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Der Israelit · 1931-07-09 · Heft 28 (9.7.1931) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 28 (9.7.1931)
Date
1931-07-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 28 Der Israelit 9. Juli 1931 preußischen Bildungswesen" schreibt Herr Ministerialrat Kohlbach über die uns hier interessierende Frage ü. a. das Folgende: „War die Gründung der Pädagogischen Akademien überhaupt notwendig? Brauchte die Volksschule ihres Bestandes, ihrer Fortentwicklung wegen die Pädagogische Akademie an Stelle des Seminars? Die Antwort wird je nach der Stellung, die mau zur Volksschulbildung überhaupt einnimmt, verschieden lauten. Wer in der Volksschule eine Anstalt sieht, in der man die Kinder lesen, schreiben und rechnen lehrt, wird die Ausgaben für die Pädagogische Akademie als weggeworfenes Geld, den Bildungsgang der Lehrer und die Zusammensetzung der Dozentenschaft als verstiegen ansehen. Wer nur an die Vermittlung der notwendigen Kenntnisse fürs praktische Leben und an die dabei zu gewinnende Bildung der geistigen Kräfte der Jugend bis zum 15. Lebensjahr denkt, wird sich fragen, ob dazu gelehrte Bildung in diesem Umfang notwendig ist, und ob das Seminar nicht der Aufgabe, die ihm eine neue Pädagogik stellte, gewachsen gewesen sei. Wer in der Volksschule dagegen die Bildungs- und Erziehungsstätte der ganzen deutschen Jugend sieht, die die Verantwortung für die Erhaltung derKräfte hat, die unser christliches Volkstum tragen, (von uns gesperrt!), wird dem zustimmen müssen, daß uns dazu Heute kein Einsatz zu groß sein darf, und. daß diese Aufgabe in der Kulturkrise der Gegenwart vom alten Seminar nicht zu lösen war." Wir haben von unserm orthodox-jüdischen Standpunkt gewiß das größte Verständnis für die hier gegebene innere Begründung der Neuordnung der preußischen Lehrerbildung. Aber wir müssen erwarten, daß man an den zuständigen Stellen unter diesen Umständen auch der Notwendigkeit, die sich für uns aus einer solchen Sachlage ergibt, in ganz anderer Weise Rechnung trägt, als dies bisher der Fall ist. Wenn man bedenkt, welche Rolle gerade in der modernen Volksschulpädagogik dem Konzentrationsgedanken, dem Gesamtunterricht, zuerkannt wird, der etwa unsere Frankfurter Neformschulen veranlaßt, bis ins vierte Grundschuljahr auf jede „Fächerung" in Einzeldisziplinen zu verzichten, um auf diese Weife die erzieherischen Möglichkeiten durch größere Lebensnähe und Gegenwartsbezogenheit außerordentlich zu erweitern, dann leuchtet es ohne weiteres ein, wie unorg a n i s ch d i e Ausbildung i n j ü d' i f ch e r R e l i g i o n s l e i) r e s i ch innerhalb b e r | gesamten Bildungsarbeit der S : - m u l t a n - A k a d e m i e a u 's n e h m e n m u ß.; Selbst wenn der angehende jüdische Lehrer hier in! 4—5 Wochenstunden eine noch so vorzügliche Einführung in Methodik und Didaktik des Religionsunterrichts erhält, so wird es doch nie möglich sein, ihm innerhalb einer christlich oder gar völkisch-simultanen Erziehungslehre diejenigen Gesichtspunkte zu vermitteln, die für die moderne jüdische Volksschularbeit von grundlegender Bedeutung sein müssen. Es versteht sich doch von selbst, daß die Durchdringung des Profanunterrichts m i t j ü d i s ch e n G e d a n k e n heute mit die wichtigste Aufgabe jeder wahrhaft modernen jüdischen Schule sein wird. Diese überaus schwierige Aufgabe läßt sich nur dann durchführen, wenn der zukünftige Lehrer bereits während feiner Ausbildung systematisch in diese ganze Problematik eingeführt wird. Hierzu aber bedarf es hauptamtlicher Professuren und Dozenturen, hierzu bedarf es vor allem eines von starken jüdischen Willens- und W i f f e n s impul s e n getragenen Milieus. Dies aber vermissen wir an der Simultan-Akademie durchaus. Denn es ist nun einmal eine Tatsache, die wir seit Gründung der Frankfurter Akademie immer wieder feststellen mußten: Die