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Der Israelit · 1931-09-03 · Heft 36 (3.9.1931) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 36 (3.9.1931)
Date
1931-09-03
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 14 Nr. 36 Der Israelit 3. September 1931 Die Dreiländerfahrt des Keren Hathora. IV. I n Warschau. Um die Mittagszeit (Sonntag, 2. August) sind wir in Warschau, obwohl das Barometer mehr auf Barcelona deutet. Wieder das gleiche Bild in noch größerem Rahmen. Der Perron schwarz von Menschen, durch die wir tms nur nh Muhe Bahn brechen können. Aus Plakaten ersehen wir gleich, daß wir am Montag abend — in einer sogenannten „Akademie" — gegen Geld gezeigt werden sollen (1 Zloty Eintritt), so ist es natürlich, daß uns dis Schaulustigen gleich hier unentgeltlich begucken wollen. Tari und Droschke ringen um unsere arme Seele und bewerfen sich gegenseitig mit den saftigsten Kraftworten L". einem Gemisch von Russisch, Polnisch und Jiddisch. Wir sind verladen und fahren durch schöne, breite Straßen, grüne Alleen, an weißen Prachtbauten und gurgepslegien Menschen vorbei. Man könnte gerade so gut auf dem Pariser Boulevard oder auf dem Berliner Kursürstendamm sein. Warschau ist die Residenz eines im Ausbau sich befindenden Volkes mit großem Kulturstreben. Auch unser Hotel (Britania) wirft mit seinen schönen Zimmern, sauberen Betten und vollendeten hygienischen Einrichtungen, auch mit dem ehrlichen Bemühen des nur polnisch sprechenden Dienstpersonals, all unsere letzten Wünsche abzulauschen, alle Begriffe und Vorstellungen von Polen über den Haufen. Daß es auch ein anderes Warschau gibt, ein armes und graues, ein polnisches und ein jüdisches Warschau, sollten wir bald genug erfahren. Gleich am Abend gibt es zunächst eine kleine Begrüßung in den Agudaräumen. Unter einer „kleinen Begrüßung" versteht man in Warschau, wenn anstatt 5000 nur 1000 Menschen kommen. Daß der Saal nur etwa 100 Plätze hat, ist kein Hindernis, man kann ja Türen und Fenster in die warme Sommernacht öffnen. Die innere Disziplin und der Anstand dieser geistig ungemein interessierten Menschen helfen über alle Schwierigkeiten des Raumes hinweg. I. M. L e w i n und Sußje Friedmann sind vortreffliche, geistsprühende, Redner. Auch die Gäste müssen, müde und übernächtig wie sie sind, reden. Es geht noch gnädig ab, so daß man schon um die Mitternachtstunde in seinem guten Bett in der „Britania" ist. Beim Gerer Rebben. Montag früh versäumen wir, wie ortsüblich, planmäßig den Zug nach Ger. Ein Fahrplan ist in Polen ein Geheimbuch, das höchstens Eisenbahner und Verkehrsbüros besitzen. Kein Mensch in Stadt und Land weih genau, wo und wann ein Zug abgeht. Will man weisen, so geht man aufs Geradewohl an die Bahn. Ist ein Zug da, fährt man, ist keiner da, wartet man. Man hat Zeit . . . Unser liebenswürdiger Begleiter, Herr S. Friedmann, weiß Rat. Ein Autobus, der .mit der Eisenbahn zu konkurrieren scheint, führt uns, fast zum gleichen Preis, in einer guten Stunde zwischen Wäldern und Feldern, durch Morast und über aufgeweichten Wiesengrund direkt in die chassidische Welt von Ger hinein. Ger ist ein Dorf, wie alle polnischen Dörfer, mit einer breiten Straße und einigen kleinen krummen Gäßchen, mit Häuschen und Hütten und einer „Blotte", die zu trocknen, sich die Sonne vergebens bemüht. Sauber und blank sieht nur die vorbeifließende Weichsel und die davor liegende Sandebene-, aus. Die Hauptstraße wimmelt von Menschen, durchwegs jüdischen, chassidischen Menschen. Ganze Schwärme von Kindern laufen barfuß und schauen aus wundervollen pechschwarzen Augen zu uns hin. Aus Kramläden kommen alle Wohlgerüche Arabiens, in der Hauptsache die von Hering und Nafta, zu uns geströmt. Obwohl