Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1931)
- Date
- 1931-05-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2450652-2450671--77888-2535544- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
7. Mai 1931 Der Israelit Nr. 19 Seite 3 Die Juden sowohl als auch die Araber wissen sehr wohl, daß jede Unterbrechung im Aufbauproreß des Landes allen Bewohnern, ohne Unterschied der Religion und Nation, in gleicher Weise schaden muß; daß, wenn es nicht sobald wie möglich zu einer Verständigung kommt, eine wirtschaftliche Katastrophe über bas Land hereinbricht, die bc'spiellos in der Geschichte Palästinas in den letzten Jahren dasteht. Von einer Seite muß endlich der Schritt zur Verständigung mit aller Energie eingeleitet werden, ohne Rücksicht darauf, daß die andere Partei darin, ein Symptom der Schwäche erblicken könnte. Wird ein solcher Schritt klug und taktvoll unternommen, kann er im Gegenteil sogar als Zeichen der Kraft und der inneren Festigkeit, des Glaubens an die Richtigkeit des eigenen Standpunktes angesehen werden. Wir sind nun bei unserem praktischen Vorschlag angelangt und wir glauben, daß die jüdische Oeffentlichkeit uns hierbei nicht mißverstehen wird. Wir würden uns freuen, mit diesem Vorschlag in der jüdischen Presse eine sachliche Diskussion im Interesse unseres Aufbauwerkes in Erez Israel hervorzurufen. Unserer Meinung nach gibt es nur einen »inzigen Weg zu einer Verständigung mit den Arabern: Wir müssen die Araber offiziell wissen lassen, daß wir bereit sind, mit ihnen über die Zukunft Palästinas zu verhandeln und das ganze Palästina-Problem von neuem aufzuwerfen, mit ihnen gemeinsam Mittel und Wege zu suchen, wie das Land zum Wöhle beider Völker aufgebat werden kann, wie die politischen und administmtiven Angelegenheiten und die Rechte und Pflichten beider Völker zu regeln sind. Das soll ibev nicht heißen, daß wir etwa bereit wären, ruf irgendwelche völkerrechtlich garantierten Dokumente für den Aufbau unseres Nationalheims n unserem Lande zu verzichten. Ein solches Dokument müssen wir, wie schon oben ausgeführt, für den Fall in Händen behalten, daß, wenn einmal ein Konflikt zwischen den beiden Völkern entsteht, der Völkerbund oder die Mandatarmacht ihn auf Grund jenes unser Recht verbürgenden internationalen Dokumentes. zu schlichten in der Lage ist. Wenn die Araber die, Balfour-Deklaration, weit deutbar und ohne ihr Wissen erlassen, als Basis für eine Verständigung ablehnen, so müssen wir uns nicht gerade an die Balfour- Deklaration halten, die ja ohnehin nach all den Weißbüchern, Kommentaren und Ausdeutungen praktisch für uns jede größere Bedeutung eingebüßt hat. Die Juden könnten sich bereit finden, diese Deklaration evtl, preiszugeben, aber fteilich nur unter der Bedingung als conditio sine qua non, daß die Araber gewillt find, ein and e - res Dokument g e m e i n f a m nt i t d e n B e rtretern der Juden auszuarbeiten, in dem klar und deutlich die Rechte der Juden in allen Angelegenheiten des Landes, wie Einwanderung, Bodenkauf, Kolonisation, Administration usw. niedergelegt sind. Dieses Dokument müßte dann der Mandatarm a ch t und dem V ö l k e r b u nd u l s völkerrechtliches, international g a - r a n t i,e r t e s Dokument g e m e i nj a m z u r R a t i f i k a ti o n vo r g el e g t w erd e n. Es ist hier nicht der Platz und auch nicht zweckmäßig, zu erörtern, wie weit die Juden in ihren Konzessionen gegenüber den Arabern gehen und wie die Araber zu Konzessionen an die Juden veranlaßt werden können. Darüber kann erst gesprochen werden, wenn die Verhandlungen über die Punkte, die heute auf der Tagesordnung in und um Erez Israel stehen, bereits im Gange sind. Wir glauben z. B., daß die Konzessionen, die die Juden heute schon hinsichtlich der Legislative und in anderen Fragen zu machen bereit sind, einen ganz andern Eindruck auf die Araber machen werden, wenn jene Konzessionen sich nicht einzig auf die Balfour-Deklaration stützen, sondern auf ein anderes rechtliches Dokument, in dem diese Konzessionen mit formuliert sind. Diese