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Der Israelit · 1931-05-21 · Heft 21 (21.5.1931) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 21 (21.5.1931)
Date
1931-05-21
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Meikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines Menschenschicksals und einer Zeitepoche. Don S. Izchaki. (Fortsetzung). Die Beine waren autonom, gehorchten keinen Diktate. Sie liefen und liefen, weil sie lausen wollten und taten keinen Schritt, wenn s i e nicht mochten. Vielleicht war es noch am besten, zum Ostbahnhofe zu, gehen, sich in einen Zug setzen und wegfahren, egal wohin. „Aber warum denn, was habe ich getan?" riß er sich wieder zusammen. „Ich war alleiniger Zeuge eines Verbrechens und kanns doch nicht bezeugen, wer und wie es war," dachte er jetzt ganz klar. „Wie wollte ich es beweisen, daß ich nicht der Mörder war?" Er setzte sich auf eine Bank. Es lag eine verlassene Zeitung auf derselben. Er nahm sie in die Hand. Sie war ein paar Tage alt. Auf der ersten Seite war mit großen Lettern zu lesen: „Revolutionäre Schriften aus Königsberg an der russischen Grenze abgesaßt — Polizei auf den Spuren einer geheimen Druckerei." Er warf die Zeitung weg und ging eiligen Schrittes weiter. Wohin? Vielleicht in die Lesehalle, die er schon lange nicht besucht hatte. Ein Schutzmann kam, groß, stämmig, mit Pickelhaube und in schneeweißen Handschuhen, des Weges, wie es schien, geradeswegs auf ihn zu . . . Er flüchtete sich in ein Haustor und sah hinter der Türe verstohlen hinaus, wie der Beamte am Hause vorbeiging. Er hatte ihn gar nicht beachtet. -Durch -eine Hintergasse gelangte Meikemeier in den dunklen Hof, in dem eine Glastüre zur Lesehalle wies. In der Lesehalle saßen als einzige Anwesende die Brüder Kowner. Sie sahen nur flüchtig aus ihren Zeitungen auf und fragten Meikemeier, warum man ihn hier so selten sehe. Er schaue auch schlecht und verstört aus. Ob ihm etwas fthle . Und überhaupt was -er tue und treibe . , . Dann lastn sie, weiter.; , i - Bei einem gewissen Punkte "liehen-sie! aber die Zeitung fallen und begannen eine Diskussion über den Zweck der geheimen sozialistischen Propaganda 'in Deutschland und in Rußland. Offensichtlich hatten sie gerade einen Artikel über die Beschlagnahme der Geheimschriften an der Grenze gelesen und die dadurch ausgelösten Maßnahmen der deutschen Polizei gegen die Ausländer, besonders gegen die ausländischen Studenten in Königsberg und Berlin, Meikemeier beteiligte sich lebhaft, fast überlaut an der Aussprache. Die Kowners waren letzthin von ihrem radikalen Standpunkte abgerückt rmd sahen fetzt die Sache etwas skeptisch an. Man könne keine unreifen Früchte vom Baume pflücken, man schädige damit nur sich und den Baum . .. . Vielleicht stand die Pbrase in dem Artikel der „Hartung'schen Zeitung", die sie gerade lasen, denn sie benutzten beide zugleich die bildhafte Redewendung. Meikemeier meinte, große Ideen keitnen im Dunkeln und streben langsam zu Licht und Sonne. Eine Entladung der Elemente treibe sie aber hoch und höher. Die Felder, auf denen sie wachsen und gedeihen, müssen mit Blut gedüngt werden... Auch das war sicher eine Phrase, die er in letzterer Zeit in vielfachen Variationen und- Tonarten geschrieben oder abgeschrieben hatte. Bei dem W,orte Blut schauerte er aber sichtlich zusammen." Das wirkliche, rote sprudelnde Blut, das er heute gesehen hatte, sah doch ganz anders aus, als die schwarze Tinte, mit der man Tag für Tag das Wort nrederschrieb. Aber er