Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1931)
- Date
- 1931-07-30
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 2. Nr. 15 Bü Aguda und Gemeinde. Von Rabbiner Dr. Z^inchas KoHn in Wien. Die Schriftleitung biefer Blätter ersucht mich, für die Werbeperiode der deutschen Landesorganisation einige Gedanken über das Thema „Gemeinde und Aguda" niederzuschreiben. Was erwartet die Aguda von der Gemeinde und was erwartet die. Gemeinde von der Aguda? . Die erste Frage ist so kompliziert eben nicht. Denn es ist wohl selbstverständlich, daß die Agudo von der Gemeinde das erwartet, was die Bein- Haltung ihres ganzen Wollens ist. Sie verlangt von der Gemeinde das, was sie von jedem ihrer Einzelmitglieder fordert: U n terstellung des eigenen Willens unter den Willen der Thora. Agudas Jisroel weiß, daß die völlige Erfüllung dieses Ideals nur in sehr wenigen Gemeinden erreicht ist, Agudas Jisroel weiß aber auch, wie weit die Grenzen der Autonomie der Gemeinde im Rahmen des Thoräwillens gesteckt find. Darum gehört zum wesentlichen Inventar des Verhältnisses Aguda—Gemeinde der unbedingte Respekt vor den Tekanoth jeder einzelnen Gemeinde. Wie atmendes Leben aus der Vergangenheit muten diese Tekanoth an. Agudas Jisroel aber sehnt sich danach, daß die in unserer Zeit geborenen Tekanoth von demselben Geist gezeugt werden. Dürfte bei dieser Gelegenheit auf eine Eigentümlichkeit aufmerksam gemacht werden? Keine von all den vielen Organisationen, welche über eine Provinz, ein Land hinausgehen, hat den Versuch gemacht, die Gemeinde als solche zu erfassen, auch die Agudo nicht. (Die eigenartige Erscheinung, daß sich nach der ersten Kenessio gedaulo die ungarische Landeskanzlei in toto der Aguda anschloß, gehört in ein anderes Kapitel.) Das rührt daher, daß bei den einzelnen Mitgliedern einer Gemeinde die Weltanschauung nicht mehr homogen ist, und daß die Agudo es ablehnte, Dissentierende durch Majoritätsbeschluß zu zwingen. Aehnlich mögen die Verhältnisse auch bei den Organisationen liegen, welche andere Weltanschauungen vertreten. Agudas Jisroel erwartet aber von den gejetzestreuen Gemeinden, daß sie ihr Erziehungswerk an allen ihren Mitgliedern vollenden, so daß in absehbarr Zeit neben den Einzelmitgliedern auch die Gemeinden sich als solche durch die Agudo vertreten sehen wollen. Das müßte ipso facto gegeben sein, sobald eben der Thorawille als die Grundlage der Gemeinde gegeben und anerkannt ist. Das vornehme Bild der dem Halberstädter 'Verband angeschlossenen Gemeinden müßte für die Agudo Schule machen. Um aber Mißverständnissen vorzubeugen, sei unterstrichen, daß die Agudo es vom ersten Tag an gegenüber ihren.E i n z e l m kt g l i e - d e r n abgelehnt hat, Stellung zu nehmen zu der Frage, wie nun dieses Einzelmitglied den besten Weg gefunden zu haben glaubt, um innerhalb seiner Gemeinde für deren volle Unterordnung unter den Willen der Thora zu sorgen und zu wirken. Agudas Jisroel heischt aber allerwege von ihren Gliedern das eindeutige Bekenntnis zur Souveränität der Thora, losgelöst von etwaigen Gemeindemajoritäten. Vorläufig erwartet Agudas Jisroel von jeder thoratrouen Gemeinde, daß sie ihre Ziele von Gemeindewegen fördert, daß dort, wo Gemeinden Bibliotheken besitzen, . die Aguda-Literatur Beachtung findet und den Gemeindemitgliedern zugängig gemacht wird; daß die Gemeinde mit dem Schwergewicht ihrer Autorität für das Erziehungswerk der Agudo im heiligen Lande, im Osten und in den in Deutschland bestehenden Erziehungsstätten eintritt und wirkt. Was aber bietet die Agudo dafür, w a § d a r f die Gemeinde von der Agudo erwart e n? In schlichte Worte gekleidet heißt die berechtigte Forderung, daß die Agudo zur Freude cm der