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Der Israelit · 1931-12-03 · Heft 49 (3.12.1931) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 49 (3.12.1931)
Date
1931-12-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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SS» Schabbos Ehanukah im Walde. (Einer Geschichte von Ben, Ami nacherzählt.) Von . . / ' '/ I. Der Zaddik Rabbi Awrohom. In einem russischen.Städtchen lebte vor vielen Jahren ein berühmter . Zaddik-, Rabbi Arvrohom mit Namen. Erzeichnete sich durch eine, unendliche Herzensgüte und -seine Liebe für alle lebenden Wesen aus. Auch bei dem kleinsten Geschöpfe vergaß er nicht, daß es-das Werk »des allmächtigen G'ttes fei; so achtete er gewissenhaft darauf, nie auf Gras zu treten, damit er nicht etwa ein Käferchen mit seinen Füßen zerdrücke. Eine geläufige Redensart , war in feinem Munde: „Wie dürfen wir es wagen, das Dasein irgend eines Geschöpfes zu zerstören,- wo es doch nicht in unserer Macht liegt, ihm-sein Leben wieder zurückzuschenken? Wie dürfen wir 'uns unter- ■ sangen, ein Hälmchen zu vernichten, wo wir doch nicht imstande sind, irgend etwas ihm Aehnliches zu bilden? Wenn sich auch alle Weisen von Ost und West vereinigten, ist es ihnen etwa möglich, eine kleine Mücke zu schaffen, ein Blatt oder eine Knospe?" Apf das kleinste Lebewesen, auf.jede sprießende Pflanze pflegte er voll Freude mit dem Finger zu weisen: „Wie wunderbar schön ist doch alles, was G'tt in seiner Welt erschaffen hat!" Und ogleich er berühmt war, und die Leute zu Tausenden zu ihm strömten, war er sehr arm, denn er nahm von seinen Chassidim weder Geschenke noch Geldunterstützungen, im Gegenteil, er gab noch seine letzte Kopeke den Armen. Ein Drittel von allem, was er verdiente, pflegte er für gute- Zwecke auszugeb'en. Es war ihm unmöglich, die Not irgend eines Menschen mitanzusehen. Aber auch die Schmerzen aller anderen lebenden Wesen gingen ihm zu Herzen. Fand er im Freien einen Vogel mit gebrochenem Flügel, dann war es selbstverständlich, daß er ihn mit nach Hause nahm und ihn pflegte, bis er wiederhergestellt war. Alle.Menschen verehrten-daher auch den Rabbi Awrohom, und sogar die nichitjüdischen Gutsbesitzer wandten -sich oft mit Mat-an rchn.u! Er-aber nahm alle mit.derselben. Freundlichkeit aus.-. - Hatte ein Gutsherr irgendeine Streitigkeit mit einem Juden,, dann verlangte er stets, Rabbi Awrohom sollte der Richter sein/denn -er wußte wohl/ daß/er nirgends, gerechteren- Urteilsspruch finden könne. Und oftmals sogar mußte Rabbi Awrohom Schiedsrichter, zwischen zwei nichtjüdischen Parteien sein. Zu jener Zeit aber war es Sitte, .den- Richter zu bezahlen,, und zwar pflegten Kläger und Ankläger, nachdem der Urteilsspruch erfolgt war/ eine.angemessene-Summeauf den Tisch zu legen. .Da geschah es einmal, daß Rabbi Awrohom einen Rechtsstreit zwischen zwei mächtigen Gutsherrn zu schlichten hatte. Es handelte sich um das Eigentumsrecht auf einen zwischen beiden Gütern gelegenen Wald. Die Spache war sehr verwickelt, und Rabbi Awrohom verbrachte mehr als einen halben Tag damit, den Streit beizulegen. Endlich war alles erledigt, und das Urteil zur Zufriedenheit der beiden Herren gefällt: darauf legten sw beide je ein goldenes Zehnrubelstück auf den Tisch. Als.Rabbi Awrohom die beiden Goldmünzen auf dem Tische sah, gab er sie mit den Worten zurück: „Ich kann nicht herausgeben." „Aber ihr braucht doch nicht herauszugeben," riefen die beiden Herren #011 Verwunderung, „das ganze Geld gehört euch,"ehrwürdiger Herr Rabbiner." „Nein, meine > geehrten Herren," wehrte sich Rabbi Awrohom, „das