Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1931)
- Date
- 1931-08-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Der jsraelit Dr. 35 Meikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines TNenschenschickfats und einer Zettepoche. Von S. Jzchali. : L (Fortfetzung). "j. Der Gefangene fuhr fort: „Dann habt Ihr auch die Stelle im Chumifch gelernt, die von der Ansprache der Priester an das Kriegsvolk berichtet. „Es erweiche nicht Euer Herz, seid stark uyd fest!" Will sagen, erklärt der Talmud, reinigt Euch von allen Sünden, die Euch auf dem Kriegsfelde Mut und Kraft nehmen könnten. „Denn," so deuten die Weisen Lehrer die Rede des Hohenpriesters weiter, „es ist nicht ein Krieg zwischen Stamm und Stamm in Israel, daß man sagen könnte,^ die Kriegsgefangenen Reudens werden von den Söhnen Schimeons oder umgekehrt mit Erbarmen und Schonung behandelt werden. Es geht gegen den Feind, der vom anderen Blute ist und dieser kennt keine Liebe noch Erbarmen." Gepriesen sei der Name G'ttes, er hat mich in die Hand eigener Stammesbrüder gegeben . . . Der Urgroßvater meines Vaters, der große „Hatanja" — auf einmal wußte Meikemeier, wo. er dieses Gesicht schon auf dem Bilde gesehen hatte — saß im Gefängnis, vielleicht auch in dieser Festung, aber er war .in der Hand n i ch t j ü d i s ch e r Feinde, die kein Erbarmen kannten . . . Und auch ihm hat G'tt geholfen . . .", fügte der Rabbi nach kurzer Atempause hinzu. Ganz niedergedrückt von so viel Große einer Menschenseele, bemerkte Meikemeier: ^„Jch hörte es immer anders über die jüdischen Feinde. Fürchtet der Rabbi in mir einen Spitzel?" „Nein, Ihr seid kein Spion und kein Spitzel und Ihr kommt reinen Herzens. Aber auch jene Irregeleiteten sind Kinder Israels, von einer jüdischen Mutter geboren . . . Eine jüdische Neschomoh kann sich verlieren, aber nie verloren gehen . . ." „Sie sind mit Eifer darauf aus, .alles Religiöse zu vernichten, sperren Euch ein)-weil, sie in Euch Lehrer'ünd Vertreter der Religion sehen." „N^in, nein," wehrte der Rabbi rasch ab, „sie sagen, ich sei Vertreter des G roßkapit äX s. Hie chäm en sich, mich als L e h r e r der Re l i g i o n zu treffen. Und in dieser Schäm sind letzte Reste der jüdischen Neschomoh enthalten, die einmal mit am Sinai gestanden . . . Und dann der Eifer, von dem Ihr sprecht, dieser beweist es am besten. Es ist der Feuereifer, der ihre Väter auf den Scheiterhaufen für G'tt und feine Thora schickte." „Wie?..." „Ihr habt nicht unter Ehassidim gelebt, den heiligen Sohar wohl nicht gelernt und den „Hatanja" nicht gelesen. Es gibt keine zwei Kräfte, deren eine Kraft des Guten und andere Kraft des Bösen wäre. Es gibt nu?fftfJHlrfräft’ die je nachdem, wie w r r sind, fich'züm'Guten oder zum Bösen auswirkt. Esstnd „Klipoth", Schalen und Kern. Fällt die Klippo ab, leuchtet, sogleich der Kern. Darum ist vom Gemeinsten^ zum Höchsten und Heiligsten oft nur e i n Schritte . .