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Der Israelit · 1931-06-11 · Heft 24 (11.6.1931) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 24 (11.6.1931)
Date
1931-06-11
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Crzie(;ung und Lei; Osraelif” ädacjtKji 3gc zum,} Orgm des Bundes gesehestreuer jüdischer Kehrer Drutlchlands. Berantwortliche Schrtftlettung: L. Kaufmann, Sprendlingen (Kreis Offenbach). Bericht über die Zusammenkunft jüdischer Lehrer und Lehrerinnen anläßlich der Deutschen Lehrerversammlung zu Frankfurt a. M. zur Aussprache über jüdische Amgen. (Erstattet von Dr. Frieda Fuchs in Frankfurt a. 2R. Die Ortsgruppe Frankfurt a. M. des jüdischen Frauenbundes hatte anläßlich der Deutschen Lehrerversammlung die jüdischen Kollegen und Kolleginnen zu einer Aussprache über jüdische Fragen eingeladen. Frau Paula Nassauer als Vorsitzende der Ortsgruppe begrüßte die zahlreich Erschienenen und schlug vor, in der Diskussion zu besprechen: 1. Erziehung und Unterricht, 2. Fürsorge für Schulentlassene und 3. Erwachsenenfortbildung. Nachdem Herr Rabbiner Dr. Lazarus die Versammlung namens der Israelitischen Gemeinde. Dr. Frieda Fuchs im Aufträge des Frankfurter Lehrervereins begrüßt hatten, begann die Diskussion unter reger Beteiligung aller Anwesenden. Betreffs der Versorgung der kleineren Plätze mit Lehrkräften für den Religionsunterricht wies Herr Dr. Höchster daraus hin, daß die Landesverbände nicht genügend in dieser Beziehung tun, und daß die Logen darum schon verbucht haben, Abhilfe zu schaffen. Damit in keiner Gemeinde die jüdische Jugend aufwachse ohne religiöse und sittliche Belehrung, müßten Frauenoerbände, Lehrerverbände und Logenverbände gemeinschaftlich arbeiten. Herr Lern, Birstein sprach von den Schwierigkeiten, die sich auf dem Lande der Erteilung des Religionsunterrichtes entgegenstellen. Schlechte wirtschaftliche Lage der Juden-, weite Entfernungen der ganz kleinen Gemeinden-, mit wenig Kindern bewirken, daß auch die Lehrer, die Abhilfe zu schaffen bereits selbst versuchten, aus die Hilfe der Städte unbedingt -angewiesen sind. Herr Ochsenmann erinnerte daran, daß auch die Freie Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums, die Jeschiwoh, die Talmud-Thoraschulen Redner aufs Land hinaus schicken, die in vielen Gemeinden nicht ohne Erfolg arbeiten. Den Ursachen der heutigen so bedauerlich schlimmen Lage nachgehend, sah er den Grund dafür in der nicht genügenden Würdigung der Landgemeinden vonseiten der Großgemeinden in der vergangenen Zeit. Wenn die preußischen Landesverbände ihre Zahlungen einstellen müßten, dann hätten sich die Landgemeinden direkt an die Regierung zu wenden. Um die Belange der Schulen wahren zu können, müßten sehr viel mehr Lehrer Mitglied des Deutschen Lehrervereins fein, und im Zusammenhang damit sei zur Mitgliedschaft im Republikanischen Lehrerbund dringend aufzufordern. Herr Oppenheim-Rhina bestreitet aus eigener Erfahrung, daß die Landbevölkerung kein Interesse für den Religionsunterricht habe. Die Redner aus der Stadt hätten oft nicht das richtige Verständnis für die Landbevölkerung; wenn dagegen der richtige Konnex vorhanden sei, sei jeder Unterricht fruchtbar. Herr Schaumberg setzt sich für die Erhaltung der bestehenden jüdischen Schulen auf dem Lande ein, da sie die Träger des jüdischen Gedankens sind. 42 öffentliche Schulen sind in seinem Bezirk, der 250 jüdische Gemeinden umfaßt; viele dieser Gemeinden sind so klein, haben nur wenige Kinder, die keinen Religionsunterricht haben. Da müssen die Frauen gewonnen werden für die Erziehungssragen. Herr I. B. Levy macht den Vorschlag, die Großgemeinden und die mittleren Gemeinden sollten Zusammenwirken, um für