thoratreuen Gemeinde erzieht, daß sie ihre Der Israelit Blätter Mitglieder lehrt, in der Gemeinde nicht nur eine geschichtliche Gegebenheit oder gar eine von außen ausgezwungene Notwendigkeit zu erblicken, sondern etwas Heiliges. Die Hingabe an die Gemeinde, bewußte aktive Teilnahme an ihren Institutionen muß das A und O jedes agudistischen Gemeindemitgliedes sein. Genau so wie man dem Klal gibt, ohne daß die Rechnung von Leistung und Gegenleistung je restlos aufgeht, genau so ist das Verhältnis, das die Agudo zwischen sich und der Gemeinde bestehen sehen möchte. Dann, aber auch nur dann, dürfte die Gemeinde den Wunsch hegen, daß die Agudo sie betteut, darüber wacht, daß sie eine thoratreue Gemeinde bleibt oder dafür sorgt, daß sie eine thoratreue Gemeinde wird, Oft hat man die Frage aufgeworfen, wie es denn kommt, daß die Agudo im Osten so aktiv geworden, im Westen sich aber mehr und mehr in Dornröschens Rolle gefällt. Die Antwort ist einfach. Dort ist die Agudo mit der Gemeinde verwurzelt, sie hat sogar anfänglich Institutionen geschaffen, denen sich die Gemeinde versagte. Sie hält es für eine ihrer vornehmsten Aufgaben, die E i n z e l g e m'e i n d e zu einem vorbildlichen Typ in Klal Jisroel u m z u g e st a l t e n. Oft ist es ihr gelungen, oft kämpft sie noch um dieses Ziel. In ganz Polen gibt es keine noch so kleine Gemeinde, in der nicht mindestens in Wahlzellen die Agudo um die Geschicke der Gemeinde sich kümmert. Aber im Westen fehlt diese Beziehung vollkommen. Sie müßte geschaffen werden. Das wäre für die Agudo ein neuer I n h a l t, f ü x d i e Thora treue der Gemeinde von wese n t l i ch e r B e d e ut u ng. Als Vertreterin einer Weltanschauung muß Agudas Jisroel um die Gemeinden werben, als solche in die G e m e i n d e st u b e e i n z i e h e n. Das muß nicht Kampf bedeuten, es ist eine schlichte Frage an die Gemeindemitglieder, ob sie in ihrer Gemeinde für Thoratreue als Lebensinhalt Raum schaffen wollen. Ein Wort über die Akkualikät des Agudo-Gedankens. Von Aacaö Nofe«yeim ln Kranüfurt a. W. Geschrieben im April ds. Js. für die Blätter der slowakischen Jugendorganisation. Die aufreibende, qualvolle Sorge um das tägliche Brot und um die wirtschaftliche Zukunft hat in unseren Tagen eine solche Allgewalt über die Gemüter erlangt, daß es auch gut Mischen Kreisen, die durch Thora und Mizwos doch über das äußerste Tageselend emporgetragen werden, schwer fällt, über öffentliche' Angelegenheiten zu reden, ohne an diese alles beherrschende. Sorge anzuknüpfen. Gerade die Jugend, die Heranwachsende Generation, die heute, wenn sie die der inneren Bildung, dem Lernen und.Forschen gewidmeten Jahve abgeschlossen hat, die Tore der wirtschaftlichen Existenz gänzlich vor sich, verrammelt steht, gerade die Jugend unterliegt vielfach am stärksten dieser Psychose der wirtschaftlichen Sorge. Es fei mir deshalb gestattet, der freundlichen Einladung die die slowakische Jugendorganisation an mich gerichtet hat, dadurch zu entsprechen, daß ich einige kurze Gedanken über die Beziehungen zwischen der internationalen Wirtschaftskrise und der uns allen heiligen Idee der Agudas Jisroel niederschreibe. ' y : Das gerade unterscheidet, unsere heutige wirtschaftliche Kümmernis von ' den Existenzforgen Heimgegangener Generationen, daß es sich heute nicht um den Konkurrenzkampf des Einzelnen inmitten blühender Volkswirtschaften handM sondern um eine über das Individuum erbarmungslos hinwegschreitende, ganze Länder und Kontinente umfassende Weltkrisis, der der Einzelne und feine Familie rettungslos unterliegen. 