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Der Israelit · 1931-03-26 · Heft 13 (26.3.1931) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 13 (26.3.1931)
Date
1931-03-26
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Neikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines TIlenschenschicksals und einer - Zeitepoche. Don S. Jzchaki. > (Fortsetzung). ' Am Scheidewege, wo die Straßen sich nach Nord und West teilten, sah sich Burke vorsichtig um, dann trieb er die Säule auf ben westlichen Pfad, und bald ächzte der Wagen durch einen schwarzen Tannenwald/ in dem eine Finsternis . in der Finsternis herrschte, beinahe greifbar. Es raschelte, durch das Geäst und eine Nachtgestalt stand unsichtbar da und schriee „Halt!" Eine Laterne blitzte auf, und jetzt war es wie ein Untier aus der Vorwelt, aus dem sich langsam ein Grenzsoldat mit üb erschütterter. Flinte, entwickelte. - > „Wohin, Ihr Schmuggler? . . ." .; Langsam und Umständlich mit vielem Trrr ... brachte Burke die Gäule zum Stehen. „Wohin?", wiederholte er. „Wohin anders als nach Tauroggen, ^um Markt." ' „Ist das der Weg nach-Tauroggen, Jude! Hast ja den rechten Weg schon längst verpaßt! Was hast Du in Deiner Fuhre?" „ Ich verpaßt?" tat der Fuhrmann beleidigt, aber mit einiger Routine. „Ich bin hier geboren und meine Vätersväter sind diesen Weg gefahren. Ich kenne hier jeden Stein und jeden Baum. Wir biegen etwas weiter in einen Waldweg ein und haben damit die Fahrt mindestens um eine Stunde abgekürzt." „Du bist ein Gauner, so wie so," entschied der Kosak. „Der Teufel kenne sich in Euren Wegen hier vor dem Judenneste aus. Was hast Du drinnen, frage ich, scheint was Lebendes zu sein." Er leuchtete mit der Laterne hinein. „Eine ganze Synagoge voller Juden," lachte der Soldat. „Meinst Du, ich fahre.allein und zum Vergnügen nach Tauroggen? Ich bin Fuhrmann und fahre die Menschen zum Markte." „Daß Dich der Teufel mit Deinen Menschen und mit Deinem Markte hole. Hast Du Tabak?" Burke reichte ihm seinen ledernen Tabaksbeutel, und der Soldat stopfte gleich feine Pfeife voll., - „Und wie ist es mitSchnaps?" - . „Auch dem sollst Du haben" j /:J ° Er reichte ihm die Flasche, die dH^^ysak gleich an ^en Mund fefel S.yL;n:: S -!;■. ‘ Damit sah Burke erfahrungsgemäß den Zwischenfall als erledigt an, > zog' die.Zügel an, knallte ' mit der Peitsche, und die'Fuhre kain wieder ins Rollen. i!v. ... ' ' ■ ‘! Aus einem Dutzend Kehlen kam ein Seufzer der Erleichterung, aber nur um neuen Gefühlen banger Angst Platz zu machen. Sie kamen aus dem Walde und fuhren durch ein kleines Dörfchen. Zu beiden Seiten der schmalen Straße schlummerten in der pechschwarzen Nacht kleine, schiefe, mit faulem Stroh bedachte, Holzhütten, mit anschließenden Düngerhaufen .und Schweineställen. Nirgends ein Licht, nur in einem Hofe bellte ein Hund, als wollte er. die ganze Ansiedlung alarmieren. An der letzten Hütte am Ausgang des Dorfes machte Burke halt, stieg aus der Fuhre, tappte sich ans Häuschen und klopfte dreimal im Takte mit gleichmäßigen Intervallen, wie zur Beschwörung eines Nachtgeistes, an das niedere Fenster. Dazu brummte er ein paar Worte, die sich wie -eine Zauberformel anhörten. Eine barsche, verschlafene Stimme gab von drinnen Antwort. Nach einigen Minuten kam mit schweren Schritten ein ungeschlachter Mensch in einem Ziegenpelz, bis zur Unkenntlichkeit in Tücher eingehüllt, mit großem Stecken in der Hand, aus der HMe gekrochem-^''---"^ ' „Alles