Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1931)
- Date
- 1931-07-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Meikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines Menschenschicksals und einer > Z eikepoche. Von S. Jzchaki. ^Fortsetzung). Und mitten im Gesänge trat der kleine Mann mit' dem Löwenkopf, ans dem die Haare wie ein grauseidener Turban getürmt waren, und dem breiten gekräuselten Graubart um das alabasterhelle Gesicht auf die Empore. „Hoch Nordau!" tobte die Menge. „Nordau, Max Nordau!" wiederholte Meikemeter den Namen. Seme Bücher waren im Klub bekannt,- er hatte sie alle gelesen: seine „Konventionellen Lügen", seine ^Paradoxen". Er war das Weltgewissen, der Geist, der vieles von dem verneinte und zerstörte, was einer alten Menschheit heilig war. Wie kam er, der Magister der Weltverbesserung, hierher, zu den Wünschen und Wehen eines Volkes? War auch er ein Jude, hatte er Anteil an jüdischem Leid, an jüdischem Galuth? Bald aber standen seine Gedanken still. Er war, wie die tausend Menschen im Saale, aus frer Estrade und der Galerie, im Banne eines Brillantfeuerwerkes, das strahlend und schillernd in Wortperlen sich ergoß. Ein Mosaik von Sätzen, von dem kein Atom verloren ging. Kein übermäßiges Pathos, aber jedes Wort mit dunkel tönender sonorer Stimme in die Hirne und Herzen gemeißelt. Zuerst eine Streife rund um die Welt, wo Juden lebten und' litten. Eine Tragödie «erhob sich aus einer Bühne, die das ganze Erdenrund emncchm, die eine Well, ihre Völker und Länder zur Kulisse h«atte. Ueberall Not, Druck und Marter. Keine elegische Klage, ein dunkles Panorama nur, nicht nur hörbar für das Ohr, sondern schon plastisch sichtbar für das Auge. Dann folgte die große Anklage. Aus den strengen Augen im hellstrahlenden weißbärtigen Gesichte schossen Blitze. Diese Augen waren in diesem Momente so jung, daß sie sich ganz grotesk unter den grauen Brauen, über dem weißen breiten Barte ausnahmen. Eine; Anklage gegerlldie Welt, eine Anklage gegen die' Menschen, eine Anklage gegen das europäische Gewissen, eine «Anklage gegen die mächtigen Geldjuden, die keine Träne «und keinen Seufzer für ihr Volk haben, eine Anklage gegen das jüdische Volk selbst, das^ in seinen Lehrhäüsern brütet, sein Blut auf fremden Feldern verspritzt oder resigniert seine Not zum Himmel hinaufschreit und nichts tut zu seiner Selbsthilfe, Selbstbefreiung ... Alte bärtige Männer weinten«, Jünglinge ballten die Fäuste und schworen innerlich: „Es soll nun anders werden!" Zwei Stunden fast schossen und brausten die Pfeile durch den Saal, durch die Wel. Es schien, als wollten draußen Natur und Weltenleben stille stehen und lauschen aus die Klage und« Anklage eines mißhandelten Volkes. Dann trat solche Stille ein«, baß jeder fürchtete, darin für ewig zu versinken. Keiner wäre in dieser Stunde im Stande gewesen, nur ein Wort d«es Redners mit der Sonde seines Verstandes zu prüfen und zu messen, denn sie waren überstrahlt, schwarz und golden. Der Redner hatte nicht in die Herzen hinein geredet, sondern all das, was seit Vätersväters Zeiten in ihnen saß, schlummerte und, stille weinte, heraus- Seholt «ins Licht, in Bildern gezeigt«, daß die Menschen ihr Inneres sahen und« erschauerten, j Wäre Meikemeier an diesem Vormittag, unter; dem Eindruck beider Reden, von Basel abgereist, i er und viele andere hätten kaum d«en Weg