Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1931)
- Date
- 1931-08-27
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Nr. 35 ■ l mm nen. Jedoch in Rechabeams Tagen, in welchen Frömmigkeit und G'ttesfurcht in Israel sich vermindert hatte und außerdem Israel in manche Kriege verwickelt war, ruhte die Freude der Pauken und Saiten, verstummte der Gesang im Hause G'ttes. In jenen Zeiten erwähnt die Bibel nichts dergleichen, denn Verwirrung lag über allen Bewohnern des Landes. Sobald aber ein in den Wegen Davids wandelnder König das Reich Juda regierte, da blühte Gesang und Musik wieder auf. So finden wir bei Jehosaphat, als er von einem Krieg gegen Amon und Moab glücklich heimgekehrt war, die Worte: 'i ma i>x Tinxixnai Tinuaai D’«3a d^ptv ixa’i „Und sie kamen nach Jerusalem mit Psaltern, Harfen und Trompeten in das G'tteshaus." Auch vom König Chiskia wird uns in mam nai erzählt, daß er die Leviten mit Zimbeln, Psaltern und Harfen nach dem Gebote Davids ausstellen ließ: dasselbe finden wir auch bei König Josiah. Trotz all diesem ging die Kunst der Musik zurück. In jener Zeit erhoben sich nämlich Könige, die dem Baalsdienst huldigten, die das Heiligtum entweihten, so daß sich G'ttes Zorn über sein Volk entlud, er seine Zuchtrute in dem babylonischen König Nebuchadnezar sandte und also die Freude in Trauer verwandelte, wie der Psalmist das in die Worte kleidet: '31 131111133 13'i>N N317Q Q’3ly bv '21 1J’22 D3 132E?’ DE? i-23 7111,13 b? „An Babels Strömen saßen wir und weinten auch, indem wir Zions dachten. An Weiden in seiner Mitte hingen wir unsere Harfen." Immerhin ruhte diese Kunst nicht gänzlich: denn die Trauernden gaben ihr betrübtes Gemüt durch 'i'v Klagelieder zu erkennen und diese waren ihnen Trost in ihrem Elend. Während der 70 Jahre der Gefangenschaft herrschte für die Musik „ein kupfernes Zeitalter", jedoch gänzlich verschwand der Sinn und die Liebe zur Musik auch in der Gefangenschaft nicht und wurde von vielen gehegt und gepflegt. Nach Beendigung des 70jährigen Exils, als G'tt den Geist des persischen Königs Cyrus weckte, der Israel zum Aufbau des Tempels ermunterte, da befanden sich, wie im Buch Esra vorgeführt wird, unter den Hinaufziehenden 200 Sänger und Sängerinnen. Aus den Worten, die Barsilai zu David sagte: oi'.i ’33x ,i3e? o’3ibb? p rniE?i an«? bipa ny ya&x ax „Achtzig Jahre bin ich heute, ich höre nicht mehr die Stimme der Sänger und Sängerinnen", läßt sich der Schluß ziehen, daß nicht nur im Heiligtum zur Ehre G'ttes, sondern auch im Palaste des Königs David zu dessen Ergötzung Musik und Gesang ertönten. Aus des Propheten Jesaja strafenden Worten: epn i>33i 1133 '’m onvipa pn b'imi „und Harfe und Psalter und Pauke und Flöte und Wein macht ihr Zechgelag", sowie aus denen des Propheten Amos i'v '£3 Dni> iairn ins i>33n ’d bv Doiaa „die eintönig nach der Harfe singen sich mit ihrem Saitenspiel dem David gleich wähnen," worin er die Frevler darüber tadelle, daß sie die von David zum Lobe des Höchsten geweihten. Instrumente beim Weintrinken und sinnberauschenden Festen ertönen lassen, ist zu ersehen, daß bei Weingelagen und sonstigen Festlichkeiten Musik und Gesang nicht, fehlten. Der Prophet /’»»» geißelt in mahnenden Worten, daß mit der Verderbnis der Sitten auch die erhabene Kunst der Musik mißbraucht, erniedrigt und entweiht wurde, weil sie nicht mehr dem Zweck geweiht blieb, zu dem sie von Samuel und David gegründet wurde, nämlich die Werke G'ttes zu besingen. Bei der Getreideernte, bei der Weinlese, bei jeder freudigen Gelegenheit wurde, wie der Prophet ''sv' das ausspricht, dem Jubel durch Musik und Gesang Ausdruck gegeben. Aber nicht nur bei freudigen Anlässen griff man zu den Musikinstrumenten, sondern auch die Gefühle der Trauer bekundete man