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Der Israelit · 1931-04-16 · Heft 16 (16.4.1931) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 16 (16.4.1931)
Date
1931-04-16
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
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Seite 14 Nr. 16 m Der Israelit 16. April 1931 Ler Leder in der Fremde. Novelle von Binjamin Segrl (Fortsetzung.) Er musterte die Anordnung der „Kaara" und zollte im Stillen seinem Gastgeber Beifall. Nach dem er sich gewaschen und darauf gebetet hatte saß er auch schon bald bei Tische und plauderte seines Hungers ganz vergessend, aufs angeregteste mit den Genossen. Wie ein elektrischer Funk pflanzte sich die gute Laune von einem zum an deren fort und die Gesellschaft wurde immer fröhlicher. Mr. Davis wurde sich zuerst seiner Wirts pflichten bewußt. „Vielleicht möchten wir anfangen?" sagte er zögernd, von einem zum andern blickend. Natürlich konnte man anfangen, keiner hatt etwas dagegen. Es war Zeit. Auf dem Tisch stand schon die bauchige Flasche mit dem gelb lich-rosigen Rosinenwein, umgeben von siebe; Glasbechern, unter denen ein großer Pokal wie ein König hervorragte. Das war der Pokal des „Propheten Eliah". Alle, den geschniegelten Goldschmiedegeselle; nicht ausgenommen, fühlten, wie ihnen das Herz höher schlug, als Mr. Davis zwei Kissen herbei brachte, sie auf einen Stuhl legte und so das „Mesiew-Bett" herrichtete, dann den weißen Kittel anzog, der über seinen hageren Leib in Falten hinunterfloß. Der Fremde hatte mittlerweile den Wein eingeschenkt und vor einem jeden der Gäste ein Glas hingestellt. Der kurzsichtige Schneider stöberte ein wenig auf deni Tisch umher und rief plötzlich: „Na, und eine Hagada? Gebt doch eine Hagada her." „Ja, wo ist denn eine Hagada? riefen mehrere Stimmen. „Eine Hagada?" rief Mr. Davis mit seltsamer Stimme, und seine Hände sanken plötzlich herab Eine bittere Verwirrung malte sich in seinem Ge sichte. „Ich habe gar keine Hagada, was werden wir nun anfangen-?" Ein peinliches Schweigen entstand. Die seligfrohe Stimmung war auf einmal dahin. Alle sahen sich verlegen an. Mr. Davis senkte den Blick. Er fühlte sich schuldig, daß er aus Cincinnati eine Flasche Sliwowitz mitbringen und eine Hagada vergessen konnte. Aber wie hätte -er auch daran denken sollen? Jedes Jahr fand er auf dem Tische, wo er zum Seder geladen war, auch eine Hagada neben dem Teller. Es war ihm nicht in den Sinn gekommen . . . „Vielleicht steht in diesem grauen Siddur die Hagada," rief einer der Grubenarbeiter, „bei meiner Mutter im Siddur ..." Alle stürzten sich auf das große Gebetbuch Mr. Flocks, das auf dem Tische lag. Es war ein altfränkisches Siddur, in d,em es „an Vogelmilch nicht fehlte," alles war da: Chazoth, Psalmen, Maamadot, allerhand Selicho-t und Jozrot, eine Unmenge Dinim. Man blätterte weiter, behutsam, als fürchtete man rasch eine Enttäuschung zu erleben, bis in die zweite Hälfte des umfangreichen Gebetbuches hinein. Da war Halle!, da war der Priestersegen, da waren die Gebete für die Festtage, da war der Eruw Tawschilin ... ah! ... da standen auch schon die Dinim für Pesfach, die Ordnung des Seder, aber, o, die Hagada war nicht da! Mr. Davis besaß ein Nehora-Siddur, direkt aus Lemberg bezogen, eine schöne Sache; der Fremde hatte ein Slawutaer Siddur — aber wie zum Possen enthielt keines die Hagada! „Ist denn hier in der ganzen Stadt keine Hagada zu kriegen?" bemerkte der Fremde. Ein allgemeines, gezwungenes Lachen antwortete ihm. Nein, in Green City war seit seinem Bestehen keine Hagada gewesen. Der Fremde merkte, daß ihm eine Dummheit entfahren war, und um sich zu rehabilitieren und der unbehaglichen Stimmung ein Ende zu machen, schlug er vor, auswendig die Hagada zu singen. Man solle nur unbesorgt sein, es werde schon gehen, er wolle schon dafür sorgen, daß man nicht stecken bleibe . . . Alle atmeten erleichtert auf und gingen freu- Meinungen über Juden und Judentum zu äußern, dig auf den Vorschlag ein — zumal sie keinen und^ hier verwandelt sich der Künstler mit seiner Oblekuvltat tn einen Denker, den Subjektivität leicht zur anderen Ausweg hatten.; objektiven Wahrheit in Gegensatz bringt. Sie blickten auf ihren Führer voll Vertrauen,' Eines solchen Unrechts haben sie sich schuldig gewie auf -einen