Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1931-05-13 · Heft 20 (13.5.1931) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 20 (13.5.1931)
Date
1931-05-13
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450652-2450672--77912-2535569
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Geüe 10 Nr. 20 Der Israelit 13. Mai 1931 Der Seder in der Fremde. Novelle von Vinjamin Segel. (Schluß.) Der Fremde nahm seinen Gesang wieder aus und die anderen sangen den schönen Hymnus bald leise, bald etwas lauter mit. Er sang wirklich schön. Von den heiteren Kadenzen verfiel er in immer ernstere, getragenere, sehnsüchtigere. Sie alle folgten jetzt willig dem Gang der Töne, die sie immer weiter fort von dem heutigen Abend trugen. Nach den verschiedenen Stimmungen, die sie heute in jäher Folge erlebt hatten, taten ihnen die weichen, sanften Töne wohl, hüllten sie ein und weckten bald einen heiteren, bald einen ernsten, aber stets einen angenehmen Widerhall in ihren Seelen. Der Fremde aber sang längst nicht mehr Adon Olam, mit dem er begonnen hatte, er war schon weit, weit davon entfernt. Nachdem er einmal ins Singen geraten, war es ihm nicht mehr so leicht, aufzuhören oder sich zu unterbrechen. Als er mit den Adon Olam fertig war, war es nur natürlich, daß er das Taugebet, das just zum folgenden Morgen gehörte, anstimmte. Äst man aber einmal beim „Tal", fo ist von da bis zum „Geschem" nicht mehr weit — die Melodien sind ja so verwandt — urtb bas Kaddisch von „Geschem" gemahnt so sehr an das von „Neila", daß es wahrlich schwer ist, der Versuchung zu widerstehen, nun auch dieses anzustimmen. Und plötzlich, ohne daß er selber es deutlich gemerkt hatte, sang er schon: „O G'tt, G'tt unserer Väter, dichte auf Dein Reich über die ganze Welt, . . . auf daß jegliches Geschöpf erkenne, daß Du es geschaffen ..." Unter den Zuhörern hatten sich anfangs leise Proteste bemerkbar gemacht: „Was sagt Ihr da? Das paßt gar nicht hierher, das gehört ja zu den erhabenen Tagen,"*) rief Mr. Flock, als er nach einer längeren Weile wie aus einem Rausch erwachte. Aber niemand kehrte sich an ihn. Nur Mr. Davis legte ihm die Hand an die Lippen und flüsterte: „Sch . . sch . . sch . . . seid still, was liegt daran? Es ist alles eins, bei G'tt ist alles gleich, das sind ja auch heilige Worte" Jener aber erinnerte sich immer neuer, immer schönerer Melodien, die er einst in der fernen Heimat gehört und gesungen . . . „Das Unrecht verstummt, alle Bosheit verdunstet wie Rauch , . . denn Du schaffst die Herrschaft des Böfen von der Erde ab" . . . Aber das war noch lange nicht genug . . . „Darum hoffen wir zu Dir, Ewiger, unser G'tt, alsbald Deine Herrlichkeit und Deine Macht zu erblicken ... da die Welt durch das Reich des Allmächtigen erlöst sein wird und alle Sterblichen nur. Deinen Namen nennen und alle Sünder der Welt Dir sich zuwenden . Natürlich fangen sie jetzt, ein jeder, so gut er konnte mit. Wer kennt nicht alle die Gesänge? Sie sind dem Juden am geläufigsten, von allen prägen sie sich seiner Phantasie und seinem Gedächtnis am stärksten ein. G'tt weiß, wie alt ihr Uusprung sein mag, aber im Strome der Zeit haben sie immer von neuem etwas von dem Intimsten aus der jüdischen Volksseele in sich ausgenommen, darum haben sie auch dem Juden ihr Gepräge aufgedrückt. Roch im schlichtesten Volksliede tönen ihre Kadenzen nach und keine echte Judenseele kann sie vernehmen, ohne tief erschüttert zu werden und unwillkürlich mitzusingen . . . „Du gedenkst der urewigen Werke, zählst die Geschöpfe der Urzeit, alle Geheimnisse sind vor Dir enblößt. . . Kein Vergessen ist vor dem Throne Deiner Herrlichkeit, nichts ist vor Deinen Augen verborgen, Du gedenkst der großen Schöpfung und das kleinste Wesen entgeht Dir nicht ..." Das alles entsprach so sehr ihrer jetzigen Stimmung, denn jetzt weilte keiner von ihnen mehr in Green City in Amerika im Häuschen *) Rofch £)a\d)ana und Jom Kippur. der Mrs. Rollinson, sie saßen nicht mehr zusam-!men beim Seder, sondern waren weit fern von! einander, ein jeder irgend wo anders. Jeder sah i vor sich andere Bilder und Gestalten, die