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Der Israelit · 1931-05-13 · Heft 20 (13.5.1931) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 20 (13.5.1931)
Date
1931-05-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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SST’ Der jsraelit °'.L Meikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines Aienschenfchicksals und einer Zeitepoche. Von S. Jzchaki. (Fortsetzung). Wenn die Walzen im ersten Stocke zu wogen begannen, unten öer Zimmermann mit Säge und Hobel und oben der Klempner mit Hammer und Lötmaschine sich wie in einer Symphonie harter Geräusche fanden, war es Zeit für den Drucker, unauffällig fein schwarzes Werk zu beginnen. Ruhten unten die Räder und Walzen, Hammer, Säg!e und Hobel, ruhte auch er. Reichte der Tag für die Arbeit nicht aus, wurden die Nachtstunden dazu genommen. Es konnte keiner Tag oder, Nacht den Raum betreten, ohne das verabredete Zeichen an die Türe zu trommeln. Geschah das, wurde-mit „Wer da!" noch weiter kontrolliert, bevor sich ein schmaler Spalt zur Aufnahme eines Vertrauten auftat. Nachts kam oft ein dicker Kutscher in braunem Lederfchurz, der die Kisten holte. Er roch nach Braunbier und fluchte gedämpft zwischen den Zähnen auf unbekannte Wesen und Mächte. Meikemeier hatte nie seinen Namen erfahren. Wenn Uritzki da war, kamen zuweilen sonderbare Gestalten in die Redaktion, wie gerade aus dem Gorki'fchen Nachtasyl getreten, andere konnten sich eben aus einem Dostojewski'schen Romane losgerisien haben. Sie sprachen ein Russisch, das er, Meikemeier, kaum verstand. Bei solchen Besprechungen begab er sich, um nicht zu stören, ins innere Druckerzimmer. Keiner von diesen Besuchern wurde ihm vorgestellt. In dieser Umgebung arbeitete nun Meikemeier Tag für Tag. Er übersetzte aus dem Russischen ins Deutsche und umgekehrt nach dem Kommandostab Uritzkis, der in diesem Falle nur ein Rotstift war. Meikemeier arbeitete mechanisch, fast gedankenlos, ohne innere Teilnahme. Wie die Frachtbriefe und Fakturen des Herrn Jonas Kubak früher, so beschrieb er heute die Möglichkeiten eines Generalstreikes. Heringsr e ch n u n g,e n, oder „Stunde dev großen Ab-, rechnung" — auch der Tod, auch'die Revolution hatten ihre Technik. Wer dachte an Mut und Mord, wenn man voch denen /sprach, die an d ie Wand gestellt oder.an die nächste Laterne gebracht werden -sollten . . . Und der -erste eines jeden Monats brachte ganze fünfzig Mark. Er war als Glied in eine Maschine eingereiht, die jenseits der großen Straße gegen die Weltordnung lief. Die kleine Druckmaschine des Herrn Kolbaß war symbolisch dafür. Aber dieser Kolbaß schien von der weltumwälzenden Bedeutung seiner Handmaschine noch weniger zu wissen, als Meikemeier. So vergingen Wochen, Monate, Jahre. Bon dem Sprengstoff, den er in geschriebenen, abgeschriebenen und übersetzten Artikeln in drei vollen Jahren in die Massen getragen und unter die Grundmauern der Gesellschaftsordnung gelegt, hatte er nicht die leiseste Ahnung. Streik und Revolte, Gefängnis, Tod in Masten, Kosakenstiesel marschieren, an Niewa und Dnjeper knallen die Pistolen und Blut färbt die Flüsse und Gassen, in Gefängnishöfen werden Galgengerüste errichtet. 