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Der Israelit · 1931-08-13 · Heft 33 (13.8.1931) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 33 (13.8.1931)
Date
1931-08-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Sei,-ge ' Der Jsraelit Neikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines Menschenschicksals und einer Zettepoche. Bon S. Jzchali. (Fortsetzung). Man schrieb im „Emes" geharnischte Aufrufe zur Ausrottung allen Aberglaubens, — in den gleichen heiligen Buchstaben, in denen die heiligen Bücher geschrieben waren. Junge Arbeiter verschlangen auf der Straße die pikante Lektüre. Der kleine Jude des Alltags zerknüllte angewidert das Blatt und warf es in den Ofen, um nach dem versteckt gehaltenen heiligen Buche ZU greifen, aus dem er bei herabgelassenen Vorhängen die Lösung für all die grauenhaften Rätsel draußen suchte. Er fand die Frage schon in seinem alten Psalmbuche: „Warum stürmen die Völker an und hegen die Nationen Wahngedanken? Sie lehnen sich gegen (S'tt- und seinen Gesalbten auf; sprechen: wir brechen die Fesseln, lösen die Bande. Dann aber spricht G'tt zu ihnen in seinem Zorne, in seinem Grimme verwirrt er sie . . ." Zehn Jahre bald sprach G'tt in feinem Zorne seit dem Ausrücken der ersten Legionen, die nicht wiederkamen; durch die Jahre von Hunger, Not und Tod. Sein Grimm brachte Schrecken über Schrecken. Sie aber, die Menschen, hörten nicht, begriffen nicht; stürmen und wähnen . . . Draußen zogen sie durch die Straßen mit Pauken und Trompeten, schlugen in die Trommel, schwangen rote Fahnen und große Schrift aus auf Transparenten — wiederum in jenen heiligen Buchstaben, die einmal in schwarzem auf weißem Feuer der' Welt das G'ttesgesetz kündeten — schrieen in die Gassen: „Auf zu einem Ball am Kol nidre-Abend!" „Ein roter Seder bei Brot und Bier!" „Nieder mit der Religion und mit dem alten Aberglauben!" Der alte Jude spie aus, schloß Türe und Fenster, wie aus Angst vor Eindringen der Pest und versenkte sich um so tiefer in das Buch der Lehre, in die Lieder der Psalmen. In Schulen lehrte man in der jüdischen Volkssprache eine Lehre der Gottlosen, sagte den Kindern, ihre Väter und Mütter seien Narren und es sei höchstes revolutionäres Gebot, dem Alten und den Alten Trotz zu bieten. Man zwang Arbeiter und Angestellte des großen kommunistischen Apparates, ihre Kinder in diese Schulen zu schicken. Cheder und Jeschiwa, die ihre Pforten schließen muhten, verkrochen sich aber in den tiefen Keller oder auf den Dachboden, gleichsam als Symbol: Ueber uns und unter uns ist die alte Lehre, dazwischen der hohle Raum, den man als Strafe G'ttes tragen muß ... Zuweilen wurden solche Nester der Religion wie Schlupfwinkel schweren Verbrechens ausgehoben. Die Kinder liefen weinend nach Haufe, die Lehrer wurden ins Gefängnis gezerrt, deren mancher nie wieder kam. Aber es kamen andere, die das zu Boden gefallene heilige Buch wieder aufhoben, die heimgeschickten Kinder wieder sammelten. Es gab viele Keller und Dachböden in Moskau und Petersburg und in den Provinzstädten, mehr als die Augen der Tscheka und Jewsektia fassen und überwachen konnten . . . Man zog in Synagogen und Bethäuser, stürmte Almemor und Kanzel und hielt Reden an die Gemeinde, just im Momente, da sie sich zum stillen-Gebete-stellte und sich nicht wehren konnte. Die Alten zogen den Gebetmantel tiefer über den Kopf und verstopften die Ohren, daß Satans Worte der G'iteslästerung sich