vermittels derselben. So wird uns in a’an nai von einer Klage erzählt, in welche Sänger und Sängerinnen über den Hingang des Königs Josiah ausbrachen. Und wenn auch über Gebrauch der Musikinstrumente als Ausdruck der Trauerklage aus einem Bibelvers kaum ein Beweis erbracht werden kann, so finden wir doch einen solchen in einem Asspruch der Weisen im Talmud, .der lautet j'^ri ’3»a invx bv i>ax7i.ii> '3"n 'm i>xiv»a v>x ba 71NX 7133PV31 „Jeder israelitische Mann war verpflichtet, die Trauer um seine Frau durch zwei Pfeifen und eine Klagefrau bekunden zu lassen: denn es war in jenen Zeiten Sitte, Frauen zu mieten, die Klagelieder um einen zu Grabe bringenden Toten anstimmten. Darauf weist sicher das Wort des Propheten Jirmiah hin, das lautet: 71133ix>»i' IXIpl 1331271n „Sehet euch um und rufet die Klagefrauen": denn es liegt in der Natur des Liedes und der Musik, das Herz des Menschen zu weiten und empfänglich zu machen für das Gefühl der Trauer und der Freude. Musikinstrumente und Lieder Davids ertönten beim Tempeldienst zur Ehre G'ttes. Zerstört ist das Heiligtum, vernichtet Israels nationale Selbständigkeit, verstummt der G'ttbegeisterung weckende Sang der Leviten, verklungen sind der Harfen Töne, Leidensnacht umfängt uns, doch die Hoffnung auf Wiedervereinigung der zerstreuten Glieder des geächteten und entrechteten Volkes Israel belebt und stärkt das in Trauer gehüllte jüdische Herz. Dem Niedergang wird nach G'ttes Wort der Aufstieg folgen. Der Tempel wird wieder in seiner Herrlichkeit erstehen und Sang und Saitenspiel, wie ehemals an hl. Stätte erklingen. So ist uns durch des Propheten Mund im Aufträge G'ttes verkündet worden und G'ttes Wort trügt nicht. ja» bxi3 p’xV xav Der Israelit Die Pflicht des Einzelne« im Kampfe für die Erhaltung des Judentums. Von Lehrer Schloß in Diersburg. Noch nie war das. Judentum so gefährdet wie heute, wo es um seinen Bestand, um seine Existenz, ja sogar oft um sein Leben bangen muß. Israel, das für seine Religion — G'tteskämpfer — schon so viele Tausend Jahre gekämpft hat, das die finsteren Mauern des Ghettos hinter sich hat, ist heute trotzdem noch — vielleicht nicht weniger — den Pfeilen seiner Feinde preisgegeben. Ich will hier nicht auf die gegebenen Momente dieser Gefahren eingehen, ich will nur auf die einzelnen Phasen dieses vielfachen Verteidigungskampfes Hinweisen, den das Judentum in Deutschland heute noch kämpfen muß. Cs kämpft um seinen Bestand, um die Erhaltung seiner Lehre, es kämpft sogar um Sein oder Nichtsein. Eine Religionsgemeinschaft als solche kann nur dann bestehen, wenn ihre Religion im Mittelpunkt derselben steht, wenn alle für einen sich um ihre religiöse Fahne scharen. Solange die Juden als Volk ihre Thora hochhielten, hatten sie als solches Bestand und heute noch in der Zerstreuung, als Bürger eines Staates können wir als Mitglieder einer Religionsgemeinschaft nur dann bestehen, wenn die Religion das Band ist und bleibt, das uns alle umschließt. Es geht nicht an, daß man bloß dem Namen nach Jude ist und dabei nicht den Beweis erbringen kann, daß man wirklich sich als solcher fühlt und an den Aufgaben des Judentums mitarbeitet. Das Judentum und mit ihm seine Religion sind heute gefährdet. Beide stehen vor dem Untergang, wenn nicht der Einzelne unter uns sich seiner Pflicht als Glied des Ganzen erinnert. Die Landflucht nach den Großstädten, die „sterbenden" Landgemeinden, die verlassenen Mitglieder derselben, bar jeden Anschlusses an die anderen Gemeinden, ohne Oberhaupt, ohne Leitung, losgerissen vom Ganzen sind ein trauriges Zeichen der heutigen Zeit und erzählen Bände jüdischen geistigen Elends. Hier fetzt wieder die Pflicht aller Kämpfer für das Judentum ein, an der Erhaltung des Judentums mitzuarbeiten, zu retten, was noch