Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1931)
- Date
- 1931-02-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 9 Der Israelit 26. Februar 1931 Purim-Keilktge. „Aber was Numerus clausus ist, wissen wir immer noch nicht." „Raus mit den Juden und den Fremden aus der Universität und Anatomie! ..." „Und ich dachte stets," meinte Goethe mild: „Wo wir uns bilden, da ist unser Vaterland ..." „Das haben die Juden gesagt." „Ihr kennt auch Goethe nicht?" „Doch doch, den Götz von Verlichingen, das heißt, einen Satz davon. Auch soll er „Nebbich" gesagt haben . . ." „Und wie steht es mit Faust?" Der Jüngling lachte laut und stark überlegen auf: „Darüber sind wir längst hinaus. Wir arbeiten heute nicht mehr mit Faust. Wir machen es mit Stuhlbeinen, Bierflaschen und Gummiknüppel n." „Gummiknüppel, was ist das?" . „Könnt Ihr bald erfahren, ihr S . . . Juden, wenn Ihr nicht macht, daß Ihr davon kommt." „Ich fang an, der Sonne müde zu sein," seufzte Schiller. „Und wie sagtest du doch immer, lieber Friedrich: „Und die Sonne Homers, siehe, sie lächelt auch uns!" Ich denke, wir haben hier nichts mehr zu suchen. Wer nicht mehr liebt und — geliebt wird, der lasse sich begraben." Die beiden Dichter gingen Arm in Arm zur Fürstengruft zurück. „Und hinter ihnen im wesenlosen Scheine Lag, was die Strafte beherrscht, das Gemeine ..." Deutschland erwache! Deutschland erwache! Vom lauten ewigen Geschrei „Deutschland erwache!" erwachten in der Fürstengruft zu Weimar Friedrich Schiller und der alte Johann Wglfgang v. Goethe. „Was soll das Geschrei, lieber Wolfgang. Du weißt doch sonst alles und kennst eines jeden Pudels Kern. Warum erwachen, wozu, wieso?" „Ich weiß nicht," wischte sich Goethe die Augen. „Kenne mich bald nicht mehr aus. Sie singen dort ganz andere Töne. Oft ist es mir, als hätten die Osterglocken um die Mitternacht ganz anderen Klang . . ." „Was, auch die Glocken?" schüttelte der andere erstaunt seine Schillerlocken. „Und ich dachte doch: F e st gemauert in der Erde ..." „Nur der Hexentanz auf dem Blocksberg ist noch w i e am erste n Tag." „Wollen wir nicht einmal aufstehen, ein wenig Umschau halten?" „Ja," rieb sich, der Alte die Augen vollends wach, „Bleibe nicht am Boden haften Frisch gewagt und frisch hinaus! . . ." Uno wie er nun nölll'g ausyer'chtet war, sagte Goethe: „Ich fühle Mut, mich in die Welt zu wagen, Der Erde Weh, der Erde Glück zu tragen. Mit Stürmen mich herumzuschlagen. Und in des Schiffsbruch Knirschen nicht zu zagen." Hand in Hand, Arm in Arm, gingen die beiden die Allee hinauf. In der taufrischen Lust jauchzte Schiller: „Ein gütiger Herr tut seine Pforten auf Für alle Gäste, keinen schließt er aus. - Frei wie das Firmament die Welt umspannt. So muß die Gnade Freund und Feind umschließen." Um die Ecke kam ein Trupp junger, stämmiger Burschen in schmucker Jacke mit Schärpe um die Brust, das kleine Käppi auf die rechte Kopfseite geschoben. „Deutschland erwache! Juda ver . . ." „Numerus clausus!" schrie der Chor. „Was ist das?" fragte Schiller. „Es wird der neue Studentengruß sein, ein Studentenlied, ein neues Gaudeamus." So fragen wir doch, was das ist. „Junger Freund," packten sie einen am Kragen, „was ist denn das, Numerus clausus?" „Ihr gehört wohl auch nach Jerusalem," sagte der Jüngling grob. „Der da mit der langen Nase," wies er auf Schiller, „sieht mir gerade danach aus. Sollte nach Jena zu Günther, sich seinen Schädel untersuchen zu lassen." „Was, Jena?" horchte Schiller aufmerksam auf, „da war ich doch auch einmal, lehrte dort, glaube ich, etwas über die Sendung Mofis." „Und was ist das mit dem Juda . . .?" „Ei, die Judde! ..." „In meiner Jugendzeit," sagte Goethe