die kleineren Gemeinden zu sorgen. Die Bezirksrabbinen hätten soviel zu tun, daß man ihnen nicht zumuten könne, in kleineren Gemeinden auf dem besprochenen Gebiete zu arbeiten. Herr Rapp dagegen fordert die Mitwirkung der Rabbinen unbedingt, da man mit dem Auto jede Entfernung leicht überwinden könne, und da die Rabbinen ja auch zu anderen Gelegenheiten ihre Funktion nicht auf die Lehrer übertragen möchten. Herr Eschwege-Frankfurt macht dem Frauenbund den praktischen Vorschlag, Listen aufzustellen, welche Landgemeinden ohne Religionsunterricht sind und dann bei den zuständigen Rabbinen zu beantragen, dafür zu sorgen, daß diese Gemeinden von anderen mit betreut werden. Herr Gans-Niederaula bemängelt die vorhandene Ueberorganisation, die oft schuld daran sei, wenn verschiedene Verbände gegeneinander arbeiten. Herr Goldschmidt-Frankfurt schlägt die Entsendung von Wanderlehrern und die Gründung neuer jüdischer Volksschulen vor. Der Antrag des Herrn Rabbiner Jakob Horovitz, das Ergebnis der heutigen Besprechung in einem Rundschreiben bekannt zu machen, wird angenommen, ebenso ein Antrag Frau Nassauers, aus Vertretern der Logen, des Frauenbundes und der Landesverbände einen kleineren Ausschuß zu bilden, der Schritte unternimmt, der Unterrichtsnot auf dem Lande entgegenzuarbeiten. Bei der Besprechung des Schul-Antisemitismus gingen die Meinungen bezüglich seiner Existenz wesentlich auseinander. Herr Weingarten-Hanau fordert im Hinblick darauf die Kollegen auf, die allgemeinen Versammlungen zu besuchen, und auch Frl. Jsenburger-Frankfurt kam aufgrund ihrer reichen Erfahrung als eifrige Mitarbeiterin im Frankfurter Lehrerverein mit Recht nachdrücklich betonen, daß die beste Abwehr gegen den Antisemitismus in der Schule eifrige Mitarbeit der jüdischen Kollegen in den allgemeinen Lehrervereinen bildet. Nachdem Herr Lachmann-Homburg und Herr Oppenheimer-Rhina auf Einzelfälle in ihrer Praxis Hinweisen, richtet Frau Nassauer die Mahnung an Eltern und Lehrer, jüdisches Wissen und Religiosität zu pflegen, und die Kinder zur strengsten Einfachheit zu erziehen. Als die Fragen der Berufsberatung besprochen wurden, mußten wir hören, daß die jüdischen Lehrer auf dem Lande sehr wenig Einfluß auf die Berufswahl ihrer Zöglinge haben. Noch bedrückender war der Hinweis von Frau Rosenblatt, daß jüdische Arbeitgeber nur ungern jüdische Lehrlinge einstellen. Weil sie jüdische Kinder am nas? nicht arbeiten lassen wollen, und weil sie ihnen nicht freigeben mögen, nehmen sie sie lieber gar nicht. Dazu sollten die Lehrer nicht schweigen. Herr Schuster-Krotzenburg weist darauf hin, daß man die Mädchen vom Lande von der Großstadt möglichst zurückhalten soll; aber er muß doch bedenken, daß man seinem Vorschlag, die Töchter sollten alle im Elternhaus verbleiben, nicht gut diskutieren kann. Was sollte aus den vielen „übrig gebliebenen Frauen" werden, die nicht das Glück haben, die wirtschaftlichen Kenntnisse, die sie bei der Mutter erlernt haben, in der Ehe zu verwerten? Wir sind G. s. D. jetzt soweit, daß alle jüdischen' Eltern einsehen, daß ihre Töchter einen Beruf ergreifen müssen, um im Leben bestehen zu können, und daß eine hochwertige Leistung im Berufe die Bewährung in der Ehe absolut nicht hindert. Und es ist wohl nicht Ihr Ernst, Herr Kollege Schuster, wenn Sie erklären, daß die Arbeitslosigkeit daher käme, „daß die Frau sich so sehr in die Oeffentlichkeit hineindrängt." Daß so naiv der Grund der Arbeitslosigkeit in der ganzen Welt nicht aufzudecken ist, braucht noch nicht einmal unter Frauen diskutiert zu werden. Herr Kollege Speyer-Frankfurt weist auf die Unzuträglichkeiten hin, die daraus erwachsen, daß so viele Mädchen das Elternhaus verlassen, um in