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Der Israelit · 1931-09-03 · Heft 36 (3.9.1931) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 36 (3.9.1931)
Date
1931-09-03
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Frmiiew«. »T «Jer jsraelit Dr. 56 1931 Meikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines rNenschenschickfals und einer Zeitepoche. Bon S. Jzchaki. (Fortsetzung). Lunow fuhr mit der Vernehmung des Rabbi fort: „Ihr habt Gelder gesammelt oder sammeln lassen! Für. wen, für was?" „Für arme Juden, die Ihr an den Bettelstab gebracht, für Schulen und Lehrhäuser." „Die w i r geschlossen haben," unterbrach Lunow barsch, „also Gegenrevolution . . . Damit könnten wir schon Schluß machen. Wir haben kurzes Verfahren für Gegenrevolutionäre . .' Er machte eine Handbewegung, als drückte er eine Flinte ab und pfiff etwas dazu. Der Rabbi schwieg. Alle anderen schwiegen auch, ein eisiges, beklemmendes Schweigen im schwelenden Tabakdampf. „Wie steht Ihr zur Revolution?" rief Lunow nach einer Weile fast schreiend. „Aber kurz. Wir sind hier in keinem Chassidimstübel und wollen keine langen verworrenen Vorlesungen Horen. Ein glattes Ja oder Nein!" Der Rabbi sah aus großen Augen auf. Der Blick hatte keinen Haß und keine Furcht, eher Mitleid. „Wir stehen gar nicht zur Revolution, wir stehen auch nicht gegen die Revolution. Der Völker Wege und die Gänge der Welt sind in Seiner Hand. Wir wollen nur mitten in dieser Flut die Seele unserer Kinder retten und rein erhalten." „Mit solchen ausweichenden Mätzchen kommt Ihr nicht davon. Wir sind mit dem Zaren und seinen Generälen fertig geworden, werden auch mit so einem kleinen Jüdchen — Meikemeier ballte die Fäuste und hätte nicht übel Lust gehabt, dem Sprecher ins Gesicht zu fahren, doch durfte er durchweine Geste verraten, auf welcher Seite er stand — fertig werden. Wir haben noch viel Pulver . . ."’ „Mit m i r werdet Ihr fertig," gab der Rabbi gütig zurück. „Ich bin ein Mensch, den eist Windhauch umwirst. Mit G'tt aber, dessen Sache ich vertrete, werdet Ihr nie fertig werden." „Schon wieder G'tt". —„Lunow brüllte förmlich, als hätte das Wort all feine Wut entfesselt. „Suchen Bergung hinter den Rockschößen ihres G'ttes. Schließlich machen sie noch ihren G'tt selbst zu einem Großkapitalisten, sagen von ihm: „Ihm' gehöre das Silber und das Gold, die Erde und Alles, was sie füllt . . ."Er lachte roh. Der Rabbi hielt sich die Ohren zu. Er zupfte am Rocke herum, als wollte er feine Kleider wie bei einem Trauerfall zerreißen. „Nun machen wir aber Schluß," schrie Lunow. „Ihr liefert uns den Beweis, daß Ihr keine gegenrevolutionären Absichten habt." „Wie soll ich diesen Beweis liefern?" „Haben wir Euch schon bei dem ersten Verhör deutlich genug gesagt. Seitdem sind zwei Wochen verstrichen. Ihr unterschreibet eine Erklärung — hier ist sie —, daß Ihr mit allen Maßnahmen der Kommunisten gegen die Religion einverstanden seid und eine Konferenz der jüdischen Gemeinden einberufen wollet, um die kommunistischen Forderungen durchzusetzen." „Ich werde eine solche Erklärung nie und nimmer unterzeichnen," sagte der Rabbi in unentwegter Ruhe und Entschiedenheit, nicht lauter und nicht erregter, als es sonst seine Art war, selbstverständliche Dinge auszusprechen. „Ist das Euer letztes Wort?" „Das allerletzte, denn