Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1931)
- Date
- 1931-06-25
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14. Nr. 26 Der Israelit 25. Juni 1931 Nicht alle waren damit ganz einverstanden, am wenigsten der kleine quecksilbrige Trotzki. Diese beiden Männer beherrschten die Atmofpäre. Meinungsverschiedenheiten und Widersprüche wurden von dem einen oder dem andern niedergeschrieen. Gerieten aber die zwei in einen Meb nungsstreit, so zappelte der Kleine mtö' schnaufte vor Wut wie ein Fisch an der Angel, während der Große in voller Ruhe mit sonorer (stimme bk erregten Argumente des Gegners Wort für Wort zerfetzte und das Feld behauptete. (Fortsetzung folgt.) David, König Israels. Dem Hebräischen nacherzählt von . . . l. Eines Abends saß der Sultan in dem Dachgarten seines Palastes in Konstantinopel. Da tönten auf einnml von unten Worte an sein Ohr. Der Sultan neigte sich herab und erblickte zu seinem Erstaunen zehn jüdische Männer, die vor dem Tore seines Palasts den Neumond heiligten. Er horchte nun aufmerksam aus ihre Worte und vernahm, wie sie dreimal sprachen: „David, Israels König lebt und bleibt! David, Israels König lebt und bleibt! David, Israels König lebt und bleibt!" Da ergrimmte der Sultan gar sehr, denn er dachte, diese Männer planten eine Empörung gegen seine Herrschaft. Er gab daher sofort Befehl, die Männer zu ergreifen und vor ihn zu bringen. Als sie vor ihn: standen, fuhr der Sultan sie hart an: „Ich habe gehört, wie ihr euch gerühmt habt: „David, Israels König, lebt und bleibt!" Bis heute hatte ich euch für meine treuen Diener gehalten, jetzt aber weiß ich cs. daß ihr treulos seid. Ihr werdet deshalb aus dem Laude verbannt, und eure ganze Habe verfällt dem königlichen Schatze, ganz nach dem Gesetze für Aufständische. Es gibt nur eine Möglichkeit, daß ich euch begnadige, nämlich, daß ihr euren König David vor mich bringt, damit ich erkenne, daß er wirklich lebt, dann könnt ihr in Frieden im Lande wohnen bleiben." Da sielen die Juden dem Sultan zu Füßen und flehten ihn an, den schlimmen Beschluß abzuändern, denn es lebe ja gar kein König David. Es sei nur ein alter Brauch, der sich aus grauer Vorzeit vererbt habe, beim .Heiligen des Neumondes diese Worte zu sprechen. Aber all ihre Entschuldigungen und all ihr Flehen war vergebens. Am Worte des Sultans gibt es nichts zu deuteln. Jedoch gab der Sultan ihnen eine Frist von zwölf Monaten, zur Ausführung seines Befehles. Wenn aber nach Ablauf dieser Zeit nicht König David lebend vor ihm stehe, dann sollten alle Juden erbarmungslos des Landes verwiesen werden. Da zerrissen die Juden ihre Kleider, legten Sack und Asche an und versammelten sich in ihren Synagogen und Lehrhäusern, um in ihrer großen Not den Allmächtigen anzurufen. Als sie aber schon alle Hoffnung oufgegeben hatten, da wählten sie aus ihrer Mitte zwei sehr fromme, g'ttesfürchtige Männer; die schickten sie nach Jerusalem, der heiligen Stadt, den dortigen Raböonim und den Vorstehern der Gemeinde ihre Not vorzutragen, damit ihnen vielleicht von dort Hilfe erstehe. II. In jenen Tagen aber war der Weg von Konstantinopel nach Jerusaietn sehr gefahrvoll. Wegelagerer lauerten den Reisenden auf, und wilde Tiere bedrohten ihr Leben. Die beiden Männer empfahlen ihr Leben G'tt, dem Barmherzigen, und wanderten Tag und Nacht, Tag und Nacht ohne Rast, lange Zeit, bis sie endlich wohlbehalten in Jerusalem, der heiligen Stadt, ankamen. Sofort eilten die beiden Voten zu den Rabbonim Jerusalems und erzählten ihnen alles. Da weinten die Rabbonim gar sehr, als sie das grausame Urteil des Sultans vernahmen, denn auch ihre Hand war da zu schwach, um zu helfen. In jenen 2,agen aber wohnte in Jerusalem ein sehr kluger, frommer Mann, einer von den sechsunddreißig Gerechten, um deren Verdienste willen die Welt besteht. An seine Türe pochten täglich viele Menschen um