Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1931)
- Date
- 1931-09-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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3. September 1931 Der Israelit Nr. 36 Seite 3 weggefallen sind — ohne natürlich die staatliche Oberaufsicht zu berühren — und einer ausschließlichen Normierung durch die Kultusgemeinden oder Landesverbände Platz gemacht haben." (Aus Dr. Max Stiefelzieher, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen im Volksschulrecht.) Nach heutigem deutschem Reichsrecht ist es ausschließlich den jüdischen Gemeinden überlassen, diejenigen Lehrer anzustellen, die sie für die geeignetsten halten. Der Jüdische Lehrerverein kann sich darum bei seinem Versuch, die Lehramtskandidaten der Frankfurter Jeschiwah zu boykottieren, keineswegs auf irgend einen staatlichen Zwang berufen, der es etwa den jüdischen Gemeinden verwehren würde, einen Abiturienten der Jeschirvah als Lehrer anzustellen. Nicht der Staat ists, der die Frankfurter Jeschiwah ablehnt, sondern d i e j ü - dische Lehrerschaft ists, welche die von der politischen Entwickelung überholten Normen, die einst die Voraussetzungen der Lehreranstellung geregelt haben, mit Hilfe des Gemeindeverbandes am Leben erhält, um die Frankfurter Jeschiwah in ihrer Eigenschaft als Lehrerbildungsanstalt in der Oeffentlichkeit zu disqualifizieren. Warum hat man in Bayern, als es galt, den obligatorischen Charakter von Schechitah und Mikweh in die neue Verfassung zu übernehmen, die Vergangenheit verabschiedet und warum hält man in der Frage der Lehrerbildung an der Vergangenheit fest? Anachronistisch ist aber das Verhalten des jüdischen Lehrervereins auch deshalb, weil es den wohlverstandenen Interessen unserer jüdischen Landgemeinden zuwiderläuft. Eine Sehnsucht nach gründlichem Thorawissen geht heute durch die besten Kreise des deutschen Judentums. Die Zeiten sind vorbei, in denen die jüdischen Lehrer als Pioniere eines seichten Aufklärertums um den Beifall jüdischer Gemeinden mit Erfolg zu werben pflegten. In den besten jüdischen Gemeinden erwartet man vom jüdischen Lehrer in erster Linie, daß er ein Ben Thora sei; daß er befähigt sei, nicht katechismusartigen Religionsunterricht zu erteilen, sondern Alt und Jung an die klassischen Quellen des Judentums, Tnach, Schaß und Midrasch, heranzuführen. Gilt es, mit unablässigem Bemühen Hand an die Wurzel alles jüdischen Uebels zu legen und das Amhaareztum zu beseitigen, an dem heute viel mehr als das städtische das ländliche Judentum krankt, lebt in den Kreisen unserer Lehrer noch etwas vom Geiste jener unvergeßlichen Lehrergestalten, die einst die Zierde des deutschen Judentums waren, dann müßte sich doch, weiß G'tt, ein Weg finden lassen, um die Fülle jenes Uebelwollens und jener Mißverständnisse aus dem Weg zu räumen, die den Geist freundschaftlicher Zusammenarbeit durch die Engherzigkeit kleinlicher Konkurrenzangst verdrängen. lvochenrundschau. Selbstemanzipakton oder Selbstaufgabe. Konstantin Brunner, mit dessen Buch „Höre Israel" wir uns bereits einmal an dieser Stelle auseinanderzusetzen hatten, sucht sich für seinen Ruf an Israel Gehör in der großen Welt über Israel hinaus zu verschaffen. In der jüngsten Nummre der „Preußischen Jahrbücher" propagiert er feine bereits sattsam bekannte nationalen Selbstmordideen unter der Ueberschrift „Ueber die notwendige Selbstemanzipation der Juden". Die Selbstemanzipation der Juden, wie sie sich im Kopfe Constatin Brunners ausmalt, ist nationaler Selbstmord, Freiheit durch Lösung aller Bindungen, durch Selbstaufgabe. Er zielt zwar gegen den Zionismus, aber Zionismus ist für ihn nicht Kongreß und nicht Palästina, nicht Weizmann und nicht Jabotinsky, sondern all das, was „dem Aberglauben zuliebe das Gebot der Natur, die Anpassung, zu übertreten gewillt sei." Es gilt, den deutschen Juden vom Zwiespalt zu befreien, „dem Deutschen in ihm gegen den Juden in ihm zu