unsere Vermutung ist um so begründeter, als in der Politik bekanntlich nicht selten Sentiments eine überaus große Rolle spielen. Der stimmungsmäßige Groll der Araber würde in dem Moment verschwinden, in dem sie unsere Bereitschaft erfahren von der Balsonr-Deklaration evtl, abzu- ] sehen und den ganzen Fragenkomplex über Pa-; lüstma von neuem aufzuwerfen und gemeinsam j mit ihnen zu lösen. Das neue Dokument müßte so klar und ausführlich formuliert sein, daß kein Raum mehr für irgend welche grundlegenden Zweifel übrig bleibt. Schon jetzt kann ausgesprochen werden, daß hinsichtlich der Grundbedingung gen des Ausbaues unseres Nationalheimes die jüdischen Vertreter bei den Verhandlungen mit den Arabern keine weitgehenden Konzessionen Machen werden. Wir glauben aber, daß dies gar nicht nötig fein wird, da auch die Araber wissen — und man farm es ihnen auch klar machen —, daß an der jüdischen Aufbauarbeit das ganze Land profitiert. Wir wollen hier nicht alle einzelnen Punkte in aller Breite besprechen, wollen auch nicht die vielen politischen Fragen berühren, die im Laufe solcher Unterhandlungen auftauchen werden. Wir glauben aber, daß wir praktisch bei einer direkten Verständigung mit den Arabern weit mehr gewinnen, als bei einer solchen durch Vermittlung der englischen oder palästinensischen Regierung. Wir wollen auch nicht von dem ge- Zigarren M Wolf Zei "»W Tel. Hansa 27930 wattigen Eindruck sprechen, den ein solcher Frieden'auf die gesamte politische Welt machen würde, auch nicht von seinem günstigen Einfluß aus die wirtschaftliche Lage von Erez Israel. Es unterliegt keinem Zweifel, daß auch die Ehre des jüdischen Volkes in der Welt gehoben wird, wenn sie sieht, wie treu das jüdische Volk zu seinen Idealen von Recht, Friede und Eintracht hält. Auch in der jüdischen Welt wird ein solcher Friede ein freudiges Echo Hervorrufen, und die Kreise, die durch die letzten Geschehnisse einer Resignation anheim gefallen sind, werden zu erneuerter Mitarbeit am Aufbau unseres Nationalheims in Erez Israel ermuntert. Wir erlauben uns, unseren Vorschlag zur öffentlichen Diskussion zu stellen in der Hoffnung, daß unsere Publizisten in der gesamten jüdischen Presse ihre Meinung zu dieser Anregung in einer Form aussprechen, wie es dieses delikate Problem erfordert. Vochenrundschau. Die neue Lage in Rumänien. Der neue rumänische Ministerpräsident Prof. I o r g a, der hervorragende Historiker und Rektor an der Bukarester Universität, der soeben eine unparteiische Regierung der Fachleute gebildet hat, tritt seit vielen Jahren im Parlament und in der Presse, zuletzt auch in Amtshandlungen als Rektor der Bukarester Universität, der cuzistischen Hetze, die er als kulturlos und den rumänischen Jnteressn schädlich bezeichnet, entgegen. Erst vor kurzem hat er in einem Zwiegespräch mit dem antisemitischen Apostel Cuza im Parlament dessen völkisch-antisemitisches Programm ad absurdum geführt. Wiederholt hat Prof. Jorga Vertreter jüdischer Organisationen empfangen und ihnen gegenüber seine Stellung zu den Juden und jüdischen Fragen präzisiert. Was die rumänische Judenheit von diesem Manne und dem neuen Betern erwartet, erhellt aus einer Aeußerung der der Union rumönischer Juden nahestehenden „Bukowinaer Volkszeitung". Sie begrüßt die vom Ministerweite Kreise, die dem Bürgertum angehören. Unsre Aufgabe wäre es natürlich nicht, uns mit dem Sinn oder der Stichhaltigkeit dieser Parole zu befassen, wenn nicht — was oft genug eindeutig ausgesprochen wird — mit dieser modernen Redensart die Kampfstellung gegen alles „Jüdische" verknüpft sein würde. „Marxismus", das ist das Stichwort für alle Arten der Judenfeindschaft, — gleichbedeutend mit all den Erscheinungen, die unsre Gegner als „jüdisch", d. h.: als minderwertig betrachten. Ich denke nicht daran, aus irgendwelcher Rücksichtnahme aus nationalsozialistische „Gedankengänge" an dieser Stelle ein Wort gegen diese Art der Begriffsauffassung des „Marxismus" zu sagen. Aber die Ehre des Juentums, soweit sie von den religiösen Kämpfern der nichtjüdischen