Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1931)
- Date
- 1931-08-13
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 16 Keren Halorah. I. Wenngleich die Gegenwart im Zeichen nüchterner Sachlichkeit steht, verpönt ist in manchen Kreisen — zumal unserer Jugend — die Verbrämung jeder Sachdarstellung! mit agadischen Gedanken, so sei dieser Bericht über die Arbeit des Keren Hathora in den acht Jahren seines Bestehens doch unter die Stich- und Kennworte gestellt, die der Ellulmonat uns geläufig und vertraut machte. Denn die Keren Hathora-Arbeit läßt sich, in einem kurzen Bericht, am einprägsamsten darstellen durch die drei Gesichtspunkte, die dem Ellulmonat das Gepräge geben. Durch die erste Kenessio Gedaulo wurde der Aufgabenkreis des Keren Hathöra umschrieben. Seine Aufgabe ist: 1. „Die religiöse Erziehung des jüdischen Volkes in allen Ländern des Golus und in Erez Jisroel zu fördern." Ist diese religiöse Erziehung nicht angedeutet in dem einen Ton des Ellulrufes: •15nr aab NX1 133^ flX? Eltern und Kinder: Durch die Moderne wurde das Band, das Jahrtausende lang die Generationen umschlang, zerrissen. Es neu zu knüpfen, zu einem Hochziel hin Sinn und Blick von Eltern und Kindern zu lenken, das ist die eine Seite der Ausgabe. 2. „Für die Erhaltung der Grundfesten der Thora und der Religion zu sorgen" — ist diese Verpflichtung nicht angedeutet in dem zweiten Ton des Ellulrufes: nm nnb 'irr- Die jüdischen Menschen: Durch die Irrungen und Wirrungen unseres aufklärerischen Zeitalters wurde die Treppe morsch und brüchig, die den Weg zur Höhe führte. Sie wieder auf- und auszubauen, in Wort und Schrift, auch bei den schon Entfremdeten für die Einzigartigkeit und Schönheit unseres Judentums, der Thora zu werben — das ist die zweite Seite der Aufgabe. 3. „Die bestehenden Thoralehranstalten zu erhalten und nach Möglichkeit neue zu errichten" — ist diese in erster Reihe soziale Absicht nicht angedeutet in dem d r i t t e n Ton des Ellulrufes: •a^rax^ rmnai insnV bt>x Die Schüler und Lehrer der Thora — diese Menschen, die nicht den unter 1 und 2 angedeuteten Gefahren erlegen sind, die festhalten am Alten und treu zu den Eltern und Aelteren — sie sind durch die materiellen Nöte unserer Zeit, wenn nicht alle, so doch die meisten, einer furchtbaren Verelendung preisgegeben. Ihrer Not zu steuern, ihren Druck zu lindern, aus dem selbstverständlichen Gefühl des von aller Ueberhebung freien Helfen-mü f s en s — das ist die d ritte Seite der Aufgabe. /. II. Diese dreifache Aufgabe sucht der Keren Hathora zu meistern. Ihrer Lösung gibt sich seine Zentrale i n Wien mit wechselndem Erfolg, aber immer in vollem Bewußtsein der großen Verantwortung hin. Sie gliederte, getragen von dem Vertrauen unserer Größten, ihre Tätigkeit von Anfang an nach fünf Hauptrichtungen: 1. Begründung und Ausbau eines Organisationsgefüges für den Keren Hathora; 2. Subventionierung von Jeschiwoth und ähnlichen Lehranstalten; 3. Gründung einer zentralen Jeschiwa in Lublin; 4. Pädagogische Förderung des Knabenschulwesens; 5. Begründung und Ausbau der Mädchenschulorganisation „Beth Jacob". Zu 1. Es wurden im Laufe der Zeit 30 Landesverwaltungen des Keren Hathora in den meisten Ländern Europas, in Palästina, Amerika und Afrika geschaffen, die ihrerseits wiederum in den einzelnen Bezirken und Städten Unterabteilungen, „Kommissariate", z. Zt. ca. 250 an der Zahl, begründeten. Zu 2. Der Keren Hathora betrachtet als das wichtigste Objekt seiner Hilfstätigkeit, die Jeschi- Der Israelit Blätter woth, wie ja bei allen Völkern die Hochschulen die eigentlichen Pfeiler