Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1931)
- Date
- 1931-07-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Was aufblüht und sich aufbläht. Eine Predigt I irm e j ah u s an u n s r e Zeit. Jirmejahus Berufung steht am Eingang unserer Trauerwochen; diese erreichen mit des gleichen Propheten erschütterndem „E'cho" ihren Höhepunkt, um mit seinem „Haschiwenu" in neuer Hoffnung auszuklingen. Ein Gesicht begleitet Jirmejahu auf dem ersten Weg zur heiligen Aufgabe, das zwei Bilder aufweist: das eines blühenden Mand e l st a b e s und das eines a n g e b l a f e n e n Topfes, erstes Symbol der raschen Erfüllung, zweites Symptom des Unheils, das von Norden heranstürmt. Wäre es uns gestattet, diese beiden Bilder unabhängig von Wortsinn und Zusammenhang zu sehen, wir hätten in ihnen die zwei Pole, zwischen denen sich der ganze Kampf und der Leidensweg der Menschheit und Israels abspielte und noch abspielt. „Mandelblüte" und „Aufgeblasenheit". Glück und Verderben, Wohl und Weh der Zeit hangt davon ab, ob und in welchem Maße das, was' im Stillen blüht, Oberhand und Oberherrschaft gewinnt über das, was wie Rauch und Schaum .sich aufbläht, um die Augen zu blenden, die Köpfe zu verwirren und die Herzen zu betören. ’ Als korachitifcher Neid und kleinlicher Ehrgeiz an wahrer Größe berufener Führer nagte rmd nörgelte, erblühte der Ahronsstab im Dunkel des Heiligtums, Blüten, Blumen und reife Mandelfrüchte führten dem Volke deutlich vor Augen, daß wahre Größe, Kraft, Tat und bleibender Erfolg von der schäumenden Aufgeblasenheit des msi Ta nicht verdrängt und verdunkelt werden konnten. Wir haben in der „Mandelblüte des Ahronstabes" eine sichere Handhabe für die Deutung' des *rpw in der Berufung Jirmejahus. Denn wie war die Situation zur Zeit dieses großen Mahners und tränenreichsten aller Propheten? Unter Babylons Schutz, unter dieser g'ttgewollten Abhängigkeit allein, konnte noch der Mandelstab der jüdischen Lehre, des heiligen Gesetzes und der jüdischen Weltaufgabe blühen. Gerade das aber wollte das Volk nicht. Ein Bündnis mit Aegypten sollte die freie Bahn schaffen für eine hemmungslose Baalkultur. Und „Mhrer" waren es, die den man to fremder Unkultur dem ips; bp» des eigenen Helligengutes I entgegenhielten. „Priester sprachen nicht, wo ist G'll, Verwalter der Thora kannten mich nicht, die Hirten frevelten gegen mich und Propheten weissagten.für den Baal und dem Unnützen gingen sie nach-" Konnten jene angeb steten Kulturgötzen ihnen helfen in der Zeit des Zusammenbruches? „Beschädigte Brunnen" fanden sie vor, als sie „die Quelle des lebendigen Lebens verließen" und in der Not des Herzens nach neuer Labung suchten, „Brunnen, die kein Wasser enthielten." -can x1? tpx nnxa Er kam wieder zur herrlichen Blüte, der Mandelstab, nachdem der „aufgeblasene Tops" längst in die Brüche gegangen war. Siebzig Jahre Verbannung genügten, um die letzten Reste der Baalverirrung aus den Herzen des Volkes auszurotten. Es gab einen Wiederaufbau. Nechemia errichtete die äußere Mauer, Esra, der Schriftgelehrte, die g e i st i g e V u r g i n n e r h a l b dieser M a u >e r. Denletzten Propheten, nach Jirmejahu, war es gegönnt, von den zwei Symbolen Jirmejahus nur das eine zu sehen und zu besingen: den blühenden Mandelstab. Wie oft aber hat sich im Aus und Ab der Geschichte dieser Kampf und dieser Zusammenprall zwischen ipw bpv und msj td wiederholt! In Iabne, wohin