Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1931)
- Date
- 1931-06-04
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Teuilleion Beilage ßr. 2Z m\ 'l Meikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines Alenfchenfchicksals und eine« Zeitepoche. Bon S. Jzchaki. (Fortsetzung). Einige Tage vor der Hauptverhandlung wurde Meikemeier in die Kanzlei gerufen. Dort harrte feiner Dr. Kaplan. Hinter ihm schlotterte ein Greis am Stabe mit schneeweißem-Barte. Der Häftling sah ihn im dunklen Raume nicht gleich. Es schien, als wollte der Alte hinter dem Rechtsanwalt Deckung suchen. Er bekam einen Huftenansall und wischte sich mit einem rotgeblümten Tuch den Schweiß von der Stirn. Jetzt fuhr Meitemeier zusammen. „Vater, Du hier?" Er stand einen Augenblick unentschlossen da. Reb Jechiel schloß den Sohn in die Arme, hüstelte und wemte leise. Reb Jechiel war alt und schneeweiß geworden, ein gebrochener Greis am Stocke, in dünnem, schlechtem Rocke. Der Sohn sah ihn stumm an. Die Erinnerung an den Abschied am Dampfer des Grenzdorfes kam über ihn, niederschmetternd. Er hatte damals das trübe Gefühl, den Vater nie mehr zu sehen. Es war auch nicht mehr der Vater von damals . . . . Und es lagen doch nur vier Jahre dazwischen. Reb Jechiel fing gleich an, wie um seinen Besuch zu erklären und zu entschuldigen, hüstelnd und umständlich breit zü erzählen. Die Kunde vom Unglück sei auch ins Städtchen gelangt, erst durch eine Kownoer Zeitung, dann durch Briefe von Burkiern, die in Königsberg wohnten, an ihre Verwandten. Schließlich war ja Königsberg nicht so weit für jemand, der eine Grenzkarte besaß. Eine Fahrt von sechs, sieben Stunden nur mit der Bahn von Tilsit her. Erst wollten es ihm die Leute verheimlichen, dann sagten sie es ihm doch. Natürlich glaube kein Mensch an seine Schuld: Ist ja gar nicht denkbar. Ein „Vllbul", wie ihm ein Jude in Golus zu jeder Zeit ausgefetzi fein kann . . . „Aber wie kamst Du, liebes Kind, in eine solche Sache hinein?" Und als hätte er schon zuviel gesagt, dem Kinde mit einem unüberlegten Vorwurf wehgeton, Salz auf seine Wunden geschüttet, lenkte er gleich ein: „Da habe ich mir gesagt, bin ja der Vater, so darf ich nicht zu Hause bleiben und schweigen. Vielleicht kann ich retten, helfen. Freilich, was kann ein alter, kranker Mann ln einer großen Stadt im fremden Lande schon helfen?"' Ein schwerer Hustenanfall unterbrach seine Rede. „Ja, die Krankheit," nahm er schwer atmend den Faden wieder auf. „Auch deswegen bin ich hergekommen. Mit dem Herzen will es nicht mehr so recht gehen. Atemnot und nachts schwere Beklemmungen. Jeder rasche Schritt schneidet wie mit Messern ins Herz." — Er griff sich an die Brust. — „Der liebe G'tt allein weiß, was darin vorgeht. Und da sagte Dr. Scholz und auch alle die Freunde, ich sollte doch einmal nach Königsberg rüberfahren. Da sind die großen Professoren, die für alles Rat wissen. Gute Menschen brachten das Geld auf, undso fuhr ich.