des Geisteslebens darstellen, weil die ihnen entwachsenen Jünger die Berufensten sind, in den Zeiten schwerer Erschütterungen'„im" Bruch zu stehen", fest zu stehen. : Dem ungesunden Zustand, durch Sendboten (Meschullochim) die für die Erhaltung der Jeschiwoth, der Dozenten und der Bachurim erforderlichen Mittel aufzubringen, wollte der Keren Hathora durch Schaffung einer Zentralkasse ein Ende bereiten. Der Keren Hathora sollte zu einem Fonds ausgebaut werden, der, von allen gespeist, allen, aber in erster Reihe den Jeschiwoth, zugute kommen sollte. Es ist dem Keren Hathora leider nicht geglückt, diese Absicht zu verwirklichen. Der Abstand zwischen seinem Willen und seiner Leistung ergibt sich deutlich aus folgender Ausstellung: Für 14 000 Bachurim, mit denen heute noch G. L. gerechnet werden darf, ergibt sich bei einem Monatsbedarf von je Doll. 10.— ein Jahresbudget von llA Millionen Dollars. Von diesem Betrage hätte der Keren Hathora zu notdürftiger Sicherstellung der Jeschiwoth ein Drittel ausbringen sollen, also eine halbe Million Dollars. In Wirklichkeit brachte er kaum Doll. 50D00 jährlich auf. Den Abstand zwischen Wille und Leistung sucht der Keren Hathora dadurch zu mildern, daß er in besonderen Notfällen besondere Maßnahmen ergreift. So hat der deutsche Keren Hathora, unter Führung von Oberrabbiner Dr. Spitzer-Hamburg, Anfang 1925 eine Entschuldungsaktion für die litauischen Jeschiwoth durchgeführt, und hierdurch ca. Doll. 30.000 den damals um ihre Existenz ringenden litauischen Anstalten zukommen lassen. So hat seinerzeit die Zentrale eine Hilfsaktion für die aus Sowjet- Rußland geflüchteten Bachurim in die Wege geleitet, und durch Intervention beim Joint, bei der Alliance usw, wenigstens die ärgste Anfangsnot dieser Flüchtlinge zu lindern gewußt. Neben der direkten Subventionierung von Jeschiwoth läßt er sich insbesondere die Subvention von Küchen für die Bachurim, sogen. Mensa, angelegen sein. Auch hat er es sich zur Ausgabe gemacht, den Sendboten wichtiger Jeschiwoth in jeder Weise mit Rat und überall durch seine Landesverwaltungen bezw. Ortskommissariate zur Seite zu stehen. In der Zeit von Anfang 1924 bis Mitte 1929 wurden aus Mitteln der Keren Hathora-Zentrale Doll. 174.880 an die einzelnen Jeschiwoth verteilt, und zwar handelt es sich um Anstalten in: Deutschland, Italien, Litauen, Oesterreich, Palästina, Polen, Rumänien, Schweiz, Tschecho- Slowakei, Ukraine und Ungarn. Zu 3. Abgesehen von der Hilfstätigkeit für Jeschiwoth sub 2) hat die Keren Hathora-Zentrale insbesondere .bei der Errichtung der großen Lubliner Jeschiwa, Jeschiwas Chachme Lublin, mitgewirkt und zwar auf Grund eines besonderen Beschlusses der ersten Kenessio Gedaulo. Sie ist hierbei von ihrem sonstigen Prinzip, nur schon bestehende Anstalten zu fördern, abgewichen. Die Jeschiwas Chachme Lublin ist in erster Reihe das Werk ihres Initiators, Oberrabbiner Meier Schapiro,: derzeit Piotrkow, jetzt Lublin. Sie wurde mit einem Aufwand von über Doll. 100.000 errichtet und ist heute schon eines der blühendsten Zentren des polnischen Thorajudentums. Mit Jnternatsräumen für 500 Hörer ausgestattet, studieren heute unter Leitung ihres Gründers an ihr 150 der ausgezeichnetsten Bachurim Polens, aber auch aller? andern Länder Europas und auch aus Amerika,^die. alle an der Errichtung der Lubliner Jefchiwah Anteil haben. Denn nur deshalb will diese hohe Schule den stolzen Namen Weltjeschiwah .