Gemeinschaften als notwendigste Ergänzung im Ringen um lebendige Ethik erwartet wird, gebietet, zunächst daraus hmzuweisen, daß die jüdischen Namen, die in irgendwelchen unsauberen Dingen und Vorkommnissen stecken, in keiner Weise Anspruch haben, sich als Typen, ja nicht einmal als Angehörige der jüdischen Religion zu bezeichnen oder bezeichnen zu lassen! Die „Kölnische Volkszeitung", ein wichtiges Organ des katholischen Volksteils, weist in einer ihrer letzten Nummern, und zwar im Anschluß an eine Erörterung über den Kampf gegen den „Marxismus", auf die immer noch in erschreckendem Maße verbreitete sogenannte „Reiselektüre" hin, die zu einem Teil Kitsch, zum andern aber wertlosen Schmutz darstellt, — eine seltsame Form der Volkserziehung! Gerade in den Zeitungskiosken der Bahnhöfe kann sich die wirklich gute Literatur nur äußerst schwer durchsetzen. Die „Kölnische Volkszeitung" greift nun nicht die Parole „Gegen den Marxismus" auf, sie erinnert im Gegenteil, daß die Zeitschriften und Preßorgane des rechtsstehenden Hugenbergkonzerns eine mustergültige Sammelstätte für „Kulturbolschewismus" bilden. Man braucht sich dort nur die Jnseratenspalten anzusehen! Trotzdem muß es unseren jüdischen Kreisen zu denken geben, daß das katholische Blatt zum Schluß die Deutsche Reichsbahn zum Einschreiten auffordert und dabei mit folgendem Satze schließt: „Unser Kampf gegen den Rassenabsolutismus des Nationalsozialismus würde unehrlich sein, wenn wir nicht auch den Kampf gegen diese wirkliche Volksvergiftung mit aller Entschiedenheit führen würden. Hier muß man tatsächlich vom Schutze der Rasse und der Art sprechen, wenn moralische Begründungen nicht mehr verfangen sollten." Wir wissen, wenn wir eine bestimmte Sorte von Schmökern und bebilderten Zeitschriften ins Auge fassen, daß unter den Namen der Herausgeber, Verleger, Schriftsteller usw. leider eine Anzahl von Juden figuriert, — man trifft derartige Namen gerade dort häufiger, als es dem Ansehen unsres Judentums und dem 'Kampf um feine religiöse Anerkennung und Gleichberechtigung dienlich ist. Der Einwand, daß diese Namen keine gesinnungsmähige oder religiöse Beziehung zum Judentum haben, ist uns bekannt und geläufig, — aber die Feststellung allein genügt nicht mehr! Der Trennungsstrich darf nicht von jenen, — er muß von uns gezogen werden! Und zwar in restloser Deutlichkeit. Für ans als Juden handelt es sich ja dabei nicht um die Angst vor einer rassischen Gefahr, es geht in erster Linie um die religiöse Reinheit, um die gewaltige ethische Höhe des Jude-Seins, um eine vorbildliche Tat, die im Kampf gegen die üblen Schlagworte der Gegenwart mehr ausrichten kann, als Flugschriften, Handzettel und statistische Errechnungen. (Franz Rofenzweigs philosophisches Lehenswerk.) In Heft 4 der Kant - Studien (Pan-Verlag-Berlin) veröffentlicht Martin Bub er eine kurze, aber dadurch itnh Pnmonf’riortprp ‘ftrirftftffmtn her Grundideen von, Franz Rofenzweigs philosophischem Lebenswerke, dem „Stern der Erlösung". Er erblickt das Wesen der philosophischen Tat, die Rosenzweig mit diesem Werke vollbracht hat, darin, daß hier — wie vielleicht nie zuvor — der Zugang zur Wahrheit durch ein Zusammenwirken von Theologie und Philosophie zu erschließen versucht wird. „Die g'ttliche Wahrheit verbirgt sich dem," so - lautet der entscheidende Satz, auf den Buber hinweist, „der nur mit einer Hand nach ihr langt, einerlei ob diese langende Hand die der sich ooraussetzungslos wähnenden, über den Dingen schwebenden Sachlichkeit des Philosophen ist, oder die der erlebnisstolz sich vor der Welt verschließenden Blindheit des Theologen. Sie will mit beiden Händen angefleht werden. Wer sie mit dem doppelten Gebet des Gläubigen und des Ungläubigen' anruft, dem wird sie sich nicht versagen." Wochenkalender. v. 9. - 16. Mai 1931 / o. 22. - 29. Jjar l Samstag I | 9 22| Sonntag 10 23 Montag 11 24' Dienstag iw 25 Mittwoch üRat 13 * K >26 Donnerstag 14 , 27 Freitag 15 >28 Samstag!l6 29 't pia ’Jipm nm VINN V>3ian '1 P"I3 13TÖ3 Mauled: Montag abends 8 Uhr lu/,8 Minuten.