-" Und nach einer kleinen Pause: „Was hat ein armer, alter Mann, wie ich, noch zu versäumen und' zu verlieren? Das Schächtwerk übe ich schon lange nicht mehr aus." Er hob die stark zitternden Hände, wie zur Begründung seiner Resignation. „Etwas zahlt die Gemeinde, und manchesmal, zu den Festtagen, kommen ein paar Dollar von Jona, Deinem älteren Bruder in Amerika. Wäre nicht die Krankheit, ich brauchte nicht viel ..." Meikemeier sah schweigend zum Vater . . . Es arbeitete gewaltig in ihm und es sprudelten viele Worte hervor, die sich aber vor der Mauer der Lippen stauten. Er konnte nicht reden. Endlich aber brachte er es zitternd, mit gebrochener Stimme hervor: „Und die Mutter?" Reb Jechiel wandte sich nm, ließ den Kopf noch tiefer hängen und wischte sich mit dem rotgeblümten Tuch die Augen. „Wann ist es passiert?", fragte der Sohn mit einer Stimme, die er selber kaum hörte. „Es ist bereits ein halbes Jahr her. Wir wußten damals Deine Adresse nicht. Du weißt, das alte Leiden . . . Sie war eine Heilige. Das letzte Unglück wurde ihr erspart." Meikemeier sank tiefer und tiefer, sank in sich zusammen und saß nun, den Kopf in die Hände gelegt, ganz auf den Boden. Dr. Kaplan wollte ihn ausrichten. Er wehrte ab, weinte tränenlos in sich hinein. Nach einer Weile konnte er aber wieder mit dem Vater ganz ruhig sprechen. Was mit seiner Krankheit sei, ob er sich auch schone. Er möge doch ganz hier bleiben, und er, der Sohn, wollte, wenn er bald die Freiheit erlangt hat, für ihn sorgen. „Ich war bereits beim Professor," berichtete Reb Jechiel. „Er hat mich untersucht, aber nicht viel gesagt. Ich soll ein paar Wochen in seiner Klinik bleiben. Aber erst wollte ich doch zu Dir, und der gute Mensch, —er wies auf Kaplan — G'tt segne ihn, hat mich zu Dir geführt." Die Aussprache mußte abgebrochen werden. Die Viertelstunde war abgelaufen und der Herr Direktor mahnte, nicht unmenschlich streng, aber entschieden, Schluß zu machen. Eine letzte Umarmung. „Wir werden uns Wiedersehen, in Freiheit und Gesundheit," lautete der letzte Vatersegen. xvi... Zu Wochenbeginn, an einem Montag vormittag, begann der langerwartete Prozeß im großen Saale des Schwurgerichtes. Der Zuhörerraum war voll gefüllt von der russischen Kolonie, von Männern und Frauen der Gesellschaft, von Studenten, auch von kleinem Volke, das für die kriminelle oder politische Seite des Falles Interesse hatte. Beinahe ein Jahr hatten sich alle Zeitungen mit 5er Sache befaßt und sie ins Phantastische gesteigert. Eine ganze Reihe von Verordnungen und Maßregeln, Ausweisungen von Studenten und ehrbaren, ganz unpolitischen ausländischen Kaufleuten und Kommissionären war die Folge des Mordes in der Scheunengasse. Es wehte eine scharfe Luft gegen die Ausländer in Preußen. Nun kam der Tragödie Schlußakt. Die Spannung war aufs höchste gesteigert. Am Gerichtstische. faß ein älterer Gerichtsrat mit guten Augen und väterlicher Stimme an der Spitze der Richter und sprach zu dem Angeklagten wie ein Arzt mit seinen Patienten oder ein Geistlicher mit seinem Beichtkinde spricht. Fast grotesk nahm sich der schmächtige, blasse Jüngling mit seinem asketischen Großjungengesichte zwischen den zwei riesengroßen, stark bewaffneten Schutzleuten zu seinen beiden Seiten aus der Anklagebank ans. Am Nebentischchen saß im großen Tatar und Barett ein stämmiger, blonder Staatsanwalt mit vielen Schmissen im runden, faltigen Gesichte. Ihm gegenüber, wiederum klein und zierlich, in fein viel zu großes Ornat fast ganz vergraben, der Rechtsanwalt Dr. Kaplan, die Augen hinter 5er scharfen Brille ganz cm die Akten gebannt. Im Halbkreise, teils zu den Richtern und teils zur Anklagebank gewendet, saßen zwölf Männer mit nichtssagenden Gesichtern in ihren Sonntagskleidern, zum Teil mit schwülstigen Händen, die auf