Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1931)
- Date
- 1931-02-26
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nleikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines Menschenschicksals und einer Zeikepoche. Pon <5. Jzchaki. [•'••• (Fortsetzung). Der Jude wurde nach der Musterunggleich wie ein Sträfling dabehMen, daß er Vater und Mutter nicht mehr zu sehen bekam. Unter Bewachung wurden die ausgemusterten Juden sofort vom Amtshause in die Kaserne unter einer Eskorte, als ginge es in die sibirische Verbannung, abtransportiert. Viel anders als Verbannung war auch das Ganze nicht. Sie wurden nach einigen Tagen regelrecht ^verschickt", zumeist nach dem A m u r g e b i e t ober jenseits des Kaukasus, vielleicht an die japanische Grenze, wo sie, in einer fremden Umgebung und der russischen Sprache unkundig,, der Willkür einer Soldateska auf Gnade und Ungnade ansgeliefert waren. Zu einem Vorgesetzten Amte konnte ein Jude im russischen Militär es ohnehin nicht bringen. Wenn der jüdische Jüngling daher die Fuhre bestieg, um sich zur nächsten Amtsstadt zur Gestellung zu begeben, war es in vielen Fällen ein Abschied für bas Leben. Die Tränen von Vater und Mutter waren danach. Nur daraus erklärt sich das Grauen, das für den Juden des Städtchens die Vorstellung vom Dienen hatte. Gemeinden, die einige Mittel besaßen, leisteten sich den Luxus- Herumstreicher anzuwerben, die Ne erforderliche Zahl ausfüllten. Der Volkswitz nannte sie „Mälochi-m", weil sie in Wahrheit gar nicht existierten, sich auf den Namen der fehlenden Gestellungspflichtigen nur stellten, um nach der Musterung auf irgendeine Weife zu verschwinden. Diese blinden Passagiere tyrannisierten eine Zeitlcmg das Städtchen nach Kräften, man «muhte all ihre Wünsche, wenn sie nicht im letzten Augenblick noch alle Rechnungen durchqueren sollten, erfüllen. In den ersten Herbstwochen begann die Musterung und schon die Herbstfeiertage standen ganz im Zeichen dieses Ereignisses. Jedes Jahr gab es schon eine bestimmte Gruppe von Vätern und, Söhnen, die am Rausch Haschonoh und- Jomkippur mehr denn sonst weinten und sich am Simchas Thora an den Freudentänzen nicht beteiligten. Ein schwerer Albdruck lastete auf diesen Menschen. Mütter weinten in diesen Tagen aus unversiegbaren Tränenquellen. Dieses Mal war Ne Reihe auch an Reb Jechiel, dem Schächter. Seine Frau, Melkemeiers Mutter, kam in den heiligen Tagen zwischen den Festen kaum noch vom Friedhof weg, wo sie die Gräber der frommen Ahnen mit ihren Tränen erweichte und sie beschwor, für ihr Kind am „Tage des Gerichts" — gemeint war der Tag der Musterung — Fürbitte zu tun. Meikemeier hatte keine Tränen, ging auch auf die Ratschläge, durch besondere Entbehrung sein Körpergewicht unter das Normalmaß zu bringen, nicht ein, aber mit einem, gewissen Groll und Haß sah er den kommenden Dingen entgegen. Die Art, wie ein Land seine eigenen Bürger behandelte, war gegen alles, was er in den letzten Jahren als Kost der Seele genossen hatte. Abgesehen von einem natürlichen Widerwillen gegen alles Militärisch? von deni Tage an, da er zum ersten Male in Kowno die.Menschenqualereim aus dem Platz zwischen D-mkmal und Kathedrale gesehen hatte. Er hatte auch ein rundes Sümmchen von Ge- Sludischken mitgebracht. Dcrm-it ließ sich schon etwas machen, freilich sollte das Geld die Auslandreise, an die er jetzt noch intensiver dachte, ermöglichen. Um