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Der Israelit · 1931-07-30 · Heft 31 (30.7.1931) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 31 (30.7.1931)
Date
1931-07-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuilleton. Beilag« Neikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines Menschenschicksals und einer . Zeitepoche.! ‘ Don S. Jzchaki. " (Fortsetzung). Meikemeier, der in Rußland nie über Kowno hinausgekommen war, von europäischen größeren Städten äützer'Königsberg und Zürich keine gesehen hatte)' erblickte hier erst jetzt, nachdem er frei Umschau halten durste, Wunder über Wunder. Er hatte oft gehört undgelesen, daß in dieser rätselhaften Stadt, wo Palast neben Hütte, Kirche neben Kneipe steht, dem Fürsten in leuchtender Uniform der Bettler in Lumpen den Weg kreuzt, ohne daß ein dritter, der . Bürger, dazwischen One, wo rauschendes Gelage und schreiender Jammer ineinander tonen, sich Orient und Okzident, Wien und Europa die Hand reichen. Palast und Hütte waren da. Der Bettler in Lumpen auch. Der Fürst im Galagewand war verschwunden, das Arbeiterkleid herrschte und der Soldatenrock. Die Stadt war in Fieber und hatte ein rotes, aufgedunsenes Gesicht. Seine Züge waren verzerrt und verstellt. - . Meikemeier war von all dem ganz betäubt. Er war in Moskau, war im Kreml . . . In den hinter dem „Kreml" liegenden dunklen Gassen war erstickender Brandgeruch. Hohe Schornsteine ragten aus Trümmerhausen, wie Kreuze aus Grabhügeln. Hier zeigte man die Stellen, wo die Barrikaden der Oktoberschlachten c.u (gerichtet waren und die Leichen sich zu Bergen häuften, als ganze Kosakenregimenter zuerst gegen die Mallen feuerten und dann ihre Waffe unter dem roten Kommando gegen ihre eigenen Befehlshaber und das alte Regiment richteten. Alle die Großen, die Köpfe von Zürich und Bern, zu denen jetzt noch viele neue hinzukamen, saßen nun im Kreml. Mjanow Dljitsch Lenin war wie ein G'tt, unnahbar, schweigsam, seine Augen sprühten Feuer. Man konnte ihm so wenig nahen wie früher dem Zaren. Wenn er durch die Reihen ging, zitterte alles erregt -auf. Er war für sie schon beinahe in märchenhafte Ferne gerückt; genug, d aß> dieser. Mann, einmal Kamerad unter Kameraden, unter ihnen roar, Leiden,und Hoffnungen mit ihnenckeilend^ ^1 .K' i: Und das Wunder aller Wunder'war, daß der kleine Jude Leo Bornstein auch dMec''Mü^'Üttd fast gleiche Macht repräsentierte. Wenn er sich auf dem Platz vor dem Älexanderdenkmal zeigte, stellte sich ein ganzes Regiment in Reih und Glied in einer Formation auf, um vor ihm, dem kleinen, zappeligen schwarzen Juden, zu salutieren. Er nahm Paraden ab, wie ein General. In einer Stadt, deren Boden vor kurzem noch kein jüdischer Fuß betreten durste, herrschten Juden im Kreml. Meikemeier fing an, wie in der Zeit der jüngsten Kindheit, wieder an überirdische Wunder zu glauben. Der Erlöser, als Bettler auf einem Esel reitend, war bei weitem kein solches Wunder, wie dieser kleine Jude, der in einem Lande, in dem rin 3uö'e gestern noch nicht Nachtwächter sein durfte, ganze Regimenter mit einem Blick zu einer toten Mauer erstarren ließ? Denn dieser Leo Bornstein, jetzt nur noch Leo -urotzki genannt,, war Kommissar des Militär- Lesens) erster Befehlshaber der bewaffneten Macht in Sowjetrußland. Schließlich hatte er auch J?n sich Wunder genug erlebt, er, der litauische -uiorajünger, mit ein Faktor der herrschenden- Macht im Moskauer Kreml ... dern der großen Politik zurück zu den Brüdern ' ' Den. großen, stämmigen Uritzki fand er hier