'Meikemeier sitzt in der düsteren Bude, schreibt und schreibt/ und jeder Tintentropsen verwandelt sich in Druckerschwärze, und Druckerschwärze wird Zündstoff und Zündstoff zerplatzt in Blutbächen . . . Wäre es dem Jüngling irgend zum Bewußtsein gekommen, daß der Bericht im Zeitungsblatte, mit dem er auf dem Sofabett bei Silbersteins einschlief, indes Saul Goldin bei Petroleumlicht seine Reime über G'tt, Welt und Mensch und den ewigen Frieden schmiedete, daß der Bericht von den hundert Menschen, die in Kiew oder in Odessa niedergeknallt wurden, nur die natürliche Fortsetzung ives Artikels war, den er an dem und dem Tage aus dem Russischen ins Deutsche und umgekehrt übertragen hatte, daß jener Blutstrom in seinem ersten Stadium nur schwarze Tinte war, er wäre mit der Lektüre nicht ruhig eingeschlafen oder hätte gewünscht, nicht wieder aufzuwachen. So aber schlief er gut, arbeitete am anderen Morgen ausgeruht, getreulich und handwerksmäßig weiter, von dem romantischen Hauch einer großen Idee angeweht, aber fühlbar getragen vom Gedanken: Fünfzig Mark Monat für Monat . . . Zur damaligen Zeit hatte er all seine Studienpläne "ganz zurückgestellt. Zu Bunimowitz ging er nicht mehr, dem „Daniel" mit seinen lateinischen Deklinationen sagte er Adieu und die mathematischen Formeln blieben ungelöst. Wenn noch studieren, sagte er sich, dann Nationalökonomie und Volkswirtschaft. In diesem Fache konnte er aber jetzt schon Magister sein. Die alte Gesellschaft würde ja sowieso bald mit ihrem Latein zu Ende sein, und für die Volkshochschule im neuen Reich werden der Mann, seine praktischen Kenntnisse und seine Leistung, nicht aber ein Stück Papier als Reifezeugnis entscheidend sein. So ging es drei, vier Jahre, und es wäre noch weiter gegangen, wenn nickst ein ganz unvorhergesehenes Ereignis plötzlich das ganze imaginäre Reich Uritzkis mit all seinen Funktionären über den Haufen geworfen und ihn, Meikemeier, aus den schönsten Träumen in eine so grausige Wirklichkeit geworfen hätte, die schon beinahe unwirklich war. Einmal wurde ein Zeitungstransport an der Grenze abgefangen. Es war aus den Drucksachen nicht der geringste Anhaltspunkt für Hersteller und Herstellungsort der geheimen Blätter zu ge wi'nnen. Aber die Polizei hatte nun ein wachsames Auge, stellte Ermittlungen an und alle Zeitungen befaßten sich mit dem Fall. Spuren führten nach Königsberg als Abgangsstelle. Uritzki kochte vor Wut. Es lag offenbar Verrat vor. Man schrieb und druckte weiter in der Scheunengasfe, aber mit gesteigerter Vorsicht. Man arbeitete jetzt zumeist nur in später Nachtstunde, und alle Dispositionen für Herstellung, Vertrieb und Versand mußten von Grund auf geändert werden. Es war am späten Vormittag, als Meikemeier iftv inneren Gemach, wo Setzerkasten und Handdruckmaschine standen, bei Kerzenlichte Konzepte ordnete. Kolbaß, der Setzer und Drucker, hatte erst um Mitternacht seinen Dienst anzutreten und Meikemeier legte ihm, wie immer, auf dem Brette vor dem Setzerkasten die Manuskripte zurecht. Im Vorzimmer befand sich Kapornikow, der Schreiber. Daß ein paarmal draußen nach verabredetem Zeichen die Türe auf- und zuging, merkte er kaum. Er hörte auch erregte Stimmen. Kleine oder größere Auseinandersetzungen unter Brüdern gab es öfters draußen, sie gehörten zum Metier, aber nicht zu seinem Ressort, er küinmerte sich weiter nicht darum. Als die Stimmen immer lauter und erregter wurden und' es so schien, als . würde Jemand ander Brust gepackt und heftig geschüttelt, erhob sich Meikemeier, uni nächzusehen. In diesem Momente gab es einen dumpfen Knall, daß er zurückprallte und ihm die Papiere aus der Hand fielen. Endlich riß er die Türe auf, und er mußte sich festhalten, um nicht von neuem zu stürzen. Auf dem Boden lag in einer Blutlache, die noch im Fluten war, ein schwerer Mann, ganz in sich