Rat und Hilfe. Auch diesen beiden Männern rieten die Rabbonim, den Weisen aufzusuchen. Die beiden Boten fielen dem Manne zu Füßen und flehten um Hilfe in ihrer schrecklichen Not. Da antwortete der Weise ihnen und sprach: „Es ist nicht in meiner Macht, euch zu helfen, denn das Verhängnis wurde im Himmel bereits besiegelt, da kann ich nichts mehr ändern. Ich weiß jedoch, daß in einer Stadt — Luß ist ihr Name — ein vollkommener Zaddik wohnt, Rabbi Jra Hajairi mit Namen. Dieser Rabbi Jra Hajairi war der Lehrer König Davids, sein Andenken werde uns zum Segen. Eilt euch und geht dorthin; vielleicht kann er euch helfen, denn er ist König David sehr teuer und um König Davids willen liebt G'tt auch ihn und erfüllt alle feine Wünsche." Da taten die beiden Boten nach dem Rate des Weisen. Sie nahmen Empfehlungsbriefe von den Rabbonim Jerusalems mit sich und machten sich auf, die Stadt Lutz zu erreichen, ohne den Weg zu wissen. Sie entfernten sich immer weiter von dem heiligen Lande und kamen nach ganz fremden Ortschaften. In jeder Stadt pflegten sie, den Rabbonim und den Gemeindevorständen ihre Empfehlungsbriefe vorzulegen, und jeder Raw beglaubigte ihre Briefe mit seiner Unterschrift von neuem, denn sie wanderten so weit, daß man in den verschiedenen Städten, die sie durchzogen, bald gar nicht mehr die Namen aller Rabbonim kannte, die sie besiegelt hatten. Nach langer, langer beschwerlicher Reise näherten sich die beiden Männer endlich einer Stadt. Sie . hörten von Wanderern den Namen „Luß". Da erkannten sie, daß sie ihrem Ziele nahe waren. Sie freuten sich darüber gar sehr und beeilten sich, Luß noch bei vollem Tage zu erreichen, denn dieser Tag war Erew Schabbos. III. Die Stadt Luß aber ist sehr groß und von hohen, festen Mauern umgeben, damit kein Feind eindringen und sie bezwingen kann. Fest verschlossen ist die Stadt, keiner verläßt sie, und keiner tritt ein. Will aber doch jemand in die innere Stadt gelangen, so muß er zuvor in einem Brunnen neben der Stadtmauer ein Tauchbad nehinen. In diesem Brunnen tummeln sich jedoch zahlreiche Schlangen. Demjenigen, der dem Brunnen in Frieden entsteigt, geschieht das Wunder, daß sich ihm in der Stadtmauer ein kleines Türchen öffnet, durch das er in die Stadt eintreten kann. Und über die Stadt Luß hat der Todesengel keine Herrschaft. Plagen und Krankheiten bleiben ihren Zelten fern, und die Menschen leben dort ewig. Ist aber einer schon sehr alt und des Lebens auf dieser Welt überdrüssig, so daß er gerne sterben möchte, so setzt er sich auf den großen Stein neben dem Eingangstor — es ist dies der Stein, der unserem Vater Jakob zu Häupten lag, als er vor Csau, seinem Bruder, floh, und seine Seele entflieht in Frieden. Die beiden Boten näherten sich der Stadt. Doch je mehr sie sich näherten, um so ängstlicher wurde es ihnen. Sie beschleunigten ihre Schritte, fühlten aber gar keine Müdigkeit. Gegen Abend erreichten sie den Brunnen. Da fürchteten sich die beiden Männer, in das Wasser zu tauchen, denn der Brunnen wimmelte von Schlangen und Skorpionen. L-o saßen sie denn die ganze Nacht und den ganzen folgenden Schabbostag am Rande des Brunnens und sandten ihr Flehen und Bitten zu Ihm, der Daniel in der Löwengrube erhört, auf daß er auch ihnen seinen Enel schicke, sie vor den Schlangen und Skorpionen zu erretten, um seines Volkes Israel willen. Als sie ihre Gebete beendet, da faßte einer von ihnen Mut und sprang mit dem dreimaligen Rufe: „Auf Deine Hilfe hoffe ich, o G'tt!" in den Brunnen und tauchte seinen Körper vorschriftsgemätz dreimal in dem Wasser. G'tt aber verschloß den Mund den Schlangen und Skorpionen, und es geschah ihm nicht das Geringste. Und in dem Augenblicke, als er dem Wasser entstieg, öffnete sich ein Türchen in der Stadtmauer von Luß, und eine g'ttliche Stimme verkündete: „Derjenige, der seinen Körper in das Wasser des Brunnens