnis ihres Entwicklungsgangs kein Verlangen trägt. Die Religion war ihm wohl auch ein zu zartes und intimes Geheimnis, als daß er gern es zergliedert und zerpflückt hätte. Erst die neuere Zeit mit ihrer um sich greifenden religiösen Blindheit, der Verkrampfung der Menschen gegenüber der Macht des Religiösen läßt die Frage in den Brennpunkt des Interesses rücken: wie reagiert die Seele im Religiösen? Wie kommt die Religion bei dem einen zu sv ungeheurer Macht und Entfaltung, wie konnte siebet dem andern so wirkungslos bleiben? Vor allen Dingen für den religiösen Erzieher und Seelsorger werden diese Fragen von immer aktuellerer Bedeutung. Oft haben Taaesereignisse mit ihrer sensationellen Erregung so entsetzliche Untiefen im seelischen Leben unserer Gegenwart gezeigt, daß man schaudernd vor ihnen zusammenschreckt. Andererseits hat die Psychologie derartige Fortschritte gemacht durch die Analyse des Unbewußten, durch das Studium des Seelenlebens der genialen Menschen,, durch die Aufdeckung der Besonderheiten in der Struktur und typischen Verschiedenheit geistiger Reaktivität, daß die Auswertung all dieser Ergebnisse für die Spezialfragen des Religiösen ein dringendes Erfordernis der Zeit ist. Dre Verlag von Eduard Pfeiffer gibt jetzt seit Jahren sowohl Monographien über dieses Gebiet als auch dach Archiv für Religionspsychologie heraus. Der fünfte Band mag uns ein Beispiel sein, welche Themen hier behandelt und welche Aufklärungen uns dadurch gegeben werden können. Erstens wird darin an drei Beispielen das innere Leben von Menschen, die ganz und

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