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Der Israelit · 1931-09-24 · Heft 39-40 (24.9.1931) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 39-40 (24.9.1931)
Date
1931-09-24
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Fruillew» Vellage nr.39'40 Meikemeiers Weg zum Kreml. ■MSSäfE® Die Geschichte eines Menschenschicksats und einer Zeitepoche. 35un S. Jzchali. c Fortsetzung). Meikemeier, der in einiger Entfernung Zeuge dieses Vorganges war, fühlte fein Werk vollendet, feine Aufgabe gelöst. Aber eine furchtbare Leere war in ihm. Die größere Hälfte seines Lebens lief, er wußte es nicht, auf ein Ziel hinaus. Für d lese Stunde hatte er gelebt, gelitten, geträumt und gekämpft, auf seinen Anteil an allen bürgerlichen Freuden verzichtet. Die Stunde, war gekommen und vorüber, .das Ziel erreicht und überschritten. Was nun? Sein Leben war jetzt ein leeres Blatt, eine Schale ohne Kern. Er ging auf sein Quartier, um zu packen. Also nach Moskau zurück! Er hatte in den letzten Tagen Moskau und das Büro der Jewsektia mit all den Dokumenten und Akten, die dort seiner harrten, ganz vergessen. Es war ihm so, als seien dort für ihn die Akten abgeschlossen. Was wollte er dort jetzt? Aber man arbeitet nicht umsonst zwanzig Jahre in einer Tretmühle. Die Organisation hatte ihn und rief ihn. Noch heute nacht wollte er abfahren. Da kam noch in später Stunde ein Telegramm aus Moskau, streng amtlich, streng vertraulich, ohne Unterschrift. Ungewiß, ob von der Zentralmacht im Kreml, von der Jewsektia, der Tscheka oder einer anderen hohen Stelle, auf alle Fälle hoch amtlich. Das Telegramm lautete: „Nicht nach Moskau zurück. Sonntag Punkt zwölf Uhr Befehle abwarten hinter dem finnischen Bahnhof auf dem Jwanplatz." Das alles war ihm gleichgültig, sein Gehirn war wie ausgebrannt, gedankenleer, so daß er über den Sinn dieser Depesche gar nicht weiter nachdachte. Er befolgte sie nur. Am Sonntag um die angegebene Stunde war er am Platz. Er hatte nicht lange zu warten, da kam in fast männlichem Reisekostüm, offenbar eben aus dem Zuge gestiegen, eine weibliche Person auf ihn zu. „Sonja!" ries er überrascht. „Ich, wie Du siehst," gab sie in ihrer heiteren Natürlichkeit zurück, „und komme extra hierher, um Dir den Kommentar zu dem gestrigen Telegramm zu bringen." „Ohne dieses Telegramm hätten wir uns jetzt schon in Moskau die Hand drücken können," sagte er, nur um etwas zu sagen. „Du wirst nicht mehr nachMoskau zurückfahren, nie und nimmer Moskau Wiedersehen." Sein Gesicht war ein großes Fragezeichen. Er sprach kein Wort. Sonja aber fing an: „Man wartet auf Dich in Moskau mit Sehnsucht, und das wäre ihnen gerade so recht, wenn Du ihnen in die Hände liefest. Man zeiht Dich eines Bruches des Amtseides. Wir haben für Deinen Rabbi gekämpft mit dem Mut der Verzweiflung — und gesiegt. Für den Kreml ist die Sache erledigt. Für „Jewsektia" und „Tscheka" beginnt sie aber erst. Da nun der Rabbi außer Landes ist, so suchen sie nach einem andern Opfer — und das sollst Du sein." Da er beklommen schwieg, setzte sie hinzu, immer noch heiter, frei und natürlich: „Und für Dich wird sich kein Komitee und kein Ausland einfetzen. Vielleicht Skobeljew. Aber er gehört zur alten Leningarde und gilt nicht mehr viel. Er ist verzweifelt. Uebrigens trinkt er auch wieder . . ." „Was will man von mir?" gewann er endlich die Sprache, obwohl er es