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Der Israelit · 1931-03-12 · Heft 11 (12.3.1931) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 11 (12.3.1931)
Date
1931-03-12
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
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I)r. ii Meikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines Alenschenschtckfals und einer Zeitepoche. Von <5. Jzchaki. (Fortsetzung). Unverrichteter Sache kam die Delegation wieder heraus und rechte sich schweigend den anderen an. Zwei und zwei marschierten sie nun durch die kotigen Straßen, eskortiert von einem Kordon Polizisten, bis an die Peripherie der Stadt. Dort stand ein großer, unfertiger Neubau, ohne Dach ohne Ofen, ohne Fenster, ohne Mobiliar, ohne Betten. Dieser kalte Raum wurde zum Nachtquartier für die hundert jüdischen Jünglinge bestimmt. Eine kleine Petroleumlampe mit. schwarz verrauchtem Zylinder hing an der Decke, und in chrem Lichtkegel entwickelte sich bald ein buntes, fröhliches Leben. Jugendlichkeit, Erregtheit, Galgenhumor brachen sich mit Macht durch alle Finsternis und Betrübnis durch. Strohbündel lagen auf dem Boden. Darauf kauerten sich die jungen Menschen, sangen, pfiffen, rauchten Zigaretten und verzehrten ihre Speisvorräte. Andere hielten russische Reden, rissen derbe Witze oder führten beim Klange einer Harmonika Kosakentänze auf. Einer hatte sich eine eigene Tonpfeife konstruiert und spielte darauf Wolgalieder. Auch Kartenspiele tauchten auf. Thorajünger, die ein hartes Schicksal in diesen Kreis hineingeweht hatte, ergingen sich in talmudischen Diskussionen, als wären sie im Beshamidrasch. Einer war von Amerika gekommen und erzählte die Wunder in der neuen Welt und auf dem Meere. In der Ecke kauerte jemand und sang leise und weinerlich Psalmgebet-e. Jeder reagierte aus die eigene Situation auf seine eigene Art. Und der eine fand den anderen und der andere den dritten, so daß sich bald das ganze Lager in kleine Gruppen von Freunden gleicher Einstellung teilte. So verging eine Nacht, die für Meikemeier kein Ende nehmen wollte, für andere aber e i n unerklärlicher Freudenrausch war. Nur wenige schnarchten laut und liehen sich von all dem tobenden Leben ringsum nicht stören. - Meikemeier fand keinen Anschluß. Einer war dabei, den er von Slabotko aus flüchtig kannte. Arzig (Ahron) nannte man ihn, „Arzig der „Moßm-id", wegen seines erstaunlichen Fleißes im Lernen, der ihn die Nacht zum Tage 'iriachen ließ'. ' Er war damals schon wenig' zugänglich, um keine Minute vom Lernen zu verlieren. In den zwei Jahren war er größer, aber noch dünner geworden. Sein Gesicht war knochig und durchsichtig, mit den erstaunten und erschrockenen Augen eines Wanderers, der unter ein Rudel von' Wölfen geraten war. Er hielt ein kleines Buch — Talmud oder Thillim? —- dicht vor die kurzsichtigen Augen, und sein dünner Oberkörper schaukelte, wie eine vom Winde bewegte Weide. Er sang und summte was in einemfort und wollte keinen sehen. „Gebetmaschine", spotteten die Kameraden. „Er kommt zu der Gebetmaschinengewehrabteilung", fügte ein besonders Witziger hinzu. An den war nicht heranzukommen. Meikemeier hatte einen kleinen Turgeniewband bei sich und las so lange, bis ihm die Augen zufielen und er im Sitzen einnickte. Eine Nacht der Pein war vorüber. Durch die scheibenlosen, mit Brettern und Tüchern halb zugestopften Löcher der unfertigen Fenster schaute eine trübe, in grauen Nebel gehüllte Soyne in Me. unw>irMchs Behausung für M-enschetz, dte da kamen, ihre Pflicht zu tun. Diele der Jünglinge, die die Nacht