Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1931-03-26 · Heft 13 (26.3.1931) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 13 (26.3.1931)
Date
1931-03-26
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450652-2450665--77767-2535416
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

i Seite 18 Nr. 13 DerJsraelit 26. März 1931 Der Seber in der Fremde. Novelle von Vinjamin Segel "). Die große Seitenstube in dem Häuschen der Mrs. Rollinson war schon vollständig rein gemacht, und die Frau hantierte nur noch mit den Scheuerlappen an der Außenseite der Türe herum, als Mr. Davis, keuchend unter der Last seines schweren Kastens, der mit Niemen um seine Schultern geschnallt war, ankam. Er mußte zweimal sein „Good day" wiederholen, bis die etwas schwerhörige Dame seine Gegenwart merkte und sich umwandte. „Good day, Mr. Davis! Sind Sie schon da?" donnerte sie freundlich. „Gehen Sie in die Kammer und legen Sie Ihren Kasten ab. Und wischen Sie sich die Stiefel recht sauber. Sehen Sie, wie fein es hier aussieht in der Stube. Kein Stäubchen dürfen Sie hineinbringen, Mr. Davis. Wenn's Feiertag ist, muß Feiertag sein." Mr. Davis legte den Kasten ab, kam zurück und warf durch die geöffnete Türe einen Blick in das Innere seiner Stube und konnte sich eines Freudenrufes nicht enthalten. Die kräftigen und rührigen Hände der Mrs. Rollinson hatten den düsteren und unfreundlichen Raum in ein Festgemach verwandelt, die Scheiben waren sauber geputzt, der Fußboden gescheuert, der Staub entfernt. In der Mitte stand der Tisch mit einem blinkend weißen Tuch gedeckt und die etwas wackeligen Stühle standen wohlgeordnet um den Tisch herum. Die niedrige Pritsche, die als Bettstelle diente, war mit einem verschlissenen, aber blitzsauberen Wandschirm verhüllt. Alles atmete eine gewisse anheimelnde Freundlichkeit, die Mr. Dpvis zur Rührung stimmte. Sogar die gähnende'Deffnung des Backofens, der auch als Kochherd diente, war mit einer Art Gardine von buntem Zeug überzogen. Alles schien das Fest zu erwarten. „Das haben Sie aber schön gemacht, Mrs. Rollinson, Sie sind eine brave Frau. Ich danke Ihnen sehr!" Die so Angeredete stemmte ihre Arme in die Hüften, musterte stolz ihr vollendetes Werk und fragte dann: „Wer werden heute Ihre Gäste sein, Mr. Davis?" „Meine Gäste, nun, wer sollen sie denn sein? Mr. Flock, der Schneider, wird kommen, dann der Geselle vom Goldfchmirdt . . ." „Der von Mr. Smith?" „Ja, der, dann ein Landsmann von mir, ein ganz armer Mensch, der erst gestern hier -angelangt ist, ich weiß nicht einmal recht, wie er heißt. Er hat die Nacht auf einer der benachbarten Farmen zugebracht und will nach den Feiertagen weiter nach dem Westen, nach San Franzisko, ziehen..." „Was hat denn der Mr ein bustnetz?" fragte Mrs. Rollinson, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen. „Ach ja, das ist es eben, er hat gar keinen. Er ist so ein Kinderlehrer, kann beim G'ttesdienst schön Vorsingen und weiß in den Heiligen Büchern Bescheid. Ein sehr kluger Mann, wir gingen dne Strecke zusammen und haben viel miteinander gesprochen —aber schrecklich arm ist er. Die zwei Feiertage wird er M mir wohnen. Dann kommen noch die beiden Grubenarbeiter aus Struck Oil herüber ..." „Aus Struck Oil? Du lieber Himmel, so weit? Können die denn dort nicht Feiertag machen? Na, Mr. Davis, wenn Sie saubere Stiefel haben, können Sie ein,treten. Ich bin fertig!" Mr. Davis erklärte feiner Wirtin, warum die beiden jüdischen Arbeiter hierher kommen mußten. „Aber wissen Sie, Mrs. Rollinsonwer sonst noch kommen wird? Mr. Henry Simpson." „Wer sagen Sie?" *) Binjamin Segel r\y hat mit obenstehender Novelle seine literarische Arbeit beschlösse^. Kurz rach Empfang derselben zur Veröffentlichung erhielten -wir die Nachricht von seinem in Bad Pistyan erfolgten Ableben. Er wird unseren Lesern als warmherziger Erzähler. der aus der Fülle seines Wissens und der Tiefe seines Gefühlslebens schöpfte, in dankbarer Erinnerung bleiben. n-asirv Davis mußte den Namen wiederholen. „Mr. Simpson, der Doktor?" Die gute Frau klatschte vor Staunen in die Hände. „Der? Unmöglich! Ist der auch ein Jude? Das Hab' ich ja gar nicht gewußt." „Ach nein, wo denken Sie hin? Ein Jude