bereit, Peter?" fragte Burke. „Alles bereit," lautete die Antwort, wiederum wie eine Zauberformel. ü Peter mit umwickeltem Gesicht setzte sich vorne zu Burke und der Wagen rosite ganz langsam und leise zwischen jungem Holz und einer schwarzen Waldwand, über Stein und Stumpf weiter. Nach einer Viertelstunde machte Burke wieder mit gedämpftem Trrr . . . halt. Irgendwo jammerte wieder ein verlaufener Hund. Von einiger Ferne brachte das Echo ' lustigen Gesang, auch den Gleichschritt marschierender Soldaten. Vurke und Peter gaben Zeichen m!it der Hand. Die Menschen im Wagen hielten den Atem an, wagten auch nicht zu fragen, was los sei. Ob sie schon drüben waren, ob Gefahr nahe oder sie schon ganz in der Falle waren? In dieser Ungewißheit schlotterten die Menschen wie im Schüttelfrost, ihre Glieder. . zitterten Fragen an die stumme Nacht, die sich nicht auf die Lippen wagten. Indes verhallten bald die Schritte, der Gesang verlor sich irgendwo in der nächtlichen Ferne. Nur der Hund bellte und winselte noch jämmerlich ein Epiludium. ' . . Noch eine Weile horchte Peter, und dann gab er ein Zeichen und die Fuhre rollte weiter. Einige Minuten nur. Wieder stop! Und jetzt ein leises Kommando, mehr mit den Händen, als mit dem Munde: „Alles aussteigen! ..." Es war alles so schwarz und finster ringsherum, daß die verschüchterten Menschen sich mit den Händen suchten und sich fest aneinander hielten, um sich picht zu verlieren. Wieder Schritte fester Soldatenstiefel, laute,- lustige Reden. „Alles hinlegen!" kommandierte der Kauer. Burke drehte mit der Fuhre um und schien allein zurückzufahren. Die fremden Menschen waren ganz allein in finsterer Nacht und einem fremden Bauern, dessen Gesicht sie noch nicht einmal gesehen hatten, ausgeliefert, umlauert und umdräut von allen ungekannten Gefahren einer Schreckensnacht. Sie klammerten.sich eng aneinander, und kannten sich doch kaum . . . Ganz hart an ihnen marschierten die Schritte, rauschten die lustigen, ausgelassenen Reden vorbei. Um ein Haar hätten die schweren- Stiefel die'auf.dem Boden liegenden Menschen angestoßen. Aber nun war es wieder ganz still ringsum, das Heulen des verlassenen Hundes kam von we-it, .weit-her. Ganz 'leise erhobsich .Peter, gab dem nächsten mit der Hand ein Zeichen unddieser gab.es weiter, und jederjedem, das gleiche stumme, Zeichen.. ".M'st einer, Stimme, als kgme sie aus dem Grabe> gab Peter letzte Anweisungen:; . ' ■; -- - ■ - . - I ,. . „Wir stehen dicht ' äm. Grenzgrabdn: ' Der Posten, in der Nähe weiß Kescheid. Wenn e r schießt, keine Angst, er schießt in die Luft. Es könnten aber von der anderen Seite fremde Patrouillen kommen ..." . „Und dann?" ruhten die fragenden Blicke der Wanderer auf ihrem Mentor. ■ „Dann," sagte er leise und zynisch, „werden wir zu Brei züsammengefchossen. Hab schon einmal den Fall gehabt, ich konnte mich mit einem Sprunge noch hinüberretten, die anderen blieben im Graben . ." Grabesschweigen war die beredte Antwort auf diese von ihrem Führer gestellte schöne Perspektive.. Peter setzte noch einmal die Flasche an den Mund. Nachdem er sich einigen Mut angetrunken hatte, wurde seine Sprache etwas lebhafter und verheißender. „Also Leutchen, mir nach, Augen immer links. Schüsse von links nicht beachten. Kommt aber ein Knall von rechts, dann platt auf den Boden, und wenn es ruhiger ist, weiter läiW^^ttauß^^'jWM^HMer^ weiterlaufen, gerade. aus, mir nach, - bis.ich mich umdrehe und Halt! füge." :!