dem Anderen völlig fremd gewesen wären, und doch waren sie wieder einander so nahe, waren von! etwas Gemeinsamen getragen und vereint, daß hier ihre verschiedenen Stimmen in einem Ton zusammenklangen. Rach den früheren Ausbrüchen der Heiterkeit hatte sich jetzt die Reaktion eingestellt, und diese Melodien mit 'ihrer Schwermut und Sehnsucht, die sich bald in etwas wild Ausjubelndes verwandelte, das sich weit hinauszufchwingen schien, um den Himmel zu durchbohren — diese Melodien versetzten sie in dirie Art Rausch. Ein jeder seufzte allemal auf und' ein jeder fühlte ein Prickeln und einen Kitzel in den Augen und an der Nasenspitze. Als Mr. Flock feine Brille gewischt und wieder aufgesetzt hatte, bemerkte er bei der Türe eine fremde Gestalt. Er stieß Mr. Davis an, dieser sah auf, dann erhob er sich leise und ging hin Es war Mr. Simpson, der neugierige Doktor, der wissen wollte, wie es bei einem jüdischen Osterfeste zugehe. Er stand regungslos und ganz blaß da, seine hohe, stämmige Gestalt war etwas vorgebeugt. Niemand hatte sein Kommen bemerkt. Mr. Davis mußte ihn zweimal rütteln, bis er seine Augen von dem Sänger, der ihn wie im Banne hielt, abwenden kl nute, dann folgte er Mr. Davis schweigend und nahm neben ihm Platz. Der Fremde aber sang immer weiter, ohne der Vorgänge ringsum zu achten. „Ich gedenke meines Bundes mit Jakob, mit Isaak . . . So spricht G'tt, ich gedenke dir der Lieblichkeit, der Anmut deiner Jugendzeit, deiner bräutlichen Hingabe, da du mir folgtest durch die Wüste, durch saatenloses Land . . Und ohne jede Pause, ohne Halt zu machen, fing er an davon zu erzählen, wie G'tt ihnen am Sinai erschienen . . . „Du offenbartest Dich in dem Dämmer Deiner Herrlichkeit Deinem heiligen Volke . . . Die ganze Welt erbebte in den Grundfesten, die Schöpfungen der Urzeit erfaßte ein Zittern, als Du, o König-, Dich auf dem Berge Sinai offenbartest, um Dein Volk Deine Thora und Deine Gebote zu lehren, Du ließest sie die Pracht Deiner Stimme--. vernehmen ..." Alle durchlief ein förmlicher Schauer,. sie horchten auf und wandten kein Auge von dem Sänger ab, während sie wieder bald leise, bald laut mitsangen. Plötzlich mischte sich ein Stöhnen und Schluchzen in das Gesumme, das die Stube ausfüllte. Erstaunt sah sich Mr. Davis und> nach ihm einer und der andere seiner Nachbarn um. Der Doktor, Mr. Simpson, hatte die Stirne auf die Tischplatte gelehnt, weinte heftig und stürmisch, daß sein mächtiger Oberleib zitterte, und die Tränen bildeten eine Lache auf dem Tischtuch. Mr. Davis sprang erschrocken auf. „Was ist Ihnen, Mr. Simpson? Warum weinen Sie?" „Was tun Sie? Was machen Sie?" fragten alle bestürzt. „Ich ... ich... ich . . " stammelte Mr. Simpson, aber niemand verstand, was er wollte. „Ich . . . ich . . ." wiederholte er, wirr um sich blickend, „auch ich bin . . auch . . ich . . Jude . . gewesen . . gewesen . . vor fünfzehn Jahren." Und plötzlich fing er an, mit wildem Getöse sich auf die Brust zu schlagen. Der Sänger, der allem, von seinem Gesänge hingerissen, von all den Vorgängen ringsum nichts bemerk hatte, sang jetzt schon das Neilahgebet: „Du reichst die Hand den Frevlern und Deine Rechte ist ausgestreckt, um die Rückkehrenden zu empfangen..." Dann brach er ab, denn rings war ein allgemeines Schluchzen entstanden' ... Mrs. Rollinson aber ging hinaus und sagte verwundert: „Feiern die Juden so traurig ihre Ostexfeiertage?" Das Friedrichsheim-Asyl für israelitische Sieche und arme Greise in Gailingen. Es sei uns heute ausnahmsweise gestattet, den geneigten Leser auf einen Weg zu führen, der abseits führt von dem lärmenden wildbewegten Haften und Treiben des Alltags an eine stille, nicht von jedermann aufgesuchte und beachtete Stätte. Möge er sich ohne Furcht unserer Führung anvertrauen. Er wird eine Welt im kleinen kennen lernen. Eine Welt für sich, voll stillen Lebens: das Altersheim Gailingen, das Asyl, die Zuflucht derer, denen die Wellen der wogenden See des Lebens über den Kopf hinausgegangen sind, die müde und abgekämpft nach der bewegten Seefahrt des Eristenzkampfers den schützenden Hasen erreicht haben, um dort