Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1931)
- Date
- 1931-04-30
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 19 Der Israelit 7. Mai 1931 öffentlichkeit würde sogleich emsehen, daß es für England ganz unmöglich fei, die einen wie die anderen Forderungen zu erfüllen. Englands Position ist dadurch wieder befestigt. So war es mit dem letzten Weißbuch, das im Lager der Araber hellste Freude hervorrief, da sie in ihm den allmählichen Abbau der Balfour-Deklaration erblickten. Die energische Haltung der Juden erzwang dann den viel umstrittenen Macdonald- Brief. Jetzt erteilt ,T e Near East und India“, ein führendes englisches Blatt, den Arabern den Rat, „aus dem historischen Beispiel" des Macdonald-Briefes zu lernen, daß man mit starker Pression von England alles erreichen kann. So soll das politische Pendel hin und her geschwungen wewen zu Gunsten der englischen MachtpoliM. Die größte Gefahr für die Politik Englands wäre es, wenn Juden und Araber sich über feinen Kopf hinweg über die Zukunft Erez Israels verständigen würden. England kennt diese Gefahr und versteht es, zu verhindern, daß sich Juden und Araber an einen Tisch zu Verhandlungen ohne sein Protektorat setzen. Besonders sind die englischen Kolonialbeamten in Palästina in diesen Dingen gut erfahren. Vermutungen sind aufgetaucht, daß sie in engem Kontakt mit unverantwortlichen politischen Kreisen in London stehen, die hinter den Kulissen daran arbeiten, daß keine Verständigung zwischen Juden und Arabern zustande kommt. In den jüdischen Kreisen Palästinas ist man heute überzeugt, daß die Beharrlichkeit, mit der sich die Araber einer Verständigung entgegensetzen, auf den Einfluß geheimer englischer Kräfte, die ihr Spiel im arabischen Lager sehr geschickt treiben, zurückzuführen fei. Mit wvlch strategischer Kunst ist doch Dr. Weizmann bei feinem letzten Aufenthalt in Palästina von der arabischen Exekutive und Presse totgeschwiegen worden, mit welchem Geschick wußte man ihn doch zu bagatellisieren. All dies beweist nur die Richtigkeit der obenerwähnten Vermutungen. In diesem Zusammenhang sei noch hingewiesen auf den vom Chefsekretär der PalästinaRegierung, Doung, an Dr. Weizmann gerichteten Brief, worin Dr. Weigmann aufgefordert wird, seinen Plan einer Reise nach Transjordanien zwecks einer arabisch-jüdischen Verständigung schleunigst aufzugeben. Ein charakteristisches Beispiel der englischen Taktik. Die zwingende Logik der Situation ist ohne weiteres klar. Unsere Politik muß auf eine d i r e k t e V e r st ä n d i g u n g m i t d e n A r a - b e r n a b z i e l e n. Solange wir auf die Initiative der englischen oder palästinensischen Regierung warten, werden unsere Bemühungen immer ein Fiasko erleiden. Don den Konferenzen. die in London oder in Jerusalem unter dem Protektorat Englands stattfinden werden, einerlei, ob die Araber an ihnen teilnehmen oder nicht, ist eine wirkliche Verständigung nicht zu erwarten. Die Initiative muß' unmittelbar von der einen Seite.zu der anderen gehen. Juden und Araber, die ein Lebensinteresse am wirtschaftlichen Aufbau des Landes haben, müssen zu einer brüderlichen Verständigung und zu einem Ausgleich ihrer spezifischen Interessen gelangen. Eine solche Verständigung brauchen wir zu allererst, da unser Ziel und Streben doch ist, ein gesichertes Asyl für unser heimgesuchtes Volk zu schaffen, daß es dort in Ruhe und in friedlicher Arbeit seine Heimstätte errichten kann. Aus diesem Grunde müssen auch wir die ersten sein, die die Hand zum Frieden ausstrecken und der Welt unseren ehrlichen Willen zeigen, mit unserem Nachbar im Lande in Frieden zu leben und gemeinsam mit ihm den Ausbau des Landes zu bewerkstelligen, zum Heile beider Völker. Wie kommt man aber zu einer Verständigung mit den Arabern, nachdem so viele Tendenzen dem entgegenarbeiten? Das ist die Kardinalsrage. Bei der heutigen Situation wird es schon schwer fallen, England bei den Verhandlungen zu übergehen. Die Verhandlungen müssen jedoch mit einer derartigen Sicherheit und Zielbewußtheit eingeleitet werden, daß die englischen Kulissenfaktoren, die gegen jede Verständigung arbeiten, sich in ihr Versteck