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Der Israelit · 1931-06-25 · Heft 26 (25.6.1931) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 26 (25.6.1931)
Date
1931-06-25
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Vellage Meikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines Menschenschickfals und einer Zeitepoche. Bon S. Jzchali. ^Fortsetzung). Meikemeier kam aus dem Königsberger Gefängnis mit dem festen ehrlichen Entschluß, nie und nimmermehr seine Hand. ins Feuer zu stecken, alle Beziehungen zu den Kreisen, die einen Pakt mit Teufel und Hölle geschlossen — sie strebten nach Himmel und Paradies — zu lösen. Nicht so sehr aus innerer Angst, als mehr aus einer gewissen Unsicherheit heraus. Was kam bei der ganzen Sache heraus? Gewiß, die Welt war schlecht. Aber was konnte er, der litauische Jüngling, fremd im Lande, fremd auch im eigenen Russenlande, fremd überall, mit seiner schwachen Kraft zur Einrenkung der Welt in ihre neuen Angeln tun? „Zwecklos hungern, ist genau so unsinnig, wie ^wertlos essen," tarn ihm ein Wort Uritzkis in den Sinn. Sich zwecklos opfern, nur des vielberühmten sogenannten Düngers auf dem Felde der Menschheit wegen, war eine leere Phrase, erträglich noch, so lange sie aus der Tinte floß, schauerlich aber in der roten Farbe des Blutes. Allein all die Leiden im Königsberger Gefängnis, das Martyrium der Untersuchung und der Gerichtsverhandlungen kamen über ihn, so er nur an diese Dinge dachte. Damit auch Bitterkeit gegen Staat und Gesellschaft, die mit all ' ihren Organen und Machtmitteln nicht .verstanden, Schuld von Unschuld, Recht von Unrecht zu sondern und Menschen, die eine Mutter in Wehen geboren, Menschen mit allen körperlichen und seelischen Beschaffenheiten ihrer Richter Höllenqualen aussetzten. Gewiß, das Gericht hatte ihn freigesprochen. Aber wer entschädigte ihn für die Pein eines vollen Jahres im Gefängnis, der Untersuchung, der Verhandlung? Ein Mann hatte da wie Satan im Tatar nach Rache und Vergeltung geschrieen. Den aber hatte der Staat bestellt, nicht daß er das Recht suche, sondern daß er anklage, verdamme. Studium, Amt und Rang verpflichteten ihn, anzuklagen. Der gleiche Mann würde mit der gleichen Schärfe der Sprache und Logik in glatten, sanften Worten einen richtigen Mörder rechtfertigen, hieße er nicht mehr Staatsanwalt, sondern einfach Anwalt. . . Drüben in Rußland, gegen das der Kampf der Partei ging, mochte es noch schlimmer sein. Dort bedurfte es noch kaum des Scheines einer öffentlichen Rechtsprechung, um Menschen zu vernichten. Mithin weg mit dem Staate, den Staaten und ihren Werkzeugen des Mordes . . .! Er dachte und redete sich in Erregung hinein. Sein eigener Fall wuchs für ihn ins Symbolische. Wie viele Menschen haben unschuldig gelitten, in Gefängnissen geschmachtet, am Blutgerüste ihre letzten Seufzer ausgehaucht! Einer gemarterten Menschheit Jammer faßte ihn an, schrie aus ihm und machte den Boden in ihm weich für die neuen Saaten im Klub „Liberias". Die mechanische Mitarbeit an der abseits der Straße losgelassenen Maschine gegen die bestehende Ordnung wuchs sich bei ihm in der Trübe des Gesangnjsnacherlebnistes mählich zu innerer Teilnahme aus. - Es kam zudem ein Dankgefühl, das verpflichtete. Er durfte nicht vergessen, daß die Kameraden die einzigen waren, die, sich seiner annahmen, seine Sache zu der ihrigen, zur Sache der Menschheit, machten. ' Stand doch Kaplan, dieser kleine, schmächtige, kurzsichtige Advokat, vom Gerichte, den Herren im Tatar gehöhnt, ganz allein im Kampfe