Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1931)
- Date
- 1931-04-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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UMTMM Bericht des Vorstandes d.Synagogengemeinde «Israelit. Religionsgesellschast" in Frankfurt a. M. an die ordentliche Generalversammlung über das Rechnungsjahr 1930, erstattet am 15. März 1931. Sehr geehrte Herren! Gemäß Artikel 11 unserer Satzung beehren avir uns, Ihnen heute über die avgelaufene Geschäftsperiode, die sich über die Zeit vom 1. Januar bis 31. Dezember 1930 erstreckt, Bericht zu erstatten. Die wirtschaftliche Krise von noch nie dagewesener Schwere, die im letzten Drittel des Jahres 1929 einsetzte, hat im Jahre 1930eine Verschärfung in solch katastrophaler Weise erfahren, wie sie die Wirtschaftsgeschichte wohl kaum zu verzeichnen hatte. War das abgelaufene Jahr für den Einzelnen sowohl wie für Staat und Kommunen ein Abschnitt voll Drangsal und wirtschaftlicher Not, so wird es kaum verwunderlich erscheinen, daß auch der Bau unserer Gemeinde unter den Folgen- und Auswirkungen der Wirtschaftskrise schweren Gefahren ausgefetzt ist. Mit schicksalhafter Wucht schreitet der wirtschaftliche Niedergang einher und unter seinem erbarmungslosen Tritt brechen festgefügte Existenzen zusammen, werden neuentstehende aufstrebende Kräfte zertreten. Die soziale und wirtschaftliche Umschichtung hat insbesondere unseren Kreis hart betroffen, und es läßt sich heute nicht voraussehen, wie und auf welchen Wirtschaftsgebieten die aus ihren Berufen Verdrängten eine ihr Leben ausfüllende neue Berufstätigkeit finden sollen. Sind die Juden schon an sich als der unter dem wirtschaftlichen und politischen llmwandlungsprozeß am schwersten leidende Teil der Bevölkerung zu betrachten, so sind unsere Gemeinde und ihre Mitglieder durch die Eigenart ihrer Lage und durch die Saboathut der notleidendste Teil derselben. Es erfüllt uns daher mit Dank gegen die Vorsehung, daß sie unseren Kreis, die Gemeinde und ihre Institutionen über alle Fährnisse hinaus erhalten hat. Gleich uns ringen gut fundierte Städte, kämpfen jüdische Gemeinden, einst von größtem Wohlstand, um die nackte Existenz. In der gleichen Lage befinden wir uns schon seit Jahren. Seit Stabilisierung der Währung ringen wir mit der Ungunst der Zeit, das Bleigewicht eines von Jahr zu Jahr wachsenden Defizits lastet auf uns, und die Aussichten für die weitere Entwicklung sind nicht darnach, daß ein Ende abzusehen wäre. Das finanzielle Bild des abgelaufenen Jahres entspricht insofern seinen Vorgängern, als es trotz aller Sparmaßnahmen und Sondersammlungen wiederum mit einem Betriebsdesizit abschließt, das die Höhe von Mt. 55 000.— erreicht. Es ist uns in diesem Jahre gelungen, diesen Fehlbetrag durch vorhandene Reserven auf Mk. 20 000.— herabzumindern. Dies stellt jedoch ein einmaliges Faktum dar, und es sollte daher jeder bemüht sein, seine Pflicht gegenüber der Gemeinde nach Krästen zu erfüllen. Wohl ist es uns außerdem gelungen, den größten Teil der schwebenden Bankschulden in eine konsolidierte Hypothekenschuld umzuwandeln, sodaß wir hinsichtlich der ausgelaufenen Schuld nicht mehr ganz von den Geldinstituten abhängig sind. Aber ein absolutes Nachlassen der Not, wie sie sich aus den verringerten Einnahmen ergibt, ist mit diesem llmwandlungsprozeß nnicht verbunden. Die Erfüllung der Verpflichtungen gegenüber unseren Lehrern und Beamten ist für uns immer noch ein schweres Problem, und Sie können versichert sein, daß wir. heutet mehr denn je. einem Monatsbersten mit dem Gefühl des Bangens entgegensehen. Die Einnahmen betrugen im Berichtsjahre Mk. 672 000.