getaucht, mag eintreten." Und der eine der beiden Boten, der das Tauchbad genommen, trat ein. Sofort schloß sich die Tür wieder und sein Gefährte harrte auf seine Rückkehr. IV, Der Mann betrat nun die innere Stadt, und sie war gar groß und schön, so daß das Auge sich kaum sattseherst konnte Als er sich nach allen Seiten umschaute, um alles recht zu betrachten, kam ein alter Mann des Weges und weinte gleich einem kleinen Kinde. Der Bote verwunderte sich und fragte: „Warum weinst du, verehrter Greis?" Da antwortete der Alte: „Mein Vater hat mich geschlagen, da ich mich weigerte, dem Befehle meines Großvaters zu gehorchen." Da versank der Bote in Sinnen und dachte: „Wahrlich groß sind die Wege G'ttes." Und der Bote gelangte in das Haus des Rabbi Jra Hajairi, des Lehrers des Königs David, dort traf er viele Schüler, die mit großem Eifer Thora lernten. Da überreichte er ihnen alle Empfehlungsbriefe, die er auf seiner Reise gesammelt hatte, damit sie diese ihrem Lehrer übergäben. Nachdem die Schüler die Briefe gelesen, antworteten sie ihm: „Drei Tage bist du zu spät gekommen, denn der Brauch unseres Lehrers ist, daß er ein Jahr in seinem Zimmer schläft und nur einen Tag des Jahres erhebt er sich von feinem Schlafe, wäscht seine Hände, und seine Schüler treten bei ihm ein, ihm ihre Thoraauslegungen vorzuzeigen. Bei Sonnenuntergang fällt er wieder in Schlaf für ein ganzes weiteres Jahr. Nur durch das Verdienst der Gesamtheit Israels erwacht der Zaddik auch inmitten des Jahres. Da es nun gerade erst drei Tage sind, daß er abermals in Schlaf gefallen ist, so mußt du noch weitere dreihundertsiebenundsünszig Tage warten. Wenn du einverstanden bist, so bleibe hier bei uns. Was wir essen, wirst auch du essen, wo wir schlafen, wirst auch du dich niederlegen. Vielleicht aber geschieht ein g'ttliches Wunder und der Zaddik erwacht plötzlich aus seinem Schlafe, um der Not des Volkes Israels willen. Geschieht dies, dann wahrlich werden wir dir den Vortritt lassen, daß du als erster dein Anliegen vortragen kannst." Als der Bote diese Worte vernommen, da schlug er verzweifelt in die Hände, zerriß seine Kleider und weinte bitterlich, hatte ihnen der Sultan doch nur zwölf Monate Zeit gegeben, und elf Monate dieser Frist waren schon verflossen. Seine Tränen strömten unaufhörlich, und er wollte keinen Trost annehmen. Noch weinte er und rauste sich die Haare, als der Zaddik Jra Hajairi plötzlich aus seinem Schlafe erwachte. Da erkannten die Schüler, daß das um des Verdienstes der Gesamtheit Israels willen geschehen war. 'und sie ließen den Boten als ersten eintreten, ganz wie sie es ihm versprochen hatten. Da leuchtete das Antlitz des Rabbi Jra Hajairi dem Boten entgegen, und er sprach: „Wisse, daß G'tt euer Flehen erhört hat. Baldige Hilfe soll euch erstehen. Du aber tue dies: „Siehe, ich sende einen meiner heiligen Schüler mit dir zu dem Grabe des Königs David, ihm sollst du in meinem Namen sagen, daß er mir durch dich etwas sendet, was meine Seele' erquickt, denn gar lange habe er mir nichts mehr gesandt. Dies sprich, und nichts mehr sonst." Da freute sich der Bote gar sehr und beeilte sich, mit dem heiligen Schüler das Grab des Königs David zu erreichen. Und es geschah ihnen ein Wunder, der Weg kam ihnen entgegen, so daß sie noch am Abend desselben Tages nach Jerusalem gelangten. Als sie das Grab Davids erreicht hatten, öffnete sich die Tür der Höhle, und der Bote wurde in das Innere gerufen. Er wanderte von Zimmer zu Zimmer, von Zelle zu Zelle und staunte ob der Pracht und des.Glanzes im Innern der Höhle, bis er endlich das Zimmer König Davids erreichte. Da erblickte der Bote den König David. Er lag auf einem goldenen Bette und war in purpürrote und karmesinfarbene Gewänder, gehüllt. Ueber dem Bette stand ein goldener Tisch mit elfenbeinernen Füßen. Auf dem Tische lag eine goldene Krone und daneben das Buch „Tehillim". Ueber dem Bette an der Ostwand hing ein siebenarmiger Leuchter, daneben eine goldene Harfe. Da übergoß der Mann mit einem Wasserkrug, gefüllt mit Wasser von dem untersten Gan Eden, die Hände König Davids. Hierauf erwachte König David aus seinem Schlafe und nahm eine Apfelsine, die er in vier Teile zerteilte. Die gab er dem Voten und sprach zu ihm: „Das ist eine Apfelsine aus dem obersten Gan Eden, ein Viertel nimm dir, ein Viertel gib Jra Hajairi, meinem Freunde, dem Diener G'ttes, ein Viertel gib deinem Geführten, der dich vor der Stadtmauer von Luß erwartet, und dein Viertel bringst du als Geschenk dem Sultan in Konstantinopel, damit er von seinem entbrannten Zorne abläßt. Zufrieden und froh kehrte der Bote nach Luß zurück. Ein Viertel der Frucht überbrachte er dem Rabbi Jra Hajairi, der seine Rückkehr erwartet hatte, ein Viertel gab er seinem Gefährten und die beiden gingen voll Freude nach Konstantinopel zurück, wo sie gerade am letzten Tage vor Ablauf der ihnen gesetzten Frist ankamen. V An jenem Tage saß der Sultan in Konstantinopel auf seinem Thron, um über viele Völker Gericht zu sprechen. Plötzlich fiel eine Betäubung auf ihn, und er schlief ein. Und König David kam zu ihm im Traume dieses Tages und sagte ihm, daß er ihm durch zwei Juden das Viertel einer Apfelsine aus dem obersten Gan Eden G'ttes gesandt habe, damit er die Juden nicht aus seinem Lande vertreibe. Er sah im Traume auch die Gestalten der beiden Juden. Daraus erwachte er, und siehe, er hatte geträumt. In diesem Augenblick kamen die beiden Boten an das Tor des Sultanpalastes in Konstantinopel und sagten den Dienern, daß sie ein dringendes Anliegen an den Sultan hätten. Da brachten die Diener sie eilig in die inneren Gemächer vor den Sultan. Als der Sultan die beiden Männer sah, erkannte er sie und rief ihnen zu: „Wo ist das Viertel der Apfelsine, das mir euer König David geschickt hat?" Da überreichten ihm die beiden Boten das Viertel der Apfelsine, und der Sultan freute sich gar sehr damit. Und noch an demselben Tage befahl er seinen Fürsten und Dienern, den Befehl zur Vertreibung der Juden zu vernichten, den Juden viele Erleichterungen zu geben und den beiden Boten reiche Geschenke. Und die Botschaft wurde in ganz Konstantinopel ver» nommen: „David, Israels König, lebt und bleibt!" (Leere Plätze in Fürsorgeanstallen.) Im Juni-Heft der „Zeitschrift für Jüdische Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik" wird die interessante Tatsache festgestellt, daß. in den bestehenden Anstalten der Jugendfürsorge am 1. April ds. Js. von 982 Plätzen nicht weniger als 216, also 22 P r o z,. leer stehen. Besonders gilt dies für Säuglings- und Kleinkinderheime und Waisenhäuser. Die Ursachen für die von Monat zu Monat zurückgehenden Belegung liegen im Geburtenrückgang, in den Sparmaßnahmen der Wohlfahrtsstellen, vor allem aber daran, daß die Anstalten keine Freiplätze mehr in erheblichem Umfange gewähren können, und daß es bei der zunehmenden Verarmung den in Betracht kommenden Kreisen leider auch nicht mehr möglich ist, die stark ermäßigten Preissätze der Anstalten zu bezahlen. Das Heft enthält u. a. auch einen Artikel von Dr. Hans Reißner über die „Jüdische Jugendbewegung in Polen", in dem merkwürdigerweise die gesamte orthodoxe Jugendbewegung in Polen, deren Ausdehnung und Aktivität doch keinem Kenner der Verhältnisse verborgen bleiben kann, vollständig. totgeschwiegen wird. Ueber die bischerige Tätigkeit des Reichsausschusses der jüdischest Jugendverbände berichtet Dr. Georg L u b i n s k i,. Verantwortlich für den allgemeine« Teil und das Feuilleton S. Sch achnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. D.r S. Schach» uowitz, ebenda. — Dür die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag des Israelit uud Sermon G. m. b. Frankfurt a. SR. — Druck: Sermon-Druckerei, Frankfurt a. 9R.