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Der Israelit · 1931-09-17 · Heft 38 (17.9.1931) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 38 (17.9.1931)
Date
1931-09-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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in: Meikemeier- Weg zum Kreml. Die Geschichte eines Alenschenschicksals und einer { Zettepoche. Bon S. Jzchaki. (Fortsetzung). . Er konnte frei passieren, war im Hose drinnen, sah dahin und dorthin. Der ganze Hof schien zu sieberst, alles war in Crregrmg, in Erwartung, 'in Spannung. Der große Wag entrollte wirklich geheimnisvoll hin und her.und Soldaten mit Gewehren waren genug da, um Dutzende von Menschen ins Jenseits zu befördern. Ihm schien die Aufregung der Menschen draußen nicht ganz unberechtigt. Er fragte, forschte und suchte.kraft, seines Amtes, etwas zu erfahren, und erfuhr doch nichts anderes, als daß sich heute im Gefängnishofe noch etwas ereignen würde ... Endlich erblickte Meikemeier den kleinen Nachmanow, der sehr aufgeregt aus dem Sitzungszimmer im anderen Flügel kam und über den Hof, wie von Feinden gejagt, lief. Er stellte ihn. Nachmanow sah auf und erkannte ihn. „Wie steht es, Genosse?" „Weiß ich selber nicht," gab Nachmanow schlechtgelaunt zurück. „Unser Chef Lunow tobt vor Wut. Er hat heute mittag eine dringende amtliche Depesche aus Moskau erhalten, die ihn in eins regelrechte Tobsucht versetzt hat. Er schreit, es habe jemand Verrat geübt. Irgendjemand habe die geheimen Entschlüsse der Tscheka an die Juden, nach Moskau, ins Ausland oder an sonst jemand verraten. Wenn er den Kerl herauskriege, hänge er ihn heute noch an die erste Laterne auf. Er schäumt vor Wut und es ist kein Vergnügen, in seiner Nähe zu sein." „Hat er Verdacht?" „Noch wagt er nicht, jemand von den Beteiligten an der Besprechung zu verdächtigen, daß sie ihren Amtseid gebrochen hätten. Aber er schreit wie wahnsinnig. Ich rate keinem, der es nicht unbedingt muß, ihm heute in den Weg zu kommen.'" v 1 ' ' „Und was wird mit ihm, dem Rabbiner, geschehen, Genosse?" -„Weiß ich, Genosse, so wenig wie Sie. Lunow hängt seitdem am Apparat und dauernd arbeitet best Telegraph herüber und .hinüber. Erst vor einigen Minuten kam das dritte-Telegramm.' Ein ganzes Schriftstück, Lunows Stimmung hat sich dadurch nicht gebessert. Er schlug auf den Tisch, daß die Tintenfässer klirrten und warf den ganzen Aktenkrempel auf den Boden. Das ist alles, was ich weiß. Aber Hand aufden Mund, Genosse, sonst geht es uns beiden schlecht." Und als hätte ex zuviel gesagt und sich in eine Gefahr hineingeredet, lief er wie von einem Abgrund ohne weiteren Gruß davon und verschwand in den Korridoren. Meikemeier ging durch die dunklen, verschlungenen Gänge direkt in die Zelle des Rabbi. Es war bereits gegen Abend. Der Rabbi faß, immer noch im weißen Atlasgewande, die gewaltige gelbe Zobelmütze auf dem Kopfe, versonnen da. Ein Buch war vor ihm aufgeschlagen. Sein Gesicht glühte, er war ganz abwesend. Seine Seele weilte dort, wo „die heiligen Aepfelwälder im Paradiese dufteten." Zwei ganz kleine ^rote lagen auf dem Tisch und dazu etwas Henng. Dgs eine Brot war etwas angeschnitten, oas Heringsstück kaum berührt. Er hielt die „dritte Mahlzeit" und seine Seele schwebte in höheren Regionen. Er bemerkte den Eintretenden gar nicht. Als er