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Der Israelit · 1931-08-20 · Heft 34 (20.8.1931) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 34 (20.8.1931)
Date
1931-08-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 34 Der Israelit 20. August 1931 MM, führen ein schattenhaftes Dasein! Sind sie nicht Gestalten, die wir in völlig eindeutiger, scharfer psychologischer Charakterisierung kennen, ebenso wie Rahe! und Lea, die in leibhaftiger Lebendigkeit uns vor Augen stehen? Es ist geradezu nichts unmöglicher, als daß die Geschichte der 12 Stämme eine nachträgliche Erdichtung sei. Niemals hätte aus der späteren historischen Entwicklung eine rekonstruierende Phantasie gerade diese Ahnengeschichte erfinden können. Um nur einige Momente cmzusühren: 1. Juda und Benjamin bildeten in der Geschichte eine solche unlösbare Einheit, daß jede Dichtung Juda und Benjamin als die beiden Kinder einer Mutter hätte bezeichnen müssen. 2. Die Ostjordanstämme Rüben, Gaü und Halbmcmasse hätten wiederum eine natürliche Gruppe als Söhne einer Mutter ergeben müssen. 3. Der Stamm Simon trat nur im Anfang in die Erscheinung, um bald darauf in Juda aufzugehen. Wenn man ein Zwölsstämmesystem hätte erfinden wollen, so wäre es das Gegebene gewesen, ihn einfach aus der Gesamtreihe herauszulassen oder aber ihn unter den Söhnen einer Nebenfrau als einen - der Unbedeutenden und Unwesentlichen fungieren zu lassen. 4. Jede rekonstruktive Stammesgeschichte hätte Juda zum Aeltesten machen müssen, hätte jedenfalls nicht als die Hauptakteure der Familiengeschichte diejenigen auftreten lassen, die nachher z. T., wie Rüben und Simon, kaum eine Bedeutung behielten. 5. Niemals hätte eine nachträgliche Geschichtsklitterung führende Stämme wie Naftali, der in der Geschichte Deboras und Baraks eine so hervorragende Rolle spielte, als Söhne einer Nebenfrau austreten lassen. Kurz das ganze spätere Bild entspricht so wenig der ursprünglichen Stammesgeschichte, daß, wenn man nicht einen bibelkritischen Komplex hat, die Historizität dieser Ueberlieferung jedem Denkenden feststeht. Außerdem haben wir absolute Zeugnisse dafür, daß die Erzählung nicht einem „System" a posteriori angepaßt sein kann. Da ist zunächst der Jakobsegen, der noch den Stamm Lewi, die spätere geistige Elite des jüdischen Volkes den Priesterstamm, aus dem Moses und Aron, Sänger der Psalmen, Jirmijah und Ezechiel, hervorgegangen sind, mit schwerem Fluch belegt, der also notwendig aus einer Zeit stammen muß, wo Lewi noch keine priesterliche Rolle spielte. Ferner hat das Deboralied, dessen hohes Alter noch nie ein Bibelkritiker bezweifelt hat, die Stammeseinteilung, von der 10 Stämme namentlich aufgezählt werden, wie die ideale Einheit Israels als eine Gegebenheit zugrunde gelegt. Alles dieses spielt aber für N o t h keine Rolle. Er will uns weiß machen, daß in der alttestamentlichen Ueberlieferung Jakobs Frauen überhaupt nicht als ein selbständiges Traditionselement hervortreten — trotz Ruth 4, 11 und Jirm. 31, 15 — und der gesamte Pentateuch, das ganze Buch Josua, die Chronik, alles dies ist null und nichtig, wenn es gilt, mit einer neuen Hypothese die Geschichte Israels auf den Kopf zu stellen. Noth muß zwar bekennen, daß sich sehr ernste Bedenken erheben gegen die Auffassung des Zwölfstämmesystems als einer rein theoretischen Konstruktion, daß eine Reihe von Angaben in der Einzelgliederung des Systems so deutlich den Stempel der historischen Zuverlässigkeit und Unerfindbarkeit an der Stirn tragen, daß sie ganz allgemein ohne jedes Bedenken als Ueberlieferungen über geschichtliche Tatbestände verwertet werden können. Also legt man sich absolut hilflos die Frage vor: warum und zu welchem Ende ist es denn notwendig, die geschichtliche Ueberlieferung umzustoßen?? Kann der „Systemmacher" Noth wenigstens eine Epoche kennzeichnen, in welcher sich dieses System von selbst ergab? Darauf muß er uns die Antwort schuldig bleiben. Mit dem Stamm Levi ist überhaupt nichts anzufangen. Soll man ihn unter die zwölf rechnen oder nicht? Manchmal paßt es so besser und manchmal auch nicht. Es müssen also zwei Formen für das System überliefert sein. Aber wo ist die geschichtliche