gemächlich, „kannte ich die Frankfurter Judengasse recht gut. Es waren kleine, aber brave Leute. Auch ganz kuriose Typen waren dabei. Und ein Deutsch sprachen sie . . . Ein Judendeutich! Ich habe mich in meiner Jugend auch darin geübt." „Judenknecht!" brüllte der Jüngling. „Uebrigens," sagte Goethe, „gab es in meiner Jugend einen Juden in Deutschland, ich mochte ihn nicht, aber er Vaters im Lichte G'ttes weilten und ih^ von ihm selbst £ M V* 1 /« 4MA/* SYft * W M •(««« M4»t* £« M V 4« CYY\ <4 ( A 4 « 44 S ^i«4*4*44* AttMA * V» /VA «44 /l Vt 444<1V^9 Drei würdige Herren kamen des Weges durch die belebte Promenade. Auch sie waren durch das wüste Geschrei „Erwache!" ihren Gräbern entstiegen. Einer war in weiße Sutane gehüllt mit breitem Goldgürtel um die Lenden und hatte auf dem Kopse den mächtigen bunten Turban des Morgenlandes. Der andere hatte einen schwarzen Kaftan an, das helle Gesicht war von einem grauen Bart umrahmt, der b!« zur Brust hinunterwallte. Seitenlocken schlängelten sich um die Ohren. Die mächtige Zobelmütze wies auf den jüdischen Rabbi hm. Der dritte hatte ein glattes Gesicht wie aus weißem Marmor und die gelockten Haare hingen ihm am Hinterköpf bis zum Nacken. Er hatte den gemessenen sicheren Gang des deutschen Edelmannes, aber den ruhigen Blick eines Philosophen oder Dichters. Die drei gingen Arm in Arm und waren in ein Gesvräch vertieft. Von Zeit zu Zeit hob ein jeder von ihnen die Rechte und wies den Zeigefinger, um den ein goldener Ring in der Sonne prangte. Sie ließen sich auf eine Bank nieder und setzten das Gespräch fort. „So seht doch, Freunde diesen Ring an," sprach der Mohammedaner, „wie rund, wie alatt, wie leuchtend, goldrein, er ist der echte, vom Vater geerbt, uno er gibt seinem Träger allein das Recht und die Macht, die Welt zu seinen Füßen zu zwingen" „Nein, mein Freund Saladin," gab der Edelmann und Dichter mit dem Marmorgesicht zurück. „Siehe doch nur den Ring an meinem Finger, er gleicht dem deinen wie e i n Ei dem anderen. Daß e r aber der echte ist, beweist die Tatsache, daß er durch das ganze Abendland leuchtete. Wir haben einen neuen Stein ihm eingeseftt: den Hummanismus. Sieh doch, wie der funkelt. Bald wird sich keiner seinem Lichte entziehen." „Ihr mögt schon recht haben, lieber Saladin und lieber Gotthold Ephraim." warf der Rabbi mit weicher Stimme ein, „Eure beiden Ringe sind echt, wenn sie ihren Glanz von dem erhalten, den ich an meinem Finger trage, denn dieser geht nachweislich bis auf die ersten und größten Menschen zurück, die in der Nähe des konnte was. Wir nannten ihn nur Herr Moses und er stammte aus Dessau." „Wird so ein Pollak gewesen sein." „Zu meiner Zeit lag Dessau in Mitteldeutschland. Es hat sich aber inzwischen bei euch so viel geändert. Vielleicht liegt es jetzt in Polen. Uebrigens, dieser Pollak hat damals dem König Friedrich das Deutschschreiben beigebracht." „Heil Fr id e r icu s , " jubelte der Studiosus mit leuchtenden Augen. „waget, junger Mann, wißt Ihr was von Schiller?" „Schiller? Na ja, auch so ein Judenknecht, faselte vom G'ttesfunken der Liebe, von Recht . . ." Schiller sah hilflos zu Goethe hin: „Und bin ich strafbar, weil ich menschlich war? Ist Mitleid Sünde?" „Kennt Ihr die Bürgschaft?" fragte Goethe den Jüngling. „Bürgschaft! Zinsknechtschaft! republik!" schrie der Chor. erhielten. Sind denn darum eure Ringe weniger wert? Sie haben ihren Wert, je mehr sie in Glanz und Reinheit dem meinigen ähnlich sind." „Etwas stolz gesprochen., lieber Nathan," sagte der Christ. ..Aber ich kenne Dich gut genug, um zu wissen, daß dieser Stolz kein Hochmut ist, es ist der innere Adel, Ahnenstolz und die tiefe heilige Ueberzeugung von der