wieder. Wo sich dieser m der Zeit zwischen Königsberg und Zürich ausgehalten hatte, sagte er nicht. Es war keine Zeit zum vielen Reden. Vermutlich war er beim blutigen Zusammenbruch und lieber gang ick'die nette Zeit in Moskau, bei den Männern, frise hinter den Kulissen das blutige Spiel geleitet hatten, bis sie an die Oeffentttchkett treten dursten. Er führte jetzt Meikemeier in fein Büro, eine frühere Kapelle, die noch von heiligen Bildern starrte, wo sich noch andere frühere Freunde von den jüdischen Studenten befanden. Zu seinem Ressort gehörte es, die rechten Männer auf den rechten Platz zu stellen, und er weihte sie in ihre Aufgabe ein. „Ihr kennt unser Programm," Hub er an, „Rußland ist ein Mosaik von Nationalitäten, Rassen und Religionsgebilüen aller Art. Jedem das Seme, ist unsere Devise. Aber Religion lassen wir nirgends zur Herrschaft kommen. Dieses Opium für das Volk soll seine betäubende Wirkung bei uns nicht ausüben. Wir brauchen starke, klare, wache Menschen mit klarem Kopf auf festen Füßen. Die Autonomien erkennen wir an —auf wirtschaftlicher Grundlage. Auch die primitive Volkskultur bleibe jeder Gemeinschaft unangetastet. Jiddisch ja, Hebräisch nicht. Ein Nationalismus außer dem Rahmen der Sowjetunion wird nicht geduldet. Wir haben Sekttonen für die einzelnen Nationalitäten geschaffen, selbstredend auch für die jüdische." Und nun verteilte Uritzki die Aemter, wie ein Regisseur die Rollen im Theater verteilt. „Wir haben im Zentralrat beschlossen, eine I e w s e k 11 o (jüdische Sektion) ins Leben zu rufen und haben die geeigneten Männer dafür unter den jüdischen Mitgliedern unserer Partei gefunden, die gründliche Arbeit zu leisten wissen und auch verstehen, mit ihren' Brüdern umzugehen. Du — er wandte sich an Meikemeier — kommst aus dem Städtchen, aus der Jeschiwa, kennst die Sache von Haus aus gut. Man könnte Dich beinahe zum jüdischen Religionsminister gleich ernennen, wenn wir von Religion überhaupt etwas wissen wollen. Du wirst aber auch so Deine Pflicht tun in der Jewsektta. Sitz der Jewsettia. auf Liubanka Nr. 16, direkt neben dem großen Gebäude der Tsche ka. Wißt Ihr, was die Tfcheka ist?" Nicht alle wußten es, und Uritzki erklärte: „Die neue Sowjetunion ist von Spionen und Verrätern aller Art umringt, Offiziere, denen man das Kommando genommen und Kleinbürger, denen man den Käseladen geschlossen hat, arbeiten gegen uns, Die Arbeiterregierung muß sich wehren, mit Hauen und Stechen zunächst, wie es das alte Regiment getan hat. Läßt sich in der Uebergangszeit nicht anders machen. Darum haben wir die Tfcheka (er erläuterte die Anfangsbuchstaben des Wortes, die den vollen Namen der Organisation ergaben), die ihr Netz über das ganze Land susgebreitet hat. Sie arbeitet mit Henker und Galgen, wie die alte Ochrana, nur mit dem Unterschiede, daß es jetzt die wahren Schuldigen, die Bluthunde und Volksaussauger, die unsere Arbeit stören wollen, trifft. Wir zahlen diesen Herren Schmarotzern nicht mit gleichem Maß, solange sie sich ruhig verhalten. Wehe aber, wenn sie sich mucksen! Das ist die Tfchek a! Und daneben die Iewfektia. Die Arbeit beginnt morgen um neun Uhr. Ueber die einzelnen Obliegenheiten ergehen noch Befehle." Es hörte sich beinahe so an, als bestände zwischen der „Tscheka" und der „Jewsektta" noch ein anderer, engerer. Zusammenhang als der der Liubanka. Tags darauf, Punkt 9 Uhr, saß Meikemeier im Büro der „Jewsettia" und arbeitete an erhöhter Stelle-mit. Eifer und Liebe. Eine Stimme seines Blutes, die all die Zeit ihn von den Felref, schien