nicht trübend in die heiligen Worte des Gebetes mischten .. . Später verfiel man darauf, daß man den jüdischen Arbeitern Klubräume schassen müsse. Wozu aber die vielen schönen Synagogen, Bek¬ und Lehrhäuser, nachdem G'tt, Geist und Glaube abgesetzt und aufgehoben waren? Also zogen Marx und Lenin in die g'ttgeweihten Mauern ein, mit ihnen die wilden Träger dieser neuen Bundeslade, die in Haß und Hemmungslosigkeit auch das Andenken ihrer eigenen Schutzpatrone schändeten. Die Alten setzten sich zur Wehr, sogut sie konnten, mit Psalmgebeten und Tränen, auch mit schwacher Faust. Dann zogen sie sich mit ihren heiligen Rollen und dem letzten Rest der Lehr- und Gebetbücher zurück, in Hinterhäuser und Dachkammern, zumeist dahin, wohin sich auch die heilige Lehre und ihre Jünger geflüchtet hatten. Fast in regelmäßigen Zeitabstanden gab es öffentliche Monstreprozeffe gegen Rabbiner, die ihre Gemeinde zum Festhalten und'Ausharren gemahnt, gegen Lehrer, die illegal gelehrt hatten, gegen Kommunisten, die beim Gebet oder bei der Ausübung einer Zeremonie ertappt wurden, gegen alte Männer,' die eine Beschneidung vollzogen, kurzum gegen Menschen, die mit dem Gesetz von G'tt und Moses das Gesetz Lenins und der Machthaber der Jewsektia übertreten hatten. Diese Prozesse wurden von vorzüglichen Theaterregisseuren groß und gut aufgezogen. Von der kleinen Schikane bis zur großen Demonstration war alles vortrefflich und teuflisch klug eingefädelt. Im Büro der Jewsektia im Seitenbau der Tscheka auf der Liubanka häuften sich die Akten zu Bergen. Ihre Bewältigung absorbierte die Kraft eines ganzen Beamtenstabes. Meikemeier, auf gehobenem Posten in diesem Hause, hatte Einblick in die Akten, hatte volle Uebersicht, wie ein Kapitän auf der Kommandobrücke des Schiffes über das Spiel der Wellen. Er sah, wie sich die Maschen einzeln in einanander verschlangen und sich zu einem Riesennetz fanden. Er sah das alles, und sein Herz blutete um so mehr;,, als er nicht helfen konnte. Die zwei Seelen in feiner Brust — die eine aus dem frommen Schächter Häuschen in Burki, die andere aus Klub und Kreml —, die schon seit seiner Kindheit neben einander wohnten, stießen auseinander, gerieten miteinander in wilden Kampf, der so schwer war, wie der zwischen Satan. und Engel, zwischen Himmel und Hölle im neuen Rußland. Unvergeßlich blieb Meikemeier der Alte, der im geöffneten Kaftan, unter dem die Schaufäden lustig wehten, als wollten sie alle bösen Geister vertreiben, vor dem hohen Tribunal stand und, so klein und schwach er war, alle Flüche des dritten und fünften Buches der Lehre auf das Haupt seiner Richter, die eine jüdische Mutter geboren hatte, herabbeschwor, sie mit Datan und Abiram und der Rotte Korahs verglich und ihnen ein ähnliches Ende voraussagte . . . Ein feuerspeiender Berg war dieser kleine Alte, daß den stämmigen rauhen Burschen das Lachen verging. Er wurde zur Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt — weil er von Haus zu Haus gegangen war, kleine Kinder gesammelt und mit ihnen das jüdische Alphabet und die Gebete gelernt hatte. Er hatte es nicht um Geldeswillen getan. Dann, donnerte der Ankläger, sei die Sache noch schlimmer, dann habe er es aus gegenrevolutionären Gründen getan, was noch schärfer geahndet werden müsse. An die Wand sollte er gestellt werden, dieser staatsgefährliche Kinderlehrer. Und der Alte öffnete den Kaftan noch weiter und sagte: „Schießet nur gleich zu! Rabbi Akiba lachte, als