Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1931-08-06 · Heft 32 (6.8.1931) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 32 (6.8.1931)
Date
1931-08-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450652-2450684--78129-2535798
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jtnilltton. Bcilaac Irr. 32 M3I Meikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines TNenfchenschicksals und einer Zeitepoche. Bon S. Jzchoki. lForyetzung). Meikemeier war von innen heraus aufgewühlt. Für ihn waren die Vorgänge in der Ukraine keine Reaktion, kein politischer Rückschlag, wie es die anderen nannten, sondern eine Katastrophe, die. seine Brüder und seine Schwestern, ja ihn selbst traf, in einer Feit, da der Messias für alle Völker, nicht zuletzt für die Juden, gekommen zu sein schien. Es hatten in Wahrheit erst kaum die Uebergangswehen des Messias begonnen. Die Tribüne in Bafel fiel ihm ein, von der herab der schöne Graubart mit den jungen Augen seine große Anklage gegen die Welt donnerte. Am Ende hatte Nissim Beer doch recht: Kein Platz für Dich, armer geplagter Jude, im Freiheitspalaste der Welt. Ein Eigenheim, und wäre es noch so klein! ..." Vielleicht tat es auch ein geistiges Eigenheim mitten in der politischen und sozialen Heimatlosigkeit, wie es der alte Schächter, der sein Vater war, und die tausend anderen seinesgleichen tatsächlich besaßen . . . Aber gerade diese ihre geistige Heimat war vom Kreml und von der Jewsektia aus am wenigsten geschützt. Noch ließ Meikemeier einen solchen Wandel der Gesinnung nicht an die Oberfläche seines Bewußtseins treten. Es wäre eine Absage gewesen an vierzig Jahre schweren Lebens, eine Revolution im kleinen, nicht minder durchgreifend als die große in Rußland. Aber in seinem Unterbewußtsein rauschte etwas, das unabhängig von seinem äußeren Tun und Trachten, wie das Aufsprudeln einer alten, längst verschütteten Quelle aus tiefen Tälern anmutete. Es kamen nach Moskau Berichte über das Niederringen der „weißen Konterrevolution". Jubel, Fahnen wehten und Trompeten'schmetterten. „Neue Blutbäder", sagte Meikemeier. Es kamen Berichte in die Jewsektia über tapfere Gegenwehr, die jüdische Jugend,, zumeist vergebens, der Soldateska bot. Eine Freude über dergleichen Taten lag ihm nicht. Es wurde mit Begeisterung und Bewunderung erzählt von einer Frau in Kiew, einem ganz jungen Weibe, Sonja Postakow hieß sie, die wie eine Amazone, eine moderne russische »Heilige Johanna", die jüdischen Scharen der Selbstverteidigung anführte und ganze Städte rettete und schützte, die weißen Bestien so lange im Schach hielt, bis die Hilfe mit den Sowjettruppen kam. Sie hatte also nicht allein für die Juden, sondern auch für das neue Sowjetrußland gekämpft. Sie wurde zum Mythos, man wand ganze Sagenkränze um das Haupt dieses jüdischen Heldenweibes. So ward sie, nach völliger Niederwerfung des Ausstandes, nach Moskau berufen und es wurde ihr gehuldigt wie . einer Königin, Mit Blumen und Böllerschüssen, mit Milifkirparäden und Banketts. Sie blieb eine Zeittang in der ^Hauptstadt, da sie eine Mission hatte, ich. Aufträge den ukrainischen Sowjets, einiges mit der Zentralmacht der Sowjetunion im Kreml zu ordnen. Auch sollten die jüdischen Angelegenheiten in Kiew nach dem Muster von Moskau geregelt werden. So führte sie der Weg auch auf die Lrubanka in die Jewsektia, und so kam sie mit Meikemeier zusammen, dem es oblag, sie in die Dinge einzusühren und ihr Bericht über die Organisation, die Arbeiten und Pläne dieser jüdischen Kommission zu. erstatten. Auge in Auge stand er dem sonderbaren Weibe gegenüber. Männlich gekleidet, in Soldatengrau mit rotem Besatz, die Züge hart und streng, in hohen Stulpenstiefeln und glattgeschorenem Kops, stand sie vor ihm. Diese Züge waren ihm in Hellen weicheren Farben schon einmal irgendwo begegnet. Wo nur? Er erkannte sie nicht. Sie aber reichte Ihm sofort kameradschaftlich die weiblich gebliebene Hand. „Schon vergessen, den guten Wissotzkitee in Zürich?" lachte sie, und die Augen sahen jetzt auf einmal wieder ganz mädchenhaft aus. 1(- „Sonja Pos. ." stotterte er, ohne auf den ganzen Namen zu kommen. „Sonja Vosener", hals sie lachend nach, „jetzt Posnakow, weil es sich russischer anhört. Nun haben wir scheinbar beide einen ähnlichen Weg gentücht. Sie in Moskau, ich in Kiew, beide aber- Räder an der großen Maschinerie." „Sie sind eine Heldin, ruhmbedeckt, ich bin ein Büromensch, ein Tintenkleckser geblieben," sagte er in ehrlicher Bewunderung. „Das mit der Heldin," sagte sie einfach, lassen wir einmal ganz beiseite, alles starke Uebertreibung. Das Volk will seinen Heros, auch seinen Mythos haben, und wir Frauen geben dafür ein gutes Objekt ab." „Aber Sie haben gekämpft, Truppen angeführt, den Bestien gezeigt, was ein Weib und noch dazu ein jüdisches Weib kann." „Wer sich seines Lebens und seiner Ehre nicht wehrt, verdient beides nicht. Es hat mehr der Heldinnen meiner Art gegeben •. . . Ich