Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1931)
- Date
- 1931-06-04
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450652-2450675--77974-2535634- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
4. Juni 1931 Der Israelit Nr. 23 Seite 15 Rinderecke. sasa» rniö Ueb ertragen von Lehrer Leo Gabel, Lörrach. Lieber E'tt, ich danke Dir, Daß Du in großer Liebe mir die Seel' zurückgegeben, Mich Tag für Tag erfreue an Deiner großen Treue. Die Lehre, die uns Moses gab, Ein Erbteil Jakob's Ahnen, Mein Glaube sei sie für und für, An E'ttes.Schutz mich mahnen. Es möge Segen auf mein Haupt Sich häufen immerdar, Des Vaters und der Mutter Lehr' Befolg' ich, sie ist wahr. Hör' Israel! Ein einziger G'tt Ist unser G'tt allein! Sein großer Nain', sein herrlich Reich Soll stets gepriesen sein. Wer fest sich hält an G'ttes Wort, Der lebet ewig fort, Drum will auf Deine Hilf' ich bau'n Und Dir, o G'tt, vertrau'n. Schloimele geht in' Cheder. Nun war es aber wirklich die höchste Zeit, daß Schloimele auch in den Cheder kam. Er hatte schon nach Pessach gehen sollen, aber da war er krank gewesen. Die Mutter hatte ihn, ihren Jüngsten, nicht fortlassen wollen, und dann hatte Schloimele so gebettelt, noch nicht lernen, noch nicht lernen, daß man ihm nachgegeben hatte. Aber nun war Schowuaus gewesen, der Bub war gesund, und nun bestand der Vater darauf, haß er endlich mit dem Aleph Beis anfangen müsse. Er war doch schon fast fünf Jahre alt! Am nächsten Morgen sollte hier „Belfer" kommen, um Schloimele abzuholen. Nun beginnt das Lernen, Schloimele! Aber Schloimele mochte nicht. Am nächsten Morgen, noch bevor der Vater Schulen ging, zog der Junge leise, ganz leise sein Arbah Kanfaus an, schlüpfte in seine Hose und huschte verstohlen zur Türe hinaus. Er wollte ins nahe Wäldchen gehen und sich in der großen Buche verstecken; da sollte ihn dann der Belfer suchen, wenn er Lust hatte. Es war noch ganz früh am Morgen. Niemand war auf der Gaffe außer Tewje, dem Milchhändler, der ins nächste Dorf ging, um seine Milch zu holen.. Aber Tewjes Augen waren nicht besonders gut, und Schloimele lief unerkannt an ihm vorbei. Dann traf er.noch den alten Jankew, doch der ging eben mit seinem Packen aus dem Stäbchen hinaus, und würde ihn bestimmt nicht verraten können. So kam Schloimele unbehelligt in den Wald und ging gleich auf die große Buche zu, in deren Aesten man so fein sitzen konnte. Er kletterte schnell hinauf, machte sichs oben bequem, und überlegte, was er weiter tun solle. Ob man wohl schon gemerkt hatte, daß er davongelaufen war? Ob Mutter wohl Angst hatte? Ob er wohl bald Hunger bekäme? Aber noch hatte er keine Antwort aus all diese Fragen gefunden, da fing plötzlich über chm im Baume ein Buchfink ganz ärgerlich zu singen an: „Tititü, was tust du hier? TrtiM, was suchst du hier?" Schloimele erschrak furchtbar, wen konnte der Vogel gemeint haben außer ihm? Aber ehe er sich noch beruhigen konnte, rief eine Singdrossel vom Wipfel des Baumes: „Zipp, zipp, zipp. Tagelieb; zipp zipp zipq, bist nicht lieb!" Von nebenan schallte es: „Gettigitt, begann zu weinen. Aber da erhob der Fink wieder feine Stimme und alle hörten chm zu. „Zankt nicht so mit unserm alten Freund Schloimele," rief er. „Er war immer gut zu uns. Nur weil er den Wald und die Vögel so sehr liebt, möchte er nicht in den Cheder gehen, nicht wahr, Schloimele?" „Ja, ja," schluchzte Schloi^- mele. „Seht ihr, deshalb müssen wir ihm zeigen, daß auch bei uns gelernt wird, daß auch wir Vögel üben müssen, bis wir unsre Lieder können. Auch wir haben unser Aleph Beis, auch wir lernen unsre Psalmen, um G'tt zu loben!" Und dann sangen sie dem horchenden Schloimele ihr neues Lobeslied vor, mit dem sie den