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Der Israelit · 1931-02-12 · Heft 7 (12.2.1931) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 7 (12.2.1931)
Date
1931-02-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Merkemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines Menschenschicksals und einer Aeilepoche. Bon <s. Jzchaki. (Fortsetzung). ' Von seinem Freunde und Lehrer, Gospodin Skobeljew, erfuhr er, daß dieser Tolstoi, so etwas wie Prophet und Heiliger, ein Einsiedlerleben aus einem Gute führte, wo er all'- seine Ideen und Ansichten in die Tat umsetzte und darum von seiner äußexen Umgebung, - ja, sogar in seinem engsten ' FäypMeMxeise-. Mr.-/ei-nen Narren gehalten wurde. Er trug Bauernkleider, arbeitete auf dem Felde mit den letzten Knechten und hatte den sonderbaren Gedanken, .sich selber zu enteignen und sein Vermögen nach dem Gebot des Urchristentums und des neuesten Kommunismus mit den Arbeitern' zu teilen, was ifchon -zu mänch schwerem Konflikt mit seiner Familie^ geführt hätte. Dieser Tolstoi hatte sich auch mit der Kirche Überwerfen, die ihn exkommunizierte. Er, der Prediger und Apostel des Glaubens und der Liebe, war den Popen der offiziellen, russischen Kirche unheimlich. Käme der Galiläer heute wieder und wollte all' denen,, die in seinem Namen Schandtaten begingen, seine Bergpredigt noch einmal halten, man würde ihn, so sagte Tolstoi, und so sagte Skobeljew mit starker Betonung, in ein Irrenhaus weifen und hintennach noch einmal kpeuzigen. Die Kirchenglocken würden dazu läuten und. die Popen mit den Heiligenbildern in der Hand s e i n e Gebete dazu sprechen. Darum konnte. dieser merkwürdige Tolstoi mit der Kirche nicht in Frieden leben. Aber noch weniger mit dem Staat, den er als kapitalistische und imperalistische Einrichtung schon im Prinzip verneinte, dem er aber besonders Haß und Kampf geschworen hat, weil er mit der Ochraina (Geheimpolizei) undmit Sibirien Dag für Tag seelischen und leiblichen Massenmord begehe. Aber der Staat schickte seine Gendarmen nicht zündete insbesondere auchdie Kleinen Novellen', die FahW, die Hraktätchen üher:>,die.Armen und Elenden", mrd'sah. jeht Immer, den Menschen im groben Bauern kittel' hinter seinem Werke und zu seinem Werke stehen. Aus jeder Zeile sprach eine große Menschenseele. Es waren keine Worte, keine Sätze',, keine Kapitel mehr, es waren Ausbrüche eines Herzens, dessen wurmen Schlag er bis ins Innerste verspürte' ' Und eines Tages konnte ihm Skobeljew einen Brief zeigen, der als Abgangsort am Kopfe die Worte Jasnia Po l a n j a trug, mit „Mein lieber Skob" überschrieben und „Dein Lew" unterzeichnet war. Der Jüngling war wie betäubt. Er las Nicht den Inhalts bekam ihn auch nicht in den Kopf, er betrachtete nur die Striche, Zeilen und Punkte, steile, spitze, ungelenke Striche, ineinander geschlungene Linien. Diese Zeichen kamen aus der Hand des Mannes, dessen Name in . aher Munde war,, der all' jene bevölkerten und bunten-Welten geschaffen hatte, durch die er, Meikemeier, in nächtlichen Träumen wandelte. Er hatte..bis dahin noch keinen „Unsterblichen" von Angesicht gesehen, war noch niemals in die menschliche Reichweite eines solchen gelangt, -auch nie Schriftzüge aus solcher Hand zu Gesicht bekommen. Er war auf einmal -einem großen Mitschöpfer am Geistesleben der Menschheit persönlich nahe gekommen. Dieser unscheinbare Bogen, die -ungelenken Schriftzüge wirkten auf ihn mehr, als alle Bücher und Bände des Meisters. Er