ist er nicht. Wir kennen ihn ja schon lange. Aber er will heute mein Gast sein,.und da werde ich ihm doch nicht abfagen." In Mr. Davis' Brust regte sich Stolz darüber, daß ihn der angesehene Arzt, obgleich kein Glaubensgenüsse, am Festabend besuchen wollte. „Da gehe ich nämlich gestern morgens, kaum, daß es Tag geworden. Mit dem Kasten nach der Farm des Mr. Thorston. Ich mußte am Haufe des Doktors vorbei; dieser stand schon vor der Türe und besserte sein Gärtchen aus. Ich grüße. „Good Morning," sagte er, „sind Sie nicht in Cincinnati, Mr. Davis?" „Warum soll ich denn in Cincinnati sein?" frage ich. „Aber voriges Jahr-sind Sie doch hingefahren um diese Zeit und sind dort bei den Juden über Eure ganzen Feiertage geblieben." „Nein," sage ich, „diesmal bin ich leider verhindert; Sie kennen ja die Geschichte mit dem Prozeß, der erfordert hier meine Gegenwart, und darum mache ich bei mir zu Hause den Söder". — „Seeder", macht er, nachdem er eine Weile geschwiegen, und schaut mich so merkwürdig an. „Nun ja", sage ich, „so heißt nämlich, was wir' morgen abend zuhause beten und singen werden. — Ihnen Hab ich's ja erklärt, Mrs. Rollinson. Was sagen Sie dazu, liebe -Mrs. Rollinfon, der Mann macht plötzlich ein Gesicht, als hätte er eine bittere Pille verschluckt.Jch schaue ihn an, dann sage ich „Good by" und will mich entfernen, aber er spricht: „Wissen Sie, Dr. Davis, ich möchte mir gerne mitansehen, wie das ist, das Sie morgen Abend machen." Ich dachte mir, der will dich zum besten haben, und sage, „ach, da wird nicht viel zu sehen sein, in Cincinnati, bei reichen Leuten, wo eine zahlreiche ^.Familie ist, müssen Sie sich das einmal anfehen." Er aber sagt, das sei ihm ganz gleich, er müsse um jeden Preis dabei sein. „All right," sage ich, „meinetwegen, wenn's Ihnen Vergnügen macht." Und wie ich jetzt zurückkomme, paßt er mir auf und sagt: „Vergessen Sie nicht, Mr. Davis, heute Abend bin ich Ihr Gast." Sehen Sie, Mrs. Rollinson, ein neugieriger Mnesch, der Doktor." „Ich freue mich auch schon- Mr. Davis, ich habe noch niemals ein jüdisches Pesfachfest gesehen." Mrs. Rollinson ging und Mr. Davis fing-an, nachdem er draußen das Chomez verbrannt, sich zum Seder zu rüsten. Die Stunden verrannen. Der Abend war nicht mehr fern. Es war das erste Mal, daß der alte Mann diesen Abend nicht im Kreise einer, wenn auch fremden Familie zubringen sollte, und daher war ihm etwas sonderbar zumute. Er schien sich jedoch Courage zu machen und brummte etwas wie eine Melodie vor sich hin während er sich wusch und dann Mische Wäsche anlegte, seine besseren Kleider anlegte und glättete. Doch war 'er sehr zerstreut, ließ jedesmal einen Gegenstand liegen und vergaß ihn, dann ging er wie im Traume suchend umher und faßte wieder etwas ganz Unnötiges an. Seine Gedanken weilten in der Ferne. Mr. Davis, wie man ihn kurzweg nannte, hieß mit seinem vollen Namen David Vroder, war seines Zeichens Schuhmacher und war vor fünfundzwanzig Jahren nach Amerika gekommen um dort, nachdem er daheim in Galizien all fein Hab und Gut verloren, sein Haus abgebrannt, und feine Frau und einzige Tochter gestorben waren, sein Glück zu suchen. Anfangs glückte es ihm nicht übel, und er war sogar auf dem Wege, ein wohlhabender Mann zu werden. Später jedoch fing das Unglück an, ihn zu verfolgen. Er mußte Cincinnati, wo er sich angesiedelt hatte, verlassen, und wurde endlich, nach vielem Umherirren, nach dem entlegenen-, weltvergessenen Green City, einem kleinen, einige Jahre zuvor gegründeten Städtchen, verschlagen, wo er sich eine Schusterwerkstätte eröffnete. (Fortsetzung folgt.) (Hebräisches Lern- und Gesellschaftsspiel aus buntem Holz.) Die neue Lehrmethode bei AVE-Schützen bringt den Kleinen die Kunst des Lesens „spielend" bei. E p h -' r a im B r;u n w ass er, Berlin C 2, Neue Friedrichstratze 47. hat diese Methode auch auf die Erlernung des Hebräisch-Lesens angewendet /und stellte ein Lern- und Gesellschaftsspiel aus buntem Holz her, das Kindern die Kenntnis der hebräischen Buchstaben vermitteln und sie zuck Zusammensetzen von hebräischen Worten anregen oll: Die Buchstaben sind handlich, geschnitzt und 'infolge der Quadratform der hebräischen Schrift viel schöner als Buchstaben