—, die Ausgaben Mk. 692 421.—. Bei der Position „Sesselgebühren" beträgt der Ausfall Mk. 3 364^— und bei „Schulgeldern Mk. 11 078.—, mithin ist aus diesen zwei Positionen ein Mindereingang von Mk. 14 462— zu verzeichnen. Zu den Kosten eines Schulkindes hatte die Gemeinde im Berichtsjahre den hohen Zuschuß von ca. Mk. 300.— beizutragen. Wenn dieser Zuschuß im Vergleich zum Vorjahre - geringer . ausgefallen ist, so hatte das zweierlei Gründe, erstens in den Sammlungen, die Herr Direktor! Dr. Fink dankenswerter Weise zu Gunsten der Schule unternahm, und die ein Ergebnis von Mk. 21392.— hatten, zweitens die Spenden außerordentlichen Charakters, die der Schule zuflossen. Es sei erwähnt, daß der Zuschuß für jedes Kind unserer Schule erheblich geringer ist, als der Zuschuß, den die Stadt für jedes Kind aufwendet. Daraus erhellt, daß.bei uns nach dem Prinzip der Sparsamkeit gewirtschaftet wird. Die Realschule erforderte im Berichtsjahre einen Gesamtzuschuß von ca. Mk. 107 000.—, die Volksschule einen solchen von ca. Mk. 50 000.—, und unsere Aufwendungen für die Jeschiwa betrugen Mk. 15 800.—. Der Gemeinde-Etat hatte mithin für Schulzwecke die hohe Summe von Mk. 172 800.— aufzubringen. Unser Defizit ist bedingt durch unsere Schulinstitutionen. Es muß daher immer wieder betont werden, daß es nicht Aufgabe einer Gemeinde sein kann, den Eltern die Lasten für die Ausbildung ihrer Kinder in solch hohem Maße abzunehmen, bezw. es ihnen zu ermöglichen, ihre Kinder auf Allgemeinkosten einer höheren Laufbahn zuzuführen. Das Hinabgleiten unserer Finanzen ist nur oiesem seither geübten Grundsatz, der von der Allgemeinheit als eine Selbstverständlichkeit aufgefaßt wird, zuzuschreiben. Das Mindeste, was wir beanspruchen müssen, ist, oaß alle interessierten Kreise unser Schulwerk mit allen Kräften unterstützen und fördern. Darüber hinaus mutz oh Forderung erhoben werden, daß die Elternschaft, soweit jie hierzu in der Lage ist, uns denjenigen Kostensatz als Schulgeld entrichtet, den jedes Kind der Schule verursacht. Kann dieser unserer Forderung seitens der Elternschaft und oer potenten Kreise unserer Gemeinde nicht Rechnung getragen werden, so ist der stolze Vau unseres Schulwerks aufs äußerste gefährdet. Wir sehen heute auf das erste Jahr seit Einführung der Zwangssteuer zurück. Beim Uebergang vom System der rein religiösen Pflichtsteuern zur Zwangsbesteuerung gab es fast bei jedem von uns Bedenken und innere Widerstände zu überwinden. Es bereitet uns daher aufrichtige Genugtuung, berichten zu können, daß das neue System unsere Erwartungen insosern erfüllte, als das staatliche Machtmittel des Zwanges den Eingang der Steuern in ganz anderer Weise sicherte, als es bisher der Fall war. Das Bewußtsein des Zwanges bürgt allein für den halbwegs pünktlichen Eingang der ausgeschriebenen Steuern, es wirkt sich auch dahin aus, daß jeder