Situation, die das System zum natürlichen, logischen Ergebnis hatte? Die schematische Einteilung des israelitischen Volkes in zwölf auf einer Linie nebeneinandergeordnete Einzelstämme, so ungefähr läßt sich Noth vernehmen, kann nur in der vorstaatlichen, der sogenannten Richterzeit, entstanden sein. Denn aus der Zeit der Staatenbildung unter David und Salomo und der darauf folgenden Zeit des Nebeneinanderbestehens der beiden Staaten Israel und Juda läßt sich die Entstehung dieses Systems nicht verständlich machen . . . Die beiden Formen aber, in denen das System überliefert ist, verteilen sich in der Weise auf den verfügbaren Zeitraum, daß die erste Form (mit Levi) wahrscheinlich aus der frühesten Periode der Nichterzeit stammt und in Geltung blieb, bis sie in einer Zeit, die nach der Abfassung des Deboraliedes anzusetzen ist, durch die zweite Form (ohne Levi) abgelöst wurde." (S. 39/39.) D. h. zu gut deutsch: keine Periode der jüdischen Geschichte rechtfer t i g t d i e Ab-! e i t u n g des „Z w ö l f st ä m m e s y st e m s" aus der Volksgefchichte. Also wann soll sie und warum erfunden sein? (Schluß folgt.) Wochenrundschau. Sfuöicutetfetu Ein Versuch des Keren Hathora der Agudas Jisroel, Ost und West in seinen jüdischen Menschen einander näher zu bringen, ist glänzend gelungen. Das große Erlebnis im Osten wird nicht ohne nachhaltigen Eindruck und fortwirkenden Einfluß auf die Teilnehmer und ihre Kreise bleiben. Auf der anderen Seite hat der Osten an lebenden Beispielen gesehen, daß moderne Erziehung und Eingesponnensein in ein westliches Kulturmilieu den Weg zum jüdischen Denken und Fühlen und zur jüdischen Lebensweise nicht unbedingt verbauen müssen. Man hat auf beiden Seiten gesehen, daß „der eiserne Vorhang zwischen Ost und West" nur ein Märchen sei, daß, wo sich im Judentum Herz am Herzen entzündet, die Eisschollen glatt schmelzen. Ueber die Einzelheiten der Reise gibt laufender Bericht in unserem Blatte Kunde. Das wichtigste Moment der Studienreise aber war, daß die Gesellschaft überall, von Wien bis Wi!na, auf dem Umwege über Tschechoflovakei, Galizien, Klein- und Großpolen wie Zentral-Litauen, alles verstand und verstanden wurde, daß sie über alle äußeren Gegensätze in Kleidung, Sprache und Lebensweise hinweg brüderliches Verständnis mitbrachte und entgegennahm. Man hat von einander etwas gelernt. Dieses Resultat ermutigt zu weiteren Versuchen, die bei guter Verwendung der Erfahrungen von eminentem Nutzen sein könnten. Wie oft sagten wir uns bei Besichtigung der jüdischen Kulturstätten im Osten: „Wie bringen wir eine jüdische Welt hierher, wie bringen wir eine jüdische Jugend hierher, daß sie sehe und lerne, wo und wie die Quellen der jüdischen Kraft sprudeln?" Eine in Kleinmütigkeit und Vertrauensarmut großwerdende Generation könnte in Warschau und Wilna erleben, was das heißt: nx D”pa ’JW» TWin. Wer das gesehen und erlebt hat, hat kein Recht, über Not und Krisis zu klagen, mindestens nicht, die Not der Zeit als Freibrief für die Vernachlässigung von Thorastudium und Thoraleben in Anspruch zu nehmen. Wer von unserer gebildeten Jugend auf den Inseln der Heiligkeit und Reinheit in Radin und Leid und Liebe. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Von der ewig strahlenden Sonne der G'ttesliebe durchleuchtet, verliert das Golus mit all' seinen Nöten und Kämpfen seine Schrecken und wird zur Schule der Läuterung und sittlichen Kraft. Auf diesen klangvollen Ton des Glaubens und der Zuversicht stimmt uns, unsere Herzen und Seelen zu den Höhen lenkend, das jefajanifche Wort voll Weihe und Begeisterung: „tmrm -jvniy ]tjp s?:n3 D’h-u Einen kurzen Augenblick habe ich dich verlassen, aber in großem Erbarmen hole ich dich wieder ein. 