ihn nachher doch erblickte, fuhr er zusammen. , „Euer Freund, Rabbi, erschrecket nicht!" „Der Engel des Friedens," sagte der Rabbi sanft. „Ich erschrak nicht, verzeiht, ich darf mich nicht ablenken ..." ' „König David," fuhr der Rabbi fort, als las er es aus dem aufgeschlagenen Buche heraus, „wollte fein Lebensende erfahren. „Nein," sagte G'tt, „das Endziel bleibt dem Menschen verheimlicht." „So sage mir, an welchem Tage der Woche ich von dannen gehe," bat' er weiter. ,>Am Sabbat", war die Antwort. „Könnte es nicht erst am Sonntag sein?",' flehte David. „Kann nicht sein," beharrte G'tt. „Am Sonntag wird Deines Sohnes SaloMos Stunde zu schlagen beginnen und das eine Reich darf das andere nicht um Haaresbreite verdrängen." „So laß mich schon am Frei t a g sterben," fuhr David zu flehen fort. „Auch das nicht," sprach G'tt. ,>Ich möchte auf keinen Tag Deines Lebens verzichten, denn , ein Tag Deines Lebens in Preis und Lobgesang wiegt mir mehr als tausend Opferstiöre, die Dein Sohn Salomo mir auf dem Altar bringt." Da es nun am Sabbat sein mußte, so ließ David am heiligen Tage seinen Mund in der heiligen Lehre nicht verstummen. In Lehre und Lobgesang sollte er von dannen scheiden. So lange er aber das Wort G'ttes im Mund und im Herzen hatte, konnte der Bote des Todes an ihn nicht heran. Wie die Stunde des Scheidens doch gekommen war, ließ der Todesbote ein Geräusch in den Wipfeln der Bäume im Garten entstehen. David erschrak und hielt eine Weile im Lobgesang ein. Diese kleine Pause benützte der Todesengel, ihm die Seele zu rauben." „Ich," fügte der Rabbi sehr leise hinzu, „darf vielleicht ebenfalls im Sabbat, im heutigen Sabbat, meinen letzten Tag sehen Ich darf im Lernen und Lobgesang nicht stille halten. Ich fuhr zusammen, da ich die Störung durch Satan vermutete, um dem Tod freie Bahn zu schaffen ..." Er bewegte den Körper und geriet in Ekstase. Das Gebet bekam eine Melodie, die nicht so laut und anders war als am Freitag Abend, schmelzend in Liebesglut und Abschiedsweh, verzehrende G'ttessehnfucht. Meikemeier empfand sich als störend in dem heiligen Schimmer, der aus dem Gesang ausging, aber er blieb doch wie gebannt da. ' . . XXIII. Der Sabbat war noch nicht zu Ende, als Lunow wie wahnsinnig in die Zelle Rabbi Schneersohns stürzte. Er hatte ein langes Blatt m der Hand, mit dem er wie mit einem Degen herumfuchtelte. Meikemeier konnte sich noch ge-1 rade ins andere Zimmer flüchten. Von dort aus konnte er alles hören und manches auch sehen. Lunow, von dem der Rabbi, die Augen in das geöffnete Buch versenkt, gar keine Notiz nahm, trat einen Schritt zurück. Der Anblick der schneeweißen Gestalt mit dem lichtumflosfenen Gesichte brachte offenbar auch ihn eine Weile in Verwirrung. Dann aber brach seine ganze Wut mit explosiver Gewalt wieder durch. Er faltete den Bogen und-hielt die oberen Zeilen dem Gefangenen vor die Nase. Da dieser nicht aufschaute und seiner gar nicht gewahrte, las er ihm die zwei Zeilen laut, mit dämonischer Freude vor: „Bürger Schsteersohn, angeklagt wegen gegenrevolutionärer Verhetzung der Massen und Widersetzlichkeit gegen die Sowjetmacht, wird auf Verwaltungswege zum h ö ch st e n Strafmaß verurteilt. Die Exekution kann sofort vollzogen werden." Der Rabbi sah und hörte immer noch nichts. Er durfte sich von Satan, der da kam, um mit wilden