Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1931)
- Date
- 1931-09-17
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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L ) e L rz ic gejetzestrrirer jS-ifcher Lehrer Drutschlan-s. LelaillwvlUiche Schriftleitung: L. Kaufmann, SprendUngen (Kreis Offenbach). Bund gesehestreuer jüdischer Lehrer Deutschlands. Am nann VR1 217 wurde in Friedberg (Hessen) unser Mitglied, Herr Lehrer i. R. Heinrich Ehrmann zu Grabe getragen. Der Heimgegangene gehörte lange Jahre dem Vorstände unseres Bundes als überaus tätiges Mitglied an. Außerdem war er der erste Schriftleiter unseres Bundesorgans „Erziehung und Lehre" und hat als solcher verstanden, die ideellen und materiellen Interessen unseres Bundes und Standes in hervorragender Weise zu fördern. Wir werden seiner stets in Dankbarkeit uns Verehrung gedenken. n"2san- Der Vorstand. Unabhängiger Verein isr. Lehrer in» Freistaate Hessen. Wir haben vor wenigen Tagen den Senior und Ehrenvorsitzenden unseres Vereins, Herrn Lehrer i. R. H. Ehrmann in Friedberg - durch den Tod verloren. Lange Jahre als 1. Vorsitzender an der Spitze unseres Vereins stehend, hat der Dahingeschiedene sich stets mit seiner ganzen Persönlichkeit, seinem reichen Wissen und Können für alle Belange des jüdischen Lehrerslandes eingesetzt. Sein weiser Rat, sein belehrendes, auch die Lauen mitreißendes 'Wort werden wir in der weiteren Tätigkeit unseres Vereins vermissen. Wir werden ihm stets ein dankbares Andenken bewahren. Der Vorstand^.H.,K a h n , Höchst i. O. Das Seelenleben des Jugendlichen nach jüdischer Auffassung.') Von Studienrat Mar Munk in Frankfurt a. M. Zur Belehrung über das Seelenleben des Jugendlichen pflegt man sich — auch in unseren Kreisen — in der Regel an Forscher außelstüoischen Denkens zu wenden. Man vergißt o,fenbar, daß bei Erörterungen von Fragen, welche über den Rahmen der sichtbaren, wahrnehmbaren Welt hinausgehen, die Lebensanschauung der Forscher eine wesentliche Rolle spielt. Ja, selbst wenn man von der persönlichen Einstellung der Gelehrten absieht, so liegt auch schon in der M e t h o d e der Forschung selbst eine — unausgesprochene — Voraussetzung, die den Weg der Forschung bestimmt. Diese muß daher zunächst aus ihren grundsätzlichen Charatter hin geprüjt werden. Wenn die Forschung auch von Tatsachen ihren Ausgang nimmt, die schlechterdings in jede Anschauung Hineinpassen, so ist ihre Deutung doch von der Methodik des Deutenden mitbestimmt. Ich denke im Zusammenhang mit unserem Thema .vor allem an die weitverbreitete monistische Anschauung bezüglich des Seelenlebens. Das ist die Anschauung, die in dem Seelenleben des Menschen etwas ursprünglich Einheitliches erblickt. Man begnügt sich nicht mit der. Feststellung, daß gewisse seelische Vorgänge in einem Individuum aus einen Mittelpunit bezogen werden, also als Ganzes zusammengehören; sondern man betrachtet diese Vorgänge als einer nicht weiter teilbaren Quelle entspringend. Mehrere Quellen anzunehmen, die zu einer Einheit zusammengezügt worden sind, verbietet die wissenschaftliche Methode. Denn wenn die Wissenschaft mehrere Quellen annehmen würde, so würde sie sich hiermit ein Urteil erlauben über eine Welt, in die sie nicht eindringen kann: Sie würde Metaphysik treiben. Und das ist nicht ihre Aufgabe. Ja, es ist ihr verboten, auf dieses Gebiet überzuspringen. Sie darf nur von '.der Betrachtung t ats ä ch l i ch e r Vorgänge ausgehen und muß diese ohne Zuhilfenahme einer *) Vortrag, gehalten auf der diesjährigen Generalversammlung des-Vereins ehemaliger Schüler und Schülerinnen der S. R. Hirsch-Schule zu Frankfurt a. M. außerhalb liegenden Voraussetzung zu deuten suchen. Die seelischen Vorgänge erscheinen an einer Einheit, am Individuum; diese Einheit ist also der Ausgangspunkt der Betrachtungen. Trotz der scheinbaren Voraussetzungslosigkeit steckt also in dieser Methode eine schwerwiegende Voraussetzung: nämlich die Annahme von der ursprünglichen Einheit