sprach weiter, laut und lebhaft, wie um sich zu betäuben, etwas zu vergessen. Und in einem Schwall von Worten ertranken für eine Weile alle Angstgefühle. Es war ja alles Unsinn. Er faß nach wie vor in der Lesehalle und diskutierte mit Freunden. Es war überhaupt nichts geschehen. Ein widerlicher Anblick, der ihn nicht im mindesten anging, hatte seine Nerven in einen wilden Wirbeltanz gebracht. Nun wars vorbei ... Es war bald Abend, als er die Lesehalle verließ. Auf der Straße schrieen Jungen ein Extra- Blatt aus: „Der Mord in der Scheunengasse!" Er schrak zusammen, ermannte sich aber und ging weiter. Bei Silbersteins fand er alles unverändert. Saul Goldin, sein Zimmergenosse, saß beim Petroleumlicht vor seinem Hefte und dichtete an einem Poem. Er wollte dem Eintretenden gleich die Neuen Verse vorlesen. Metkemeier wehrte ab. Er sei sehr ermüdet und nicht aufnahmefähig genug für solche kostbaren Perlen, morgen vielleicht ... Er ging ins Bett und schlief bald. ein. Sein Gehirn arbeitete aber wie ein Kessel, den der Werkmester abzustellen vergessen hatte. Schon nach Mitternacht erwachte er mit dem Namen Raskolnikow im Munde. Er hatte es getan — und hatte es doch nicht getan, der Raskolnikow bei Dostojewski. Ließ sich auch die Formel umbiegen: er hatte nichts getan und hatte es dennoch getan!? ... Er schlief weiter ein und hörte zwischen Träumen und Halluzinationen die Wanduhr jede Stunde schlagen. Beim Morgengrauen war er aber völlig wach, benommen, aber vollkommen ruhig. Er war jetzt des gewiß, daß nur der gräßliche Anblick des Blutes ihn in den Erregungszustand getrieben hatte. Wenn er jetzt, nachdem er einmal darüber geschlafen hatte, den Fall in Ruhe überdachte, war eigentlich nichts vorgefallen, was ihn persönlich angtnge. Er hatte nichts getan und auch nichts gesehen, wußte auch nicht, wer Mörder und wer der Ermordete war. Es war vielleicht nicht richtig, davonzulaufen, es wäre ratsamer gewesen, Alarm zu schlagen und dabei zu bleiben. Es war ein Fehler, aber Fehler sind keine Verbrechen, auf die. Strafe steht. Er überlegte( fogar, ob er nicht heute morgen noch einmal in aller Ruhe an seine Arbeitsstätte gehen sollte. Das schien aber nicht ratsam. Mit dieser Arbeitsstätte würde es jetzt, nachdem bie' Polizei durch den Vorfall auf sie aufmerksam geworden, für alle Zetten aus sein. Wie wäre es, wenn er das gestern Versäumte heute nachholte, sofort aufs Polizeipräsidium ginge und dort seine Wahrnehmungen und Beobachtungen mttteilte? Kein Mensch könne einen Unschuldigen für den Schuldigen halten, wenn er mit der natürlichen Sicherheit seiner Unschuld spräche und handelte. Nach einigem Ueberlegen mußte er diesen Plan aufgeben. Er war nicht angemeldet und es empfahl sich auch aus anderen Gründen nicht, der Polizei in den Weg zu kommen. Besonders jetzt, da sie hinter ausländischen Studenten so scharf her war. Er hätte doch auf alle Fälle seine Beziehungen zu dem gehe-iimen Redaktionsbüro angeben müssen. „Was geht mich das Ganze an?" beschloß er und fing an, sich langsam anzukleiden. Die Schuhe hatten rötliche Flecken. Er säuberte sie mit Tuch und Bürste, wie er sie auch sonst jeden Morgen reinigte. Auch die Hose hatte am Saume am linken Bein eine rötliche Kruste. .