harte-tägliche Arbeit hindeuteten, im Vollgefühle der ungewohnten Würde, als Geschworene da. Auf einer langen Bank innerhalb der Schranke saßen viele Zeugen. Auf dem Tisch vor den Richtern lagen einige Gegenstände, ein gefundener Revolver, Briefschaften, eine blutbefleckte Hose. Viele Zeitungsschreiber hatten sich an einem eigenen Tisch ganz in der Nähe des Richterkollegiums mit Block und Bleistift postiert und liehen, so sie nichts zu notieren hatten, kein Auge von der Anklagebank. Den unzähligen Blicken ausgesetzt, kroch Meikemeier, nach langer Zeit wieder unter'Menschen, zwischen den breiten Rücken und blanken Säbeln der Schutzleute ganz in sich hinein. Sachlich und freundlich wickelte sich die Vernehmung des Angeklagten ab. Meikemeier erzählte auf Aufforderung kurz feine Lebensgeschichte. Ob er sich zur Tat bekenne? Nein, er habe sie nicht begangen, habe nie im Leben eine Waffe in der Hand gehabt und wisse darum nicht, mit einer solchen umzugehen. Der Ermordete war ihm nicht einmal dem Namen nach bekannt. „Was führte Sie in die Scheunengasse und was machten Sie in diesem Hause?" Und zum hundertsten Male erzählte er alles klar und unumwunden, feine Hoffnungen, seine Entbehrungen; vom Hunger, der ihn dahin führte, wo Brot und Verdienst winkte. Er hatte technische Arbeiten geleistet, ohne innere Verbundenheit mit der Sache selbst. „In wessen Auftrag?" In diesem Punkte begann immer das Stottern und Stammeln des Angeklagten, die .die Unsicherheit offen an den Tag legte. „Sie könnten, Angeklagter, Ihr Schicksal ungemein erleichtern, wenn 'Sie nicht auf halbem Wege stehen blieben und uns auch den Namen derer angeben wollten, die das Ganze leiteten," mahnte der Vorsitzende. Er kannte in Wahrheit nur eine n Namen, und den gab er nicht preis, komme was wolle. Ein Denunziant wollte er nicht werden. Viele junge Zuhörer im Publikum nickten unhörbar Beifall, gaben stumme Zeichen der Hochachtung von Seele zu Seele. „Wie erklären Sie das Blut an Ihrer Hose, das von Sachverständigen als das des Ermordeten festgestellt ist?" „Es i st sein Blut, da ich in meinem ersten Entsetzen beim Anblick des Toten mit dem Fuße das frische Blut berührte, bevor ich, von diesem schrecklichen Anblick gejagt, auf die Straße lief." „Erwarten Sie als vernünftiger, gebildeter Mensch, daß Ihnen jemand das alles glaube?" „Ich erwarte von der Gerechtigkeit der deutschen Justiz, daß sie meine Unschuld feststellt." Es begann die Zeugenvernehmung. Frau Piepke, die Gemüsehändlerin, verfiel einem umfangreichen Wortschwall, dem der Vorsitzende wiederholt die Richtung wieder weisen mußte, und beschwor, daß sie gegen den jungen Mann nichts hätte. Sie kenne ihn gar nicht. Aber er wäre es doch, der nach der Tat die Treppe hinunter und die Straße entlang lief. Er lief so rasch und mit so verstörtem Gesichte, wie nur einer laufen könne, der so was begangen hätte. Einige Frauen aus ihrer Kundschaft hatten das gleiche gesehen und beobachtet. Nahmen es auf ihren Eid. Der Schreiner, der Spengler und der Walzer ließen sich vor Gericht in eine scharfe Polemik „gegen die Weiber" ein, die den Flüchtenden nicht anhielten und sie. die Zeugen, erst später benachrichtigten. „So sind die Weiher!" Von der Sache selbst wußten sie nichts, und der Vorsitzende ließ sie abtreten. Aus dem Kreise Meikemeiers trat einer nach dem anderen als Zeuge auf. Lauter Entlastungs-