zu retten ist, sonst gehen sie alle unserer Religionsgemeinschaft verloren und gefährden den numerischen Bestand derselben, beschleunigen den Untergang: und das in einer Zeit, wo Mischehen an der Tagesordnung sind und wo unsere Statistik eine traurige Sprache über unseren zahlenmäßigen Bestand spricht. — Von den Uebertritten in andere Konfessionen und von den sogenannten Konfessionslosen, die auch unter den Juden zu finden sind, brauche ich hier wohl nicht zu reden. Man sieht und erkennt hier, daß viele Momente heute gegen uns und gegen unseren numerischen und physischen Bestand sprechen und ihn bedrohen. Es ist deshalb höchste Zeit, daß sich jeder von uns an seine Pflicht erinnert als Jude, an der Ausgabe des Ganzen mitzuarbeiten und zu retten, was noch zu retten ist. Das kann nur geschehen, wenn jedes Glied unter uns sich stets eng an seine Gemeinde anschließt, hauptsächlich an die Großgemeinden, deren Aufgaben heute keine kleinen sind. Ein Jeder an seine Fahne! — Unsere größte Gefahr aber bedeutet heute der Antisemitismus, die Nationalsozialisten, da diese schändliche Bewegung direkt in erster Reihe die Juden bekämpft. Schon das Kind auf der Schulbank, der Schüler in seiner Schule wird als Mensch zweiter Gattung betrachtet und aus der Gemeinschaft fast ausgestoßen, oftmals sogar körperlich insultiert! Keiner unter uns darf sich deshalb selbst täuschen, daß diese Fälle nur Einzelfälle bedeuten, nein, er muß vielmehr wissen, daß der Feind vielmehr vor unserer Türe steht und lauert, um uns „Wehrlose zu vernichten. Wohl ist im allgemeinen der Antisemitismus Mittel zum Zweck, aber die Straße führt über uns hinweg und gefährdet in nicht übersehbarer Weise unser Gut und Blut. Dieser Angriff gilt unserer Person, unserer Ehre, unserem Befand und unserer Religion. Wir haben keine Waffen und auch nicht Mannen genug, um ein persönliches Ringen gegen diese unsere Feinde zu beginnen, aber keinesfalls dürfen wir ruhig die Hände in den Schoß legen, unsere Gegner über uns hinwegschreiten lassen. Ein jeder von uns zeige und beweise, daß er in erster Reihe Jude und Deutscher ist, der sowohl als Jude und gewiß als Deutscher sich stets seiner Pflicht bewußt ist. Wir müssen uns in diesem Momente als eng geschloffenes Ganze fühlen, das in der Verteidigung jeden giftigen Pfeil gut parierend dem Feind zurückwirst. Nur sich nicht verdrängen lassen! Ein jeder von uns behaupte «einen Platz im össentlichen Leben und zeige, daß wir nicht allein gute Juden, sondern in der Hauptsache auch gute Deutsche sein können. Zu diesem Zwecke ist es nötig, daß wir deutsche Juden uns stets in einer gewissen Kampffront eng zusammenschließen, und unter uns keine Bresche, keine Lücke reißen lassen — keine Blöße zeigen, denn wir kämpfen für unsere Ehre, für unser Vaterland, für unsere Religion und für unser Judentum; ja für unser Leben. Nur keinen Streit in unserer Mitte einreißen lassen! 27. August 1931 Die Ehre Deines Nächsten sei Dir heilig! Einer für alle und alle für einen! Wir müssen diese Gedanken mit ernstem Willen in unseren Gemeinden Fuß fassen lassen und verbreiten! Prüfung am Kölner Jüdischen Lehrerseminar. Am jüdischen Lehrerseminar bestanden zwei Lehrerinnen der Uebungsschule die zweite Lehrerprüfung mit „gut", ein Lehrer derselben Schule bestand mit „Auszeichnung". Letzterer, sowie die eine der beiden Lehrerinnen sind Absolventen des Seminars. An diese Prüfung schloß sich die Abschiedsfeier für Herrn Geh. Regierungs- und Oberschulrat Ewerding -Koblenz an. Seminarstudienrat Gut hob die großen Verdienste des in den Ruhestand tretenden Schulmannes um die Lehrerbildung im allgemeinen und um die jüdische Lehrerbildung im besonderen hervor und wünschte dem Scheidenden ein otium cum dignitate. Oer Jena-Plan in der jüdischen Schule. Von Rabbiner Dr. Mchalski in Karlsruhe. „Des Wissens Blüte fei das Leben".