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Der Israelit · 1931-04-16 · Heft 16 (16.4.1931) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 16 (16.4.1931)
Date
1931-04-16
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Sr Der Israelit Meikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines Alenschenschlcksals und einer Zeitepoche.. Von S. IZchak'. (Fortsetzung). Er ging hinauf und sah in die Halle. Ein Diener holte grob mit der Hand aus und wollte ihn die Stufen hinunterwerfen. Aber was er drinnen sah und flüchtig hörte, genügte vollkommen. Menschen, hunderte von Menschen, mit und ohne Bart, sogar viele Juden in langen Röcken, liefen darin hin und her, liefen sich in den Weg, schrieen sich an, ballten sich zu einem Knäuel und stoben auseinander, hielten Häuflein von Erbsen und Bohnen in den Händen, liefen, schrieen, schrieen, liefen. Kein Zweifel, es war das Narrenhaus. So massiv, so groß, so. schön bauten die Deutschen ihre Irrenhäuser! ... Erst wie er unten stand, sah er zu der spitzen Schrift in schweren Lettern über dem Portale hin: „Getreide- und Effektenbörse der Stadt K ö n i g s b e r g i n Preußen". Er kannte den Begriff und die Bedeutung der Börse nicht. Aber auch später, nachdem er das alles schon längst erfahren hatte, konnte er an diesem Hause nicht vorübergehen ohne den Gedanken an eine Gemeinde von schreienden Narren. Dann schleuderte er weiter, zum Schloßberg hinauf. Und weiter durch die Französische Straße und die langen Alleen. Und nun stand er vor dem Säulenhause, dem Heiligtume seiner Träume und Vorstellungen. Ganz von Bäumen und Beeten umgeben, stand das Haus wie in einem Parke. Auf einem Postamente stand das Marmorbilü mit der gedrungenen Gestalt, kräftigen Nase und den scharfen, großen Augen. Immanuel Kan t, las er. Das Haus war die Albertina, die U n i v e r s i t ä t, der Inbegriff alles Großen, alles Hohen und Heiligen, dahin feine Jugendträume gingen. Er hatte noch nie eine Universität gesehen. Menschen, junge und ältere, gingen durch die weiten Hallen aus und ein. Cr sah in jedem einen Großen, einen Professor, einen Immanuel Kant,^und mar nicht wenig überrascht und. enttäuscht, als er ein Gespräch zwischen zwei jüngeren Leuten aufschnappte: „Komm August, wir trinken einen Schoppen!" /; Er wagte sich langsam in den Hof .und in die Vorhalle. Weit und dunkel war der. Raum, die Wände vollbehangen mit Verordnungen und Anschlägen, mit Bekanntmachungen über Vorlesungen und Vorträge. Es war eigentlich alles zu nüchtern, zu geschäftsmäßig. Er hatte sich die heiligen Hallen der Weisheit etwas anders vorgestellt. Etwa weißer Marmor, würdige Männer in wallendem Prophetengewand. Der Portier an der Türe sah aber eher dem Schutzmann m Tilsit ähnlich, und feine Stimme klang weder prophetisch noch professoral, als er chn anfuhr, was er hier zu suchen hätte. „Sind Sie Studierender? Nein? Dann machen Sie, daß Siä hinauskommen! . . ." Solche Redeweise, nämlich, daß man etwas machen müffe, um hmauszukommen, hatte er' bis jetzt noch nie gehört. Es' war die erste UniversitätsMeisheit, die er,in der Albertina zu Königsberg, der Wirkungsstätte von Immanuel Kant, gewonnen hatte. Sie kam ihm im späteren Leben mehrmals zu.statten. Er.