bin, wenn Sie wollen, noch die aufrichtige Spießerin, die ich immer war. Ich habe ängstlich um Leben und Eigentum gekämpft . . . Sie haben genug der Mythen über mich gehört, nun will ich Ihnen einiges aus meinem Leben, wie es in Wahrheit ist, berichten — wenn es Sie interessiert?" „Ob es mich interessiert?" Er war wieder von ihrer Natürlichkeit mehr bezaubert; als vordem ganzen Lstzendenkranz, der ihr Haupt bedeckte. ' . „Also hören Sie: Ich kam! von der Schweiz nach Hause zurück und lübernahm auf Grund meiner l abgeschlossenen chemischen Studien die väterliche Fabrik.' Der Vater.starb, ich heiratete einen Mann, den ich liebte und mit dem ich das Unternehmen weiter ausbaute. Ein paar liebe Kinderchen stellten sich ein. Da kam die große Revolution. Wir wurden enteignet. Mein Mann konnte es nicht verschmerzen und schwor den Sowjets Rache. Ich war auch Feindin der Sowjets, aber sie imponierten mir zugleich.. Es regten sich bei mir die Jugendideale noch einmal, und ich sagte mir: Na also, wenn es der Gemeinschaft zum Segen gereicht, so möge mein Opfer, ein Beitrag zur Welterlösung sein . . . Die Gegenrevolution setzte mit dem fürchterlichen Pogrome ein. Mein Mann war eines der ersten Opfer. Nun erst verband ich mich ganz mit der Revolution. Die gegründete Selbstverteidigung stellte mich an die Spitze, weil das Beispiel eines mutigen Weibes anfeuert. Was weiterkam, ist weniger meinem Heldenmute zuzufchreiben. Ich tat meine Pflichtz unterstützt von kräftigen Männerarmen. Und die rettende Rote Armee kam zur rechten Zeit. Alles andere ist Legende ..." „Und jetzt?" „Jetzt haben wir in Kiew Ruhe. Meine Kinder sind bei Verwandten gut untergebracht, ich aber werde als Genossin in der Organisation arbeiten, vielleicht in einer jüdischen Sektion. Zunächst wollen sie mich eine Zeitlang hier im Kreml behalten ... Das Wiedererkennen nahm nicht viel Zeit und auch nicht so viel Sinneskrast in Anspruch. Es war keine Zeit für Sentimentalität. Man ging zur Arbeit über. Und als Meikemeier seine Enttäuschungen nicht verheimlichen konnte und von den vielen Widerständen, die seine Arbeit fand, sprach, stellte sich heraus/ daß sie über diese Dinge anders dachte. „Das Volk erziehen", war die Devise, die sie aus der sozialistischen Schule mit nach Hause genommen hatte. „Also doch Amazone!" dachte Meikemeier. Alle Gegenrevolution war blutig niedergeworsen. Was aus dem alten Regiment brauchbar schien und willig war, wurde in die neue Ordnung hineingenommen. Andere wurden exkommuniziert, deklassiert, oder sie wunderten aus. Innere Spaltungen und Umwälzungen im Kreml stellten sich ein. Der große Jljitsch Lenin starb an der Grenze des von ihm im Geist geschaffenen gelobten Landes und erhielt ein Begräbnis, wie es keinem Zaren je zuteil wurde. Die neuen Männer, die an seinerstatt an die Spitze kamen, glaubten sein Werk am besten auszubauen und sein Andenken zu ehren, indem sie stolzen Hauptes und dröhnenden Schrittes über die Massen und ihre altgeheiligten Lebensgesetze hinwegmarschiertem Aus der alten Herde um den Führer schwand einer nach dem anderen. Leo Vronstein, genannt Trotzki, bislang die zweite Macht, die neben Lenin die Räder der Maschine bewegte, ging ins Exil und kein Land wollte ihm die Tore öffnen. Die Mitarbeiter an zweiter Stelle vom Range Meikemeiers sahen die Wandlung, knirschten mit den Zähnen und verzehrten sich in machtloser Wut. Sie waren als Mitarbeiter und Anhänger des alten Systems verdächtig und wurden beargwöhnt. 5 Die Dinge in der Jewsektia liefen ohnehin nicht nach Wunsch, und jetzt schon gar nicht. Man hatte ganze Stöße von Maßregeln, Bestimmungen und Verordnungen angelegt und bekanntgegeben. Ein Blatt in jiddischer Mundart diente zur Gewinnung der jüdischen Massen für die Ideen, des Bolschewismus und die Verwaltung. Aus den Arbeiterreihen strömten viele Leute der Organisation zu, viele, um em Postchen zu erhalten, irgendwo und irgendwie Unterschlupf zu finden oder sich die Chancen für die Brot- oder Kohlenkarte zu verbessern. Die jüdischen Bürger aus dem Mittelstände blieben abseits. Der kleine Händler und Handwerker schien seine Lebensaufgabe nur darin zu sehen, sich auf gute Weise aus den Maschen des von der Jewsektia geschlungenen Netzes herauszuwinden. Oft ging dann der Weg ins Gefängnis, in die berüchtigten und gefürchteten Kellerräume der Tscheka aus der Ljubanka, die auch eigene Henker beschäftigte . . . Es war ein Kampf auf'Tod und Leben. Am meisten versagten alle Unternehmungen gegen die Religion Es wurden öffentliche Gerichtsverhandlungen gegen imaginäre Angeklagte abgehalten, gegen Sabbat, Beschneidung, gegen die : alte Lehre, gegen Himmel, Glauben und G'tt. Halbwüchsige Burschen und Mädels setzten den' ganzen wilden Trotz ihrer Jugend gegen die alten Einrichtungen ein. 'Die Masse schwieg in verhaltenem Zorn und trug ihren G'tt, von dem man öffentlich nicht reden durfte, im Herzen. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.