Pilgerscharen nach dieser chassidischen Residenz eine tägliche Erscheinung bilden, sind wir doch in unseren Kurzröcken und unserer teilweisen Vartlosigkeit eine seltene Sehenswürdigkeit. „Taitfche Chafsidim". Ganz Ger ist innerlich aufgewühlt und um uns herum. Das schönste Haus im Orte ist das des Rebben. Wir betreten das Beshamidrasch, Herzpunkt des Gerer Chassidus, von dem sich die Blutströme auf alle Teile der hunderttausend Anbeter auf dem Erdenrunde ergießen. Ein großer, quadrater, ganz kahler, nüchterner Raum mit einem mächtigen Almemor in der Mitte. Wir sehen den Tisch des Rebben, an dem er an gehobenen Tagen die Festmahlzeiten abhält und seine Thoraworte spricht. Ein einfacher, langer, altersgrauer Tisch, umgeben von harten hölzernen Bänken, die wiederum eingeschlossen sind von einer massiven Barriere, an der sich, wie an einem Damme, die Menschenbrandung brechen mutz. Drinnen aus den Bänken vor dem Tisch, so wird uns erläutert, haben nur die Bevorzugten an der Seite des Rabbi Platz. Der Menschenstrom, der aber, besonders an Hohen Feiertagen, im Hause wogt, kann nur bis zur hohen Lehne, also bis zur Barriere gelangen. Dort wird es eingedrückte Bäuche und zerquetschte Nasenbeine geben, aber bis an die Quelle der „Schirajim" langt das Getümmel nicht heran. Jüngere Menschen klettern zu den Säulen hinaus oder indie Kronleuchter hinein und harren dort lange Stun- . den, ja ganze Tage geduldig aus, um im gegebenen /Momente aus den Tisch des Rabbi und in dessen Antlitz schauen zu dürfen. Es geht in Ger mit einer peinlichen Pünktlichkeit und Genauigkeit zu, die man gemeiniglich bei Chafsidim nicht erwartet. Auf die Minute und in aller Frühe erscheint der Rabbi morgens zum G'ttesdienst. Ein zweites Minjan wird nicht geduldet. Gebetwie Essenszeiten sind genau geregelt. Der Gerer Rebbe, als.Gaon auch in der nichtchassidifchen Welt und als kluger, sozialer Führer sogar in neueren Kreisen, nicht minder von den Behörden hochgeschätzt, ist einer der wenigen in Polen, die keine Zeit haben. Jede Minute gehört dem Klall, der Thora, G'tt, seiner Lehre und seinen Menschen. So öffnen sich aus die Sekunde um zehn Uhr die heiligen Hallen für uns zur Audienz. Nachdrängende Scharen halten die Gabbajim mit fester Hand in Schach. Wir stehen im einfachen, kahlen, aber im Gegensatz zum Beshamidrasch peinlich sauberen Raum, sozusagen als Kollektivgast vor dem Rabbi, defilieren an ihm vorbei und drücken ihm die Hand. Ein kleiner Mann, mit hängendem Schnurrbart, mit fast verlegenen Augen. Seine Lippen bewegen sich unentwegt, ohne daß man Worte versteht. Der Mann, der über Tausende und Abertausende gebietet, steht fast hilflos da. „Warum kommt man zu mir, einem schwachen alten Menschen?" scheinen seine Augen zu sprechen. Ein paar peinliche Minuten, denen unser Wortführer ein Ende macht mit einem Worte über Zweck unserer Reise. Da öffnen sich die Lippen des Rabbi zu einem einzigen schlichten Satze: „So sollt ihr takke gehen, lechajim ul-scholaum, G'tt gebe euch eine Kesiwo wechasimo tauwo, un wir sein bald alle versammelt in Zion un Jeruscholajim". Ein lautes Omen, ein Händedruck, und wir sind draußen. Im Hofe bilden die Chafsidim ein vier- und fünffaches Spalier um uns. Einige wenige nur heischen eine Nedowoh, die meisten aber fragen: „Wos Hot der Rebbe gefugt, wos Hot der Rebbe gefugt?" Der Gerer Rebbe sagt nicht viel, aber aus dem, was er nicht sagt, pflegen seine Chafsidim sich ganze Bände zusammenzureimen. Draußen wartete unserer noch eine Ueberraschung. „Die R e b b e z i n läßt bitten!" Wir werden in einen schönen Salon von ganz westlicher Aufmachung geführt. Zwei Damen empfangen uns, eine ältere und eine jüngere, in herzlichster Weise. Die jüngere ist die Rebbezin, die