30. Juli >1931 Was ist nun die eigentliche Ursache der Weltkrisis? Die erleuchtetsten Köpfe der nationalökonomischen Wissenschaft haben über dieses Problem in den letzten Jahren nachgesonnen, und die Literatur, die über diese Frage erschienen ist, umfaßt ganze Berge von Papier und: Druckerschwärze^ An dieser Stelle genügt es, in ganz kurzen Zügen das Endergebnis all dieser Untersuchungen darzustellen, wie es vor kurzem namentlich in einer bedeutsamen Beratung des. deutschen „Reichsverbandes der Schomre Schäbbos-Stellenvermittlungen" in Berlin von einem der tüchtigsten, aus der Praxis hervorgegangenen deutschen Nationalökonomen, Leopohd Merzbach vorgetragen worden ist. Die erste zutage tretende Ursache der Weltkrise ist das Mißverhältnis der übermäßigen Produktion zur vorhandenen Kaufkraft. Dieses Mißverhältnis aber ist vor allem dadurch entstanden, daß dem Krieg mit «den Waffen ein solcher mit Wirtschaftsmitteln gefolgt ist. Als Resultat der Friedensverträge sind neue Länder mit mehreren tausend Kilometern 'neuer Grenzen entstanden. Durch Zollmauern in" bisher ungekannter Höhe schließen sich diese Länder voneinander ab und erschweren den zwischenstaatlichen Warenverkehr. Lediglich die Furcht vor einem neuen Kriege zwingt nun die einzelnen Länder, sich möglichst von jedem anderen Lande wirtschaftlich unabhängig zu machen und dadurch die Produktion nicht danach einzurichten,•' daß lediglich der Gesichtspunkt der billigsten Herstellungskosten maßgebend ist, sondern die politische Rücksicht auf autonome Wirtschaft. Durch diese Unterbindung des zwischenstaatlichen Güteraustaufchs wird künstlich verhindert, daß die gesamte Weltwirtschaft sich einheitlich organisiert und dadurch die Möglichkeit geschaffen wird, die aufs äußerste gesteigerte Produktivkraft der Agrarwie der Industrieländer dem durchaus vorhandenen Bedarf der taufend Millionen Menschen in Osteuropa und Asien dienstbar zu machen. In Amerika-verfaulen die Waren und verhungern die unbeschäftigten Arbeitskräfte, und in China, verhungern die Menschen, die jene Waren und die Arbeitsprodukte jener Arbeitslosen brauche^ aber nicht erlangen können. Aehnlich sieht es auf dem Kapitalmarkt aus. In der einen Gruppe von Ländern ein ungeheurer Ueberfchuß an freiem Kapital, das zu lächerlich geringen Zinssätzen auf den Markt geworfen wird, auf der anderen Seite ein Leben vernichtender Kapitalmangel, der auch zu den höchsten Zinssätzen nicht befriedigt werden kann. Beides die Folge der Kriegsfurcht und des politischen Mißtrauens. Faßt man alle diese Momente zusammen, sa ist die "Ursache des fürchterlichen Elends, in dem die Menschheit zu ersticken droht, in das eine Wort zusammenzufassen: Mangel an Organisation, wegen sittlicher.Unzulänglichkeit. , Dfe Zeit wäre technisch.reif, um die gastze Menschheit nach!' einheitlichen, vernunftgemäßen Gesichtspunkten wirtschaftlich zu organisieren. Nur weil den einzelnen nationalen Körpern die sittliche Reife fehlt, um im Sinne des mefsianifchen Ideals sich als Brudermenschheit um den Könjg der ganzen Erde zusammenzuMietzen, darum müssen Millionen junger Menschen physisch und seelisch zugrunde gehen, und die klügsten Köpfe der Menschheit finden keinen Ausweg aus dem Chaos. Cs ist ein altes, wahres jüdisches Wührheitswort: 'KW 8^8 vhlph 83 nrams 1'8-Jisroel, G'ttes Volk, ist das Herz der Menschheit. Soll diese Menschheit endlich das Stadium des unorganisierten Nebeneinänder und Gegeneinander überwinden und zu einem einheitlichen, großen, reich gegliederten Organismus werden, so kann der Weg zu diesem Ziel nur über, das Erwachen des jüdischen Volkes zur rechten Organisation gefunden werden. " , Wer aber soll im Kreise des jüdischen Volkes beispielgebend auf diesem Wege voranschreiten, wenn nicht die Schlvme Emune Jisroel? Wer in die Tiefe blickt, der steht, daß das Leid der Mensch-