ganz recht wußte. „Du und kein anderer, sagt man, hättest die jüdische Gemeinde in Leningrad und Moskau der Sowjetregierung auf den Hals geladen. Man geht noch weiter und sagt, Du hättest Berichte ins Ausland lanciert. Dagegen sind die Herren am meisten empfindlich . . ." „Das habe ich nicht getan." „Darauf kommt es nicht an. Du wirst im dunklen Keller auf der Ljubanka, in dem schon manch einer von Unseren treuesten Genossen seine bolschewistische Laufbahn beschlossen hat, Deine Unschuld hinausschreien, man wird es nicht hören. Man wird Dir auch nicht viel Zeit lasten. Die Henker sind dort bei der Hand. Dir hilft kein Komitee und kein Kreml und kern G'tt . . ." „Wad hast Du mir sonst noch zu sagen?" „Daß Du nicht nach Moskau zurückgehst und auch vom Pflaster Leningrads fo rasch wie möglich verschwindest." ..-„Wohin?" „Ueber die lettische Grenze nach Riga. Es ist zur Zeit der einzige Ausgang aus Rußland nach der Welt." „Ohne Geld, ohne Papiere, ohne Sachen?" „Hier ist Geld und hier alle nötigen Papiere. Das dankst Du den dortigen Freunden, vorab Skobeljew. Er durfte nicht fahren, so bin ich hergekommen, um sie Dir einzuhändigen. Deine weiteren Sachen überlaste uns zu treuen Händen. Hier ist auch schon die Fahrkarte. In einer Viertelstunde geht der Zug vom finnischen Bahnhof ab. Meiner — auch ich habe Moskau satt und fahre jetzt, nach Kiew zurück — fährt fünf Winutm später von einem anderen Geleise ab. Behüt Dich G'tt, Genosse! Vielleicht treffen wir uns im Leben noch einmal. Vielleicht auch nicht!..." Zwölf Stunden später als Rabbi Schneerfohn fuhr Meikemeier den gleichen Weg. Er fuhr aus einer Welt hinaus, in die einzrdringen, in der sich zurechtzufinden, er mehr als ein halbes Menschenleben gebraucht hatte. Er weinte keine Träne dieser Welt nach, aber Leere war in ihm, sein Inneres war ausgehöhlt. Als die Räder und Walzen der Maschine und der Wagen zu rattern begannen, war es ihm, als hätte sich ein Berg in Bewegung gesetzt. Stück für Stück fiel, wie mächtige Erd- und Steinschollen, mit Geräusch und Geratter das bisherige Leben von ihm ab . . . XXIV. In R i g a wurde „großer Sabbat" gehalten. In seiner tiefen Demut hatte der Rabbi an Feierlichkeiten aus Anlaß seiner Errettung so wenig gedacht, daß er gar nicht dazu kam, sie sich zu verbitten. Nun waren die Menschen aus allen Gegenden, wo der Name Schneersohn seit Generationen wie ein leuchtendes Panier vor der Seele stand, nach Lettlands Hauptstadt geeilt, um dem Rabbi, den ein höheres Wunder im letzten Augenblicke aus der Hand des russischen Henkers gerettet hatte, in Liebe und Verehrung die Hand zu drücken; möglicherweise aus seinem heiligen Munde ein Wort zu hören über Sinn und Ziel der über Israel verhängten Leiden, des schweren Kampfes der russischen Brüder um Brot und Buch im Lande, wo angeblich das Jych gebrochen und ein neuer Stern Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit kündete. In der Lubawitscher Schul zu Riga saßen die Menschen an diesem Sabbat Kopf an Kopf, und der Zudrang schwoll so an, daß man alle Türen öffnen mußte und viele sich mit einem Platze im Hofe bescheiden mußten. Der Rabbi stand beim Gebete, den Talis weit über den Kopf gezogen, tief gebeugt, mit dem Rücken zur Gemeinde gekehrt. Keiner hatte sein Gesicht gesehen, keiner bis dahin vermocht, aus feinen Zügen feine innere Bewegung, Empfindungen des Dankes oder