- „machte", .daß er hinauskam ... Zurück in die Vorstadt. Dort fand er in der bescheidenen dunklen Behausung eines Bernsteinschleifers, der aber eigentümlicherweise nicht Bernstein, sondern Silb erste.in hieß, gegen billiges Geld eine Schlasstätte in einem Zimmer, in dem noch ein anderer junger Mann wohnte. Bei selbigem Silberstein trafen sich um die Mittagsstunde sechs oder sieben Studenten und junge Kaufleute bei einem billigen Mittagstifch, den ihnen Frau Silberstein bereitete. Die jungen Menschen sprachen, diskutierten, politisierten und polemisierten so viel bei Tisch, daß sie darüber das Essen vergaßen. Meikemeiers Anwesenheit wurde zunächst gar nicht ad notam genommen. Aber er durfte mitreden, nachdem ihm Frau Silberstein die Suppe auf dem gleichen Tisch servierte. Nach ungeschriebenem Gesetz galt in dieser „Liga der Redenden" der Suppenteller als Legitimation für das Rede- und Stimmrecht. Das kleine Zimmer teilte Meikemeier mit einem Manne, der ein volles Jahrzehnt älter war als er und sich als hebräischer Schriftsteller und Dichter aus Wilna ausgab, der, wie er sagte, hierhergekommen war, um die Welt aus den Angeln zu heben, wenn er auch zunächst nur studierte und fchriftstellerte. Wo und was er studierte und für wen er dichtete und schriftstellerte, war nicht ersichtlich. Aber er schrieb wirklich halbe Nächte hindurch, wie Goethe seinen Faust, bei einer Petroleumlampe, ganze Hefte voll. Er hieß Goldin, hatte eine echte Schriftstellermähne und sprach, da er ein Wilnaer aus Wilna war, so, als wäre er noch gar nicht über den Grenzgraben gesprungen ... Er verwechselte konsequent das H mit A und hatte absolut kein Ohr für das scharfe Sch. Er sagte in der Gesellschaft: „Meine verheerten Erven! ich Hab' was Szenes gefrieben!" Und schon las er neue Gedichte und ganze Novellen, in einem ebensolchen Hebräisch, das kein H und Sch kennt, vor. Er nahm gleich Meikemeier aufs Korn und sagte ihm aus den Kops, daß er ein Spießbürger und ein Streber sei und es nie zu etwas bringen würde, da er sich sonst nicht bemühen würde, korrektes Deutsch zu sprechen. „Das tuen nur Streber und Assinnlanten, die, kaum über die Grenze gelangt, den Zucker in den Tee werfen, statt ihn in den Mund zu nehmen und d a s statt „Dos" sagen." Sonst war Goldin freundlich und herablassend zu seinem jüngeren Zimmergenossen und versprach, ihn schon zu erziehen. An der Mittagstafel waren mehrere Studenten beisammen, richtige und imaginäre. Zwei besuchten wirklich als ordentliche Studenten die Universität, die Anderen wollten sich erst, mit mehr oder weniger Ernst, den Weg zu den Hallen Kants bahnen und sprachen am meisten. Man sprach und strittmiel über Dostojewsky und Tolstoi, Bellamy und Achad Haam, und viele andere, .die Meikemeier schon kannte oder erst hier kennen lernte. Man sprach zuweilen von Politik und sehr viel vom Sozialismus, vön Pinsker, Moses Heß und von der neuen Zionsbewegung. Goldin hatte all diese Dinge uufr Menschen in Jamben besungen. Am schweigsamsten verhielten sich Karo k o w , ein Jüngling aus dem Innern Rußlands, der ebenso gebrochen Jüdisch wie Deutsch sptach, in Eherfon das Gymnasium absolvier! hatte und hier regelrecht Medizin studierte, und noch schweigsamer, alles Gerede mit einem kritischen, ironischen Lächeln' begleitend, Bunimowitz , ein festgebauter untersetzter Student mit frischem glatten Gesicht, der zwar aus Wolofchin stammte, aber nie Talmud gelernt, sondern ein russisches Gymnasium besucht hatte und hier ebenso regulär mit großem Eifer an der Universität Physik und Chemie studierte. Zu diesem Bunimowitz fühlte sich Meikemeier vom ersten Tage an am meisten hingezogen, obwohl, oder .weil ihn dieser so gut wie gar nicht beachtete. . Was wollte er in Königsberg? Das konnte er den neuen Freunden deswegen nicht so genau erklären, weil er es