aus dem politischen und geistigen Zusammenbruch Jerusalems der große Rabbi Jochanan den Mandelstab verpflanzte, erlebt dieser seine neue Blütezeit undüberlebt den Nisi td der barkochbanischen Krastwelle in Bethar, sogar den brodelnden Kessel römischer Machtherrschaft, wie den sich aufblähenden Topf einer hellenischen Schönheitstultur. Und wäre die Welt noch so sehr von Schein und Gewalt beherrscht, es wird sich immer im jüdischen Hause und jüdischen Herzen die stille Ecke finden, wo „der Mandelstab Blumen treibt, Blüten hervorbringt und Früchte zeitigt . . " Jirmejahu spricht zu uns, zu der Zeit. Er ist tnx. p' der Menschenfohn, der der Not und der Pein und der Hoffnung der ganzen Menschheit Ausdruck gibt. Ein wirb x^nidas Gewissen der Völker, läßt er heute noch seine Stimme warnend, mahnend, begütigend, hellend un>d tröstend durch das Weltenleben dröhnen. Was hat zu j >e n e m T i f ch o B' a w vor 17 Jahren, unter dessen Nachw-ehen und- Nachwirkungen wir heute noch alle seufzen, was hat zu jenem Unglückstage, zu jener nrm^ "02 geführt? Nichts anderes als der ms: tö* die aufgeblasene Phrase, die große Geste, das Schlagwort, ein Säbelgeraffel, das den -einen mißtrauisch gegen den anderen stimmte und ein frevelhaftes Spielen mit der Waffe zur Folge hatte, bis sie verheerend losgehen mußte. Nehmet ihr Menschen, ihr Völker, dröhnt Jirmejahu, immer noch nicht Vernunft an?! . . . Noch sind die Wunden nicht gehellt undschon bläht sich der Topf wieder bedenklich auf, zischt und schäumt, daß die Atmosphäre vergiftet wird. Phrase und Schlagwort beherrschen wieder die Welt überall. Was treibt die akademische Jugend aus die Rampe -der Universität gegen die Kommilitonen anderer Rasse oder anderer politischer Gesinnung; was treibt die Massen in großen Umzügen mit Fahnen und Farben der Menfchenverhetzung und aufreizenden Worten auf die Straße zwischen den Häuserreihen, hinter deren Vorhängen doch heute überall in gleichem Maße die graue Sorge des Tages wohnt; was führt die Hand und die Feder jener Apostel des Haffes, die in Ausnützung einer Hochkonjunktur der Not in Preßorganen die Menschen gegeneinanderhetzen? Fraget nicht, was, sagt Jirmejahu, es ist der nisi Ta- Wohin das Auge schweift, ob nach Rußland, wo man die stillenBlütenstäften des *7pw Vpn schließt, um den ms: to der Gottlosen- Kultur mit Pauken und Trompeten durch die Straßen zu tragen, ob man der Parteien Kampf und Hader bei uns beobachtet, oder man zur großen Politik hinüberschaut und die Engherzigkeit, die man erst vor kurzem von einem Volke an der Spitze der europäischen Kultur dem von Amerika herüberblühenden nptp ‘i’pa entgegensetzte, ins Auge faßt, überall ist es der Nisi to. der sich hemmend den guten Geistern in den Weg stellt und die Menschheit in ihrem Vorwärtsdrange um einige Etappen zurückwirst. Er wird zerplatzen, dieser „aufgeblasene Schlauch", aber er wird von Neuem anschwellen, bis der Prophet die volle und' letzte reife Frucht am Mandelstabe künden kann. Allein Jirmejahu ist unser Prophet und er hat uns heute mehr denn je, mancherlei zu sagen. „Mandat", „Nationalheim", „Judenstaat", „Mehrheit". Wie Schaum aus dem tö mss zischen diese Worte in der Luft herum und beherrschen die Köpfe und die Sprache der Männer, die gewiß ernste und ehrliche Sorge um die Zukunft ihrer Brüder in der Schweizerstadt am Rhein zusammengeführt hat. Man spricht Vertrauen aus zu Staaten oder kündigt ihnen die