des Individuums. Anders ausgedrückt: Im Individuum sine Synthese der seelischen Einheit anzunehmen, wäre ein Sprung ins Metaphysische. Und diesen Sprung hat sich die Wissenschaft verboten. Aber das ist ja gerade die allgemeine Voraussetzung, daß sie sich diesen Weg zur Erkenntnis versperrt! Wenn freilich Metaphysik aus dem eigenen Innern willkürlich erzeugt wird, bietet sie in der Tat keine Grundlage für die Erkenntnis der Wahrheit. Wem metaphysische Erkenntnisse nicht durch Offenbarung zuteil werden, dem bleibt nur der engbegrenzte Weg der verstandesmäßigen Forschung offen, um bis an die Grenzen der Verstandeserkenntnis vorzudringen. Er hat sich damit andere Erkenntnismöglichkeiten abgeschnitten und wird schwerlich die wahre Antwort finden aus Fragen, die den Zusammenhang zwischen dem erfahrbaren und dem diesem zu Grunde liegenden Teil der Welt oder der Seele betreffen. Wir sind, G'tt sei Dank, in der glücklichen Lage, uns unsere metaphysischen Anschauungen nicht selbst entwickeln zu . müssen, sondern erhalten sie dargereicht von der yv' Rh h-a hp, der emigtönenbcn Stimme G'ttes, der Seine Propheten und Gelehrten mit der Schau auch des Geheimen erfüllte, so daß wir in Beziehungen Einblick gewinnen, die wissenschaftlicher Selbstbeschränkung verborgen bleiben müssen. In den folgenden Darlegungen soll erörtert werden, aus welchen Faktoren sich nach jüdischer Anschauung das Seelenleben des Menschen zusammenseht. bezw. wie es sich entwickelt. Quellen hierfür sind Aussprüche unserer Weisen in Talmud und Midrasch. Es liegen in diesen Fragen kiene Meinungsverschiedenheiten vor, sondern es besteht eine einheitliche Anschauung, sodaß wir von einer festen Anschauung spechen können, die uns ein unverrückbarer Leitstern sei. Bekanntlich macht das jüdische Gesetz einen scharfen Einschnitt im menschlichen Leben, und zwar bei der Vollendung des 13. bezw. des 12. Lebensjahres. Mit 13 Jahren wird das jüdische Kind msa io- Es muß einen tiefen psychologischen Grund haben, daß gerade in dem bezeichneten Alter die ungeheure Verantwortung für Tun und Lassen auf den Jugendlichen gelegt wird. Eine Erklärung für die Wahl dieses Alters findet ein Midraschweiser in dem Vers rvwo Kap. 21,8 ausgesprochen, wo es bezügl. pns' heißt: 'oi i? n Als das Kind hia (d. h. 13 Jahre alt) wurde, da wurde es entwöhnt. Wovon wurde es im Alter von 13 Jahren entwöhnt? Darauf antwortet n’xnm 'i im n"a znr Stelle (53,10): ann -> •>» bmi- Es wurde vom Jezer Hora entwöhnt. Diese Antwort wird verständlicher, wenn wir die eigentliche Quelle für die Beziehungen des Jezer bezw. der beiden Jezorim zum Menschen heranziehen. Es heißt in 'a 'n 7"v 's ]m '*n jvdr: ..-snn -ir> hia nan nmsr p^n nat? ißia nro a"' -\-&b -ms? sai ßna mn surr bv wrr 'saa aiv ist lanav ■pTioxn »wo man rrimv 'aß rrßrr nan aa'R aiv ix’ - aas ix‘ ••••ais is' nr gißaß rx’ D’mon man w (i"’ T nhip) „Sie haben gesagt: Dreizehn Jahre ist der Jezer Hora älter als der Jezer tauw; von Geburt an begleitet e den Menschen . . . Nach dreizehn Jahren wird der Jezer tauw geboren . . . Der Jezer tauw gleicht dem im Kerker Gefangenen, denn es heißt: (Koheleth 4,14) Dennaus dem Gefängnis kam er zur Regierung; das ist der Jezer tauw. Ebenso bemerkt der Midrasch zu dieser Koheleth-Stelle: (Vers 13 und Vers 14) mai ■>:: :iip -nrnV »t* rV ipk ß'vai pi “^aa Dam poa iß' air is' nr sam poa iß' a v :m iß-a irnaßaa sa 'a yißaß rx' s'iior nßvaßa nw a"' pa »ßn airrß am» zme? wß iß' aan rr-pa nah air ivß» Rinn oan ivv snpa n»ß iß pyaw hon prup poa mpa nah niP' yiiß rn'nan dr „Besser ein armes und weises Kind als ein alter und dummer König, vor dem man sich nicht mehr zu schütze-' weiß. Denn aus dem Gefängnis kommt er zur Herrschaft, und unter seiner Herrschaft wird er (der alte König) schwach. Dies Kind ist der Jezer tauw; und warum wird es Kind genannt? Weil es sich erst mit dem Menschen nach seinem dreizehnten Lebensjahr verbindet. Und warum wird es arm genannt? Weil nicht alle auf es hören. Und warum