lieben G'tt an jedem Morgen begrüßen. Manche von den Jungen konnten es noch nicht gut. Da mußten sie noch mal von vorne zu singen anfangen, bis sie alle fehlerlos das neue Lied in die Luft schmettern konnten. „Siehst du, Schloimele," sagte der Fink, „auch bei uns gehts nicht ohne Lernen. Merke dir das und geh nun hin und lerne d e i n Aleph Beis und dann kannst du es uns mal vorsagen, wenn du uns wieder besuchst!" „Gut," antwortete Schloimele, „aber paß nur auf, ich lerne noch viel mehr, Chumesch und Rafchi und Mischna lerne ich auch, dann kann niemand von euch mehr auf mich herabblicken!" Rasch ließ sich Schloimele vom Baume herunter und lies nach Hause, so schnell er konnte. Ungesehen kam er ins Zimmer und kroch wieder unter die Decke und schlief auch noch mal ein. Als ihn später die Mutter weckte, sprang er vergnügt in die Höhe, während die Mutter verwundert den Schmutz an seiner Hose betrachtete, die sie gestern abend extra gesäubert hatte. Doch Schloimele erzählte nicht, wo er gewesen war; die Lehre, die ihm die Vögel gaben, hat er aber nicht vergessen. Me der Mäuserich zu einer Frau kam. (Nach einer Fabel des Berachja ibn Natronai.) Es war einmal ein altes Mäuse-Ehepaar, das lebte mit seinem Sohne in einem bequemen Loch in der Nähe der Stadtmauer. Die Eltern waren sehr eingebildet und stolz auf ihren großen Mausejungen, und wollten ihm eine besonders vornehme Frau aussuchen. „Nur die feinste und mächtigste Frau ist mir gut genug für meinen Sohn," sagte die Mausemama, und der Maufepapa stimmte zu und machte sich auch sogleich aus die Suche nach der passenden Frau. Zuerst ging er zur Sonne und sprach: „Liebe Sonne, ich suche eine Frau für meinen Sohn, aber sie muß mächtiger sein> als alle anderen Wesen der Welt. Das mächtigste Wesen, das ich kenne, bist du; willst du die Frau meines Sohnes werden?" „Ach," erwiderte die Sonne, „ich würde es ja sehr gerne tun, aber du irrst dich sehr, wenn du mich für so mächtig hältst. Schau' die große Wolke dort, drüben an, die ist viel mächtiger als ich, sie wird mich gleich verdecken. Geh doch zur Wolke, und frage sie, ob sie deine Schwiegertochter werden will." Da ging der Mäusevater zur Wolke und sprach: „Wolke, ich suche leine Frau für meinen Sohn, aber sie muß so mächtig sein, wie du es bist. Willst du ihn heiraten?" „O," sagte die Wolke, „welche hohe Ehre! Aber leider muß ich dir gestehen, daß ich nicht so mächtig bin, wie du glaubst. Wenn der Wind bläst, kann ich mich nicht wehren, und muß mich von ihm verjagen lassen .Geh zum Wind, Alter, der ist viel mächtiger als ich." Ging der Mäusevater zum Wind, und erzählte ihm, daß er eine mächtige und vornehme Frau für seinen Sohn suche, und ob der Wind, der soviel Kraft habe, nicht seinen Sohn heiraten wolle. „Willst du mich beleidigen?" fragte der Wind zornig. „Siehst du denn nicht, wie schwach ich bin? Tag für Tag ärgere ich mich über diese kleine Mauer, die ich nicht umblasen kann. Geh zur Mauer, sie ist tüchtiger und stärker als ich." Da wandte er sich an die Mauer. Die aber antwortete: „Wo denkst du hin? Ich bin doch nicht mächtig! Jeden Tag kann ich einstürzen. Da sitzt an meinem Fuße noch ein viel mächtigeres Wesen, das untergräbt meine Kraft, und bringt mich bestimmt noch zu Falle. Schau dort mal nach, dann wirst Du das mächtigste Wesen der Erde finden." Da ging der Mäusevater zu den untersten Steinen der Mauer, und siehe, wer saß da und wühlte die Erde bei Seite — eine kleine Maus! Da lachte der Mäusevater sehr und sagte: „Das ist aber wirklich eine passende Frau für meinen Sohn." Und dann heirateten sie sich auch und lebten glücklich und lange zusammen. Auflösung des Silbenrätsels. , 1. Jona l J° I 2. Nathan I ja I na I than I 3- Jonathan | da I 5. Jojada Richtige Lösungen sandten: Josef Frank, Fulda,- Loser Schöndorf, Nürnberg; Julius Kurzweil, Frankfurt a. M.; I. H. Tempelhof, Saarbrücken. Bei den richtigen Lösern des Rätsels in Nr. 14 ist noch I. H. Tempelhof, Saarbrücken, nachzutragen. Zahlen und Buchstaben! Der Vater, 1 und 2 mit dem Sohne 3 und 4 Geh'n an den Fluß hinaus — Einen 4 und 3 aus dem 3 und 2 Bringen sie nach Haus. _ Reue Bücher. Die Harmonie der sittlichen Werte. Eine Zusammenschau der ethischen, soziologischen und pädagogischen Probleme. Von Dr. Arnold Kowalewski, a. o. Uiüv.-Prof. in Königsberg. Kempten. 1930. Otto Nemnich Verlag. Geb. Der Verfasser dieses Buches vereinigt zwei Eigenschaften, die sich selten zusammensinden — eine angeborene Liebe zur Systematik, die das Schema überall sucht und findet, und dabei eine prachtvolle Aufgeschlossenheit für die Mannigfaltigkeit des wirklichen Lebens, das in den Rahmen des Systems in reicher Fülle einströmt und ihm dadurch die Starrheit und Unwirklichkeit nimmt. Die ganze Ethik wird dem Verfasser zur Tugendlehre, die restlos über das Gerüst von neun Kardinaltugenden, von dreimal drei Zusammengehörigkeiten: „Lust, Gleichmut, Unlust, Fleiß, Mäßigkeit, Tapferkeit, Wohlwollen, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit" ausgebreitet wird. Diese Kardinaltugenden gehen mancherlei Verbindungen in den verschiedensten Mischungsverhältmit einnander ein, so daß ein recht reiches Bild herauskommt. Zu jeder Gedankengruppe wird die Einstellung mehrerer der großen philosophischen Denker der Vergangenheit erörtert. Dann wird die zunächst im Rahmen der individuellen Sittlichkeit behandelte Tugend in den Zusammenhang sozialer Ethik und endlich iml pädagogische Beleuchtung gerückt. Der Pädagogik gehört offenbar die stärkste Liebe des Verfassers. Aber auch seine Einstellung zur Religion ist höchst sympathisch. Er erblickt in der Religion die Totalität der sonst getrennt funktionierenden seelischen Grundfunktionen, also die schlechthin höchste Synthese aller Seelentätigkeit. In Rosenheims „Aphorismen zur Grundlegung der jüdischen Ethik" (Aufsätze und Ansprachen Bd. I. S. 29; Bd. ll. S. 270 ff.) würde der Verfasser eine Bestätigung seiner Ideen aus einem ihm ganz unbekannten Bezirke finden. Ganz fremd scheinen dem Verfasser die jüdischen Quellen übrigens nicht zu sein. So zitiert er den Mischnatraktat Pirke Aboth zum Beleg für die von ihm empfohlene Kombination von Studium und Handarbeit. — Im ganzen ist es ein ungemein anregendes und in unserer zerrissenen, skeptischen Zeit doppelt begrüßenswertes Bekenntnis zu einer positiv harmonischen, religiös gesinnten Welt- und Lebensanschauung. Unsere Erzieher namentlich könnten vieles daraus lernen. Dr. S. Moses Mendelssohn Gesammelte Schriften. Herausgegeben von I. L. Bogen, I. Guttmann und E. Mittwoch. Jubiläumsausgabe. Berlin. Akademie-Verlag. Zu den zwei Bänden der „Gesammelten Schriften von Moses Mendelssohn", die wir in unserem Blatte bereits besprochen haben, ist nun ein dritter Riesenband (Erster Band) hinzugekommen. Er enthält die Philosophischen Gespräche Mendelssohns und viele wertvolle Essays, die man bis jetzt nicht oder nicht genügend kannte. Mag manches von dem damals Gesagten und Gedachten (so etwa die Betrachtungen über das Erhabene und Naive in den schönen Wissenschaften) heute überholt sein, so erschließen uns doch diese philosophischen Schriften die Gedankentiefen, aus denen der Popular-Philofoph geschöpft und die Wege, die ihn zur zweiten Epoche seines Lebens, zu der der Aufklärung geführt haben. Die bisher erschienenen drei Bände sind jetzt schon ein ragendes Monument für Mendelssohn, das zugleich die Dankbarkeit der Nachwelt widerspiegelt. —tz.