'T~i ms p/inm ohny tonai ■]»» m ’is ’r-nron epp cppa In der Flut des Zornes verbarg ich mein Antlitz eine Weile vor dir, aber mit ewiger Liebe erbarme ich mich deiner, spricht dein Erlöser, G'tt." Einen Augenblick nur währt unsere Verlassenheit, eine Ewigkeit unsere Verbundenheit mit Ihm, der unser Hort und Erlöser ist. Was uns als Zorn G'ttes erscheinen mag, ist im letzten auch Liebe, unendliches, unermeßliches Erbarmen. Das Gewölk weicht, und wir schauen die Sonne, die stets am Himmel leuchtet. G'ttes Liebe will Israel und die Welt erlösen, darum stürmt es bisweilen und umdüstern finstere Wolken unsern Blick. Wir sollen zum Bewußtsein unserer Ohnmacht und Schwäche kommen, damit wir des Herrn Weisheit und Allmacht erkennen. Dies haben uns wohl auch die letzten Wochen gelehrt, da die Welt in ihren wirtschaftlichen Verhältnissen zu-1 sammenzustürzen drohte. Alles schien wieder einmal wie von einer Sturmflut mit fortgerissen zu werden. Da besannen sich die Völker und ihre Führer auf ihre Zusammengehörigkeit und Verbundenheit, daß der Sturm beschworen wurde und aus dem Dunkel das Licht neuer Hoffnung sich losrang. Damit ist dauernde Erlösung aus Not und Druck wohl noch nicht verbürgt, der Weg ist aber beschritten, auf dem der Friede unter den Völkern und damit das Heil für die Menschen erblühen kann. Die Menschheit muß am Ende wieder gesunden. So ist es uns in unserm Prophetenkapitel verbrieft: 'v epP» MN3IP2 p pKfl b? Yiy m '» "12S?Ö 'NV3V2 “UPS 'snST M 13 uiai yby, Ja, ein Noachsgewässer ist mir dies: wie ich geschworen habe, daß niemals mehr eine Noachflut die Erde überzöge, so habe ich geschworen, dir nicht fürder zu grollen und nicht dir zu dräuen." Der Schwur von ehedem ward von G'tt Israel erneuert. Wie die Sintflut als Verderben erschien, in Wahrheit aber Rettung brachte der Welt, indem sie nach G'ttes Waltung alles Entartete vernichtete, um die reinen Keime einer neuen Zukunft vor Entweihung zu schützen, so barg auch Israels nationales Unglück den Keim neuer Erhebung als Vorbedingung für Zions Wiederherstellung und die Gewinnung der gesamten Menschheit für das Ziel, das der Alliebende ihr gestellt hat. Unser Leidensweg ist also auch Ausfluß der himmlischen Gnade. Er wird in Erlösung und dauerndes Heil für die ganze Menschheit ausmünden. Wie muß dieser Gedanke uns zur Einkehr führen und läutern! Es gilt, uns auf unsere jüdischen Ideale zu besinnen und unsere Heiligtümer vor Entweihung zu schützen. Jüdische Art und Sitten dürfen wir nimmer preisgeben, und stellten wir uns dabei hundertfach in Gegensatz zu den Anderen. Wir bringen uns und unsere Zukunft in Gefahr, wenn wir uns überall angleichen zu müssen glauben und moderner sein wollen als die Modernsten. Der wärmste Hauch inniger Liebe und Treue weht uns aus dem heiligen Schristworte immer dann entgegen, wenn unter dem Bilde der Ehe das einzigartige Verhältnis Zions zu dem Alliebenden dargestellt wird. Da schwingen alle Saiten unserer Herzen zu den mannigfaltigsten Akkorden, wenn wir es vernehmen: i'ffy T>5>yn -o mp’ pan bo ybx i-rr-iir" irnp -j-Vsai me? -ax 'i Der dein Gatte ist, ist dein Schöpfer, G'tt der Umscharte ist sein Name, und dein Erlöser, der Heilige Israels, G'tt der ganzen Erde wird er genannt, 'nx n i*np rvn r-aix»i raus? rivrrs 'pbs nm oson Ja, wie ein verlassenes Weib, das bekümmerten Gemütes ist, ruft dich G'tt zurück: das Weib der Jugendliebe, kann es denn verworfen werden? spricht dein G'tt." Die Liebe G'ttes zu Mutter Israel wird gemessen an der Liebe und Treue zwischen Gatte und Gattin. Versteht unser Geschlecht es noch, die hohe Sendung zu würdigen, die das G'tteswort dem jüdischen Hause als Pflanzstätte edelster Triebe und reinster Gesinnungen zuerkennt? Ist in unserer Mitte die Ehe noch das erhabenste Heiligtum des Lebens, der Familiensinn unsere Burg, die Schutzwehr gegen alle feindlichen Mächte und Gewalten? Der Elul will auch in diesen höchsten Fragen des Lebens durch des Schofars mahnende Stimme uns aufrütteln und mahnen: '^av ehp mm sh s>s->im nur» nenp mnn s'- Nicht darf unter den Töchtern Israels und auch nicht unter den Söhnen Israels jemand sein, der durch Unsittlichkeit sich selbst entheiligt." Sittlichkeit ist unser höchster Schmuck, der Adel unserer Seele, das Abbild des g'ttlichen Urbildes, des Allheiligen, der in Reinheit und Erhabenheit im Himmel und auf Erden waltet. kleine» Augenblick. Don Rabbiner Dr. KaaH in Hindenburg O. S. Wir lesen in der Haftara dieses Sabbats: 7xapx o’hTJ tramai fnars? pp wn „Einen kleinen Augenblick nur habe ich dich verlassen, aber in großem Erbarmen sammle ich dich. In einer

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