zurückziehen aus purer Angst, bei ihrem Doppelspiel ertappt zu werden. Die größte Schwierigkeit besteht darin, daß die Araber jede Aussprache mit den Juden glattweg ablehnen, solange die Juden sich aus die Balfour-Deklaration stützen. Bei jedem Versuch, mit ihnen in Verhandlungen einzutreten, hören wir die stereotype Erklärung: „Solange die Balfour-Deklaration existiert, müssen wir jeden Vorschlag zu einer Verständigung ablehnen". Es ist wahr, daß die Balfour-Deklaration wenig glücklich formuliert ist, was mit den Weißbüchern und Kommentaren der letzten zehn Jahre, die fo viel Verwirrung hervorgerufen haben, genugsam bewiesen ist. Einmal hieß es, die Absicht des Mandats sei, die Aufrichtung eines Judenstaates, in dem die Araber nur Bürgerrechte genießen. 1922 erschien unter Einwirkung Herbert Samuels das Churchill-Weißbuch, das der Deklaration eine andere Deutung gab, nämlich: Nicht Palästina soll Nationalheim des jüdischen Volkes werden, sondern in Palästina hätte das jüdische Volk das Recht, eine „community" zu errichten. Die Achad Haam'fche Kritik hierüber in der Einleitung zu seinen Gesammelten Schriften ist genügend bekannt, so daß wir hier nicht nochmals näher darauf eingehen müssen. Das letzte Weißbuch stellte die ganze Sache auf den Kopf und leugnete sogar jedes Anrecht des jüdischen Volkes auf Erez Israel. Die kargen Rechte, die in der Balfour-Deklaration niedergelegt sind, bezögen sich lediglich aus diejenigen Juden, die sich in Palästina niederlassen. Aus die Protestbewegung des. jüdischen Volkes kam der eigenartige Brief Macdonalds, ein Kunstwerk der Diplomatie. Mit einem Worte: die Balfour-Deklaration bleibt ein geheimnisvolles Dokument, das allerlei Ausdeutungen zuläßt. In Wahrheit weiß heute kein Mensch mehr, worin das jüdische Recht in und auf Palästina besteht, was der tiefere Sinn des Wortes„national home“ ist, ob dis Juden oder die Araber mehr Rechte oder ob beide Nationen die gleichen Rechte auf Palästina haben. Auch über die künftige Gestaltung der palästinensischen Staatsform ist ein Schleier gebreitet. Weil die Araber glauben, daß die ohne ihr Wissen und Willen erlassene Balsour-Deklaration auch Deutungen gegen ihre Lebensinteressen zuläßt, wollen sie von ihr nichts wissen. Die Juden wiederum können, obwohl praktisch die Balfour- Deklaration für sie jede größere Bedeutung verloren hat, auf keinen Fall aus dieses einzige internationale Dokument verzichten, welches wenigstens grundsätzlich ihr Recht aus ihr Land anerkennt. Da die Juden keinerlei Machtmittel besitzen, sind sie gezwungen, irgend ein völkerrechtliches Dokument für den Ausbau ihres Nationalheims in Erez Israel in Händen zu haben. Hier zeigt sich erst das Problem einer arabisch-jüdischen Verständigung in feiner ganzen Schwere und Kompliziertheit. Auf der einen Seite wollen die Araber von der Balsour-Deklaration nichts wissen und auf der anderen Seite können die Juden aus diese nicht verzichten. Freilich spielen auf Seiten der Araber auch viele Sentiments mit. Die Deklaration ist für sie ein Gespenst, das ihnen Angst vor den Juden einjagt, die sie angeblich aus dem Land verdrängen wollen, um dann ungestört dort ihr Judenreich zu errichten. Beigetragen zu diesem Angstzustand hat die Tatsache, daß sowohl die Juden wie auch England bei der Verkündigung der Deklaration eine Verständigung mit den Arabern versäumt hatten und in der nachfolgenden Zeit bis auf den heutigen Tag es zu keiner direkten offenen Aussprache zwischen den beiden Völkern hinsichtlich der Zukunst des Landes gekommen ist. Wie laßt sich aber dennoch der Weg zur Lösung dieses schwierigen Problems finden, ohne die eine gedeihliche und friedliche Entwicklung des Landes nicht denkbar ist? Zählet euch! Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Die Zahl ist das Maß aller Dinge. Wer wird die Wahrheit dieser alten Weisheitslehre nicht voll anerkennen? Zählen, wägen, messen, das ist doch die Grundlage und der Kern alles Schaffens. Wie und wo immer wir tätig find, im weiteren Sinne zählen wir alle. Wir messen nicht nur den Wert von Hab und Besitz mittels der Zahl, im letzten ist keine Leistung, kein Werk denkbar, ohne daß, der sie vollbringt, zählt. Von dem Werk der Weltenschöpfung, von G'ttes ureigenster Tat heißt es denn auch: nay vbm Vai pn min omru □’» i^yrre tto rn •cmTNna nrem min otma pren. „Wer hat mit seiner Faust die Wasser gemessen, die Himmel abgerissen mit der Spanne, mit dem Maß den Staub der Erde bestimmt, mit dem Schwebebalken Berge gewogen, Hügel mit dem Schalenpaar?" Während „zählen" also das Gebot, die Pflicht unserer Berufsarbeit ist, gebietet uns unsere hl. Lehre die Zeit vom zweiten Pessachtage bis zum Schowuaus zu zählen. Dieses Gebot leiten die Worte ein: aaV nmaoi Zählet euch". Arbeiten, leisten und wirken, das ist und bleibt die Bestimmung des Menschen auf Erden. Arbeiten ist nicht nur eine Bürde, sondern auch eine Würde. Dem Menschen wurde, als ihn feine Sünde um das Paradies brachte, der Trost mit auf den Weg gegeben: „Im Schweiße deines Angesichtes — nach harter, schwerer Arbeit — sollst du Brot essen." Was es bedeutet, ohne Arbeit, ohne Beruf durchs Leben gehen zu müssen, das zeigt uns in erschreckender Weise diese furchtbare Zeit. Sie sollte aber auch zur Selbstbesinnung führen, daß wir es lernen, das wahre Glück, den rechten Segen nicht nach den Maßstäben der Welt außerhalb, sondern in uns zu suchen, in unserm Herzen, in unserm Innenleben. Das ist der Sinn des Gebotes, das wir jetzt von Abend zu Abend üben. „Zählet euch!" Lernet Werte schaffen, Dauerwerte, die euch bleiben, die unabhängig sind von Zeitumständen und Verhältnissen. Das materielle Streben ist an und für sich gewiß nicht verwerflich. Die rmn verheißt uns ja selbst reichen Erfolg, wenn wir G'tt und seinen Willen verehren. Das ist aber das Entscheidende. Jenes darf uns nicht allein Ziel und Zweck unseres Seins auf Erden bleiben. Für uns zählen wir, so wie es das Gebot fordert, nur dann, wenn wir unfern Sinn und unser Streben an das Ewige und Unvergängliche heften, wenn wir über dem Streben nach Besitz oder doch nach des Tages und der Stunde Erfordernissen niemals vergessen, H»y rr> ■ m«n '-»rr 112b onbn daß nicht vom Brote allein leben soll der Mensch", aisn '-»m re 's kti» bs V? m nein, von allem, was G'ttes Munde entfährt, lebt der Mensch." Wir dürfen das Mittel nicht als das Ziel und den fweck anfehen. Gerade dann, wenn draußen neues eben zu keimen und zu sprossen beginnt, werden wir ■ an die Flüchtigkeit des Erdenwallens und an die Ver-! gänglichkeit alles Irdischen gemahnt, wahrlich, nicht um ^uns niederzubeugen und uns die Freude am Dasein zu umdüstern. Die Wahrheit gilt es aber uns einzufchärfen und in uns fest zu verankern. Wir sind Bürger zweier Welten. Diese Welt ist Saatzeit für jene andern, wo wir ernten die Früchte dieses unseres Ewigkeitsstrebens. I Verstehen wir nun die Mahnung unserer Lehrer: 1 r Vs I Tjn-a r\b? “m-iyn vre» Nicht sei geringfügig das Omergebot!in deinen Augen?" Es kündet uns das Wesen, den Sinn des Erdendaseins. Und in unfern Tagen vollends wird .uns dieses Gebot wie zum Balsam für manche unserer Wunden. Die Not verliert ihren Stachel und das Leid fein bleiernes Gewicht, wenn wir in Glauben und Zuversicht zum Herrn und Weltenmeister ausschauen, der Israel zu seinem Volke erkoren, damit es durch ein Leben der Hingebung und Opferwilligkeit im Dienen und Tragen, allen anderen vorbildlich werde. Wir zählen eben zum Feste der Offenbarung hin, um uns an unsere Bestimmung mahnen zu lassen, nmmr rmres? jw n3«nn „Sieben volle Wochen sollen es sein." Durch unsere Thora geadelt und immer von neuem veredelt und geläuterr, verbringen wir ein reines, heiliges, dem Lwchsten zugewandtes Dasein, dessen Ablauf uns, unserm g'ttlichen Teil die edelsten Früchte der Ewigkeit zusichert.!— Mögen wir so unsere Tage zählen lernen und in Erfüllung unserer Thora unsere höchste Lebensaufgabe 'erblicken, dann ermatten und erschlaffen wir nie, blei- >ben wir aufrecht auch in den Kämpfen und Stürmen!des Lebens, bis das Gewölk weicht und hell und glänzend wieder die Sonne strahlt ... Kleines Feuilleton. Kampf gegen den Marxismus. Don I. Raphael. Mit der Parole, den Kampf gegen den Marxismus aufzunehmen und auszutragen, tauchen nicht allein die nationalsozialistischen Wanderredner auf, sondern auch