kühnen Feldherrn, der versprach,' macht, als Sie in Ihrem Romane „Petersburg" schrieben: sie über einen gefährlichen Ort ohne Schaden hinüberzuführen. Dieses Vertrauen stieg nur noch, als der Fremde den „Kiddufch", den übrigens die meisten auswendig wußten, mit schöner Stimme und prächtiger Melodie und einer Betonung rezitierte, wie sie nur sehr gelehrten Leuten eigen ist. Dann wurde die Türe angelweit geöffnet und das „Keho lachmo anjo" angestimmt. „Wer da hungrig ist, der komme, speise mit uns . „Der Unterschied zwischen dem Russen und dem Juden besteht jedoch darin, daß der russische Mensch es liebt, mit seinen Mitmenschen das Böse zu teilen, das er begangen hat,- der Jude dagegen hat eine Vorliebe dafür, seine guten Taten mit anderen zu teilen. Das Böse verheimlicht er oder zwingt sich dazu, es zu unterdrücken. Das kommt daher, daß der russische Mensch gern ein belastetes Gewissen hat; ohne ein paar Pfund Sünden geht er sozusagen nicht aus die Straße, und hat er etwa keine begangen, so denkt er sich selbst Sünden aus, um nur ja mit dem Kainszeichen auf der Stirn spazieren Welch» Jude kennt tat n% «uu.en&igT Auch die „Vier Fragen", die der Fremde sich selber - ' - ' ' 1 - - 9 ö- 9 ' stellte, waren einem jeden geläufig. Aber als er dann das „Awodim hojinu" langsam und feierlich hergesagt hatte, begaben sich alle beherzt unter seiner Führung auf die hohe See. Eine Strecke lang ging alles gut vonstatten. Die Geschichte von Rabbi Eliezer und seinen. Genossen, dann das Kapitel von den vier Söhnen verlief glatt, ohne Unfall. Aber schon als er zu erzählen begann, wie unsere Vorfahren einstmals Götzendiener gewesen und dann vom Ewigen Seinem Dienste zugeführt wurden, mußte der Führer sein Gedächtnis ziemlich anstrengen. Dann pries er, aber schon ein wenig tastend, Den, „der da einhält seine Verheißung an Israel", stolperte dann ein und das aridere Mal, richtete sich aber gleich wieder auf und schloß mit klangvoller, sicherer Stimme, jedes Wort langsam betonend, während er im Gedächtnis herumsuchte: „Und das war es, was unseren Altvorderen und uns beistand. Denn nicht einer bloß erhob sich, um uns den Garaus zu machen, sondern in einem eden Zeitalter erhoben sie sich, um uns zu vernichten, aber der Heilige, gepriesen sei Er, errettete uns aus ihren Händen . . ." Dann stockte er. Alle blickten ihn fragend an. Er saß mit gesenktem Blicke da und schien in einem Gedächtnisse zu suchen. Der Schweiß trat in großen Perlen auf seine Stirne.. „Nun?" „Hm, wartet nur ein wenig, gleich. . . gleich . Zahllos, wie feie Gewächse des Erdbodens .." Ach nein, da habt ihr ein ganzes Stück übersprungen." „Da fehlt ja eine ganze Menge dazwischen." „. . . Und es zog uns der Ewige heraus aus Aegypten, weder durch einen Engel, noch durch einen Seraph, noch durch einen Gesandten, sondern der Heilige, gepriesen sei Er, in seiner Herrlichkeit selber . . ." versuchte der unglückliche Führer die Situation, so gut es ging, zu retten. Aber die Zuhörer gaben sich nicht zufrieden. Sie murrten und sahen ihn vorwurfsvoll an, als hätte er ihre Verlegenheit verschuldet. „Wißt ihr was, liebe Freunde, lastet uns Hallet sagen!" rief er endlich und glaubte, damit auf einen sehr glücklichen Gedanken verfallen zu ein. „Ach was, das kann jeder. Unddas Uebrige? Sollen wir heute keine Hagada sagen?" riefen Mr. Flock und Mr. Davis fast gleichzeitig. Eine tiefe Traurigkeit beschlich die beiden Alten. In dumpfer, unklarer Weise wurden sie des ganzen Jammers ihrer Lage inne, und ihre Traurigkeit teilte sich dem ganzen 'Häuflein mit, das hier wie auf einer verschollenen Insel im lernen Ozean dafaß, losgelöst von allem, was ihnen verwandt, lieb und nahe war, abgetrennt zu werden von allem, was ihnen Trost und Erhebung in düsteren Stunden zu gewähren pflegte. Alle ließen die Köpfe hängen wie hilflose Kinder, die sich im Dunklen verirrt hatten. (Fortsetzung folgt.) Offener Brief an Schalom Asch. Don Saly Geis in Tel-Awiw. Sie sind Jude. Diese Zugehörigkeit laßt Sie mit den Ihnen von E'tt verliehenen großen Fähigkeiten, jüdische Typen zu schildern, wie Ihr Künstlerauge sie gesehen hat. Doch mitunter winkt die Gelegenheit, auch Schlauheit des Juden-besteht darin, sein „Konto" in den Büchern stets in Ordnung zu halten, als müßte er jeden Augenblick eine