Hilfe zu kommen." Brunner fordert nicht mehr und nicht weniger als die Aufgabe des Namens Jude, denn es gäbe seiner Meinung nach keine Juden mehr, höchstens nur noch Menschen von jüdischer Abstammung. Juden als Volk oder als irgendwie geartete Gemeinschaft kennt er nicht. Selbstaufgabe meint er, sei das nicht, es bedeute nur die Selbstaufgab.e ihres Mensch e n u n g l ü ck e s. Nicht einmal verlange er, daß die „mosaisch-Religiöfen" ihre Religion aufgeben, sie hätten sie nur „des letzten Restes von jüdisch-nationalem Charakter zu entkleiden." Dieses Häuflein der mosaisch-Religiöfen sei nicht be- Zur Reise Füllhalter nicht vergessen! weit über 1000 schreibfertige Halter mit 14 kar. Goldfeder ab RM. 3.— zur Auswahl CARL KLIPPEL Kaiserstrasse 75 Schreibwaren aller Art rechtigt, sich und dem großen, nicht mehr mosaisch religionisierten Teil den jüdisch-nationalen Unglücksnamen Juden aufzudrücken. Daß damit das Judentum aus der Welt verschwinden könnte, das Judentum, das für ihn nicht identisch mit der „mosaischen Religion" ist, befürchtet er nicht. Es folgen ein paar bekannte verblaßte Schemen vom Judentum als „ewigem Ferment aller Geschichte", „Krondiamanten, den das Menschengeschlecht schon aus Egoismus nicht verloren gehen lasten könne." Was ist aber Judentum? Der Name macht es nicht, und die mosaische Lehre ist es auch nicht. Also was denn? Es würde sich nicht verlohnen, diese seit Urbeginn der Assimilation bekannten Widersinnigkeiten in neuen, zugespitzten Formulierungen zum Gegenstände einer Betrachtung zu machen. Gesagt sei nur, daß diese nationalen Selbstmordgedanken kein anderes Echo in der großen Presse finden werden, als seinerzeit die Max Naumann'- schen Anbiederungsversuche, die sich von den Brunner'schen Gedankengängen nur dadurch unterscheiden, daß sie das rein Politische im Auge haben. Brunner kommt vom Geistigen her, was aber nicht ausschließt, daß seine Theorie bald zum ideologischen Unterbau für das politische Programm der Naumann-Partei wird, Und noch etwas. Brunner ruft den Zentralverein zu Hilfe an. Der Zentralverein sei die berufene Organisation, diese Art von Selbstemanzipation durchzuführen. Wir wissen, daß der Zentralverein bereits einmal Constantin Brunner mit einem Diskussionsabend ein Forum für die Ablagerung seiner merkwürdigen Ideen gegeben hat. Es dürfte sich wohl erübrigen, den Zentralverein zur Vorsicht zu mahnen. Was weiten Kreisen heute noch ermöglicht, im und am lichen Wirkens uns als Seinen „Geliebten" im Schlaf geben. Die Arbeit ist G'ttes Gebot, sie-ist es aber in den Grenzen Seiner übrigen Gebote, — nnd diese Gebote verlangen so zu tun, daß, wenn jeder das Gleiche täte, ein Gan Eden auf Erden Wirklichkeit würde. „Unser Vater, unser König, wir haben vor dir gesündigt", beginnt das eine, „Wir haben Schuld auf uns geladen", das zweite Bekennen und Flehen in Israels G'tteshäusern an den Tagen um die Jahreswende. Sonst sprach die Mehrheit diese Worte nur, weil die Weisheit Israels Großer sie angeordnet hat, heute aber wird ihr Klang bei der Mehrheit, da ihre Seele aufgewühlt ist, starken Widerhall auslösen. Warum ist es uns so geschehen? Warum mußte die Sturmflut, die über die Menschheit hereingebrochen ist und das Chaos, die Not, die Verzweiflung gebracht hat, gerade in unserer Mitte noch mehr Verwüstung anrichten? Warum, du Volk G'ttes, auf das G'tt seine besondere Hut ausübt? Warum? — Die Antwort liegt nahe vor dir wie das Gute und das Böse, wie das Leben und der Tod. Du hattest, als dir G'tt die Fülle gab, Ihn als den Hort deines Heiles vergessen. Deine Erfolge nahmst du nicht als Segen aus Seiner Hand, sondern sagtest: Meine Arbeit hat all dies erworben, und nun will ich meine Habe für mich, meine Kinder und Kindeskinder mit meiner ganzen geistigen Fähigkeit, mit meinem ganzen Streben festhalten und noch weiter vermehren. IW Und darin hast du gesündigt. — Du bautest prunkvolle Tempel deinem G'tte, doch mit der