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Der Israelit · 1931-08-27 · Heft 35 (27.8.1931) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 35 (27.8.1931)
Date
1931-08-27
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
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27. August 1931 Der Israelit Nr. 35 Seite 11 nämlich: „Wir leider haben diesen so wunderschönen Brauch nicht!..." Und indem wir noch über diese Anekdote an sich lachen, kommt die eigentliche Pointe: „Wißt ihr, wie der Tana der Mischna das „Kach hi darko fchel Thora" gesungen hat? Aus den Ton kommt es an. „So so müssen Thorajünger leben — arme Kinderchen! — Brot und Salz, Wasser mit Maß, aus der Erde schlafen. Nein, so darf es nicht weiter gehen!" Die Antwort ist Lublin! Wir sprechen auch von anderen Dingen, vom Vildungsproblem, von Aguda, Ost und West. Dieser Führer eines Internates, einer in sich geschlossenen jüdischen Welt, kennt die große Welt in Europa und Amerika wie kaum ein zweiter. Er trägt ein Weltbild in seinem Herzen, das in blendenden Ausstrahlungen zu uns spricht. A u s k l a n g. Es ist 1 Uhr nachts, da wir uns, mit den Gästen über zweihundert Menschen, an die reich gedeckten Tafeln zu „Melawe Malta" setzen. Der treffliche Samuel E i ch e n b a u m, der Lubliner Magnat, der das Grundstück für die Jeschiwa geschenkt und auch sonst die größten Opfer gebracht hatte, ist wie viele Notabeln der Stadt und Umgegend mit dabei. Gesänge, geistvolle Reden zwischen den einzelnen Gängen nehmen uns die letzte Empfindung für die Zeit, für die Grenze zwischen Tag und Nacht. Der Chasan mit seinen Helfern holt in seinen Smiraus das Veste und Letzte aus sich heraus, eine hochwertige Artistik, in Keduscha übertragen. Wir schwelgen in einer altneuen Welt, von der wir nichts wußten und die wir mit der Seele doch schon irgendwie kannten. Und da dieser Höhepunkt, dieses Fest aller Feste in Lublin von einem herrlichen Sonnenaufgang gegen 5 Uhr morgens überstrahlt ist, schließen wir gleich das Schachris-Gebet an, so frisch und frohgemut, wie aus einem Stahlbade hervorgegangen. Mit diesem unvergleichlichen Lubliner Sabbat im Herzen sitzen wir Sonntag um neune im Zuge, der uns nach Warschau bringen soll. einfachem, blauem Samt, der jetzt schon ganz verschobt war, stand der jüdische Name Vaters und auf der Rückseite las Ruth die mühsam gestickten Worte: „Hineh lau jonum welau jischaun schaumer Israel". (Es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels.) „Väterchen, warum streichelst Du den alten Beutel immer so zärtlich? Er ist doch gar nicht mehr schön! Du hast doch noch den glänzenden, goldgestickten, warum benützt Du den nie? Hast Du diesen da so lieb?" So fragte Ruth ihren Vater, als er gerade Tallis und Tefillin in den Schrank legte. „Ja, so lieb Hab ich den Beutel; besonders die Frau, die^ihn mir geschenkt!" „Wer war die Frau?" fragt Ruth erstaunt. Statt aller Antwort meint der Vater: „Komm' Ruth, ich erzähl' Dir etwas!" Trotz ihrer 11 Jahre kletterte das junge Fräulein schnell auf Papas Knie und wartete, bis dieser nach einer kleinen Weile begann: „Früh hatte der liebe' G'tt meine Eltern zu sich genommen. Ich war noch sehr klein und hatte auch keine Geschwister, die für mich sorgen konnten. Deshalb holte Großmutter mich aus der großen Stadt zu sich auf ihr zusammenrotten gegen meinen Körper; vermeinte unsichtbar gefesselt am Ufer zu sitzen und auf dem Wasser einen Menschen dahintreiben zu sehen, ihm aber nicht Helsen zu können und viel anderes mehr. Allmählich hörten die Träume auf, weiter wußte ich nichts. Ich erwache!, wie lange ich geschlafen, warum ich zu Bett liege, alles ist mir ein Rätsel?, was war denn nur geschehen? Die Sonne lacht durch die weißen Vorhänge; ich blicke mich im Zimmer um und sehe an meinem Bett eine blasse Frau sitzen. Der Kopf ist auf eine Handarbeit gebeugt und langsam tropfen auf den blauen Samt helle klare Tränen. Die weißen Hände sticheln eifrig und immer wieder fällt eine Zähre auf die Arbeit. „Großmutter!" Leise, sachte rufe ich sie. „Heinzl, mein Kind!" Tränenden Auges streicht sie mir übers Haar. „Schlaf, mein Junge, Du warst sehr krank!" Bald schlummerte ich wieder ein, aber das Bild der