/ Sie schleppten sich in einer Kette durch ein Dickicht hinter Peter her, so, daß der Vordermann sich fest am Rockzipfel des Führers hielt, die anderen in einem geschlossenen Zug hintereinander, um sich mitten in ben dunkeln Schrecken nicht zu vertieren. Aus dem Dickicht heraus gerieten sie an leinen freien Platz und in einen Sumpf. „Vorsicht, Graben!" mahnte Peter, „Wasser drinnen, aber nicht so tief." Da sie den Uebergang nicht sehen konnten, stampften sie hinein, strauchelten übereinander und, lagen drinnen. Etwas räusperte sich von links, ein HUnd legte an. „Wer da?" schrie Jemand, und die grelle Stimme gellte in die Herzen der Armen, wie die des jüngsten Gerichts. Keine Antwort. Auch Peter war stumm und starr. War er überhaupt noch da? Da ertönte ein Schutz, für einige Minuten blitzte es, in der Luft. „Von links," flüsterte Peter, „weiter laufen, mir nach!" Sie liefen, daß sie schier keinen Atem mehr hatten. Wieder'ein Schuß und wieder ein Aufblitzen. Sie wußten in ihrer Aufregung nicht mehr, ob der Schuß von rechts oder links kam. „Peter," schrieen sie aus ihrer Seelenangst, lauter, als geraten,- vielleicht schien es ihnen nur so, als würden sie mit allerletzter Lungenkraft schreien. Aber Peter gab keine Antwort. Peter war stumm oder verschwunden. Die schwarze Erde hatte ihn ausgenommen. Der Vordermann hatte seinen Rockzipfel längst verloren. Sie waren in der Nacht der Höllenpein führerlos, weglos. Wieder ein Schuß, es blitzte in der Luft, Hunde bellten, es war jetzt schon eine ganze Meute. Menschen schrieen, Kommandorufe, Flüche, Schuß! Die Wanderer liefen instinktiv, ziellos, nur von der Todesnot, von Höllenangst getrieben. Sie liefen etwa eine Viertelstunde lang. Sie waren längst aus dem Graben heraus, und wußten es nicht. Der Boden war schon besser, trockener, glatter, aber sie fühlten es nicht. Liefen, was sie laufen konnten. Weiße Häuschen hoben sich von der finsteren Nacht ab. In manchen blinkten kleine Lichtpunkte. Sie liefen und liefen, immer weiter und weiter ... Schweren Schrittes kam Jemand des. Weges. Er hatte eine Laterne an der Brust und einen mannshohen Stecken in der Hand-. Eine Trompete hielt er in der Hand und tutete etwas. Wie er die-lausenden Menschensah> stellte, er sich ihnen in den Weg. Es war scheinbar für ihn kein ungewohnter Anblick. Er lachte: \; „Warum läuft Ihr noch, - Narren, ^Ihr seid seit zehn Minuten auf deutschem. Boden, in unserem Preußenland: Es kann Euch hier nichts mehr passierend Kommt inst mir. Wenige Minuten'tvesteräm Hetze steht der Krug „Zum Grenztor", da könnet Ihr Ouere matten Glieder ausruhen . . ." Das war eine Heilesbotfchaft, Licht der Errettung, Trompete der Erlösung. Aber nun versagten ihnen allen die Kräfte, die Anspannung, durch Not und Gefahr gesteigert,, war gelöst. Sie warfen sich oder fielen, wie auf Verabredung, zu Koden, und es dauerte eine geraume Weile, bis sie sich erheben konnten, bis sie eines Wortes fähig waren, bis sie die Kraft hatten, den- Weg weiter zu machen. Im Kruge fanden sie lautes Leben vor. Das Haus war vollgefüllt von Händlern und Schmugglern, Fuhrleuten und Bauern aller Art. In einer Ecke tauchte Jaker auf, der auf legalem Wege, auf angenehmere Art, mit leidem Wagen und Dauerpaß gleich nach ihnen hmübergefahren war. Er beglückwünschte sie zur guten Uebersahrt und bestellte gleich, da sie selber kaum eines Wortes fähig waren, den üblichen Schnaps und Tee. (Fortsetzung folgt.)

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