sich verpflichtet fühlt, seiner Steuerpslichl im Rahmen feines Könnens zu genügen, weil er der gleichmäßigen Leistung aller anderen sicher ist. Wenn wir Ihnen darlegten, daß das System der Zwangssteuer sowohl hinsichtlich der Höhe des Eingangs wie hinsichtlich seiner Wirkung aus die Weckung des Pilichtbewutztseins sich bewährt hat, so dürfen wir heute als Niederschlag unserer Erfahrung die klare Erkenntnis aussprechen, daß uns die schwierige finanzielle Situation zuni größten Teil erspart geblieben wäre, wenn wir gleich nach der Stabilisierung der Währung das System der freiwilligen Steuer mit der Zwangssteuer vertauscht hätten. Wir halten uns für verpflichtet zu erklären, daß unsererseits seit sechs Jahren alles geschehen ist, die Regierungsstellen aus die Unhaltbarkeit des Zustandes hinzuweisen, daß eine Körperschaft unseres Ranges des Steuerrechtes entbehren mußte, eines Mittels, dessen sich die kleinste jüdische Gemeinde in Preußen seit Jahrzehnten erfreut. Die Schuld trifft einzig und allein die langsame Gesetzgebungsmaschinerie, wogegen wir machtlos waren. Wir sind es Ihnen, geehrte Herren, ferner schuldig zu erklären, daß unsere finanzielle Situation schwierig, aber keineswegs verzweifelt ist. Gefährdet ist jedoch die Existenz unserer höheren Schulen. Durch diesen Warnruf möchten wir die Herzen erschließen und bewegen, die äußersten Anstrengungen zu machen, um vor allem unsere Realschule und unser Lyzeum vor der Gefahr des Untergangs zu bewahren. Lassen Sie unseren Appel! nicht wirkungslos verhallen. Es ist keine rhetorische Floskel, wenn wir Ihnen ans einem inneren Pflichtgefühl heraus ragen, daß wir das Schulwerk in seinem jetzigen Umfange bei Fortdauer der finanziellen Misere nicht aufrecht erhalten können. Schwer genug wird es dem Vorstand, diese Wahrheit aussprechen zu müssen, und noch schwerer wird es ihm, den Gedanken zu erwägen, unsere Schulz den Kristallisationspunkt unserer Gemeinde, die Krönung des Werkes Samson Raphael Hnsch's W, nach fast einem Jahrhundert segenspendender Wirksamkeit im Dienste echten Thorageistes den Zeitverhältnissen als Opfer darbringen zu müssen. Welches Maß zermürbender Sorge dieser Fragenkomplex für den Vorstand im allgemeinen und im besonderen in sich birgt, werden Sie ermessen. Indem wir Ihnen die Gefahren vor Augen führen, verbinden wir damit den Zweck, Ihren Opfermut zu wecken, einen Opfermut, der alle Kräfte und Mittel auszuschöpsen versteht, um unsere Institutionen, die unsere Väter in einem glühenden Idealismus schufen, zu retten. Diese Institutionen und die Gemeinde, die sie alle trägt, haben den allerersten und obersten Rechtsanspruch an die volle wirtschaftliche Leistungsfähigkeit jedes Einzelnen. — Eine Erhöhung des Steuersatzes kann indessen gegenwärtig nicht in Betracht kommen. Innigen Dank schulden wir Herrn Pros. Dr. Fink für sein Eintreten für die Interessen der Schule. In beispielgebender Weise hat er sich in den Dienst der Werbetätigkeit zu Gunsten der Schule gestellt, wobei er trotz der Ungunst der Verhältnisse erfreuliche Erfolge zu verzeichnen hatte. Wir hoffen, uns seiner rüstigen Mithilfe auch weiter erfreuen zu dürfen. Unsere Lehrer uns Beamten haben in Anerkennung der Notlage, in der die Gemeinde sich befindet, ein Notopfer