ist viel zu viel, viel zu viel." „Aber das ist doch nicht viel," beharrten die beiden Gutsbesitzer, „es ist sogar wenig, einem unserer Rechtsanwälte hätten wir den fünffachen Betrag bezahlt, und das Urteil wäre doch nicht so gerecht gewesen." Rabbi Awrohom jedoch wollte unter , keiner Bedingung die Goldmünzen annehmen und behauptete, daß ihm von jeder Seite nicht mehr als zwanzig Kopeken gebühre. Und trotz allem Drängen gab er nicht nach. Da rief einer der Gutsherren :„Dann, Herr Rabbiner, gebt doch den restlichen-Betrag der Synagoge oder den Armen." : Mein," antwortete Rabbi, Awrohom, „wenn > ich das-Geld den Armen oder der Synagoge gebe/ dann rechnet man mir die verdienstvolle Tat zu/ das Geld aber gehört doch nicht mir, sondern Ihnen. Wenn Sie dies also wollen, dann geben Sie doch das Geld persönlich für gute Zwecke:" Und so geschah es auch. Sie riefen den Vorsteher der Gemeinde und gaben ihm den Restbetrag, und Rabbi Awrohom bekam von jeder Seite nur zwanzig. Kopeken. , . ■ >- > v. Ein. wichtiger Zug-feines Charakters war auch, daß er unter keiner Bedingung erlauben wollte, daß man auf Reisen das Pferd zur Elle antrieb. Erhob der Fuhrmann -einmal seine Hand, das Pferd mit der Peitsche zu schlagen, dann fiel ihm Rabbi Awrohöm in den Arm und flehte ihn an, einem lebenden Wesen kein Leid Zuzufügen. Ja, es fiel ihm sogar schwer, mitanzusehen, wenn der Kutscher das Pferd mit harten Worten zur Eile-antrieb. „Warum fügst du diesem unglücklichen Geschöpfe Schmerzen zu," pflegte er den Fuhrmann zurechtzuweisen. „Das arme Tier strengt sich an, um uns mit seinen letzten Kräften zu ziehen. Wahrlich, es fällt ihm nichtleicht, sieh, wie es den Nacken beugt, und welches Elend aus seinen Augen schaut." Mit seinem eigenen Los aber war er immer zufrieden. Und als ihn -einmal ein glühender Anhänger fragte, wie er ihm seine Armut-erleichtern könne, da fragte ihn Rabbi Awrohom voller Erstaunen: „Mir fehlt etwas? . Aber was denn? Dem Schöpfer fei Lob und Dank, ich habe alles. Mein Schabb-osgewand ist noch gut erhalten, und auch meine Frau braucht sich ihrer Schabboskleider nicht zu schämen. Für Brot in der Woche und die Bedürfnisse zu Schabbos sorgt der Allmächtige auch immer, also was brauche ich noch?" Bei feinen--Reisen - hatte. Rabbi Awrohom ständig denselben Kutscher, Reb Leib mit■ Namen, ein einfacher!-Jude, der nicht mehr-Mutzte,'als istfeinem Gehetbuche-die täglichen-Gebete zu lesen. Trotzd.em>'ibehandelte! ih-n: Rabbi Awrohom stets rW'der.Möß-tm' Ehrerbietung/ ' - - -Sah er; daß Reb Leib 'ermüdet war, oder daß der Schlaft, ihn übermannte,: dann, überredete er ihn, sich in den Wagen zu fetzen. War es kalt, hüllte er ihn auch noch warm ein. Die Zügel nahm er dann selbst in die^ Hand, -die Pferde aber ließ er gehen, wohin sie wollten. Auf die Pferde achtete er überhaupt mehr als Reb Leib: Ging es berganso stieg er aus dem Wagen?-War der Weg schlecht, so schob er den Wagen noch von hinten. Oftmals -aber.ließ.--er Reb Leib, anhalten, um d-ie Pferde: grafen-zu kaffen. Diese Fahrtunterbrechungen liebte er sehr:- Die Pferde ließ er weiden. Er selbst/aber fetzte sich unter einen Baum undi vertiefte .sich in e-in Buch. Das war für ihn immer ein ganz besonderer Genuß und ’ er pflegte zu sagen, daß Feld und Wald einganz besonders reines und prächtiges G'ttesheiligtum feien. ■; / II. ’ Das Lhanukahwunder. Es war einmal am Erew Schabbos Chanukah. Rabbi Awrohom war auf Reisen gewesen und die Donnerstag Nacht hatte er in einem Gafthaufe nahe seines Heimatstädtchens verbracht. . Er hatte sich am Freitag noch vor Tagesanbruch auf den Weg gemacht. Der