wenigen jüdischen Hörer und Hörerinnen, die bisher überhaupt Aufnahme gefunden haben, stehen zu einem nicht geringen Teil in ihrer Lebensführung und Weltanschauung garnichtauf demBodendes ü b e r l i e f e r t e n I u d e n t u m s. Es bedeutet immerhin für manchen jungen Menschen, mag er setbit einem frommen Elternhaus entstammen, keine geringe Versuchung, wenn er etwa sieht, wie seine jüdischen Kollegen „vegetarisch" leben, oder aus Bequemlichkeit, Indifferenz und Unwissenheit die eine oder andere Sabbatentweihung begehen. Ganz zu schweigen von allen übrigen nur zu nahe liegenden grundsätzlichen Bedenken gegen eine solche jüdisch-simultane Erziehungsgemeinschaft. So sehr auch die Meinungen innerhalb des gesetzestreuen Judentums in Bezug auf die Fragen der Gemeinden und Organisationen auseinandergehen mögen — in der j Grund einstellung zu aller Erziehungs-j a r b e i t hat es bisher — innerhalb Deutschlands j — auch bei der Gemeindeorthodoxie (bis zu ihrer! neuesten Extratour mit dem Philantropin) und, dem Misrachi liod; immer eine Einheitsfront ge-! geben. In dieser Beziehung bringt die oben ge-! tennzeichnete jüdische Simultanität innerhalb der! christlich-simultanen Akademie ein Novum, das uns j vom Standpunkt des Thorajudentums aus vöU\ l i g u n e r t r ä g l i ch z u sein scheint. Man > wende uns nicht ein, daß die Verhältnisse an den! Universitäten und sonstigen Hochschulen ähnlich! gelagert seien. Dies ist keineswegs der Fall!! Denn die Erziehungs- und Lebensgemeinschaft der Studierenden an einer Pädagogischen Akademie ist eine ganz besonders enge, zumal im Vergleich mit den freien und lockeren Formen des Unwersitätsbetriebes. Will man uns aber mit der Entgegnung kommen, daß auch ein gewisser Bedarf an neologen jüdischen Volksschullehrern bestehe, dann ist es Sache der preußischen UnterrichtsverWaltung, hier Abhilfe zu schaffen! Bor allem aber erwarten wir von den berufenen Vertretern des überlieferten Judentums in Preußen, — und. das ist die vornehmlichste Absicht dieser Ausführungen —, daß sie nicht aufhören, die Aufmerksamkeit der preußischen Unterrichtsverwaltung darauf hinzulenken, daß mit d e r e t w a i g e n S ch l i e ß u n g d e r letzten g e f e tz e s t r e u e n Lehrerbildungsanstalt alten Stils am 1. April 1932 uns eine andere Möglichkeit zur Ausbildung f r o m m e r Lehrer nach den oben a n g e d e u t e t e n, von uns durchaus g e b i l l i g t e n moder n st e n pädagogischen G r u n dfätzen vom Staate e in g e r äu mt werden muß. Wir verkennen durchaus nicht die großen Schwierigkeiten, die hierbei zu überwinden find. Aber* wir dürfen andererseits doch der Hoffnung Ausdruck geben, daß das Ministerium in Verbindung mit dem Halberstädter Gemeindeverband auch hier einen befriedigenden Ausweg finden wird^ Wochenrundschau. Liberaler Fanatismus in Amerika. Daß die liberal gesinnten Juden an rituellen Einrichtungen desinteressiert sind, weiß man und nimmt keinen wunder. Diese Interesselosigkeit drückt sich in der Tatsache aus, daß in den sogenannten Einheitsgemeinden die ReformrabbMer das ganze Kaschruthwesen neidlos den treuen Händen ihrer konservativen Kollegen überlassen. Es kann auch von dieser Seite nicht bestritten werden, daß es wohl für einen religiösen Juden einen unerträglichen Gewissenszwang bedeutet, unriluelle Speisen zu genießen oder eine Orgelsynagoge auch nur zu betreten, dagegen aber auch jeder überzeugte Neologe es mit feinem Gewissen verantworten kann, gelegentlich auch einmal „koscher" zu essen, oder einen traditionellen Gottlosenkampf schon in früheren Zeilen. (Schluß.) Hier ist mit trefflichen und treffenden Worten ein psychologisches Schlaglicht geworfen auf all jene Zeitläufte, in denen sich eine Gottlosenbewegung an die Oberfläche wühlt. Wir haben uns an die eigene Brust zu schlagen. Auch in Frankreich folgte dem Rausche der Gottlosen bald die Ernüchterung; es wird für die