Spuren der ausgestandenen Schrecken heauszulesen. Kein Wort war bis dahin über seine Lippen gekommen, das darauf hindeuten ließ'e, ob er seine Feinde verfluchte oder ihnen vergab. Erft zur „dritten Mahlzeit" löste sich ein wenig der Bann. Der Rabbi saß auf dem einfachen Holzstuhl an der Längsseite in der rechten Mitte der Tafel. Neben ihm und um ihn herum all die Bevorzugten und die vielen Ehrengäste von auswärts, soweit sie von den Vorstehern für würdig befunden wurden, zum engeren Kreise zugezogen zu werden. Hinten bis zur massiven Lehne der Bänke wogte aber die Menge, wie sich die Wellen am Deiche stauen. Aller Augen hatten nur ein Ziel: das Antlitz des Rabbi. Ex aber, Rabbi Schneersohn, saß still und in sich gekehrt. Er aß von den Speisen nichts mehr, als für den Segensspruch nötig war. Die Chassidim sangen die altvertrauten Gebetsstücke und die Lubawitscher Melodien. Der Rabbi bewegte seine Lippen, aber seine Stimme blieb unhörbar. Keiner hatte bis dahin seinen Blick aufgesangen. Zuweilen schien es aber, als würden seine Augen im Raume etwas suchen, nach Jemand ausfehen. Sie schlugen auf und senkten sich, sahen über die Menschen, die Köpfe und Bänke hinaus. Dabei hob sich sogar seine Gestalt ein wenig, als stellte er sich auf die Zehen. Seine Augen suchten den Raum und den Raum über dem Raume ab. Für die Anbeter keine Frage: seine Seele sah die Engel des Herrn, vielleicht die, die ihn aus Not und Tod herausfüHrten, und sie unterhielt sich mit ihnen in ihrer eigenen, innigen stillen Sprache . . . Wer beachtete den schlanken Mann mit den müden Augen im ausgemergelten Gesichte,, im grauen Soldatenrocke, ganz hinten in der Ecke? Es liefen so viele Grauröcke in der Stadt herum, Flüchtlinge und Einheimische. Wer konnte ahnen, daß sich des Rabbi Blick in diesem grauen Soldatenrock wie die Strahlen in einem Brennpunkte verfing? „Scha, stille. Der Rabbi spricht! ..." Kaum, daß man die Worte hörte, man fühlte sie mehr, als daß man sie vernahm, man ahnte sie mehr, als daß man sie verstand. Er sprach vom Leide und von der Not, von den Schickungen über Einzelne und Gesamtheiten, und von Einzelnen, die zuweilen dazu berufen sind, die Not einer Gesamtheit über sich ergehen zu lasten — vielleicht zur Strafe dafür, daß sie der Gemeinschaft Sorge nicht s o getragen haben, wie sie sie als Führer auf dem erhöhten Posten hätten tragen müssen . . . „Im heiligen Sohar steht geschrieben . . . und der Hatanja sagt . . ." Dann aber sprach er von Einzelnen, Begnadeten, die ein Leben in Pein, in Not, auch in Verirrung und Abkehr wandeln, um in einem gegebenen Augenblick wie aus dem dichten Busch hervorzutreten und eine große rettende Tat zu begehen. „Solche Menschen erkaufen sich ihre Welt in einer Stunde, haben in Minuten oft das erreicht, wozu andere, auch der Zaddik, ein langes Leben gebrauchen und vielleicht auch dann noch, am Ende ihres Lebens, nicht erreicht haben ..." Wohin schweifte der Blick des Rabbi bei diesen Worten ab? Man wurde mählich aufmerksam auf den Mann im grauen Rock in der Ecke. Und als schließlich der Rabbi ganz deutlich mit dem Finger nach dieser Seite winkte, hoben sich viele Arme. Viele Leute redeten auf den Soldaten ein: „Der Rabbi winkt, er wünscht Euch. Seht, da oben an seiner Seite ist für Euch Platz gemacht, geht dahin." (Schluß folgt.)

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