gegen Unrecht, für ihn, für die Sache des Rechtes und der Menschheit! Und' hinter diesem waren Andere, Unsichtbare, die ihn nicht verließen. Uritzki. Wo war Uritzki, den er nie geliebt, dessen polternde Art ihm stets unheimlich war? , Wo war er? In Königsberg gewiß nicht mehr, auch hier war er nicht. All diesen Erwägungen und Empfindungen zum Trotz, wäre Meikemeier in der Schweiz einem Menschen, der ihn mit aufrichtiger Freundschaft in geruhige, bürgerliche Bahnen gewiesen hätte, allzuleicht gefolgt. All die Erschütterungen, alles Weh und alle Bitterkeit wären Erinnerung geblieben, von der Zeit gemildert und verwischt. So aber kam er direkt mit seinen Empfehlungen dahin, wo die ganze Bewegung ihren Brennpunkt hatte. Er mußte auch leben und essen und sah keinen Weg zu einem anderen Leben. Die Begegnung mit Skobeljew fachte halberloschene Flammen in ihm wieder auf. Zwischen Gelgudischkin und Zürich lag Königsberg mit seinem „Roten Hammer", seinem Gefängnis und seinem Gericht. Er war der Bewegung zwangsläufig verfallen. Was er hier fand, war eine ganz andere Welt als die bei Silbersteins in Königsberg. Dort diskutierten Studenten und Thorajünger über G'tt, Welt und Mensch und andere Dinge, die sie nicht erreichen konnten. Beshamidraschphilosophen und blasse Romantiker verneinten die Welt als die schlechteste der möglichen, oder beteten den Mond als Königin der Nacht an. Hier waren Männer, Köpfe, fast lauter Uritzkis, und dennoch jeder anders. Es fielen wenig Worte, aber jedes hatte Gewicht. Nichts von jenen Phrasen, die, losgelöst von jeder Bindung, wie Kinüerballons im Lufträume herumschwirren und gleich dem Dampf aus dem Teekessel verfliegen. Die Worte liefen hier hinter den Taten her oder diesen voran, sie reihten sich nur als kurze Texte um krasse Bilder. Hier war alles Tat, Kampf, Leben, Handlung. Von Zeit zu Zeit kamen Freunde.und Freundinnen aus Bern und anderen Universitätsstädten herüber, dann reichten die Klubräume nicht aus und der Lärm nahm Jahrmarktscharakter an. Es waen viele junge Dachse dabei. Die Studentinnen trugen schwarze „Rubaschkas" und hatten kurzgeschorene Köpfe wie ihre männlichen Kommilitonen. Sie führten eine burschikose Sprache, natürlich und ungezwungen, aber in durchaus anständigen Formen sich haltend. Sie rauchten unausgesetzt Zigaretten, die sie sich selber drehten, kochten Tee und bereiteten für die ganze Korona auch andere Speisen zu, als hätten sie nie im Leben etwas anderes getan. In Bern führten sie eine gemeinsame Mensa. Die Mädchen kochten und führten ausgezeichnet den Haushalt, und die Burschen legten kräftig mit Hand an. Die Vurschenherrlichkeit des russischen Studenten bestand in Reden, Grübeln und harter Arbeit. In Bern waren die Parteigenossen in der Ueberzahl, die „Köpfe" hatten aber fast alle ihren Sitz in Zürich. Wenn die Berner kamen und der große Trubel emsetzte, stellte sich die Teilung bald von selber ein. Cs war beinahe fo, als hätten die Großen, die Führer, gar keinen engen Kontakt mit dieser Masse der jungen kleinen revolutionären Geister. „Laßt sie doch reden, Jugend muß sich austoben!" Zum Handeln waren andere da und andere Zeiten angesetzt. Es fiel Meikemeier auf, daß im Züricher Generalstabe verhältnismäßig wenig Inden waren. Nur wenn die Berner erschienen, bekam die Versammlung ein etwas mehr jüdisches Gesicht, der russische Mkzent wurde matter, die Gesten lebhafter, die' Reden lauter. Das machte die Unzahl der jüdischen Studenten und Studentinnen, denen in der russischen Heimat die Universität die Pforten