weinenden Frau, die auf eine Handarbeit gebeugt ist, folgt mir in den Genesungsschlaf. Munter und gesund M-- Dorf. Und hier wuchs ich auf! Es wur -inschön« »wisch" L-b-n Zeit. Langeweile kannte ich nicht; Großmütterchen spielte uno 0 (Fortsetzung folgt.) -tz. Ainderecke. Verantwortlich. Auch Kinder sind der Allgemeinheit verantwortlich. — An einem Juliabend besteigen wir einen Straßenbahnwagen. Gleichzeitig verläßt ihn eine Anzahl jüdischer Kinder mit einer Führerin. Sie waren anscheinend im Walde gewesen und kehrten jetzt nach Hause zurück. Uns fällt sogleich die rücksichtslose, ungehörige Art auf, wie sich einige der Knaben beim Verlassen des Wagens äußern. „Jetzt gehen wir duft," ruft einer, daß es durch den ganzen Wagen schallt. Wir hören sonst nichts mehr, denn wir steigen ja erst aus der Haltestelle ein, die das Ziel der kleinen Schar war. Während alle Insassen des Wagens bisher geschwiegen hatten, erfolgen jetzt Aeußerungen, die für uns tief beschämend sind. „Die reinste Judenschul'!" „Als ob nur sie hier das Recht hätten!" „Die ganze Trambahn gehört ihnen!" „Die sind schon gerade so wie die Alten!" Wir können daraus schließen, wie sich die kleine Schar vorher benommen hatte. Heiterkeit und Frohsinn — darauf haben alle Kinder gewiß Anspruch. Aber die Jugend muß sich in Gegenwart Erwachsener ruhig und bescheiden verhalten. Wenn jüdische Kinder hiergegen verstoßen, so tragen sie dazu bei, daß sich die Abneigung gegen die Juden vergrößert. Und das ist eine schwere Verantwortung, aus die sie nicht oft genug aufmerksam gemacht werden können. H. E. Der Tefilltubeutel Von Aetti Lehmann. Immer wieder erregte es Ruths Verwunderung, wenn Vater den alten Tefillinsack aus dem Schrank nahm. Papas Sachen waren doch sonst so sein; seine Seforim waren bekannt als die seltensten und teuersten, kein Tallis war von so seiner Webart, als das seine. Nur der Tefillinbeutel war alt und unscheinbar. Aus mit mir, lehrte mich Sch'mah und die B'rochaus, ging mit mir spazieren und zeigte mir die große Natur mit ihren Schönheiten. Als ich dann zur Schule kam, hörte all dies auf: denn gar bald war ich mit vielen Knaben aus dem Dorfe befreundet. Recht wilde und ausgelassene Buben waren wir! Kein Streich war uns zu gewagt, kein Baum zu hoch und kein Weg zu einsam. Ach, wir würden es schon fertig bringen, wir waren ja Jungens! Kam ich dann zerzaust und unsauber nach Hause und blickte Grohmütterchen aus ihren großen, gütigen Augen mich so ernst an, stieg doch die Reue in mir empor und ich bettelte so lange, bis Großmutter wieder gut war; dann erst konnte ich wieder richtig fröhlich fein. Es war in den Ferien vor meiner Barmizwoh. Schon begann ich meine Porfchoh zu singen, lernte Tefillin legen und bald würde ich, wie die großen Leute einen ganzen Tag fasten dürfen. Nach einigen Tagen drückender Schwüle war nachts ein starkes Gewitter über unserem Dorf niedergegangen. Aber heute schien die Sonne schon wieder mit unverminderter Kraft. Morgens nach dem Beten in der Synagoge sagte mir Simon, der Nachbarsjunge Großmütterchen machte mir keine Vorwürfe, aber wenn ich ihr manchmal trauriges Gesicht sah, mußte ich mir genug Gedanken über meinen Ungehorsam machen. An meinem Barmizwoh-Tag schenkte mir Grohmütterchen einen Tefillinbeutel. Er war aus einfachem blauem Samt, auf der Vorderseite stand nur mein jüdischer Name, auf der Rückseite aber sah ich den Spruch, den meine liebe Großmutter in Kummer und Sorgen um das Leben ihres Enkels eingestickt hatte: „Hineh lau jonum welau jischaun schaumer Jisroel". Tränen stiegen mir in die Augen, als ich den Tefillinbeutel in der Hand hielt und ich nahm mir fest vor, dem Leichtsinn und Uebermut nicht mehr nachzugeben. Immer wollte ich erst überlegen, ob mein Weg auch der Richtige sei. Viele Versuchungen traten im Leben an mich heran; aber ich blieb standhaft. Ost war es sehr schwer, mich nicht verführen zu lassen; doch zur rechten Zeit stieg in mir ein Bild auf, das mit aller Macht den Jezer Horah niederzwang: Ein verhangenes Krankenzimmer, durch das die Sonne lacht, im Bett liegt ein kranker, blasser Junge und daneben sitzt eine Frau, auf deren Handarbeit (es ist ein blausamtener Tefillinbeutel) „Wir veranstalten heute Nachmittag ein Wettschwim-! fügsam heiße klare Tränen rinnen, men im freien Flusse, willst Du mitmachen, Heinz?"