war betäubt und beglückt. Was nun der große Tolstoi an diesen kleinen russischen Lehrer schrieb, was er von ihm wollte und ihm sagte, wußte er auch dann noch nicht, nachdem er den Brief bereits dreimal gelesen hatte. Es war offenbar Antwort auf eine Anfrage, auf mehrere Anfragen. Er sprach von Mut, von Kraft, von geduldigem Ausharren, vom Saatkorn, das in Ruhe und Weile aus der dunklen Erde hervorblüht. Keine große Idee, hieß es da, darf verlorengegeben werden, so lange es Menschen gibt, aus Dörfern und Gütern, die, wie er, Skob, ihr mit ganzem Herzen dienen. Recht und Freiheit ließen sich von Kosakengäulen nicht niedertreten, von keiner Pol iz einag aika Niederschlagen . . . Auch Kanonenkugeln prallen an dieser ewigen G'ttesmauer zurück. Sich vorzeitig als Einzelner zu opfern, fei Wahnsinn . . . Skobeljew legte ihm dringend ans Herz, zu keinem Menschen etwas von diesem Briese zu sprechen. Dann faltete er ihn behutsam wie eine nach Jasnia Polaniila unddie Kirche keirw Scheiterbauten und stellte kein Krem für jjuuu [miete er «ja neijuijum un-e eme ihm stuf. Man fürchtete den Ältenj, wie pn instEgeReliquie zusammen, verschloßihn in einem der'hexoAianstchM '/-Zeit JohHNnes! gesürchtet Kuvert -und verb-ara ibn m emer. Kassette unter hatte! Mstn,.hielt 'es für bequemex-,- ihn für einen Narren zu. Erklären.. Am .so: grastsamex wurden abE sech-^'MMnW.ÜeWDi We-wurden ins Gstfüngnis.!geskeckr,. nach.Sibirien yerba-tint;;■in ZwstngsaröD! gepreßt, an die- Wand: gestellt, ode2 an den Galgen gebracht. Seine Werke wurden verboten. Wehe dem armen Studenten-, der bet dieser verbotenen Lektüre angetroffen wurde! Der Mann aber, der all diese Weisheiten von sich gab, der der Vater war und Führer dieser Gemeinde von.Hunderttausenden oder Millionen der streuen Gläubigen im weitem -Reiche., und aus dem Erdenrund, blieb unbehelligt.'' Als wäre er immun, als - trüge er eine' Panzerhaut, an der alle Pfelle-i der.Polizei.-und Soldateska zurückprallten! Er durM offen uüd unerschrocken reden, schreiben und handeln,! r n "' ' Warum? Welleicht mit -Rücksicht aus seine hohe adelige Abstammung, vielleicht auf sein hohes Alter. Sicherlich aber darum, weil man in Hofkreisen den „Märtyrer" fürchtete. Wurde dem Alten eine Narrenkappe ausgedrückt, so schien sie auf alle Fälle ungefährlicher als eine Märtyrerdornenkrone. D'as alles erzählte Skobeljew seinem gelehrigen Schüler, dem damit manches Licht über dunkle Stellen in Tolstois Werken aufging. Er las Kuvert-pnd verbarg jhn in einer-Kassette unter seinem.Kopfkissen. -;; •' -. -; VUI. •, - . ■;Mnes Tages wurde Meikemeier von einem Bauernschüler, ein Zettelchen überreicht. Skobeljew schrieb ihm, er möge an diesem Abend auf sein Zimmer kommen, es sei Besuch da und auch Jemand, der ihn sehen und sprechen wolle. Nach Beendigung der Tagesarbeit begab sich Meikemeier zu seinem Freunde. Er ging an der großen .Kirche vorbei- und durch die dunklen Alleen des Parkes. Oberhalb des Schlosses war die kleine evangelische Kirche und daneben der kleine Schulanbau. - Darüber in einer länglichen Kammer hatte Gospodin Skobeljew sein Quartier. Als Meikemeier die Stiege hin-ausgek-lettert. war und die Türe aufmachte, konnte er zunächst nichts sehen, denn dicker Rauchqualm aus vier Pfeifen und Zigaretten hüllte alles in einen grauen, schwelenden Seidenschleier -ein. Im Kamin prasselte das Feuer, auf dem Tische dampfte der Samowar, und beeide gaben mit Dämpf und Gesusiune dem Raume noch eine besonders