innsosern gebracht, als sie eine Kürzung ihres Gehaltes, lange bevor der Staat daran dachte, freiwillig auf sich genommen haben. Wir erkennen dieses freiwillig gebrachte Opfer an und statten ihnen hiermit für ihr Verständnis den Dank des Vorstandes und der Gemeinde ab. Wir würden uns freuen, wenn uns recht bald eine wesentliche Besserung unserer Lage beschieden sein würde, damit wir den Verzicht durch Rückerstattung wieder wettmachen können. Unbekümmert um die Rot des Tages und äußere Anfechtungen haben unsere Institutionen, die der Verbreitung des Limud Hatauroh, der Erziehung, der Pflege der Awaudo und des Gemilluth Chesed dienen, sich bestrebt ihre Ziele zu verfolgen und ihren Wirkungskreis auszudehnen-. Unser verehrter Herr Rabbiner ist weiterhin erfolgreich bestrebt, auf dem eingeschlagenen Wege der Menschengewinnung, der Verbreitung von Thora und der Vermittlung von geistigen Werten an weite Kreise durch Lehr- und Lernvorträge den Zusammenhalt der Gemeinde zu stärken und die Liebe zu G'tt und seiner Lehre zu vertiefen, die allein uns allen die Kraft verleihen kann, den Druck der Ze,it zu überwinden. 'Die I e s ch i w a h schreitet in ihrer inneren Ausgestaltung und Kräftigung, wie in ihrer äußeren Entwicklung in erfreulicher Weise fort. Sie war im verflossenen Jahr von hundert Vollhörern besucht. Die Jeschiwa K'tano hatte ca. hundertdreißig Besucher. Diese Pflanzstätte der Thora stellt eine Institution von einzigartigem Gepräge dar, und ihr Ruf ist ein wohlbegründeter. Allen, die sich ihr anvertrauen, von den Anfängern bis zu denen, die ihre Vollendung im Studium erstreben, ist sie Führerin und Zielweiserin. Auch die der Jeschiwa angegliederte Schochtims ch u I c des Verbandes gesetzestreuer Gemeinden Preußens erfreut sich regen Zuspruchs. Die Tatsache, daß von sechs im Berichtsjahre ausgebildeten Schochtim fünf bereits in Deutschland und in der Schweiz Stellungen gefunden haben, zeigt die bedeutungsvolle Aufgabe dieser über den Rahmen unserer Kehillo hinaus sich erstreckenden Wirlsamkeit unserer Jeschiwa. Die bisher schon bestehende materielle Fürsorge für einen großen Teil der Jeschiwa- Besucher wurde in diesem Jahre durch die Einrichtung einer Frühstücksspeisung erweitert; diese Neueinrichtung — heute nötiger denn je — ist mit beträchtlichen monatlichen Zuschüssen seitens des Jeschiwa-Kuratoriums verbunden. Wir möchten in diesem Zusammenhänge es nicht unterlassen, unsere Mitglieder aufzufordern, sich der hohen Bedeutung dieser Pflanzstätte der Thora in unserer Gemeinde bewußt zu sein und durch regelmäßige Zuwendungen an die Jeschiwa dafür Sorge zu tragen, daß diese in ihrem segensreichen Wirken ungeschmälert erhalten bleibt. Darüber hinaus ist es heilige Pflicht jüdischer Eltern — wie dieses erst in den jüngsten Wochen von geweihter Stelle aus gekündet wurde — ihre die Schule verlassenden Söhne vor Eintritt in das Berufsleben ein bis zwei Jahre der Jeschiwa zuzuführen. Auf diese Weise werden sie die Ausbildung zu jüdischen Persönlichkeiten, die Liebe zur Thora und Stählung ihres Charakters auf der Jeschiwa empfangen, bevor die Kämpfe und Lockungen des Lebens an sie herantreten. Dem Leiter der Jeschiwa, ihren. Dozenten und allen, die in uneigennütziger Weise zur Ermöglichung ihres