wieder in die Organisation, zu d«en Klubs in Bern und Zürich, wo an Weltplänen, fern von der jüdischen Tragödie, gearbeitet wurde, wiedergefunden. Aber er blieb noch den folgenden Tag, er blieb acht Tage da, bis zu Ende, und flüchtete zuletzt zu den Freunden nach Zürich wie aus «dem Chaos zurück . . . Schon der Nachmittag des ersten Tages warf alle ersten Eindrücke um. Der Krach wurde ausgelöst durch ein fremdes Wort, das wie eine Bombe in die Versammlung platzte und die Herzen auseinanderriß. Uganda! Der Präsident hatte das Wort schon in« der Eröffnungsrede ausgesprochen, das aber; in der Feierlichkeit d«es Augenblickes und gor später unter dem Eindruck der großen Anklagerede im Hintergrund blieb. Am Nachmittag war man aber in die Debatte eingetreten, und man erfuhr von einem Angebot Englands an die Leitung, d«as Land Uganda für das jüdische Volk als Nationalheim urbar zu machen. Der erste Führer und mit ihm die Leitung protegierten «das Projekts und« ein Teil des Hauses, besonders der jugendliche Flügel, warfen ihnen Fahnenflucht, Verrat an Palästina vor. Es entbrannte ein Kampf auf Tod« und Leben. Am Präsidialtisch saß ein kleiner schmächtiger Mann mit so ausgeprägt häßlichen Zügen im ovalen knochigen Gesicht mit dem stark vorstehlenden Unterkiefer, daß sie schon beinahe schön zu nennen waren. Dieser Mann tobte förmlich aus englisch gegen die Ugandagegner und schlug wild um sich, wenn ein Redner aus der Tribüne sich gegen das Wo«rt, das sein Heiligtum zu sein schien, wandte. „ Zangwill, der Engländer!" zuckten die anderen mit der Achsel. „Was wunder, daß ihm England näher am Herzen liegt «als das jüdische Volk, Uganda über Jerusalem geht?!" Neben. ihm der Hüne sekundierte dem englischen Freund mit einer scharfen russischen Komnandollimme, die ausgereicht hätte, ein ganzes Kosakenregiment in Zügel zu halten, nicht aber die in Unruhe und Aufregung aufgelösten jüdischen Menschen zu meistern. T i o m k i n nannten sie diesen russischen Riesen, und der kleine graubärtige Professor mit der scharfen Brille und den Augen voll Güte und Erbarmen neben ihm war M a n d e l st a m m aus Kiew, der sich mit feiner schwachen Stimme nicht durchsetzen konnte. Rur wenn der Füh r e r aus den dunklen Augen im Schatten der großen Wimpern aufblickte und die zarte Hand beschwörend erhob, trat für eine Weile Ruhe ein. Aber sogleich setzte der wilde Lärm, wieder ein, wenn jemand.aus: der Tribüne das Wort für oder wider ergriff. Unten im linken Flügel des Saales saßen zwei Männer mitten in einer großen Schar von jüngeren Menschen. Es waren die Führer der Opposition. Ein kleinerr Mann mit fanatischen Augen schrie, warum man sich s e i n e n Plänen, die Umgegend von Palästina, insbesondere auch die Insel Cypern, zu kolonisieren, nicht zugewandt hätte. Statt dessen halte man jetzt Ausschau nach der afrikanischen Teuselsinsel von Uganda. Er habe Handbücher versaßt, Pläne äusgearbeitet, Anträge und Entwürfe eingereicht, sogar Ansiedlungen auf eigene Faust gegründet, aber bie Führung sei blind und taub für alle Rettungswege, die er zeige. . . Sem Partner, ein hagerer Mann mit schmalem, fast durchsichtigem , Gesicht, mit einer phantastischen Seidenschleise des bildenden Künstlers geschmückt, hielt eine; große Abrechnung mit der Führung und dem Führer; eigene Rechnungen und hie seiner « Freunde hatte er zu b«egleichen. Die