-'T e r ach hat die Kraft,- seinen Sohn. Abraham Nimrod und dem Feuertode auszuliefern. Mit der gleichen Kraft, in den Dienst des Höchsten gestellt, tritt Abraham mit Isaak den Gang zum Morijah an . . . Bileam ist mit der gleichen Kraft wie Moses ausgestattet, aber er wird dessen Gegenpol . . . Meine Verfolger, die gegen die Religion und gegen mich anstürmen, und ich, der ich mich mit gleicher Energie gegen sie zur Wehr setze, wir schöpfen aus der gleichen Kraftquelle. Sie ist bei ihnen auf falsche Fährte geraten, in ein unsauberes Becken gekommen. Kein Wunder bei den Wirten, Stürmen und Leiden der Zeit, Uebergangsleiden der Messiaszeit . . .! Man muß Mitleid haben mit diesen armen unglücklichen, wegeverlorenen jungen Menschen, ein Gebet und eine Träne ..." Diese Träne stellte sich jetzt wirklich ein. Auch bei Meikemeier. Sie galt aber nicht den „unglücklichen" jungen Leuten, sie galt der Größe eines Menschen, der emgesperrt, in Erwartung des Schlimmsten, ungebrochen dasteht und Mitleid mit seinen Verfolgern hatte ... War das der Chassidismus, von dem die einen mit Abscheu wie von einem altindianischen Heidenkult, die anderen mit romantisch verklärten Augen sprachen? Was war das ganze Gerede um die Feindesliebe in alten und neuen Schriften gegen dieses schlichte natürliche Wort des verhafteten „fanatischen geistlichen Vertreters des Großkapitals", gegen diese heilige Träne? Er hatte auch schon manche romantisch verzückte Schilderung der Ehassidim, ihrer blauen Augen und der weisen Aussprüche bestimmter Chassidimrabbis gelesen. „Wenn nicht noch höher! . . ." kam ihm das Wort eines jüdischen Dichters in den Sinn bei diesem einfachen Erlebnis. Meikemeier muhte sich ein wenig sammeln. War sich der Rabbi eigentlich des Ernstes feiner Lage bewußt? Er, Meikemeier, mußte es erfahren, wollte er ganz im Bilde sein und in der Lage, etwas zu unternehmen. Er sondierte vorsichtig: „Diese Kinder einer jüdischen Mütter haben Blut vergossen, sie sind des Aeußersten fähig.. Der Rabbi verstand. „Weiß ich," sagte er ruhig, „haben mir bereits den Tod angedroht, und ich zweifele nicht an ihrer Fähigkeit, die Drohung wahr, zu machen, wenn ich ihnen nicht zu Willen stehe . . . Das werde ich aber nie tun können, weil sie nichts weniger verlangen, als daß ich mit meinem. Namen eine- Kundgebung gegen Che der undJeschiwo h , gegen T. h o r a u n d R e l i g i ö n und für den g'ttlosen Kommunismus decke." „Und dann?" i: „Wenn sie mich töten, werde ich den Tod als Strafe von G'tt auf. mich nehmen, und mein Blut' wird Sühne sein für alle Sünden Israels, auch für die Schandtaten dieser irregegangenen Brüder und Söhne . . . Viele Hunderte — vielleicht Tausende —sind ungenannt und unbeweint gegangen. Mich aber kennt die Welt, denn ich hatte' große Väter, so wird mein Tod vielleicht nicht üngekannt und ungeahndet bleibeti. Die Welt wird erwachen und aufschreien. Und unter diesem Schrei wirb die Gewalt verstummen, und Anderer Leiden nehmen ein Ende. Sollte ich zu einem solchen Sühnetode für meine unglücklichen Brüder und die heilige Lehre begnadet sein, so wäre es nur den Verdiensten meiner großen Väter zuzuschreiben. „Kötaunti!, ich bin zu gering," sagte und schrieb mein Ururgroßvater, der große „Hatanja", als er aus dem Gefängnis kam. Er meinte, er wäre zu gering befunden worden für solchen Sühnetod, und nun ich erst. . - , -Das alles war so ganz 'ohne Geste, mit der größten Natürlichkeit und Einfachheit der Welt hingeworfen, daß das Gewicht in den Worten selbst