sich bis jetzt noch selber nicht recht erklärt hatte. Lernen, studieren, Wissen sammelst, Mensch werden. Was ist das, Mensch? Die Studenten lachten aus vollem Herz. Ein Mensch! Es gab. einen griechischen Philosophen, der mit einer Laterne auf den Straßen nach Menschen suchte. Der da suchte ebenfalls den Menschen — in sich."Ob nicht am Ende die Laterne in seinem Gehirn ausgegangen sei? Hatte sie je gebrannt? . . . „Du willst studieren?" fragte der Russe aus Cherson. „Hast Du Geld?" Meikemeiker griff sich mechanisch an die Brust, wo am bloßen Körper ein zugeschnürtes Beutelchen baumelte. Darin waren noch etwas weniger als zwanzig Rubel, nicht ganz vierzig Mark. Das konnte für einen Monat bei Familie Silberstein zur Not ausreichen. Bis dahin mußte man sich umsehen. „Du willst studieren?" fragte Bunimowitz. zum erstenmal etwas teilnehmender. „Was für Vorbildung hast Du? Gymnasium, Externer oder glatt Lustmensch, wie die Politiker und Philosophen hier bei der „Lokfchensupp", die über alle „siebenzig Sprachen und sieben Wissenschaften" souverän verfügen und nur das eine nicht wissen: wozu sie hier sind." Er ließ durchblicken, daß er diese letztere Kategorie sehr wenig schätzte. „Ich habe Deutsch und Russisch gelernt, auch etwas von den realen Fächern." „Und Mathematik?" „So gut wie nichts." „Und Latein?" „Nicht die Spur." „Und mit diesem Fonds willst Du studieren?" Bunimowitz lachte, doch hielt er bald ein und wurde ganz ernst und nachdenklich. Er sah dem Fremdling tief in die Augen. Vielleicht entdeckte er darin ein Feuerlein, das er von sich uns und von vielen Freunden, den Externen, gut kannte. Er sagte freundlich und gewiß: „Du kommst morgen früh zu mir auf mein Zimmer, Schloßstraße 57, vierter Stock. Wir lernen Latein und Mathematik. Ohne diese zwei verfluchten Dinge kannst Du nicht einmal als freier Hörer die heiligen Hallen der Albertina betreten. Der Weg zur Immatrikulation ist noch sehr weit. Wie alt bist Du eigentlich?" „Zwanzig". „Also nur ein Jahr jünger wie ich, und ich bin bereits im fünften Semester. Schadet nichts, in einigen Jahren kannst Du wirklicher Student fein, und bist dann noch nicht so alt wie heute unser Saul Goldin, der, wie ich glaube, noch einmal zu seinem 25jährigen Studentenkandidatenjubiläum ein hebräisches Festgedicht verfaßt ..." Damit begann das neue Leben Meikemeiers. Das Leben in der großen deutschen Stadt des Lichtes und der Wissenschaft. Es fing mit Mathematik, Latein und ein bißchen Hunger an. Latein und Mathematik — das waren Dinge für den Kopf; nicht einmal fürs Herz, wieviel weniger konnte man den Magen damit füllen. Er bekam mit Hilfe Bunimowitz's einige Schüler, die er in Russisch und Hebräisch unterrichtete. Der Tag war NUN zweckmäßig eingeteilt. Die ersten Vormittagsstunden Lehrer für Russisch und Hebräisch bei Bunimowitz, am Nachmittag und abends hatte er lateinische Grammatik und Vokabeln zu ochsen, Logarithmen rechnen. Bunimowitz war ein sachlicher und strenger Lehrer, der ohne pädagogische Erwägungen entschieden und mit Energie auf sein Ziel losstrebte. Er wollte dem fremden, hilflosen, jungen Menschen ehrlich helfen, aber ihm fehlte das Lehrgeschick eines Ammann. Es ging auch um andere Dinge. Es fehlte die Liebe zur Sache, die, auf dem Hofe Gelgudifchkm,Lehrer und Schüler in einer Seelenharmome vereinigte. Hier sollte, je eher, je lieber, ein Schlüssel zu den Hallen der Universität geschmiedet werden. Das Objeft. hatte feine Tücken. (Fortsetzung folgt.)

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