Geräuschen dem' Todesengel die Bahn IW freizumachen, nicht überrumpeln lassen. Da verlor der Gewaltige der Tscheka vollends die Geduld. Er riß dem Rabbi das kleine Buch aus der Hand und warf es wütend zu Boden. „Hört Ihr, Bürger Schneersohn, was ich zu Euch spreche oder nicht?" „Ich habe es gehört." Satan war nicht mehr abzuschütteln. Das störende Geräusch war da und der Bote des Todes in seine Gewalt gesetzt. " „Gut," wetterte Lunow. „Ihr wißt nun, was Euch bevorsteht, wollt Ihr nun unterschreiben?" Der Rabbi Hörte wieder nichts. Seine Lippen bewegten sich, das Wort aus dem heiligen Buche setzte sich automatisch fort. Er war wieder in die Lehre, in ein stilles Gebet versunken. „Also nicht," sagte Lunow resigniert. Dann schob er das Blatt etwas vor. Unter dem Todesurteil war noch eine Nachschrift. „Könnt Ihr dies lesen?" fragte er. Keine Antwort, und Lunow las vor: „Die Todesstrafe gegen Bürger Schneersohn ist a u fgehoben. Dagegen wird er zu einer Verbannung von fünf Jahren auf die Insel Solowetzka verurteilt." „Wißt Ihr, was das bedeutet, Verbannung auf Solowetzka?" setzte Lunow hinzu. Der Rabbi schüttelte mit dem Kopf. Er wußte es nicht, wollte nichts wissen. „Also werde ich es Euch sagen. Solowetzka bedeutet einen langsamen Martertod. Es ist noch keiner lebend von dieser Teüfelsinsel zurückgekehrt. Eine Erschießung, wie sie für Euch geplant war, wäre im Vergleich zu dieser langsam auszehrenden Hölle eine Wohltat vom Himmel." „Aber," fügte er zögernd hinzu, „Ihr könnt Euch all die Qual mit einem Federstrich ersparen. Hier die Erklärung, bedarf nur Eurer Namensunterschrift. Na, wie wäre es, Genosse Schneersohn?" Der Rabbi hörte nichts und sah nichts. Sein Gesicht glühte, auf seinen Lippen zitterte das Gebet. Er hatte sich gebückt, das Buch vom Boden ufgehoben, ehrerbietig geküßt und auf den Tisch gelegt. Lunows Augen sprühten Funken, aber er wagte nicht, noch einmal das Buch anzurühren. „Also," sagte jetzt Lunow, mit der letzten Ruhe des Verzweifelten. „Auch das nicht. Es ist empörend und beschämend, daß das neue Moskau, das mit dem Zaren und seinen Generälen fertig geworden ist, vor diese r Mauer kapitulieren mußte. Gut, mögen sie dort die Verantwortung tragen. Also hör?t, Bürger Schneersohn! Im letzten Momente kam ein neuer Ukas aus Moskau. Hier der letzte Satz des Vogens." Und er schob das Dokument vor und las den Nachsatz laut: „Schneersohn wird nicht erschossen, auch nicht verschickt. Er ist i n F r e i h e i t zu setzen, muß aber unverzüglich Leningrad und das Gebiet Sowjetrußlands verlassen." Habt Ihr es begriffen?" Jetzt hatte es der Rabbi vollkommen begriffen. Sein Mund schwieg. Sein Auge sah verklärt in die Ferne. Satan mit seinem Geräusche war es doch nicht geglückt, und der Todesengel war verscheucht . . . Lunow aber spielte noch in machtlosem Zorn seinen letzten Trumpf aus. „Ihr werdet ungesäumt die Festung, die Stadt und Rußland verlassen. Macht Euch schleunigst fertig, im Hofe wartet der Wagen, der Euch unauffällig nach dem Bahnhof bringt." „Noch ist es Sabbat," bemerkte der Rabbi in voller Ruhe. „Ich werde zu Fuß aus der Festung zu einem meiner Freunde gehen, und ich verbürge mich mit meinem Ehrenworte, daß ich mit Nachtanbruch an die Bahn fahre. Werde keine Minute länger im Lande bleiben."

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