in Sang und Spiel vertaten, schliefen erst jetzt ein. Andere packten ihre Gebetsriemen aus und stellten sich zum Beten auf. Junge Mädchen aus der Gemeinde brachten große Teekannen und weißes Brot, eine Liebesspende der Glaubensgenossen von Tauroggen. Bald aber brüllte jemand ins Lokal: „Ausstellen zum Appell und zum Marsch nach dem Amte!" Sie w änderten wieder zu Paaren, von Polizisten eskortiert, von - Vätern, Müttern und Geschwistern begleitet, von der gesamten Schuljugend gefolgt, in die Amtsstube. Dort wurden noch einmal die Namen aufgerufen, und jeder Ausgerufene hatte an den Tisch vorzutreten und aus einer Urne ein Los herauszuziehen. Eine hohe Nummer galt als Gewinn, denn nach dem Modus, der, von. der Gemeinde eine bestimmte Anzahl von Soldaten verlangte, konnte sich ergeben, daß bei Erreichung der Zahl die Musterung 'mittendrin abgebrochen wurde und der Rest als überzählig frei davon kam. Zumeist aber war die nötige Zahl nicht > anwesend, .so!daß der „Gewinn" der hohen Nummer illusorisch blieb. Nichtsdestoweniger sah Meikemeier in der von ihm gezogenen Zahl 173 — sie blieb ihm ewig im Gedächtnis — ein gutes Omen. Wenn nun die Jünglinge glaubten, der Tragödie letzter Akt hebe endlich an, so mußten sie zu ihrer Enttäuschung vernehmen, daß sie sich noch einen Tag zu gedulden hätten. Die Herren der Kommission hatten noch mancherlei zu tun, die Schreiber, die Arbeit vom Sonntag zu sichten und zu schichten. Die jüdischen Kandidaten wurden wieder in ihr provisorisches unwirtliches Heim abtransportiert, wo sie noch einen Tag und eine Nacht in Hangen und Bangen zu verbleiben hatten. Am Dienstag früh begann die eigentliche Musterung. Kaum waren sie, gedrängt und zusammengepfercht, in der großen, kahlen Amtshalle, erging vom grünen Tisch das schneidende Kommando: „Juden ausziehlen!" In nervöser Hast rissen sich die Jünglinge die Kleider förmlich vom Leibe, und schon ertönte der erste Name. „Nicht anwesend!" notierte der Schreiber. Weiter, der folgende. Nummer und Name. Junge, nackte Menschen traten einer nach dem anderen, zitternd und schlotternd vor Kälte und Aufregung, vor, wurden untersucht, abgehorcht und abgeklopft, unter Maß gestellt, für. tau glich oder untauglich befunden. Die Aerzte.sprachen, ihr Urteil leise,, der Vorsitzende verkündete das Verdikt mit lauter Sprache, und die Schreiber'schrieben. Die ersten Untersuchungen gingen noch-Mit einiger Ruhe, Sachlichkeit und Gründlichkeit vor sich. . Dann wurde die Handlung immer geschäfsmäßiger, mechanischer, Die Maschine war angekurbelt und lies von selbst. Tauglich, tauglich, tauglich! . . . Die Gemusterten wurden an der vorderen. Türe gleich von bereitstehenden Konvoisoldaten in Empfang genommen, nackt und schaudernd, wie sie waren. Ihre Kleider wurden ihnen nachgereicht. Der lange, dünne verschüchterte A r z t g war dabei. Armer Arzig! mit einem PolHeihau'ptmann; imb; schien seine Aufgabe an dieser Stelle vollkommen vergessen zu haben. Er war auch schon Nr. 173 . . . Die Schreiber hielten ihre Köpfe über die Akten gebeugt und schrieben geschäftig, als gälte es, alle Pein der Welt für den jüngsten Tag zu registrieren. - Ganz verstohlen warf er einen Blick auf Dr. Scholz. Der saß da wie eine Marmorstatue. In feinen ehernen Zügen regte sich nichts, als er den Blick des Jünglings auf sich ruhen fühlte. Dann aber stand er groß auf, ging wie eine aufgezogene Puppe ans Maß,. unter dem Meikemeier noch stand, schob ein wenig daran herum, besah sich von ungefähr die schmächtige kleine Gestalt und sagte, so ganz uninteressiert, ganz „Keine Brust, keine Muskeln, keine Kraft in den Armen; meines Erachtens gänzlich untauglich!" Der Pole sah mit tiefem Blicke eine Weile seinen Kollegen an. Die Augen fanden sich. Sie verstanden. Aber es war stillschweigend ausgemacht, sich zwar gegenseitig nicht das Konzept zu verderben, aber zugleich die „Fälle" nicht ohne Widerspruch passieren zu lassen. Machte sich auch besser der hohen Behörde gegenüber. „Wir haben schon.