*) Ihm diene die jüdische Schule. Nicht Wissensvermittlung allein ist ihr Ziel; Charakterbildung ist ihr Ideal. ,ixi>. G'ttesfurcht soll sie wecken, denn „groß ist das Wissen, das zur Tat hinführt." Moderne, pädagogische Versuche verdienen Beachtung. Ihre Eignung für die jüdische Schule werde geprüft. Der Jena-Plan**) erstrebt Persönlichkeitsbildung. Nach ihm bezweckt der Aufbau von Gemeinschafts-Gruppen, daß jedes Kind feine sittliche Würde erlangt. Verschiedene Begabungen stützen sich. Freiwilliger Hilfsdienst am schwächer Begabten schützt vor Ueberhebung, denn kein Kind läßt sich leiten, wenn Leitung herablassend sich zeigt. Zusammenleben formt die Menschheitsschule. Gesetz der Gemeinschaft wird Grenze der Freiheit. Aussprache über alle Fälle, Anerkennung gleichen Rechts für Alle, Warnung oder Mahnung ohne Worte in wechselnden Formen, Pflege der Innerlichkeit und Behaglichkeit sind sorgfältig zu übende Mittel. Lehrgespräch mit überlegter Gesprächsleitung führt zur Lösung des Problems. Geburtstagsfeiern, Gruppenveranstaltungen, eine.halbjährige pädagogische Rückschau, Ausstellung der Schularbeiten einer Gruppe für die anderen, fördern den Lebensdienft. Das „Unterrichtsleben" ist „die Welt problemhaltiger, Kinder und Jugendliche auf natürlichste Weife zum Lernen anreizender Situationen." Roten und Zeugnisse werden nicht erteilt. Eigenbewertung ersetzt sie. Eine objektive Charakteristik des Kindes, die nur für die Eltern bestimmt ist, wird diesen am Schluß des Jahres zur schriftlichen Rückäußerung zugestellt. Eine subjektive für das Kind verschweigt, was nicht erzieherisch wirkt. Das Vertrauensverhältnis der Schule zu den Eltern grenzt an Seelsorge. Dem Lehrer der jüdischen Schule dürfte der Jena-Plan wertvolle Anregung geben können. 8. Arbeikskonferenz im 1. Pflegschafksbezirk der jüdischen Lehrer Schlesiens. Für den 7. Juni waren die Mitglieder unseres Pflegschaftsbezirks mit Damen und Gästen in Bad Salzbrunn zu einem gemütlichen Beisammensein geladen. Um 10 Uhr vormittags fand Begrüßung im Kurgarten statt, nach dem Konzert gemeinsamer Spaziergang nach der Wilhelmshöhe, wo weitere Teilnehmer erwartet wurden. Gegen 3 Uhr nachmittags hielten wir m Speisehaus Ruschin gemeinsame Kaffeetafel. Anchließend folgte ein wissenschaftlicher Vortrag unseres Kollegen Freudenthal, Bunzlau, über das Thema: „D e r Messiasgedanke in der Bibel". In interesanten Asuführungen, die fast eine Stunde dauerten, zeigte der Redner, daß das Judentum eine messianische Religion sei, daß aber die Messiasidee bei unseren Propheten in drei verschiedenen Phasen erscheint. Einmal ist G'tt selbst der Erlöser, ein andermal ist es ein König aus dem Hause Davids, und schließlich ist Messias ein Kollektivbegriff, indem Israel, der leidende G'ttesknecht, als Vermittler und Erlöser auftritt. Zum Schluß brachte der Vortragende apologetische Bemerkungen zu landläufigen christlichen Auffassungen, aber auch die Zustimmungen moderner christlicher Theologen. — Die ausgiebige Diskussion zeigte das allseitige Interesse, das der inhaltreiche Vortrag gefunden hatte, wenn auch einzelne Hörer nicht mit allen Ausführungen einverstanden waren. Als nächste Arbeiten wurden angemeldet Dr. Sklarz, Breslau, über: „Unsterblichkeit der Seele und Techias Hameifsim". Wiefer - Waldenburg: „Kalenderreform". Unser Obmann Falkenstein berichtete noch über eine erfolgreiche Tätigkeit des Familienbeirates und schloß mit einem Dank an alle Anwesenden die Sitzung. K. ,*) S. R. Hirsch: Chaurew § 1. **) Die Broschüre von Prof. Peter Petersen: Der Jena-Plan einer freien allgemeinen Volksschule Langenalza, Verlag von Julius Beltz (Preis Mk. 1.60) sei zur Lektüre empfohlen. \