nach ihm steht der Abgrund, in den ich mich wohl selbst, aber nicht mein Volk und die Lehre G'ttes hinunterstürzen kann." „Dann haben wir nicht weiter zu reden." — Jetzt sprach auch Lunow ganz ruhig und sachlich „Ihr werdet morgen früh noch einmal und zum letztenmal, gefragt, und aus das letzte Rein werdet Ihr eine Stunde später b e i E u r e m G ' t t e sein, auf den Ihr Euch dauernd beruft . . " „Wenn es G'ttes Wille fein sollte, so mag es geschehen." „Ob G'ttes Wille oder nicht, es ist aber u n - s e r Wlle und es wird geschehen." .i * * *; Kaum war der Rabbi abgesührt, platzte Lunow heraus: „Diese Bande, sie ist nicht mürbe zu bekommen. Aber jetzt lassen wir mit uns nicht mehr spaßen. Morgen vormittag knallt ein Schuß, und die Sache ist endgültig aus." ' - „Morgen ist <5abb at", wandte der kleine Nachmanow ein, und erschrak so sehr vor dem eigenen Worte, daß er zusammensuhr. Was für eine ferne, fremde Stimme mag in diesem kleinen Kommunisten, dessen Kindheit vielleicht mit Sabbat und Cheder verbunden war, gesprochen, was für Blutreste müßten sich wohl in seinen Adern geregt haben, als so ganz plötzlich und spontan, wie unabhängig von seinem ganzen Wesen, sich der Sabbat in ihm gegen einen Mord an einem alten Rabbi aufbäumte! Als müßte er sich korrigieren und den Eindruck wieder verwischen, fügte Nachmanow hinzu: „Ich meine es mit dem Sabbat so. Wir wollten ihn ja morgen, bevor wir zur Ausführung des Beschlusses schreiten, erst noch einmal fragen, ob er bereit sei, die Erklärung zu unterschreiben. Dieser Mann läßt sich aber eher dreimal hinrichten, als daß er am Sabbat schriebe. Deswegen etwa glaubte ich . . ." Er geriet in Verlegenheit und sprach den Satz nicht zu Ende. „Dann warten wir bis zum Abend," entschied Lunow, „aber keine Minute länger. Es muß Schlußgemacht werden, wenn wir Ruhe bekommen sollen." „Was wird Moskau dazu sagen?" Aller Augen richteten sich nach Meikemeier. Er wußte eigentlich nichts zu sagen. Er war Mit keinem Aufträge in dieser Angelegenheit betraut: Es sah schon beinahe wie sträfliche Anmaßung eines Amtes aus, wenn er jetzt im Namen Moskaus sprach. Aber er tat es doch: : „Man hat mich von Moskau hergeschickt, um einen Bericht in der Sache einzufordern. Sie wollen dort erst hören, wie die Sachlage ist," log er ein wenig. „Den Bericht sollen sie h a b e n ", gab Lunow diktatorisch zurück. „Am Sonntag früh, nach vollzogener Tat, schicken wir einen Bericht nach Moskau und geben ihnen die Gründe für unser eiliges Handeln an. Unsere Vollmachten reichen ja vollkommen aus, und wir müssen nicht erst viel fragen, wenn Gründe vorliegen. Es sind aber der Gründe übergenug. Vor den Toren des Gefängnisses lungern die Menschen zu Hum derten herum, die ihren Rabbi sehen wollen, so daß die Polizei mit dem Knüppel darein fahren muß. Wie uns unsere Agenten berichten, sind alle Bethäuser überfüllt, sie beten und singen Psalmen für die Rettung ihres Rabbi. Sie haben auch eigene Boten nach Lady und Lubawitsch geschickt, daß sie sich auf die Gräber seiner Ahnen werfen. Zwischen Leningrad und Moskau ist der Telegraphendraht dauernd in Bewegung, als hätten wir zur Zeit gar keine anderen Sorgen. Auch das Ausland beginnt schon, sich zu regen. Das würde noch fehlen.' Sie werden uns in Moskau nur dankbar sein, wenn wir kurzen Schluß