verblendete, irrende Gegenwart dasselbe eintreten. mv ts men q’Mvi aus dem Munde von Kindern und Säuglingen Hast Du eine Macht gegründet. (Ps. 8, 3). Zu tief ist der G'ttesglaube und das G'ttesbewußtsein in der Menschenbrust verankert, als daß es ihr jemals entrissen werden könnte. Hören wir auch Hirschs Komentar: „Wäre die Erkenntnis von G'tt eine solche, die nur durch hohe ausgebreitete gelehrte Studien zu schöpfen sei, müßte man dazu, mit dem Ausdruck der Schrift (5. Bch. M. 30, 11—14) in Die Geheimnisse Der überirdischen, so wie der in weiten, ferne liegenden Zonen aufzusuchenden irdischen Welt eindringen, verkündete der Name „G'tt" sich nicht überall, wo nur über einem Fleck! der Erde der Himmel sich wölbt und spräche dieses ABC i der menschlichen Erkenntnis nicht in verständlicher Weise zu jedem unverdorbenen kindlichen Menschengemüte: so dürfte man verzweifeln an der einstigen Verwirklichung des G'ttesreiches auf Erden, so stünde es in der Macht aller derer, denen der Name G'tt, der Gedanke einer sittlichen Weltordnung, einer sittlichen Verantwortlichkeit vor einem höchsten Welt- und Menschenrichter eine unbequeme Vorstellung ist, diese Gedanken und diese Vorstellungen aus dem Bewußtsein der Menschheit zu tilgen. So aber tritt mit jedem neugeborenen Menschenkinde eine mim nnsri. eine reine, dem G'ttbewußtsein zuatmende Menschenseele in den Kreis des irdischen Daseins ein, und wenn aus allen Büchern einer sich verirrenden und ihrer Irrgänge stolz sich rühmenden Menschengelehrsamkeit der Name „G'tt" geschwunden wäre: aus der vom Himmel herab zu jedem neuen unverdorbenen Geschlechte immer aufs neue redenden G'ttesschrist ist der Name G'tt n i e zu tilgen und ginge auch manche Gegenwart g'ttoergessen der Menschheitshoffnung verloren, die Zuversicht auf das einstige G'ttesreich, auf die „Sammlung der Gesamtmenschheit als einer Gemeinde um G'tt" ruht im Hinblick auf die D'pai'i für die kommenden Menschengeschlechter auf unerschütterlichem Grunde." — — — So wissen, so fühlen wir gerade als Juden, als das Volk der Religion par excellence, als die ersten und ältesten Vertreter eines Monotheismus auf Erden, daß die Gottlosenbewegung unserer Tage den Todeskeim in sich trägt. Sie wird zerfallen — um wieder mit dem Psalmisten zu reden — wie Spreu, die der Wind hinwegweht, tm uain -ie?k i*»a- und nichts bleibt von ihr übrig als der Gedanke, daß sie nur ein neues Glied gebildet in der langen Kette gleicher und ähnlicher Erscheinungen früherer Jahrhunderte, die schließlich das gleiche Schicksal ereilte. kleines Feuilleton. Weitere Winke für Äeingemeivden. Was man nicht auf deutsch darf, das darf man auch nicht auf hebräisch. 1. Zählen. Jeder gesetzestreue Jude weiß es aus dem Schekalimgebote und aus der Geschichte des Königs David, daß inan Personen nicht zählen darf, wenn man nicht Glltes Segen verscherzen will. Von allen Begründungen dieses Verbotes wollen wir nur die üblichste und begreiflichste erwähnen: Menschen sollen uns zu lieb und wert sein, als daß wir sie gleich anderen Einzelwesen nach ihrer Anzahl bewerten; jeder von ihnen ist „eine Welt für sich". Das gilt immer, gleichviel ob die Zählung zu profanen oder zu Migwohzwecken geschehen soll. Auch ist dies nicht eine Verordnung später Weiser, sondern der Thora selber, also zu der Zeit erteilt, als noch alle Juden die hebräische Sprache benutzten. Infolgedessen ist es ein grober Irrtum, statt 1, 2, 3 einfach o 'a rr zu zählen. Ob 1, 2, 3 oder 's 'a das Verbot ist in beiden Fällen übertreten und der erhabene Sinn des Verbotes verletzt. Wie fängt man es nun an, um Minjan zu zählen? Entweder man zählt nach der Schekelmethode, d. h.: Jeder Anwesende hält einen gleichen Gegenstand, etwa Siddur, in die Höhe, und man zählt dann diese Gegenstände. Oder man spricht, bei jedem Worte sich zu einem der Anwesenden hinwendend,

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