Erhörung zu finden. Vielleicht konnte er, fast schlich sich Eitelkeit in sein Herz, auf diesem Posten seinen Brüdern ein Josef werden. XX. Zwei Jahre schmerzvollen Ueberganges waren verstrichen. In Moskau selbst schien die Oberfläche ruhig zu sein. Aber in den Büros und Kanzleien des Kreml und auf der Liubanka zitterte der Seismograph und zeigte dauernd Nah- und Fernbeben an. Durch den roten Glanz der neuen Sonne drang doch deutlich hindurch, daß sich ein Staat mit einer Millivnenbevölkerung von solcher Vielfalt der Artung nicht wie ein Haus nach einem bestimmten Bauplan errichten läßt. Die besten Ideen und' schönsten Ideale scheiterten an der Tücke des Objektes. Lenin, der Löwe, im Kreml, und seine Getreuen mußten suchen, v e rsuchen. immer neue Pläne schlüreden und verwerfen, dauernd die Taktik ändern nach Lage und Erfahrung. Auch in der Jewsekta hatten sie alle Hände voll zu tun, und es ging nicht alles am Schnürchen. ffieitemeier glaubte, nun, den Sinn seiner Geschichte und seines Schicksalsweges, seiner Wanderungen und Wandlungen zu begreifen. Er war innerhalb eines gewaltigen, aus dem Chaos entstandenen Baues auf einen Punkt gestellt, von dem aus er Wache halten konnte über das Geschick seiner Brüder. Er hatte jüdische Angelegenheiten zu ordnen-, nicht als höchste entscheidende Instanz, aber immerhin als wertvoller Mitfaktor. Er hatte Pläne auszuarbeiten, Entwürfe zu prüfen, Vorschläge zu machen, Erkundigungen einzuziehen, Material zu sammeln, sin Ganzen eine Arbeit, die ihn ermächtigen konnte, dem kleinen Mann aus der jüdischen Bevölkerung den Uebergang in die neue Zeit so leicht wie nur möglich zu machen. Aber Hindernisse aller Art stellten sich ein. Er stieß auf Uebelwollen bei den radikalen Kollegen, auf Argwohn von oben-, aber auch auf Mißtrauen bei den eigenen Brüdern. Er fühlte sich oft zwischen zwei Äühlen. Gelang es ihm, von mehreren den Juden zugedachten Uebeln die größten auszuschalten und es bei dem kleineren zu lassen, so galt er bei den Kollegen und in den oberen Stellen als Freund der Bourgeosie Die Juden machten aber ihn, ihn allein, für das Verhängnis, das sie, in Unkenntnis der Dinge, für das Schlimmste nahmen, verantwortlich, Meikemeier kämpfte für seine Ueberzeugung und nahm Argwohn und Undank in den Kauf. Er war kein stummes Glied einer Maschine mehr. Er hatte Amt und Aufgabe UNd —eine geschichtliche Verantwortung. Inzwischen kamen böse Nachrichten aus der U k r a i n e. Die letzten finsteren Mächte aus dem alten Regime sammelten sich, Zarengeneräle, Offiziere, Reste der alten Aristokratie, denen man Stellung und Vermögen genommen, alles, was Grund, hatte, mit dem neuen Regiment unzufrieden zu sein, schloß sich zu einer Weißen Garde zusammen, die wie eine Geißel durch die Länder an der Peripherie des alten Rußland raste. Ihre Spuren waren Brand und Blut, Tod und Verderben. In den viel heimgesuchten ukrainischen Städten um Kiew herum gab es Iudenmetzeleien, wie es die Welt seit den Tagen des Chmelnitzkiaufstandes noch nicht erlebt hatte. Ganze Gemeinden wurden niedergemetzelt und ihre Häuser dem Boden gleichgemacht. Im Kreml wie in den anderen Kanzleien runzelte man die Stirn- und entwarf Schlachtenpläne für die Strafexpeditton. In der Jewsektta grinsten die Kollegen: „Diese, jüdischen Spießbürger. Hier bieten sie uns Trotz und machen uns allerlei Schwierigkeiten. Run mögen sie sehen, wer ihre Freunde sind, wir, die Roten, öder dort die Weißen ..." (Fortsetzung. folgt.)

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