machen." „Sollte nicht gerade die gewaltige Aufregung im Volke uns veranlassen, noch ein wenig zuzuwarten?" wagte Meikemeier leise zu bemerken. Nachmanow sah ihn verstohlen an und schüttelte mit dem Kopfe. Lunow brauste auf: „Wer da noch länger wartet, begeht ein Verbrechen an der Revolution und Sowjetrepublik. Die Aufregung im Volke legt sich nach vollzogener Tatsache sofort. Wir kennen das. Wie war es mit den Patriarchen und Archibischöfen und Popen in Moskau und in der Ukraine? Die Gläubigen tobten, drohten mit Aufstand, warfen sich aber in die Knie, als die Hinrichtung geschehen war und lasen Seelengebete für ihre Märtyrer. Das 'mögen auch die Juden immer tun, Seelengebete sind eine ganz friedliche Sache . . ." Es war schon später Nachmittag, als die Genossen der Tscheka unter der Fuchtel Lunows auseinandergingen, mit dem festen Beschluß, spätestens in der Nacht zu Sonntag die Exekution des Rabbi in aller Stille zu vollziehen. Mit der flachen Rechte auf den Mund schloß Lunow die Sitzung, einer Geste, die besagen sollte: „Diskretion! Wer aus der Schule spricht, riskiert fein eigenes Leben . . ." 1 * * * In einem Hinterhause der Gemeindeverwaltung saßen die Notabeln und berieten schon seit vielen Stunden über Mittel und Wege zur Rettung des Führers. Von Zeit zu Zeit klingelte das Telefon. Dort Moskau! Sie sprachen in abgehackten Sätzen, in Zeichen und Rätseln, schon beinahe einer Schlüsselsprache. Noch ahnten sie nicht, daß die Gefahr so nahe herangerückt war. Da stürmte ein unbekannter Mann in langem grauem Soldatenmantel, den Kragen trotz warmer Witterung aufgeschlagen, die Soldatenmütze in die Stirn fast bis zu den Augen gezogen, unangemeldet ins Veratungszimmer. Er sprach nur e i n Wort: „Morgen wird es um den Lubawitscher geschehen sein! Tut, was Ihr könnt; morgen abend wirds zu spät sein ..." Sprache und lies davon, ohne daß sie Zeit fanden, den Boten nach Namen und Quelle seines Wissens zu fragen, ohne zu erfahren, woher er kam und wohin er ging und wer ihn mit dieser Botschaft betraut hatte. Ein Engel, der zu warnen oder ein Teufel, der zu erschrecken kam? Die Botschaft war durchaus glaubhaft und die geheimnisvolle Art, wie die mystische Gestalt kam und ging, lieh schon beinahe auf ein Zeichen vom Himmel schließen. Man alarmierte Moskau, und noch am gleichen Abend begaben sich zwei Männer trotz des Sabbats zur Bahn, um zur Residenz zu fahren. Die bei der Beratung anwesenden Rabbiner hatten es nicht nur nicht verboten, sondern sogar befohlen. Meikemeier ging auf Umwegen durch kleine düstere Gassen der Armut zurück. Die zwei Seelen in seiner Brust waren hart aneinandergeraten, aber die rote war am Unterliegen. Er fühlte sich ganz zerrüttet, aufgewühlt. Er hatte einen regelrechten Amtsbruch begangen, fein ganzes bisheriges Leben abgeschworen. Hätte er es aber nicht getan, er hätte sich mitschuldig an einem Verbrechen, an einem Morde gemacht, der der Sache, die das Ideal seines Lebens war, ewigen Makel aufdrücken mußte. Was hätte er tun sollen? Die Vergangenheit verleugnet und sich die Zukunft verbaut . . . Das war das Fazit. Aber Reb Jechiel, der alte Schächter, stand im Geiste vor ihm und nickte zustimmend mit dem Kopf: „Mein Kind, ich habe mich in Dir nicht getäuscht ..." (Fortsetzung folgt.)

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