«Es empfahl sich vielleicht, eine andere anzuziehen, er besaß noch eine von einem älteren Anzug. „Wozu aber diese Vorsicht, die schon beinahe einer Selbstbezichtigung nahe kommt?" regte sich sein Stolz M.ri 1931 und sein reines Gewissen. Er rieb die Kruste mit der Kleiderbürste ab. Es binb noch ein leichter Flecken, kaum merklich. Er zog sich an. Frau Silberstein brachte ihm, wie immer, den Tee und war ein wenig aufgeregt. Ob er schon die Morgenzeitung .gelesen hätte? „Nein, was gibts?" „Hier ist sie!" Meikemeier las auf der ersten Seite in Riesenschrift: „Der M o r d i n d e r Scheunengasse!" Und darunter in etwas kleineren Lettern: „Ein politischer Mord, wie es scheint, in Verbindung mit der Geheimpropaganda russischer Anarchisten." Eine, dritte Ueberschrist besagte: „Die Polizei ist dem Mörder auf der Spur!" Umso besser, dachte Meikemeier beruhigt, dann werden sie ihn bald haben und -ich habe mit der ganzen Sache nichts zu tun. Die drei Spalten in der Zeitung, die sich in Kleinschrift und eng auseinander liegenden Reihen diesen Alarmüberschriften anschlossen, schenkte er sich. Saul Goldin, der sehr spät in schwerem Ringen mit Reim und Rhythmus zu Bett gegangen war, schlief noch, schnarchte und deklamierte abgehackte Verse im Schlafe. Meikemeier hatte sich vollkommen fertig gemacht, und er überlegte, wohin -er heute vormittag gehen sollte. Am besten vielleicht in bie Lesehalle. Diese aber wurde erst um zehn Uhr geöffnet. Man konnte solange in den Anlagen promenieren, es war ein trockener, sonniger Herbstmorgen. Schwere Schritte dröhnten die Treppe hinauf. Ein Hund, dessen Kläffen schon seit einigen Minuten die Straße beunruhigte, bellte so wütend, als müßte er die ganze Stadt alarmieren, bellte mit den schweren Männerschritten die Treppe hinauf. Jetzt klingelte es draußen scharf, wie ein Ang-iffskommando. Männer fragten tm Korridor die in Pantoffeln. aufgeregt schlurfende Mutter Silberstein, ob bei ihr ein russischer junger Mann wohne, Student oder so was, heiße Meier, oder Melke oder ähnlich. Indes die Männer mit der Frau sprachen, riß und rüttelte der Hund, auf den Hinterbeinen stehend und laut bellend, so heftig an der Zimmertüre Meikemeiers, daß es kaum noch des Hinweises der Frau Silberstein bedurfte. Me Männer rissen die Türe aus und standen mitten im Zimmer. Es waren, wie Meikemeier jetzt sah, drei große stämmige Männer in Zivil. Einer richtete an ihn eine Frage, die er nicht hören noch verstehen konnte, da der kalbsgroße Hund sich dazwischen drängte, ihn wild ansprang und sich dann an seinen Beinen und Füßen festzuhacken suchte.'Die Männer müßten mit Gewalt das Tier beiseite schieben:'' Einer hielt eine Messingmarke Meikemeier vor die Augen. Kriminalpolizei. „Hände hoch!" Ob er eine Waffe bei sich habe. Nein, er habe nie einesolche besessen und wisse mit ihr gar nicht umzugehen. Die Beamten tasteten ihn ab, durchsuchten seine Taschen und Schubladen, und er durfte die Hände wieder sinken lassen. Der Hund drängte sich immer und immer wieder, Lobend vor Wut, an seine Hosenbeine, so daß ihn seine Herren für eine Weile aus dem Zimmer jagen mußten. Alssich die Beamten die Stelle am Hosensaum ansahen, schüttelten sie befriedigt mit' dem Kopfe. Der kluge, treue Hektar. Er wußte schon, warum . . . „Mit all den Schriften, Urkunden und sonstigen Gegenständen heraus!", befahl der führende Beamte. Meikemeier hatte nichts, außer einigen alten Zeitungen, Hazefiroh-Blättern, die feine Berichte enthielten und ein paar harmlosen Büchern. All das wurde in eine Handtasche gepackt. Die Schublade im Tische steckte voll engbeschriebener Hefte. „Gehört das Ihnen?" „Es sind die hebräischen Manuskripte meines Zimmergenossen. Er ist hebräischer Dichter und Schriftsteller." „Wo ist er?"!: t l -; tt;-

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