wird es weise genannt? Weil es die Menschen den rechten Weg lehrt." iß pvain ßann 'asa iß.a uns snp nah ann ix’ nr ß'vai pr gßaa nah inlapi nar irniha sirrß aß ainia Rinn 'asa pi irnR Rip naßi tu? inmb st> xß im nan yn omb ivßa Hin» 'asa hoa pik kmp •iaaa mra ia'R mm laaa wß? j'Ra ]'iit>' naai ia?x naa sinn snv ia’Rn „Der alte und dumme König ist der Jezer Hora. König wird er genannt, weil alle auf ihn hören; alt neniit man ihn, weil er von der Geburt bis zum Alter mit dem Menschen verbunden ist. Dumm nennt man ihn, weil er den Menschen den schlechten Weg lehrt; man weiß nicht wieviel Rot und Leiden durch ihn über einen kommen, wenn man sich seiner nicht erwehrt" . . Außer dem Auszug aus diesen Stellen sei noch auf Koheleth 9, 14 und die zugehörige Erklärung in Nedorim 32, b, auf Szukkoh 52. Sanhedrin 91 hingewiesen. Merkwürdig berührt uns zunächst die Feststellung oon der Alleinherrschaft des Jezer Hora im Kindesalter. Wir pflegen das Kind als Sinnbild der Unschuld zu betrachten. Wo liegt hier die Wahrheit? Bei genauer Scheidung der seelischen Kräfte wird es klar werden, daß in dieser Gegenüberstellung gar kein Gegensatz vorllegt. Wir müssen vor allem zwischen nntfa und ir unterscheiden. Die nsna gewinnt das Kind schon vor der Geburt (saanan «ma zu 'mps u. a. St.). Diese nava. oon der wir jeden Morgen sagen nmna ’a nnaw nana hat ihre reine Prägung bei der Geburt des Menschen erhalten, jedoch nur keimhaft. Sie wartet aus ihren Wegbereiter. (Wir folgen hier der Auffassung des 1717 n~bv " mx m’msn. Der aber ist ihr nach der Geburt des Menschen noch nicht beschieden. Erst nimmt der Jezer Hora vom Menschen Besitz. Was heißt das? Das Wort n bedeutet, von ssn d. i. zerschmettern oder abbrechen abgeleitet, ein Vernichten oder Losreißen. Der Jezer Hora arbeitet aN ocr Vernichtung des Menschen. Das Kind bringt sich bekanntlich leicht in Gefahr. Hierin zeigt sich die eine Teile des Zerstörungswillens des Jezer. Aber auch das Innenleben des Kindes wird von ihm in diesem Sinne oeeinflußt. Man denke sich ein . Kind sich selbst überassen aufwachsen. Der Vernichlungswille, (Zerstören der -pielsachen, Quälen der Tiere) der Eigensinn würde sich;u einer ungehemmten Macht entwickeln. Das „unschuldige" Kind würde zur Personifizierung des Jezer Hora werden. Bei „Unschuld" des Kindes denkt man ln erster Linie an die Unbeflecktheit der nana- Sie wird erhalten durch den Einfluß der Erzieher. Die Beeinflussung 1er ersten Lebensjahre des Kindes ist bekanntlich für seine Lntwicklung von wesentlicher Bedeutung. Nicht umsonst wird uns bei den jüoischen Königen der Name der Mutier niilgeteilt. Nicht ohne Grund hat uns naan ^tnan die Persönlichkeit von mndieser yßan or. dieser Mutter jüdischer Könige geschildert. Nicht umsonst vergegenwärligen wir uns chr Bild am Tage der Gesetzgebung. „Selbsterziehung" in voller Konsequenz durchgesührt, würde jede Kultur untergraben, insbesondere unsere jüdische Kultur. „Erziehung vom Kinde aus" kann zur freiesten Entwicklung res Jezer Hora führen; unsere Thora aber ist das „Heil- »ittel" für diese „Krankheit". Darum hat die erzieheüsche Tätigkeit dem Kindesalter das zu geben» i was der Jezer tauw noch nicht geben kann. Jedoch ist auch^ bezüglich des Jezer tauw folgendes zu beachtenil Die zi- .ierten Aussprüche reden von der „Geburt" des Jezer tauw nach dreizehn Jahren, bezw. von der „Verbindung" -es Jezer tauw zu dieser Zeit mit dem Mensche!-. Jeder Geburt geht eine Entwicklung voran» jeder Verbindung kann ein Nebeneinanderlebeu vorangehen. Das heißt atso: Auch der Jezer tauw hat schon einen gewissen Linsluß auf das Kindesaller. Nur die Verknüvfung der <reele des Kindes ist nicht so eng wje die des Jezer Hora. Dieser hat sich seit dem Siege des nna vorgedrängt. Er hat die Vorherrschaft. Aber die Lmpsänglichkeit für die Lehren des Jezer tauw ist vorhanden. Früheste Gewöhnung an seine Lehren bereitet ihm eine Grundlegung, die seine festeste Verankerung zu Beginn des Jugendält.rs ermöglicht.