sich aber die Grenze frei zü machen und nicht wie ein Dieb unter tausend Gefahren bei Nacht und Nebel zum anderen User hinüber zu schleichen, mußte dem Militärspiel irgendwie sein Tribut gezahlt werden. So ließ er sich vom Vater, nicht ohne Widerstreben, dazu bewegen, einen Tag nach dem letzten Feste mit ihm den Doktor Scholz aufzusuchen. Dieser Doktor Scholz war ein gewaltiger Machtfaktor im Städtchen und wußte seine Position weidlich auszunützen. Ihm gelang es in vielen Jahren, sein Judentum dermaßen zu verleugnen und all seine jüdischen Züge so gründlich bis zur Unkenntlichkeit zu verwischen, daß er sogar zum Militärarzt der kleinen Grenzgarnison der Umgegend mit dem Wohnsitze in Burki erhoben wurde. Er trug Offiziersuniform und Bändchen und Ordenschmückten seine schmale Brust, und er wußte genau, was er des Kaisers Rock schuldete. Vor allem tiefe Verachtung gegen seine früheren Glaubensgenossen. Ihr Geld mißachtete er weniger, und da er neben seiner ärztlichen Tätigkeit — der einzige Arzt in der ganzen weiten Umgegend — noch als Mitglied und ärztlicher. Beirat bei der Gestellungsmission Amtscharakter hatte und amtliche Wirksamkeit ausübte, wußte er sich gute Nebeneinnahcken zu verschaffen. Das wußte jeder, der eine Amtsuniform in Rußland trug; er verstandes doppelt, als Arzt und Beamter, von dessen Mund oft Tod und Leben für -einen jungen Menschen abhing. Man munkelte im Städtchen daß Dr. Scholz sich fein hohes Amt mit dem Taufschein erst erkaufen mußte, gesehenhatte den Taufschein keiner. Man erinnerte sich aber der Zeit, da dieser Dr. Scholz vor dreißig Jahren von irgendwoher, aus dem Innern Rußlands, nach dem Städtchen kam und, noch ohne Amtscharakter, auf die jüdische Kundschaft angewiesen war, es noch mit den Juden versuchte, zuweilen an hohen Feiertagen sogar in die Schul kam. Sein Haß gegen die Juden hatte eine einigermaßen konkrete Grundlage. Er datierte von der Zeit, da die Krönrabbinerstelle (Strohrabbiner zur Verhandlung mit Behörden) frei wurde, under, Dr. Scholz, als Kulturführer und Mannder russischen Zunge, auf dieses Amt reflektierte. Er war seiner Wahl so sicher, daß er sich bereits sogar eine kleine^Rede an seine Gemeinde zurechtlegte. Er wollte es den Juden im Städtchen einmal ganz gehörig sagen ... In der präparierten Rede befanden sich die Sätze „Ihr Juden seid doch ein merkwürdiges Volk! Ihr betet Tag und Nacht zu G'tt und werdet nie erhört! Ihr wascht Euch morgens und abends und zu jeder Stunde des Tages und seid dennoch immer schmutzig! Ihr nennt Euch Diener des Herrn und wollet doch nie dienen!" All diese herrlichen Pointen blieben ungesagt, denn nicht e r wurde gewählt, sondern sein Rivale und schlimmster Feind von der Kulturclique, der Winkeladvokat Bonnert. Der Verlust der Gelegenheit zu der markigen Rede ging ihm fast noch näher als der Verlust des Postens. Seitdem hatte sich bei ihm eine kuriose Manie herausgebildet. Jeder jüdische Patient und jede jüdische Patientin, die zu ihm kamen, mußten, wenn es irgend ging, die damals einstudierte und ungehaltene Rede über sich ergehen lassen. „Ihr seid doch ein merkwürdiges^Volk ufw.! . . ." Und einige Jahre später wußte er das „I h r" so scharf zu betonen, daß man dabei das „Ihr" der Pesiachhaggadah deutlich herausmerken mußte. Bald' daraus sah man ihn zum ersten Male in Militäruniform m seinem kleinen Wagen durch die Straßen, am liebsten an Sabbat