zusammengekrampft, die starren, herausquellenden Augen auf ihn gerichtet. Keiner war sonst im Raume zu sehen. Die Türe stand auf. Auch im Druckerzimmer war keiner. Er allein in einem düsteren Raume mit einem Ermordeten, dessen Blut noch frisch aus den Wunden sprudelte. Er hatten noch nie im Leben eine Leiche gesehen, und ganz gewiß keinen Ermordeten in seinem frischen Blute. Er sah nicht, wer es war, die weiten Augen des Toten starrten ihn wie erloschene Fenster eines eingestürzten Hauses an. Die verkrampften Hände schienen nach ihm auszugreifen, die Blutrinne ergoß sich wie ein Bergbach geradeswegs zu ihm und berührte schon feine Schuhe. Er wollte zur Türe hinausschreien. Aber die Stimme versagte ihm. Vielleicht sah ihm auch das Verbot, nie in diesem Raume Geräusch zu verursachen, zu sehr im Gehirn. Das Blut berührte schon den Saum seiner Hosenbeine. Nun riß er doch mit letzter Kraft die Türe ganz auf und stürzte wie aus einem brennenden Haufe die Treppe hinunter. Unten war Frau Piepte, die Gemüsehändlerm, durch den Zank oder den Knall oder den verstört daherlaufenden Jüngling aus der Ruhe zwischen ihren Kohlköpfen und Rüben aufgeschreckt worden. Sie trat mit einigen Kundinnen aufgeregt auf die Ladenschwelle. Zu ihnen kam Spuler, der Schreiner vom Erdgeschoß und Rotkeller, der Walzer. Aus der Schenke kam Pumpmeier, der Schankwirt, mit einigen rotnäsigen Kutschern. „Oben ist was passiert!" schrie ihnen Frau Piepke atemlos zu. „Es hat geschossen, einer ist davon gelaufen-" „Ist davon gelaufen, haben ihn laufen sehen," kreischten die Kundinnen., „Weiber, lassen ihn laufen und halten ihn nicht fest," schimpften die Männer und begaben sich nach oben. Meikemeier war inzwischen wie im Fluge um die Ecke gebogen und am Pregelquai angelangt, wo um diese Stunde regstes Leben herrschte. Riesige Frachtschiffe wurden gelöscht oder geladen. Matrosen lachten und fluchten in allen Sprachen und Dialekten der Wasserkanten der Erde. Er war nun am Heringshafen, wo er sich von seiner ftüheren Stellung her gut auskannte. Einige Arbeiter grüßten sogar: „Guten Tag, junger Herr, Heimweh nach den Heringen, was?" Er lüftete leicht den Hut und lief weiter, stapfte durch Sand- und Kohlenhaufen, stolperte über Tonnen und Kisten, lief und lief, hielt plötzlich ein, schlug sich aus die Stirn und schrie sich innerlich an: „Narr, warum läufst du? Hast doch nichts gemacht!" Und lief doch weiter. Er hatte die Menschen vor Piepkes Gemüseladen und ihre verfolgenden Blicke nicht gesehen, aber die starren Augen des Erschlagenen und seine auslangenden Arme trieben ihn weiter und weiter. Der dicke Jnfprawnik von Gelgudischkin trat ihm dauernd in den Weg und drohte mit dem Finger: „Junger Mann! ..." Mechanisch ging er die steilen Steinstufen zur Stadt hinauf. Hier ging zwischen beschnittenen Heckenpflanzen der schmale Weg zum Ostbahnhofe. Er war ihn als „junger Mann" des Herrn Jonas Kubak oft genug nach Mitternacht allein gegangen ohne Spur von Furcht. Jetzt schlotterten seine Beine vor Angst am hellichten Tage. Die Anlagen waren nur wenig belebt. Ein paar Dienstmädchen drückten Kinderwagen. Wo wollte er eigentlich hm? Etwa zu Silbersteins? Dort waren jetzt die Freunde beim Mittagessen und bei guten Gesprächen. Etwas Unsagbares hinderte ihn daran, zu den Freunden zu gehen. Er hatte Hunger, oder war es nur Schwäche vom vielen Laufen?- Er hatte auch Geld in der Tasche, aber die Beine weigerten sich, in den nahen Bäckerladen zü gehen. (Fortsetzung folgt.)

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