Delegierten! schrieen Zustimmung oder Ablehnung. Der Saal war ein brodelnder Kessel bis in die tiefe Nacht hinein. Von der Galerie warfen junge Menschen « Bündel von Druckschriften aus die Köpfe der Versammlung. Zionistische und sozialistische Schriften. Uganda hieß die Bombe, die immer noch , sauste und brauste und reißend« durch die Menschen dahinsuhr. Draußen vor dem Kasino drängelte die Menge. Brave Schweizer Polizisten wischten sich den Schweiß und hielten mit kräftigen Armen die Streitenden auseinander. Missionäre verteilten Bibeln und Schriften und h«i>elt«en Reden an das „auserwählte Israel", unbekümmert um den Spott der Umstehenden, um die Drohungen der Renitenten. Ein schöner, schlanker Mann mit blondem Spitzbart, modern, ganz in Weiß gekleidet, verkündete in gutem Deutsch und Hebräisch, er sei der Messias, von G'tt geschickt; er habe alles, was der Well und Israel widerfahren ist und noch widerfahren wird, zuerst im Traume gesehen. Er lege öffentlich Herzl und Nordau in Bann, weil sie ihm nicht gestatten, von der Tribüne „im Namen G'ttes an fein Volk" zu sprechen, ja, ihm sogar mit Befehl an die Ordner den Eintritt in den Saal verbieten ... Auch er hatte sein Publikum aus dem Heere derer, die weniger interessirt als mehr von Neugier getrieben und aus Sensationslust Hierbergekommen waren. Man redete und rang ganze Nächte hindurch bis zum grauen Morgen, im Plenum, in Kommissionssitzungen, in unVerbindlichen Aussprachen der Landsmannschaften und Fraktionen. Es war kein Ringen mehr, es war das reißende Fortwirken eines explodierten Sprengstoffes. Wo lag Uganda? Wie war es? Davon hatte keiner eine Vorstellung. Es war eine fertige, greifbar nahe Sache, Gold oder Gift. Es war nur die Frage: Wollt Ihr oder wollt Ihr nicht? . . . In einer solchen privaten Landsmannschaftsversammlung in einem kleinen düsteren Lokale zog ein alter Mann am Rednerpult nach Mitternacht die Aufmerksamkeit Meikemeiers auf sich. Warum gerade er? Er sprach nicht gut und gewiß nichts, was ihm, der fremden Welten angehörte, gefallen konnte. Aber die Art, w i e er sprach, ein bestimmter Tonfall, eine Geste, ein Fanatismus in den sehr kurzsichtigen Augen faßten ihn an wie mit eisernen Klammern und zwangen chn, auf den Redner zu sehen und zu hören. „Palästina oder Uganda, ein H e i m müssen wir haben!" '' Die Heimatlosigkeit eines ganzen- Volkes schrie üüs dem alten Manne, der gewiß selber heimatlos war. „Wer sollte uns sonst helfen? Kein Land und kein Volk. Auch England nicht, das uns heute Geschenke macht und gegen das wir vielleicht morgen zu kämpfen haben. Oder soll das Heil kommen von den Sozialisten, die gestern ihre Erlösungsbotschaft in ganzen Paketen in den Saal zu uns warfen? Sie sind unsere Freunde nicht mehr und nicht weniger, wie die Seelenfänger von der Mission, die vor dem Kasino Reden an das auserwählle Israel halten ..." Er, Meikemeier, kannte doch diesen Tonfall, diese Geste, diesen Nachdruck, dieses Aufschlagen mit den Fäusten. Woher eigentlich? Meikemeier zerbrach sich den Kopf. Richtig: N i s s i m Beer in Slabotko und Gelgudifchkin. Aber Rissim Beer war damals ein junger Mann, und es waren doch nur zehn, zwölf Jahre her, und dieser da war ein Greis. Nissim Beer war Sozialist, der ihn, Meikemeier, zuerst in der Lehre des Marxismus eingeführt hatte, und dieser d«a sprach grimmig gegen die Sozialisten. (Fortsetzung folgt.)