und Feiertagen, fahren und -damals entstand auch das Gerede vom Taufschein. Die öffentliche Meinung rm Städtchen war damals noch stark genug. tA. Dr.r U „;> mit einem solchenMeberläufer aufzüräuMN, aber er war Arzt, den manbrauchte und außerdem Beamter und ärztlicher Beirat der Gestellungs- Mission . . . Cr war eine G'ttesgeißel, und eine solche kann Mn nicht, mir nichts Nr nichts, von sich abwenden, man muß sie tragen wie das Schicksal. So stand nun Meikemeier, stramm und aufrecht, wie es Dr. Scholz bei jüdischen Jünglingen gar nicht gewöhnt war, mit dem gebeugten Vater vor dem Vielmögenden. Reb Jechiel war bloßhäuptig, ganz in sich zusammengeschrumpst. „Ja, .einschlechter Jahrgang," seufzte der Herr Doktor. Die Klienten wußten, was diese Einleitung bedeutete. Fehlende Zahl, strenge Handhabung. Kostet Mühe, freizubekommen — und Geld, viel Geld ... „Ja, ein merkwürdig Volk," sing Dr. Scholz sein Sprüchlein an, es kam schon ohne sein Zutun -aus feinem Munde. „Diener des Herrn und wollen nicht dienen . . ." Meikemeier antwortete in gutem Russisch, den Ton aufgreifend: „Merkwürdiges Volk, merkwürdig genug, daß ein Volk unter solchem Druck noch seine Pflicht gegen Staat und Land erfüllt." Der Herr Doktor sah erstaunt, fast erschrocken auf, so daß ihm der zweite und wesentliche Tell der Predigt im Munde stecken blieb. „Sie sind wohl Student?" „Noch nicht gang, aber etwas Aehnliches." „Warum wollen Sie denn nicht dienen?" „Weil ich das Soldatenfpi-el nicht liebe!" „Soldatenspiel? " Dr. Scholz wies wie zur Abwehr eines Angriffes auf seine Uniform hin. „Wehe," sagte Meikemeier, „wenn es keines mehr ist und aus diesem Spiel Ernst wird!" Der Herr Doktor war starr und stumm. Reb Jechiel, der von diesem Gespräch so gut wie nichts verstand, merkte nur, daß sein Sohn dem mächtigen Mann nicht zu Gefallen sprach und erschrak. Er gab dem Sohne geheime Zeichen zur Vorsicht. Dr. Scholz sah dem Jüngling scharf und streng ins Gesicht, dann zeigte er mit der Rechten auf das große Zarenbild an der Wand. „Junger Mann," brachte er nur heraus mit einer verweisenden Handbewegung, „vorsichttg mit Ihren Worten!" Nunmehr ging er an die Arbeit, untersuchte den Jüngling, klopfte ihm das Herz ab, stellte ihn unter Maß, wog und überlegte und stellte schließlich die Diagnose: „Gesund, aber blutarm, für sein Alter nicht kräftig genug, müßte nach Gesetz frei sein. Aber Ihr wißt . . ." Ja, sie wußten. Diener des Herrn ... Schlechter Jahrgang! Kostet Geld. Noch mehr Geld! ... „Vielleicht erreichen wir Zurückstellung bis zum nächsten Jahre. Ich will dahin plädieren." Er senkte seine Stimme so tief es ging und sah nach der Polsterwand, ob sie auch.richtig zu war. „Volle Verantwortung kann ich natürlich nicht übernehmen, da noch mehrere mttzuraten haben. Man kann nie wissen. Voraussetzung ist: Nichts merken lassen bei der. Musterung, mich nicht anschauen und nicht verraten, daß ich schon je mit dem Fall zu tun hatte. Kostet ..." Und Meikemeier legte für zehn Minuten Untersuchung genau die Hälfte seines Verdienstes in zweijähriger Arbeit als Hauslehrer in Gelgudischkin hin. Dr. Scholz schob das Geld schweigend in die Schublade, ohne sich zu bedanken, ohne den Abschiedsgruß von Vater und Sohn zu erwidern, ja ohne überhaupt von ihrem Weggehen Notiz zu nehmen. Als durften sie jetzt schon nicht merken lassen, daß sie irgendwie miteinander zu tun hatten. (Fortsetzung folgt.)