! Der Tefillinbeutel hat mich vom Leichtsinn geheilt Das war etwas für mich, natürlich sagte ich zu. Groß- und mich vor vielem Bösen bewahrt, mutter braucht es ja nicht zu wissen, daß ich im freien j Weißt Du nun, warum ich am liebsten den alten Fluß Wettschwimmen werde, dachte ich später. Die Er-^ Tefillinsack benütze?" laubnis dazu würde sie mir nicht geben, das wußte ich bestimmt. Wenn ich aber nachmittags nicht mitmachen würde, wäre ich vor den Andern blamiert, da sage ich lieber nichts. Die anderen Jungens erzählen sicher auch nichts zu Hause. — Zwar ein klein wenig Gewissensbisse hatte ich doch den ganzen Morgen; denn wie genau hatte der Herr Lehrer die Zehn Gebote mit mir gelernt. Zur Barmizwoh mußte ich sie laut in der Synagoge aussagen können, das war so Sitte hier. Hieß es da nicht deutlich: Kabed es owicho, wees imecho; Ehre Deinen Vater und Deine Mutter, damit Du lange auf Erden lebst. Es war doch auch das einzige Gebot, von dem ich wußte, daß eine Belohnung daraus ausgesprochen war. Mit aller Liebe und Sorgfalt ersetzte mir Großmutter die Eltern, muhte ich nicht doch um Erlaubnis fragen? — Aber als Simon mich abholte, freute ich mich doch auf den bevorstehenden Wettkampf. „Schwimm' nicht außerhalb der Grenzen, Kind, das Wasser geht heute hoch; sei vorsichtig, Heinzl!" Großmütterchen rief es mir nochmals zur Treppe hinab. Mir stieg das Blut zu Kopfs, ich war froh, jetzt nicht in die großen klaren Augen sehen zu müssen. Unter Jubeln und Schreien stürzten wir uns in die klare Flut. Fünf Abteilungen wurden gebildet, die Sieger jeder Abteilung muhten zuletzt nochmals um die Wette schwimmen. Simon und ich waren auch bei der Siegermannschaft. 1, 2, 3, los! kommandierte der Schiedsrichter. Während ich mit kräftigen Stößen das Wasser teilte, dachte ich an Großmutters Warnung. Und o plötzlich! Was war denn das? Was riß und zerrte mich da nach unten? Ich nun ja gar nicht mehr vorwärts, Wasser drang mir in Mund und Nase. Mit ersticktem Laut konnte ich noch nach Hilfe rufen und dann, dann schwanden mir die Sinne. Ohne es bemerkt zu haben, war ich in eine Stromschnelle geraten. War es Schickung oder Zufall? Seltsamerweise wurde ich nicht völlig in die Tiefe gezogen; es schwemmte mich wieder hoch und so trieb ich in der Mitte des Flusses den Strom hinab. Meine Freunde sahen mich, verschwinden, riefen nach Hilfe und schwammen mir selbst nach. Mit höchster Kraft und Anstrengung, brachten mich meine Kameraden ans Land. Dunkel spürte ich die Bewegungen, die mit mir gemacht wurden; denken konnte ich nicht. Endlich gelang es mir, die Augen zu öffnen. Ich sah ein ptüddjen blauen Himmels, Menschen neben mir und hörte eine leise Stimme raunen: „Boruch haschem, er lebt!" Wieder war das Bewußtsein von mir genommen. Schreckliche Träume verfolgten mich. Immer spürte ich das kalte Wasser da unten, Härte Großmutters Stimme: „Sei vorsichtig, Heinzl", sah in der Tiefe die Fische sich •> n ■Ü D 1 8 2 i n •» 2 8 ■ n -? 1 2 v ■» ■ 0 V v ■ n ■ i *T ■ n ■ Ö i w 1 •* ■ Q •> •> 2 ■ 1 ■ i n ■ i 1 0 ■ r ■ _L •5 i W T ■ ■ ± » 2 8 ■ i h > i 1 m » n * ■ n ü ö n Still und verträumt ging Ruth ins Kinderzimmer, wo der kleine Bruder noch schlummerte und dachte lange über die Gedanken und Wünsche nach, die Urgroßmutter wohl in den Tefillinbeutel eingestickt haben mochte. Lösung der Preisaufgabe für die Größeren. Es gingen sechs richtige Lösungen ein, also mußte das Los entscheiden. Den ersten Preis gewann S. Lewin, Hagen i. W., den 2. Gerda Oppenheimer, Kitzingen, den 3. Taube Hirfchowitz, Virbalis (Litauen). Die anderen richtigen Lösungen waren von Hugo Blum, Emden; Manfred Politzer, Frankfurt am Main, Ludwig Freimark, Mainz. Fast richtig lösten das Rätsel: Elias Herschmann, Bonn; David Leidner, Karlsruhe; H. Engelmann, Frankfurt a. M.; Josef Leiner, Karlsruhe. Rätsel. Mit y ist's der Inhalt einer Sache Und schnell ich ein Geschäft draus mache Setz ich ein j? anstatt des v ein; Mit 2 kann's ein Gebäude sein Mit » dafür ist's eine Zahl. Was kann das fern, nun ratet mal!

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