— dieser Name wurde ja manchesmal mißverstanden und miß? deutet, — tragen, weil sie aller Welt lernbereiter Jugend ihre Pforten weit öffnet. Zu 4. Die bisher erwähnte Tätigkeit des Keren Hathora bestand vorwiegend, wenn auch nicht ausschließlich, in der Bereitstellung von Mitteln. Sie konnte sich also der Stellungnahme zu 13. August 1931! den erzieherischen Problemen in den einzelnen Ländern enthalten. Die im Laufe der Zeit allseitig als dringend notwendig Gezeichnete Mithilfe des Keren Hathora bei der Ueberwältiguüg der Schwierigkeiten, -die sich aus der Gegensätzlichkeit der bisherigen Schulmethoden zu den staatlichen Ansprüchen ergaben, machte die Errichtung einer eigenen Abteilung für Erziehung und Unterricht „Merkas Hachinuch" erforderlich. „Es ist selbstverständlich, daß diese ihr Programnr äußerst vorsichtig aufstellen und stets das Prinzip der völligen Selbständigkeit der Länder wahren mußte. Zu dieser Vorsicht fühlte sich die Zentrale um so mehr verpflichtet, als die Gaonim des Ostens mit vollem Recht in der Ueberpflanzung westlicher Erziehungsgrundsätze eine schwere Gefahr erblicken . . . Die im Osten seitens des Keren Hathora tätigen westlich gebildeten Erzieher waren also nur Exponenten der modernen pädagogischen Technik: Einzig unter diesem Gesichtspunkt geschah die Gründung des Merkas Hachinuch, und begann er seine Arbeit, die folgende Gebiete Umfassen sollte: Sammlung und Bearbeitung des gesetzgeberischen Materials der in Betracht kommenden Völker, um die Bestrebungen zu autonomer Gestaltung des orthodoxen Schulwesens zu unterstützen; Maßnahmen zur Herausgabe orthodoxer Jugendliteratur, Schaffung der notwendigen Schulbücher; auf besonderen Wunsch Inspektionen von Schulen, Hilfeleistung bei Einrichtung und Ausbau von Anstalten, Kursen und dergl. Dieser eigentlich pädagogisch-methodischen Tätigkeit mußte jedoch eine schulpolitische vorangehen." Diese letzterwähnte Tätigkeit war in Polen von vollem Erfolg gekrönt. Das polnische Unterrichtsministerium anerkennt die orthodoxe Schule, das Cheder, verleiht ihm das volle Recht auf normale Erfüllung der Schulpflicht und gesteht ihm auch Ansprüche in finanzieller Beziehung zu. Es gelang dem Keren Hathora in Polen die- Schaffung einer orthodoxen Schulorganisation,, die im Anschluß an die in Wilna schon bestehendeden Namen „Horeb" erhielt. Die pädagogisch-methodische Arbeit in Polen umfaßt Inspektionen, Fortbildungskurse für Lehrer, Berufsberatungen, Gesundheitsschutz, Herausgabe von Lehrbüchern, Subventionen im Rahmen des Möglichen. Aehnlich war die in L i t a u e n unö1 L e t t - l a n d geleistete Arbeit, die in Litauen in enger Zusammenarbeit mit der orthodoxen Schulorganisation „Jawne", in Lettland mit der entsprechenden Schulorganisation „Thora w'Derech Erez" geschah. .;; ' In D eü ts ch l a N.d ist, der. Merkas Hachinuch . wesentlich/ eine wissenschaftlich-pädagogische Arbeitsstätte geblieben.'' Die. Bemühungen auf Schaffung einer umfassenden orthodoxen Schulorganisation für Deutschland waren bisher nicht. von Erfolg gekrönt. Zu 5. Die diesbezüglichen Arbeiten sind in einer diesem Bericht folgenden besonderen kurzen Sachdarstellung aus der Feder des Herrn Dr. Deutschländer, der sowohl die Keren Hathora- Zentrale als auch die Beth Jakob-Mädchenschulorganisation leitet, zusamwengefaßt. - in. lieber die besondere Arbeit des deutschen Keren Hathora ist in diesen „Blättern" wiederholt ausführlich Bericht erstattet worden. Wir geben die Ziffern über die Abrechnung der letzten 5 Jahre nochmals kurz bekannt: 1 926: Einnahmen: M. 73.025,24 Ausgaben: Subventionen in Deutschland 101'' 42.196,95' Zahlung für die Zentrale 13.164,49 Abgabe an die A. I. (für K. H.- Zwecke und K. H.-Beamte) 7.30.0,— 1927: ' ' Einnahmen: M. 68.384,94