Wirklichkeit deines Lebens bewährte sich ihre Stätte nicht. — So hatte G'tt keine Lust an ihnen und nahm auf dem Thron seiner Barmherzigkeit dieses Geschenk nicht an, denn es galt Ihm wie ein Ihm dargebrachtes verwerfliches Opfer. Er hörte nicht einmal auf die Stimmen, die aus diesen Ihm geweihten Häusern zu Ihm hinaufdrangen, weil, Israel, deine Häuser nicht ebenfalls Ihm geweiht sind. G'tt will die Wahrheit von dir, die Wahrheit, die die Zweiteilung zwischen dem Reiche der Religion und dem Reiche deines Lebens nicht duldet. — Prüfe dich! — Hattest du, Nachkomme eines Awrohom, eines Jizchok, eines Jaakauw, von denen der erste, der G'tterkenner, das Panier „Sei zum Segen", der zweite die ehrfürchtige Scheu vor G'tt und der dritte den Kampf für G'tt aufpflanzte, hattest du je beachtet, daß nur „der langsam Schreitende schnell seiner Befreiung entgegengeht?" War dein Weg langsam, weil du dich fürchtetest, vor deinem G'tt zu straucheln und du auf deine Schritte sähest? Hattest du nicht dem „goldenen Kalb" gedient und vergessen, daß, wie der Daseinszweck eines Kalbes ist, dem Menschen zu dienen, so das Gold dir sei gleich der Materie in der Hand des wahren Künstlers, der mit ihr einen Schimmer des Gtt'lichen festhalten will? Hattest du mit dem durch deine Arbeit Erworbenen Segen geschaffen, indem du von der materiellen Frucht deiner Arbeit wankende Mitmenschen stütztest? Besaßest du nicht vielmehr den Mut der Gedankenlosigkeit, deine Güter und deine Genüsse unaufhörlich zu mehren, während neben dir die Armut nach einem Stück Brot schmachtete? Denke nach! — Nie vielleicht hattest du die Unglücklichen, die deiner Hilfe Bedürftigen in dein Haus ausgenommen. Dunkel empfandest du sie als einen Vorwurf zu der wohlhabenden Atmosphäre deiner Zimmer, zu dem Ueberfluß deines Tisches und wolltest dennoch nicht auf den Luxus um dich verzichten. Gar mancher hätte, als es ihm gut ging, die Pflicht gehabt, wenigstens eine elternlose Waise der Tauroh zu erziehen, — doch das Hasten nach dem Erfolg, nach Glanz in den Augen der Menschen, aber nicht vor G'tt ließen nicht einmal die Ruhe, auf die eigenen Kinder zu achten, daß sie zu „Schülern G'ttes" heranwuchsen. Was du hingabst, waren Almosen aus deinem Ueberfluß, die dir selber keinerlei Beschränkungen, keinerlei Entbehrungen auferlegten. Du empfandest nicht das Unrecht und das Unwürdige, deinem Nächsten, der gleich dir G'ttes Ebenbild trägt, statt der Vflichtgabe Almosen zu reichen. Du hast viel zu lernen, bis du weißt, was Judentum, was jüdische Tat von dir fordert! Selbst manch einer, der sich für einen Zaddik hielt, war sich häufig be der Entscheidung des Für oder Gegen seiner scheinbaren Interessen nicht bewußt, „Träger g'ttlichen Werkzeugs" zu sein. Deine Kraft hat sich „um Vergebliches gemüht": — darum ist heute der Lohn des Mühens „Bestürzung" geworden. Blicke jetzt an der Wende eines Jahres, das den Zusammenbruch morscher Lebensanschauung und morscher Lebensarbeit brachte, zurück, blicke in dich und um dich! Ringe dich zur Wahrheit durch, zur Wahrheit über dich und deine Umgebung, denn ganz Israel bürgt für einander und der Minderschuldige muß mit dem Mehrschuldigen leiden. Wenn du dann durch G'ttes Tauroh zur Klarheit gelangt bist, dann baue dein Leben auf neuen Prinzipien, den alten der Tauroh, auf. Das wird deine Größe vor G'tt und endlich auch deine Größe vor den Menschen werden. Vergiß keinen Augenblick: Wer das Rechte will, dem hilft G'tt! (Matthias Jacob Schleiden.) Zu dem in Nr. 34 unseres Blattes veröffentlichten Aufsatz über Matthias Jacob Schleiden, in dem auf den neu erschienenen Abdruck von Schleidens Werk „Die Romantik des Martyriums bei den Juden im Mittelalter" hingewiesen wird, ist hinzuzufügen, daß dieser Neuabdruck nebst einer biographischen Studie über Schleiden von Obermedizinalrat Dr. Heinrich Haase in Deutschland vom Philo-Verlag und Buchhandlung G.m.b.H. in Berlin, Emserstraße 42, vertrieben wird.