Revision gewärtigen. Cr mag die gemeinsten Verbrechen begehen, stets wird er einen Weg finden, um sie vor sich selbst so rein hinzustellen, daß eine kleine Guttat daraus wird. Geht es nicht anders, so wird er mit dem lieben G'tt in Kompagnie gehen» wie es der Patriarch Jakob getan hat. Hätte ein Christ dem Laban ähnlich mitgespielt wie Jakob — mochte es auch nur der Schwindel mit den geschälten Nuten bei der Tränke sein —, so hätte er sich unbedingt schuldbewußt gefühlt; Jakob aber machte daraus noch eine gute Tat um feiner Frau und Kinder willen. Der Jude ist imstande, seine täglichen, brutal egoistischen Interessen in Heiligkeiten zu verwandeln. Darin besteht, Sie verzeihen doch, die jüdische Schlauheit." Hütte diese Ungeheuerlichkeit ein Nichtjude geschrieben, man würde ihn mit Recht einen wütenden Antisemiten gescholten haben. Wie ist aber die Verirrung bei einem Juden zu erklären Vielleicht hat hier die Originalität eines geistreich scheinenden Einfalls die Feder geführt? Was ist aber daraus geworden? Eine künstliche Konstruktion ohne Lebenswahrheil. Außer in den Hirngespinsten demagogischer Judenfeinde gibt es keine „jüdische Schlauheit". Aber nicht nur dies, Sie, Herr Asch, versteigen sich dazu, die Veranlagung Ihrer Blutsgemeinschaft zu „Ausgeburten der Heuchelei" zu behaupten. Der Nüsse wolle schlechter, der Jude wolle besser scheinen, als er in Wirklichkeit sei. Die schablonenhafte Charakterisierung irgend eines Teils der Menschheit ist stets ein gewagtes Ding und für verantwortungsvolle Menschen kein Gegenstand von Salongesprächen! Was beabsichtigen Sie mit Ihren Schöpfungen, die aus der Ostjudenheit, der Sie angehören, ihren Stoff nehmen? Sie malen Zeitbilder aus Ihnen bekannten jüdischen Milieus/ — doch wo sind Sie in ihren Werken zum Erzieher und zum Führer Ihrer Gemeinschaft geworden? Kann aber aus Ihnen ein Erzieher und Führer erstehen, wenn Sie in sich selber die Traditionen Ihrer Väter gelockert haben und nicht in diesen Traditionen Ihr Leben zu gestalten suchen. Was bedeutet Ihnen das Judentum, für das Ihre Väter lebten und starben? — Auch in Ihrem Verhältnis zum Judentum zeigen sich Anschauungen, wie sie bei unseren Gegnern Vorkommen, aber nicht bei einem Juden zu finden sein sollten. Also Jakob ist auch vor Ihrem Tribunal, Herr Asch, ein Betrüger. Was wir von Jakob wissen, wissen wir aus der Bibel, — die Bibel nennt ihn jedoch einen schlichten, geraden Menschen. Wer den Tert -unvoreingenommen liest, empfindet viel Mitgefühl für die Tragik in Jakobs Leben, lernt ihn aber als „Israel" kennen, als einen Kämpfer für die höchsten Ideale, so daß er bei G'tt und bei den Menschen sich die Anerkennung errang, bewundern. Sieben Jahre hatte Jakob um Rachel gedient, — und Laban gibt ihm die Leah und zwingt so Jakob, noch weitere sieben Jahre -umsonst um Rachel zu dienen. Rach diesen vierzehn Jahren will Jakob endlich für seine Frauen und Kinder sorgen. Sein habgieriger, spitzbübischer Schwiegervater willigt mit Mühe ein, daß er bestimmte Lämmchen mit selten vorkommenden Färbungen für sich als Lohn absondern darf. Das Itebereinkommen macht Laban aber sofort illusorisch, indem er die Böcke dieser Farben durch seine Söhne wegtreiben läßt, damit keine Lämmer in den vereinbarten Farben geboren werden könnten. Jakob findet eine Züchtermethode, die seines Schwiegervaters Betrugsversuch zunichtemachen soll, die aber — wie S. R. Hirsch treffend bemerkt — nicht unfehlbar war, sondern zu ihrem Gelingen der besonderen Fügung G'ttes bedurfte. Run, Herr Asch, Ihre Worte! Sie lauten: „Hätte ein Christ". — Warum „Christ", nachdem Sie sonst iininer von den „Russen" sprechen? — dem Laban ähnlich mitgespielt usw." Heißen müßte es jedoch: „Hätte Laban einem anderen so mitgespielt, wie er es einem Menschen von dem großen ethischen Ausmaß Jakobs tat, dann wären die erbittertsten Kämpfe und nicht ein friedliches Voneinandergehen die Folgen gewesen." Der Schriftsteller soll das Gewusen der Gemeinschaft sein, der er durch seine Geburt angehört. Welches ethische Leitmotiv haben Sie neben der künstlerischen Gestaltung bei Ihren Sujets aus dem jüdischen Milieu? Wenn man Ihren hier mitgeteilten Ausspruch liest, dann vermißt man alles sittliche Verantwortungsbewnßtsem. i

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