ruhte und dadurch noch schwerer war. „Hat der Rabbi einen Wunsch, etwa einen Auftrag für mich?" „Wenn Ihr der gute Mensch seid, als welchen Euch mein inneres Auge sieht, so saget draußen, meiner Familie und allen anderen, es gehe mir gut. Alle Gerüchte über Folterungen und Mißhandlungen sind erfunden. Man darf übles Gerede auch über feine Gegner nicht aufkommen lassen . . . Und noch eines: Wenn Ihr es in der Macht habt, so bewirkt, daß es erlaubt werde, mir noch einige Bücher herzuschicken, auch meine Sabbatkleider ... Es steht nirgends geschrieben, daß man im Gefängnis den Sabbat nicht ehren soll . . . Es muß bald fein, denn morgen ist schon Freitag. Für die Mitteilung an meine Familie und sonstige etwaige Auslagen nehmet den Betrag an." „Rechnen wir nachher ab." Meikemeier steckte das Verzeichnis der Bücher zu sich und ging mit Gutnachtgruß von dannen. XXII. Der günstige Eindruck, den Meikemeier vom Gefängnis des Rabbi mitgenommen hatte, verlor sich bald, als er Freitag früh einer Vernehmung des Angeklagten beiwohnen durfte. Er hatte sich als Delegierter der Moskauer Jewfektia für den Fall Schneerfohn legitimiert. Das war nicht ganz rechtsmäßig. Der allmächtige Beherrscher der Leningrader Tscheka, von dessen Mund Leben und Tod abhing, hieß Lunow, ein Jude in einfachem Soldatenrocke, mit einer flachen, breiten Schirmmütze über einem echten Henkersgesichte. Er tat die. Mütze nie ab, als fürchtete er, sich mit der Kokarde aller Macht und Würde zu entkleiden. Sein Sekundant war Genosse N a ch m a n o w , ein kleiner Jude, der im Aussehen Meikemeier ein wenig an Ruwke, den Pferdetreiber in Burki, erinnerte. Das waren die Richter des „Lubawitfcher..." Die Vernehmung fand in einem Raume statt, der dem Büro in der Scheunengasse zu Königsberg nicht unähnlich sah. Der Fußboden war schmutzig und voller Papierfetzen. Aus dem Tische lagen und standen Akten, Zeitungen, auch Kochgeschirr Ünd- Speisereste in wirrem Haufen herum. Eine 'Rauchwolke verdeckte die Sicht, denn alle, die hier saßen und herumliefen, hatten Tabakspfeifen im Munde. Ir» den Tabakdampf mischte sich der schneidende Duft-'Mer Juchten und der Modergeruch verstaubter Akten:».. Lunow bot dem Rabbi, der hüstelte und'sich die Augen wie die angelaufenen Augengläser wischte, keinen Platz am Meikemeier schob ihm schweigend einen Stuhl hin. „Die Moskauer sind höflich," dachten die Anderen. „Nun, Bürger Schneerfohn, habt Ihr Euch die Sache überlegt?" leitete Lunow zunächst mit gezwungener Ruhe und Freundlichkeit die Vernehmung ein. „Was verlangen die Herren von mir?" „Hier gibts keine Herren," fuhr ihn Lunow an. „Bürger, Genoss e n nur. Also, wir machen es kurz, Ihr seid, wie Ihr wißt, angeklagt, das Großkapital gegen die Interessen der Sowjetrepublik zu vertreten und in diesem Bestreben unter der Schutzdecke der Religion die jüdischen Massen gegen uns auszustacheln. Stimmt das?" „Ich bin von G'tt bestellter Hüter der Religion. Meine Väter und Vätersväter waren Lehrer des G'ttesgesetzes. Was ich von Großkapital besitze, ist Gebetmantel, Gebetriemen und ein Schrank voller heiliger Bücher, letztere ein Erbe der Väter. Ich predigte meinen Leuten stets das R e ch t d e r A r m u t." (Fortsetzung folgt.)