sie das Fleisch mit eisernen Bürsten nr. 33 Mi von ihm rissen. Es waren Römer. Er hätte nicht gelacht, wenn es jüdische Bluthunde euresgleichen gewesen wären . . . Und als das Urteil fiel: Sibirien!, lachte er nur und sprach: „Ich werde in Sibirien von Haus zu Haus gehen, die jüdischen Kinderchen um mich sammeln und' mit ihnen die heiligen Buchstaben lernen . . ." Und noch unverwischlicher wollte ihm der Anblick der Kinder bleiben, die bei dieser Gerichtsverhandlung als Zeugen zugegen waren. Sie ballten in kindlichem Zorn ihre kleinen Fäuste gegen die Richter, die ihren Lehrer schmähten. Dann klammerten sie sich an seinen Kaftan und weinten, sie wollten mit ihm, ihrem Rebben, mit nach Sibirien gehen . . . Man muhte sie mit roher Gewalt von einander trennen. Diese Bilder, die sich alle paar Monate in verschiedenen Variationen wiederholten, prägten sich mit Wucht in seiner Seele ein, der einen Seele aus dem Schächterhause in Burki, so daß die andere ganz verschüchtert dahintertrat. In seine Träume hinein begleiteten ihn diese Lehrer und diese Kinder. Auch die Alten, die sich mit den Ständern und Stühlen in den Synagogen verbarrikadiert hatten, bis die Büttel der Sowjets draußen die Türe einschlugen. Wie sie weinend mit ihren Thorarollen von dannen zogen! . . . Ein Bild des finstersten Galuth mitten im befreiten Lande, in dem der rote Messias für die ganze Welt gekommen sein sollte . . . Er stand aus erhobenem Posten und sah das wilde Spiel der Wellen. Was vermag aber der Kapitän mit der gutem Sicht gegen die Eisberge zu unternehmen, die von allen Seiten gegen das Schiff anftürmen, die er weder vertreiben noch umschiffen kann? Man hatte ihn von hoher Stelle aus im Auge. Es sollten Akten seines Ressorts, die sich auf Religionsverfolgungen bezogen, nicht mit der gewünschten Energie und Schnelligkeit erledigt worden sein. In Aufsätzen für die kommunistische Presse und das Ogran der Jewsektia holte er, wie man sagte, nicht düs letzte aus sich heraus. Am liebsten schrieb er Dinge, die weitab vom Schlachtfelds um die Religion lagen. Er fühlte sich zuweilen.sogar schon fast bespitzelte Es war ganz kl.ar, daß der gewaltige unerklärliche Widerstand von einer Zentrale organisiert, genährt und ermutigt war, die möglicherweise ihre geheimen Fäden bis in den Kreml und die höchsten Amtsstellen spann. Die -Spuren führten nach Petersburg, das längst L e n i n --u g r a d hieß. Die Stadt an der Newa lag nicht sehr weit von 'der Grenze Lettlands, das, wie die anderen Randstaaten, in den Augen der Moskauer Machthaber allesamt Brutstätten der gegen Sowjetrußland gerichteten Gegenrevolution waren. Also saßen die Gegenspieler der Jewsektia in der früheren Hauptstadt, die ihre Nahrung wiederum über Riga vom Auslande erhielt. Nach dieser Spur gingen nun nunmehr alle Recherchen der Tscheka und Jewsektia. Und eines Tages ging durch die Hand Meikemeiers ein Bericht aus Leningrad, den er lange in der Hand behielt, bis er ihn weitergab. Die Leningrader Tscheka sei mit Hilfe der dortigen Jüdischen Sektion endlich dem Treiben auf die Spur gekommM Die Zentrale der jüdischen GegenrevolutionMfinde sich in einer Chassidims ch u l der Ladyer, der Unentwegtesten der Unentwegten. An ihrer Spitze stehe ein Mann, der tausend Tode und alle Folterqualen der Welt auf sich zu nehmen bereit sei, wenn er damit feiner Sache dienen könnte. (Fortsetzung folgt.) D3D

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