der Großstadt leben zu können, Stellungen au pair annehmen. Frl. Ella Oppenheimer-Frankfurt berichtet auf grund ihrer großen Erfahrung als Schulpflegerin, von den unendlichen Schwierigkeiten, die heute nicht nur bei der Beschaffung von Geschäftsstellen, sondern auch beim Nachweis von Hausstellen bestehen. Sehr viele Fragen konnten aus Zeitmangel leider nicht besprochen werden. Herr Dr. Höchster sprach zum Schluß den Dank der Versammlung an den Jüdischen Frauenbund aus, der es durch seine Initiative erreicht habe, daß jüdische Lehrer im Rahmen der Deutschen Lehrerversammlung sich gemeinsam aussprechen konnten über Fragen des jüdischen Lebens. — Wenn durch eine derartige Aussprache, wie wir sie hier erlebten, auch nicht die Wünsche aller Teilnehmer sofort befriedigt werden können, so bietet das Ergebnis der Besprechung die Gewähr dafür, daß die vorhandene Not nicht übersehen wird und daß man Wege zu ihrer Linderung versuchen will. Die Erziehung der jüdischen Zugend im Hinblick aufdie Gegenwartslage und Zukunfksaussichleu der Zuden in Deutschland. (Referat, gehalten von Lyzeal-Oberlehrer Karl Ochsenmann beim Elternabend der Samson Raphael Hirsch- Schule am 26. Februar 1931.) Wer sich mit der Judenfrage befaßt und Statistik zu lesen versteht, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß sich die deutsche Judenheit in einem fortschreitenden Auflösungsprozeß befindet. Der zahlenmäßige Bevölkerungsrückgang ist eine bittere Wahrheit. Nachlassen der religiösen Energie, damit im Zusammenhang stehend ständig wachsende Zahl der Mischehen und Austritte aus dem Judentum, wirtschaftlicher Verfall, Scheu vor der Ehe und Geburtenbeschränkung zehren am Lebenswerk der Judenheit. Ihr Bollwerk, der Mittelstand, ist ins Wanken geraten. Die Proletarisierung der Massen schreitet zusehends fort. Aus der zuletzt erschienenen statistischen Uebersicht über das religiöse Leben in den jüdischen Gemeinden Württembergs können wir ersehen, daß 1929 unter 72 Eheschließungen 16 Mischehen waren. Nach den Mitteilungen des Amtsblattes der Evangel. Landeskirche Württembergs find 1929 aus evangel.-jüd. Mischehen 12 Kinder geboren worden, von denen 6 getauft wurden. Unter den evangelischen Konfirmanden waren 12 Kinder aus evangelisch-jüdischen Mischehen. Im Jahre 1929 zählte man bei den württembergischen Juden 101 Geburten, 152 Sterbesälle, 14 Austritte aus dem Judentum und 2 Uebertritte zum Judentum. Ernst Kahn schließt aus der von Silbergleit „Die Bevölkerungs- und Berufsverhältnisse der Juden in Deutschland" übernommenen Altersstatistik, aus der daraus ersichtlichen relativ geringen Besetzung des heiratsfähigen Alters auf den zukünftigen Rückgang der Heiratsziffer und damit auf weiteren Geburtenrückgang. Unter Berücksichtigung dieser Faktoren versucht Kahn in seinem „Der internationale Geburtenstreik" die zukünftige Bevölkerungsentwicklung der Juden zu schätzen. Er geht dabei von den Volkszählungsergebnissen von 1925 aus (564 000 Juden) und kommt zu folgenden zukünftigen Bestandszahlen der Juden in Deutschland: 1940 — 492 000 1950 — 420 000 1960 — 341000 1970 — 264 000. Professor H. Sllbergleit, Mitglied des Internationalen Statistischen Instituts, hat den ersten Band seines Werkes erscheinen lassen, eine groß angelegte Veröffentlichung über die Juden in Preußen. Aus dem Inhalt sei hervorgehoben, daß sich die Zahl der Juden in Preußen von 1910 bis 1925 von 415 926 auf 403 969 gesenkt hat. Der Rückgang erklärt sich einesteils aus den Abtretungsverlusten, die aber reichlich durch Zuwanderung ausgeglichen wurden, hauptsächlich aber aus dem Geburtenunterschuß. Silbergleit bezeichnet diese Erscheinung als

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