ältere deren Mutter und eine Schwester vom Rabbi. Die Rebbezin spricht ein korrektes Deutsch mit Akzent, spricht von Kunst und Literatur. Sie beherrscht, wie man uns sagt, mehrere europäische Sprachen. Sie habe ihren „Gatten" auf Auslandsreisen begleitet und die Welt gesehen. Diese Teestunde bei der Rebbezin war uns auf alle Fälle als Sondergeschenk in unserer Eigenchast als Westler zugedacht. Besuche und Veranstaltungen. Am Montag nachmittag besuchen wir die Kehillainstitutionen und werden in der Besdinstube im Namen des Rabbinates begrüßt. Es knüpft sichdaran eine kleine Aussprache über Juden und Judentum und Gemeindefragen in dieser größten jüdischen Gemeinde Europas. Der Weg geht dann nach der großen Mefi w t a, einer Talmud-Lehranstalt, die 400 Jünger beherbergt, ihnen aber leider die Räume und das sorgenlose Leben und Lernen von Lublin nicht bieten kann. Hier in dieser Enge, unter der aber die Lust zum Lernen nicht im mindesten leidet, kann man erst die Riesenarbeit des Lubliner Raw richtig bewerten. Anderer Jeschiwa-Typ ist die Nowogrodeker Lehranst a l t und wiederum anders die Lubawitfcher. Ein tieferer Einblick würde vielleicht ergeben, daß zwischen dem Muffar der ersteren und dem Chassidus der anderen kaum eine sichtbare Grenze vorhanden ist. Die „Nowogrodeker" umfaßt 30 Jeschiwoth mit 2000 Bachurim in Polen. Die tief philosophische Mussarrede eines älteren Jüngers enthüllt das innere Wesen dieses Jefchiwokomplexes. Der Thorastrom im Osten stießt durch verschiedene Kanäle, aber doch dem gleichen großen Meere zu. U. A. w. g. Und abends wird geredet. Im Englischen Saal ist eine große „Akademie" zu Ehren der Gäste, zu der trotz Eintrittsgeld viele Tausende drängen. Auch Vorstand und Rabbinat sind offiziell vertreten. Ein Agudachor singt hebräische Weisen. Redner erster Garnitur, wie I.M.Lewin, S. Friedmann, und Meschulim Kammiener, sind aufgeboten. Von den Gästen erwidern in Referaten und Ansprachen Oberrabbiner Dr. Carleb ach, Dir. Dr. Deutsch und Dr. S. D e u t s ch l ä n d e r. Ein vorgesehener vierter Redner hat unter den Strapazen der Gewalttouren und den Wellen der Huldigungen schlapp gemacht. Er liegt in seinem weißen Hotelbett und fiebert von der „Delegazie" einer „Organisazje" mit der „Resoluzje" nach einer „Deklarazje" . . . Hinter der Fassade. Unser Weg zu unserem Mittagstische führt über Nalewki und Twarda, und das Speisehaus trägt die Züge dieses Stadtviertels. Es hat vielleicht mit der Mitropa das gemein, daß es sich nachts in eine Schlaf ft ätte verwandelt, vielleicht für sechs und sieben Personen. Die Lüfte und Düfte bleiben auch bei Tag in den schwammigen Wänden hängen. Und öffnet man das Fenster, so kommen noch die des Hofes hinzu. Aber es wäre undankbar, zu verkennen, wie viele ehrliche Mühe sich auch diese Gastgeber mit ihren primitiven Mitteln gaben. Die Tische sind für uns sauber gedeckt und die westliche Kultur aus ihnen durch Papierservietten und Zahnstocher würdig vertreten. Das Essen ist gut und schmackhaft zubereitet. Einen modernen Speisesaal konnten sie natürlich für uns nicht errichten. Sie hätten sicherlich auch das gern getan, wenn Zeit, Raum und Geld dafür gelangt hätten. Wir bekommen als Ausdruck der Verbrüderung sogar ein stark geweißtes und starkgesüßtes Getränk im Glas serviert, das sie „Kowe" (Kaffee) nennen. Konnten sie was dafür, wenn wir ihn stehen liehen und nach Tee schrieen? Merkwürdig, diese Deutschen! Zerbricht man sich die Zunge, um mit ihnen Deutsch zu reden, so antworten sie mit jiddischen Brocken; kocht man ihnen einen deutschen Kaffee (es hat lange genug gedauert, bis man das erlernt hat), wollen sie einen russischen Tee! Mit einigem Mut und Humor war auch diese Mittags- und Abendtafel