anderer Schriften. Man kann dieses Spiel in Berlin in der hebräischen Buchhandlung Rubin Matz, Kantstratze 47, und in der Buchhandlung Lamm, Neue Friedrichstratze 61-63, kaufen. Ainderecke. Me die pessachkiste erwachte. Leises Rucken und Rühren ging durch die Kiste in der Bodenkammer, in der Mutter das Pessachgeschicr verpackt hielt. Es war gerade so, als wenn du nach tiefem Schlummer leise von den Sonnenstrahlen wach gekützt wirst und dich noch ein wenig reckst und streckst, bevor du die Augen aufschlägst. Weißt du, wovon die Kiste ans langem Winterschlaf geweckt wurde? Sie hatte das Holterdiepolter der Kinder gehört, die in die Kammer hineingestürmt warenum beim Herunterholen des Pessachgeschirrs zu helfen. „Was drückt ihr uns so?" .riefen die Tassen, die gleich unter den Tellern in der Kiste verpackt lagen. „Na, ihr sollt aufwachen", sagten die Teller, „habt ihr denn nicht gehört, daß die lieben Kinder hier oben sind und uns in die Küche und dann .auf den schönen Pessachtisch holen wollen?" Und alle Tellermänner und -stauen fingen tüchtig zu klappern an, damit die Bewohner der Kiste schnell wach wurden. „Was ist denn los?", gähnte Frau .Suppenterrine, „gerade hatte ich einen so schönen Traum! Könnt ihr denn nicht ein bißchen Rücksicht nehmen, ihr bösen Gesellen!" „Blotz keine Aufregung, liebe Frau Nachbarin", beruhigten sie die dicken Henkelgläschen, aus denen die jüngsten Kinder der Familie immer den Wein tranken. „Sie freuen sich gewiß auch, datz wir wieder zu den guten Menschen hinunter kommen." „Macht euch nur nicht so wichtig, ihr Henteltöpfchen, aus euch trinkt diesmal höchstens noch das Nesthäkchen, und nächstes Jahr braucht man euch gar nicht mehr", meinten hochmütig die großen Weingläser. Die Gläschen verdroß der Stolz ihrer älteren Glasstrüder, und sie fingen ärgerlich an zu klingeln und zu klirren, datz es vor Lärm nicht auszuhalten war. Da hörte, man plötzlich eindeutliches Krachen. Ein großes Weinglas war vor Wut. gesprungen. Die kleinen Gläser kicherten schadenfroh. „Seht ihr, das kommt vom Zanken", sagten mit zarter Stimme die Porzellanschalen, die immer auf der Sederschüssel standen. „Wir wollen lieber friedlich und vergnügt sein, jetzt gerade, wo wir die lustigen Kinder Wiedersehen sollen." Bei diesen Worten schielten siezu ihren Nachbarn, den Kochlöffeln und Quirlen, die einen munteren Marsch gegen die Wand der Kiste trommelten. Als sie damit fertig waren, .sagte das Salznäpfchen: „Sicher sind die Kinder ein ordentliches Stück gewachsen, und diesmal wird wohl schon düs Jüngste von ihn^n/die Mamschtgnoh fragen." ' v „Wißt ihr noch, wie voriges Jahr der kleine David solche Angst hatte und dann die Manischtanoh ohne Fehler sagte?", raschelten die Glasteller in ihren Hüllen aus Seidenpapier. „Ja, ja, und dabei konnte er sogar noch alle Brochaus so fein auswendig!" „Und die schönen Lieder, die sie singen!" „Und das Lachen und Lärmen, wenn Vater den Afikaumon nicht, findet, den sie heimlich versteckt haben." „Und der blütenweitz gedeckte Pessachtisch mit den strahlenden Leuchtern!" „Und erst die wunderbare Sederschüssel!", so plapperten die G.eschirrgeisterchen erregt durcheinander. Nun waren sie alle wach. „Werdet ihr wohl still sein, ihr alten Schwatzmäuler!", knarrte der alte Besen, mit dem die Köchin den Staub von der Kiste abfegte. Da wurden sie ganz ruhig, und schon fühlten sie sich emporgehoben und traten erwartungsvoll die große Reife ins Küchenreich an. Alice Lipski, Berlin. * * -i- Liebe Kinder! In den Tagen, da im Schüttelsieber a l l e E ck e n und Enden des Hauses auf 'den Kopf gestellt werden, kann natürlich auch die Kinderecke nicht verschont bleiben. Ihr müßt Euch daher für heute mit dieser kleinen Erzählung begnügen. Nächste Woche sollt Ihr eine echte rechte I o m t'o w --Ki'u L^e r e ck e' bekommen. -: ~ Verantwortlich; für den allgemeinen/Teil.und? das /Feuilleton S: Sch achnowitz, Kankfuxt a. M.; Inserate S. Schach« no w i tz, /ebenda. ^Jffir die pädagogische?Beilage:/ Lehrer :L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag des Israelit und Hormon G. m. b. Frankfurt a. M. — Druck: Sermon-Druckerei, Frankmrt a. M.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.