g'ttlichen Auserwähltbeit deiner Rasse." „Was machte?" wandte der Orientale ein. „Daß wir Träger drei verschiedener und doch ähnlicher Ringe, uns so gut vertragen, beweist doch, wie recht Freund Nntban Hot, daß diese Ringe Snmbol sind eines unsichtbaren Rinaes. der olle Menschen, die von einer Mutter geboren und G'tteskinder sind, in Liebe und Eintracht umschlingen muß." Die Straße am Rande der Allee erdröhnte im schweren Gleichschritt marschierender Menschen, die Fahnen schwenkten und wilde Rufe ausstießen. „Heil Haman!" ten auf dem eckigen Kopf mit der engen Stirn. Dieser Mann hielt die Hand weit ausgestreckt. In der flachen Hand lag ein Ring, dem das Volk begeistert zujubelte. Äm Ringe war ein Wappen geprägt, aus queren Strichen und Haken gezogen, d e eme häßliche Spinne darzustellen schienen. Dazwischen waren drei Worte angebracht. „Was ist das für ein Ring," fragte Saladin interessiert. „Er sieht keinem der unsrigen ähnlich," konstatierte der Jude. „Ich kenne das Wappen nicht und auch nicht, die Worte," sagte der Christ. „Das Wappen kenne auch ich nicht," meinte Nathan, „aber die Worte sind mir nicht unbekannt. Sie stammen aus einer alten jüdischen Rolle, in der viel von Haß und Pein und g'ttlicher Errettung erzählt wird. Wie kommen nur die Worte hierher?" Sie stellten einen aus der Menge. „Was gibts da, Nachbar? Warum der Jubel, wo kommt der Ring her, was bedeutet er?" Der Mann sah die drei mit langem Blicke an: „Ihr kommt wohl vom Monde her, 'ihr wißt nicht, daß der König unserem Führer den Ring gegeben hat, daß er damit die Verdikte unterzeichne." „Was für Verdikte?" „Auch das wißt Ihr nicht? Juda ver . . .!" Unsere Trikolore heißt: Lehaschmid, laharog ulabed!" „Heil Haman!" schrie die Meute und übertönte die weiteren Erklärungen des Mannes. Die drei Männer zogen ihre Hände zurück, versteckten ihre Ringe tief in der Tasche und schlugen sich seitwärts in die Büsche. „Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren," seufzte der Dichter. „So lange dieser Ring herrscht," seufzte der weise Nathan, „bleiben unsere drei Ringe eine fromme Fabel." Poungplan! Judenschrieen sie und gruppierten sich um einen kleinen unter- Hamamsmus und Humanismus^ Ausgenommen vom Witzeredakteur im Rundfunk zu Schuschan. An einem Tag. Warum setzte Haman für die Vernichtung aller Juden nur einen Tag an? Er wußte wohl, daß sich dieser Tag in einen Festtag verwandeln würde und gönnte nicht den Juden noch mehr Feste. Ihr Verdienst. Ludwig Börne sagt: Man haßt die Juden nicht, weil sie es verdienen, sondern weitste verdienen. Da dürfte es heute keinen Judenhaß geben . . ." Gut jüdisch. Z » d e r b a u'm, dem Begründer der hebräischen Zeitung „Hameliz" in Petersburg, sagte einmal der Minister.' „Diese ausländischen Zeitungen sind samt und sonders Judenzeitungen." „Scheint mir auch so," gab Zederbaum zurück, „denn sie kommen ja alle beschnitten (durch die Zensur) an." Zwischen gestern und heute. In Berlin W. sagte bei einer Verhandlung der jüdische' Anwalt zu den» Anwalt der Gegenpartei, der sich erst tags zuvor taufen ließ: „Nun, lieber Kollege, weiß ich wirklich nicht, soll ich noch an Ihr gutes j ü d i g* sches Herz oder schon an Ihre christliche Nächstenliebe appellieren?" Auch ein Glück. „Ein Glück," sagte einmal der bekannte Wiener Parlamentsybgeordnete Josef Bloch, „daß die Judenfeinde uns Fehler andichten, die wir nicht haben und ganz lächerlich anmuten. Dadurch übersehen sie unsere wirklichen Fehler." Er hält die Milte. Ein Jude kam auf einer Eisenbahnfahrt zwischen zwei Hakenkreuzträger zu sitzen, die sofort I setzten Mann mit dem Dreimast eines hohen Hofbeam-1 anfingen, ihn zu hänseln. Da er keine Antwort gab.