unschwer zu ertragen. Das alles sei beileibe nicht als Tadel notiert, sondern vielmehr, um mich eines Auftrages der Warschauer Freunde zu entledigen: Käme einer von den in Deutschland heute notleidenden jüdischen Hoteliers und Ga st wirten, mit fachmännischer Ausbildung, mit seinen w e stl i ch e n Begriffen von Komfort, Sauberkeit und Ordnung und mit einer religiösen Einstellung, die das Vertrauen des Warschauer Rabbinates rechtfertigt, nach dieser polnischen Residenz mit ihrer fast H a l b m i l l i o n e n g e m e i n d e und ihrem großen Fremdenverkehr aus allen Zentren Europas, und machte da ein modernes Hotel mit Restauration auf, er würde — dafür übernehmen die Kenner der Warschauer Verhältnisse alle Garantien — auf seine Kosten kommen und dem polnischen Judentum einen eminenten Dienst leisten. Der Unterstützung von Seiten der polnischen Behörden darf er auch als Deutscher, bei den heutigen glänzenden Beziehungen der polnischen Orthodoxie zu den Regierungsstellen, -. sicher sein. Armut, Enge und Große. Europäischer Kulturdünkel, dem Parkett, Teppiche, Autos und Silberbesteck unentbehrliche Lebensbedingungen sind, sieht im Osten nur die Kleinheit, die Enge, den Schmutz und die Formlosigkeit, und sieht nicht die Größe, die geschlossene Schönheit und den Seelenadek hinter dieser grauen Wand. Was wissen wir im Westen von Not und Armut im Vergleich zu den Menschen, die morgens auf die Gasse hinaus gehen und nicht wissen, wie und ob sie bis abends das Stückchen Brot für die Kinder aufbringen werden? Aber diese Kinder bevölkern die Schulen und Jeschiwoth. Auf den Kurfürstendämmen aller Großstädte Mitteleuropas soll es heute Menschen geben, die zum Revolver greifen, wenn sie von den zwei Autos das eine verkaufen müssen, diese sollten einmal die Lebenskraft und Lebensfreude in den Hütten des Hungers sich ansehenk Wiederholt erlebten wir es.nachts gegen 12 Uhr auf Nalewki, daß kleine bleiche Kinder aus der Schwelle des düsteren Hauseinganges saßen. „Far wos geht chr, Kinderlech, nicht schlofen?" „Der Tatte ist noch nicht do," war die stereotype Antwort. Soll heißen: der Vater ist mit dem Stückchen Brot für das Abendessen noch nicht heimgekehrt, hat es oiellekcht noch nicht verdient . . . Und diese Menschen erhalten die Schulen, Gebetstuben, die Chedarim, die Talmud Thoras, ja auch die großen Jeschiwoth fast ganz allein, aus ihrem bißchen Armut. Der Westen gibt heute so gut wie nichts und auch aus Amerika kommt nichts mehr. Aber die Lehrstätten bestehen. Die ganzen gewaltigen Betriebskosten der Lubliner Jeschiwa, sagt uns der Leiter, werden in Polen selbst aufgebracht, Sorgen bereiten ihm nur die aus dem Hause lastenden Hypothekenschulden. Die große Messiwta in Warschau und alle anderen Jeschiwoth in Warschau und in Polen werden durchwegs von den kleinen Leuten erhalten. Es wird uns verbürgt, daß die arme Frau, die in Warschau oder in Wilna bis Freitag mittag auf dem Schulhof unter flehenden Blicken und Worten die Hand ausgestreckt hält, daß selbst dieses Weib, in dem der Westler kaum noch eine Menschengestalt zu sehen vermag, vor dem Lichtbenschen in ihrer zu Ehren des Sabbat reingefegten Kellerstube unter vielen Tränen ihr Techinogebet verrichtet und dann ein paar der erbettelten Münzen in die Sammelbüchse für Rabbi Meir Baal Hanes oder für die Jeschiwoth wirft. Aus diesen „Bettelpfennigen" im edelsten Sinne werden die heiligen Stätten in Polen erhalten, aus denen die Großen in Israel erwachsen. Man muß die westliche Kulturbrille daheim lassen, wenn man über die Ostgrenze geht und das ehrliche Bestreben hat, nicht nur Bärte zu sehen, sondern den Geist des Ostens zu erfassen. —tz- (Fortsetzung folgt.)

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