Weg, der.vor ihm lag, betrug noch ungefähr fünfzehn Meilen. Bei gewöhnlicher Fahrt bedeutete dies eine Reise von weniger als zwei Stunden. Gestern noch waren die Wege voller Schlamm gewesen, in der Nacht jedoch hatte es gefroren, fo daß der ganze Weg mit einer.Eisschicht bedeckt war. Zu Anfang gingen die Pferde sehr gut. Plötzlich jedoch schlug das Wetter um. Ein warmer Wind erhob sich. Am Himmel ballten sich schwarze Wolken. Das Eis schmolz rasch, und als auch noch ein feiner Regen zu rieseln begann, war nach einer halben ,Stunde her Weg so aufgeweicht und schmutzig, .paß die Pferde kaum vom Fleck kamen. Alle fünf Minuten mußte man anhatten, um die Pferde etwas verschnaufen zu lassen und Ne Wagenräder vom größten Schmutze zu befreien. Auf diese Weise kcust man natürlich nicht weiter. Aber, was Lun? Der Weg schien sich noch endlos auszudehnen. Es war schon fast Mttag und sie hatten erst acht Mellen zurückgelegt. Die Pferde wurden immer müder. Rabbi Awrohom, seiner Gewohnheit getreu, verlangte, daß man auch heute inmitten des Weges einen Aufenthalt machen solle, um den Pferden etwas Ruhe und Futter zu gönnen. Reb Leib stimmte zu. Danach legten sie mit Anstrengung drei weitere Mellen zurück, und die Stadt war noch höchstens vier Meilen entfernt. Der Weg war aber so schlecht geworden, daß man ihn unmöglich befahren konnte. Die Pferde waren ganz erschöpft vor Anstrengung. Ihr Körper dampfte und sie konnten sich kaum weiter schleppen. Reb Leib begann mit aller Kraft, die Pferde anzutreiben, aber Rabbi Awrohom wollte es nicht-zulassen. „Willst du vielleicht, daß wir hier in der Einöde Schabbos feiern, Rabbi!", rief Reb Leib scharf und betrachtete sorgenvoll den Himmel. „Und warum nicht?" entgegnete ruhig Rabbi Awrohom. „Vesser hier Schabbos zu hatten, als diese unglücklichen schwachen Geschöpfe zu Tode zu quälen. Siehe, wie die armen Tiere leiden, und wie schwer ihnen jeder Schritt fällt." Reb Leib antwortete nicht mehr und ließ die Pferde gehen, wie sie wollten. Auf diese Weise legten sie mit großer Mühe noch ungefähr eine halbe Meile zurück, dann aber standen die Tiere still, um zu schnaufen. „Weißt du, mein -lieber Reb Leib," wandte sich Rabbi Awrohom an seinen Kutscher, „wir werden hier einen Aufenthalt machen, die.-.Pferde können keinesfalls weiter." . . „Aber das ist -doch unmöglich, im Winter mittest auf dem /Wege Schabbos zu feiern!" „Ich meine ja auch nicht mitten tm Wege, dehe, keine Meile von hier beginnt ein Wald. Fahren wir bis dorthin und suchen im Walde Schütz." . „Aber wir werden dort sicher vor Hunger und Kälte.sterben," ereiferte sich Reb Leib. „Ein halber Laib Brot ist alles, was wir noch bei uns haben." „Aber weiter zu fahren ist auch unmöglich, siehe, die Pferde sind halbtot. Wir haben -ihre Kräfte schon bis aufs äußerste ausgenutzt, es ist scheinbar so der Wille des allmächtigen G'ttes," sprach ruhig Rabbi Awrohom. „Aber Schabbos, Schabbos im Walde, wie ist das möglich, Rabbi? Und hast du etwa vergessen, daß heute der erste Abend Ehanukah -ist. Kein Schabboslicht, kein Ehanukahlicht, wie denkst du dir denn das?" „Sorge dich nicht, lieber Reb Leib, die Königin Schabbos wird auch hier bei uns fein. Sie kommt an jeden Ort, wo ein jüdisches Herz sie -in heiliger Liebe empfängt. Und was uns beide anbelangt, so wird der allgegenwärtige G'tt schon dafür sorgen, daß uns nichts Schlimmes geschieht, und wir denheiligen Schabbos Ehanukah in Freuden feiern können." Reb Leib antwortete nichts mehr und lenkte demütig die Pferde in die Richtung des Waldes. (Fortsetzung folgt.) f,

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