^Schwächere genommen," wandte also der Pole ein. Dr. Scholz wurde lebhaft. Ein solches Argument konnte den ganzen Brei verderben. „Sehen Sie doch diesen schmalen Rücken, der hält keinen Tornister aus, und die Arme erst ..." Er bewegte den rechten Arm Meikemeiers, als wäre es das Stück eines Holzgestelles. „Sehen Sie doch die Muskeln an, alles noch in der Entwicklung. Diese Hand soll ebnen Gewehrkolben fassen?" „Das gibt sich alles," beharrte der andere. „Um was handelt sichs?" stand nun der Marschall auf. „Wir sind einig," gab Dr. Scholz zur Antwort. „Wir halten beide den jungen Menschen für kerngesund. Nur meine ich, daß hier ein Fall von Schwäche bei zunehmender Besserung vorliegt. Der Staat wird mehr profitieren, wenn er ihn erst nächstes Jahr zum Militär nimmt." (Fortsetzung folgt.) Zur Stunde! Worte unseres großen Lehrers Samson Raphael Hirsch. .„Sei immerhin unsere Hand zu kurz zu Helsen, — von-unserer Pflicht foltert' 'ton: ’htmmei' lassen! Klarer als der Blick in die Gänge der Zeiten ist unser Blick auf ^unsere Pflicht '; : - Pflicht üben, und die Gänge der Zeiten G'tt anheim zu stellen, — das ist die einzige Richtschnur für unser Leben! . . . Was wir könnten? was wir sollten? der einzelne? wir alle? Wach sein zuvor, nicht schlafen, wo der Ernst der Zeiten zur Tätigkeit ruft. In einer solchen Zeit der Auslösung trägt jeder die ganze Last des Ganzen, keiner darf schlafen, weil alle wirken müssen! Und was nun wirken der einzelne, der Kaufmann, der Handwerker, der Ungelehrte? . . . alle die, die sich im Leben bewegen, mehr als der vom Leben ferne Gelehrte, vermöget ihn in solcher Zeit! Womit? mit eurem Ernst zunächst! Es sei euch ernst um die Erhaltung des Gesetzes in eurem und eurer Kinder Leben! Streitet D« weniyen, die im glücklichen Besitze eines Ki" Höckers, einäugig ober einarmig waren und der Leben setzet stillschweigend entgegen dem Leichtsinn, darum gleich als frei erklärt wurden, zogen sich dem Schwanken, der erbärmlichen Halbheit, die auf der rasch an und flüchteten wie aus einem brennen-!andern Seite sich geltend machen will. Lasset jedem das den Haus auf die Straße, wo sie von den Ihrenausjufprecpen, aber wahret autp , J r* . i J s. J das eure und sprechet eure Meinung aus. wo es allt. unter Freudentranen umarmt wurden. lernst und ruhig, voll und würdig! Verkümmert keinem Mehr von Ekel als von Angst beherrscht, trat das Recht, nach seiner Weise zu leben, aber wahret auch Msikemeier unter das Maß. „Ein wenig schwäch-> bas eure und lebt nach g'ttlichem Gesetz ruhig und ernst, tig, aber im ganzen gesund," meinte gleich der ^m«?rrifinen der Erziehung der eL Arzt, der blLde P°l° Im «BenV^I*^ nahmen sein dessen, was dieses Schicksalswort für ihn be-^ Verrat anderer am Gesetz? Wohlan, so erziehet eure deutete sah Meikemeier wie hilfesuchend zum Kinder zu entschiedener Treue gegen das Gesetz! grünen Tische hin. Der Vorsitzende lehnte müde Und Gelehrte^ Jüdischgelehrte? Was sie vermögen? L übernöchtigin feinem Sessel und würdig »aÄ ihn gar keines Bltckes. Der Major unterhielt sich den Seiten schielende Nebenrücksichten, die alles ent-

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