schloß, und die hier mit dem Bildungshunger zugleich ihren Tatendrang stillten, die Fläche fanden, auf der sie sich mit Schicksalsgenossen und Gleichgesinnten gegen die lieblose Heimat austoben konnten. Was ferner Meikemeier so besonders aufsiel, war, daß kaum einer von den „Köpfen" bei seinem richtigen Namen genannt wurde. Entweder waren es Spitznamen, die ihnen Liebe oder Spottsucht der Kameraden zulegten, oder selbstgewählte Pseudonyme, auf die sie allein noch hörten. Der großmächtige und breitschultrige Wladimir U l i a n o w hieß hier Jljitsch oder Lenin. Er hatte schmale tatarische, ewas finstere Spaltenaugen, eine breite Stirn voller Runzeln, kleine Stumpfnase und einen glänzenden kahlen Schädel. Seine Sprache war kurz und klar, fast im Kommandoton, der keinen Widerspruch duldete.. Er wurde zumeist auch der Bolsche genannt, — weil er dieses Wort stets im Munde führte und bei jeder entwickelten Theorie immer nur „bolsche, bolsche!" (mehr, noch mehr!) sagte. Wenn man über dieses sein stereotypes „bolsche" spottete, sagte er nur ruhig: „Es kommt die Zeit, da dieses Wort die Welt erobert und einer Bewegung den Namen gibt, die vielleicht den ganzen Erdball in Erschütterung bringt . . Sein Antipode war ein kleinerer untersetzter Mann mit wildstruppigen Haaren, die ihm beim Reden in Wellen bis zu den feurigen Augen Herabflossen. Dieser kleine Mann mit den fieberhaften Bewegungen und der unheimlichen Redegewandtheit hieß Leo B r o n st e i n. Sie nannten ihn aber, um seinen ewigen Oppositionsgeist mit einem deutschen Worte in slawischer Formung auszudrücken, Trotzkow, oder einfach T r o tz k i. Der große S i n o w j e w mit den überlangen Armen war den alten Freunden noch als einfacher „Apfelbaum" bekannt. Einen älteren Studenten, den er in Königsberg flüchtig als Sally Rosenfeld kennengelernt hatte, fand er hier als Sergai K a m e n e w wieder. Daß der rührige, in kurzer Joppe und Stulpenstiefeln daherkommende R a d e k in seinem Passe als Sobelsohn figurierte, wußte keiner so gut wie sein Freund „Jopps". Das war der gutgewachsene und gutgekleidete jüdische Freund von Jljitsch Lenin, der auf den gutjüdischen Namen Joffe hörte . . . Jljitsch, der Pölfche, — ein Name, der ihm auch zur Figur gut stand — hätte ejn ganz dickes Buch geschrieben, das im gegebenen 'Momente, — keine Minute früher oder später, damit es keine Rhetorik oder, wie er sagte, Makulatur bleibe — im Drucke erscheinen sollte. Die Freunde kannten bereits den Inhalt genau und hatten zu den Theorien Stellung genommen. Es sollte den Namen tragen „Staat und Revolution". Er wollte den Schwerpunkt der Bewegung von dem Lohnkampf weg, mehr auf die politische Organisierung der Arbeitermassen legen. Sollte man aber warten, bis dieses Ziel erreicht ist? Nein, die revolutionäre Erziehung des Volkes auf lange Sicht lehnte er ab. Das Kind, sagte er, lernt erst sprechen, und viel später, aus der Sprache heraus, die Gesetze und Regeln der von ihm gesprochenen Sprache. Schwimmen lernt man in den Fluten, nicht hinter dem Ofen, nicht einmal in der Badewanne . . . Die Völker werden die revolutionäre Erziehung im revolutionären Staat, unter der Herrschaft der Weltrevolution erhalten. — Wer macht die Weltrevolution, wer gründet den Musterstaat? Die Einzelnen, die soweit sind und die Kraft haben, den Massen ihren Willen auszuzwingen. Man warte nicht, bis d a s V o l k w i l l. Eswird wollen. Zuerst die Diktatur stürzen — mit ihren eigenen Gewaltmitteln, mit der Diktatur . . .

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