in Ruhe, ledig aller Bürden, ihren Lebensabend zu verbringen. Ein Hafen ist es, das Heim, ein stiller Ruheort. Und doch spricht er für den, der Ohren hat zu hören, eine vernehmliche, eine beredte Sprache. Es lohnt sich, still zu stehen, Menschenlos, Menschenleid und Menschenschicksak zu erfahren. Das Frredrichsheim in Gailingen am schönen Ufer des Rheins mit reizendem Ausblick auf die nahe Schweiz und die hohen Alpenberge läßt vermöge seiner malerischen Lage keinerlei Schmerz und Trübsal Wurzel fassen. Ins Haus führt'ein breiter Weg, umgeben von Park und Garten. Bänke laden zum Sitzen ein. Der Garten ist mit Gemüse und Blumen bepflanzt. Der freundlichen Lage entspicht auch die Führung des Hauses. Eingedenk des Grundsatzes unserer Weisen s. A., daß die Armen anzusehen sind wie Vornehme, die ihrer Güter verlustig gegangen1* sind, läßt die Hausordnung den Pfleglingen weitgehende Bewegungsfreiheit, die nur durch das beschränkt ist, was zur Aufrechterhaltung der Ordnung unbedingt nötig ist. Diesem Geiste entspricht auch die Handhabung. Zwang wird immer lästig empfunden, zumal von den Alten, denen ein Lebensalter hindurch liebe Gewohnheiten zur zweiten Natur geworden sind. Die Nachkriegszeit mit tyven unerfreulichen Begleiterscheinungen und verheerenden Folgen hat neue und größere Ausgaben gestellt. So mancher, der früher gute Tage gesehen, im Wohlstand oder sogar im Reichtum gelebt hat, sieht sich in seinen alten Tagen gezwungen, in einem Heim Unterkunft zu suchen. Da hat sich das Friedrichsheim angesichts der großen Anzahl Hilfsdürftiger, die laut an feine Pforten klopfen, als zu klein erwiesen. Die Räumlichkeiten reichen nicht mehr aus. Die zur Vergrößerung der Anstalt erforderlichen Mittel standen aber, da das Vermögen des Vereins durch die Inflation zum größten Teil verloren gegangen war, nicht zur Verfügung. Da ward uns Hilfe von jenseits des Weltmeers. Herr Isaak Wolf Bernheim, gebürtig von Schmieheim (Baden) und wohnhaft in Louisville (Ky.), ein Philanthrop, der in Amerika großartige Stiftungen gemacht hat aber auch trotz seines langen Aufenthaltes in Amerika feine badische Heimat nicht vergessen hat, hat in hochherziger Weise durch Gewährung eines hohen Betrages es ermöglicht. einen Anbau zu erstellen, der Raum für weitere 35 Zuflucht Suchende bietet. Dieser Anbau ist nun fertig gestellt und eingerichtet. Am 25. Mai ds. Is. (Pfingstmontag) soll er durch Veranstaltung einer kleinen, würdigen Feier seiner Bestimmung übergeben werden. Der Bau enthält 18 Zimmer mit 35 Betten. Die freundlichen Zimmer enthalten neben der Einrichtung Waschgelegenheit mit kaltem und warmem Wasser. Einige Zimmer sind mit Terassen versehen. Im Erdgeschoß befindet sich ein grstzer Heller Speisesaal. Im Kellerraum sind die Vorratskammern, die Dampfheizung die Milch- und die Pesfachküche, sowie Wannen- und Brausebäder. Die Beleuchtung ist elektrisch. In jedem Zimmer ist auch eine Nachtbeleuchtung. An der Front des Hauses ist eine schlichte Gedenktafel zu Ehren des Stifters angebracht. Es darf als ein erfreuliches Zeichen gewertet werden, daß nahe und ferne Kreise dem Werke größeres Interesse als bisher entgegenbringen. Dieses Interesse wird sicherlich Verständnis für die neuen und schweren Aufgaben, die der äußeren und inneren Leitung harren, Hervorrufen. Beides, Verständnis und Unterstützung, find durchaus notwendig für ein Werk, das ausgebaut ist auf der Grundlage des alten jüdischen ton oib'vÄ Möge auch die Einweihungsfeier ,die einen würdigen Verlauf zu nehmen verspricht, dem Friedrichsheim weitere Freunde gewinnen, damit jeder Einzelne Teil habe an dem guten Werke. ' > Schon unsere Weisen s. A. haben uns gelehrt: Wer eine Seele vom Verderben rettet, dem wird es angerechnet. als ob er Anteil habe am Schöpfungswerk. Verantwortlich für den-allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Schachnowitz, Frankfurt a. SW.; Inserate 1. B.: S. Schach« nowitz, ebenda. —Dür die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag des Israelit und Hermon <8. nt. b. H., Frankfurt a. SW. - Druck:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.