geheimnisvolle Note. Skobeljew, 'der, rocklos, mit aufgekrempelten Hemdsärmeln, liebenswürdig nach studentischen Traditionen den Hauswirt spielte, erblickte den Eintretenden zuerst und sprang zu seiner Begrüßung auf, dann hob sich aus dem sie jeU noch MMÄ, « sas sie imch mehr, er ft» i Nebelknänel auch eine lange Erscheinung ab, ein hagerer Mensch mit kurzsichtigen Augen hinter scharfen Brillengläsern, langen Armen und schmalen, frauenhaften Händen. Er lief auf Meikemeier zu und umarmte ihn stürmisch. „Also bist Dü hier, und, wie ich sehe, Vollbürger in diesem Kreis. Ich habe mich nicht umsonst um Dich bemüht ..." „Nissim Beer!" ries Meikemeier überrascht aus. „Sie hier?" „Das Sie," lachte er, „wollen wir gleich beiseite lassen, dort in Slabodko sagte man „Ihr", hier einfach D u. Wir sind Genossen, ist es nicht so, Genosse Skobeljew?" „So und nicht anders," bestätigte der Hausherr gemütlich. Meikemeier setzte sich auf den noch freistehenden Stuhl , und Skobeljew schob ihm ein gefülltes und dampfendes Teeglas zu. Dieser wischte sich die Augen und betrachtete seine Umgebung. Außer Nissim Beer waren noch zwei junge Menschen da, die er nie gesehen hatte. Beide hattenbleiche, knochige Gesichter, mit fanatischen, scharfen Augen ü'nd die schwarze Rubaschka des russischen Studenten, mit Ledergürtel um die Lenden befestigtan.'Sie waren, wiest»er Hausherr, keine Juden-.' Auch er durste sich, wie ihm Freund Nissim Beer zuflüsterte, -in diesem Kreise nicht als Jude geben. Hier waren Genossen, Brüder ... Einer der Studenten sah genau so aus, wie er oft in Träumenden Raskolnikow aus Dostojewskis „Schuld und Sühne" sah .; . Was hier vor sich ging, was man von ihm wollte, wußte er nicht. Ein unbestimmtes ängstliches Gefühl bedrückte ihn, als krochen an der Wand Schatten herckn, die sich zu einem ganz gewaltigen Schattenberg häuften. Hinter diesem Berge stand etwas, das ihn dämonisch angrinste. Er wußte nicht was. Die angezündete Zigarette legte er wieder in die Schale, von wo sie weiße, dünne Ringelchen in den Qualm schickte. Der Rauch legte sich ihm aus die Lunge. Der Tee schmeckte ihm nicht. Er ließ ihn stehen und sah zu, wie die Dampfwölkchen aufstiegen und sich zu jenem Schattenberge fanden, der größer und größer wurde. Skobeljew, bei dem er tagtäglich in aller Unbefangenheit russische Sprache und Literatur lernte, schien ihm -in dieser Gesellschaft und in diesem Rahmen ins Riesenhafte und Unheimliche hineinzuwachsen. Nissim Beer, den er in Kowno-Slabodko schätzte und verehrte, als Mann, der alles wußte und alles konnte, hatte hier - etwas Rätselhaftes in feinem Blicke, daß Meikemeier am liebsten pas Zimmer gleich.verlassen hätte. Aus Wz MMklärlichen! Geöcmksm- Zusammenhängen überkamen ihn Vorstellungen aus Tolstoi und Jasnia Polanja, Dostojewskis undRaskolnikow/WoliW und Sibiirien .! . ' Die vier Männer-. setzten ihre Unterhaltung in russischer Sprache in gedämpftem Tone, der sich dem Rauch und dem Dampf im Zimmer anpaßte, fort. Worte klangen ihm ins Ohr, die er nie gehört, deren Sinn er nicht verstand. Plötzlich brach Nissim Beer das Gespräch ab, ließ die Drei miteinander reden .und nahm Meikemeier auf die Seite. „Nun, junger Freund, wie weit bist Du?" „Ich habe Deutsch gelernt und Russisch und sonst noch mancherlei und habe einigen Eingang in diemoderne Literatur gefunden." „Und die Gesinnung?" „Wie meinst Du das?" „Ich meine, die politische Gesinnung." „Die macht mir zur Zeit noch kckne Schmerzen. Ich wollte zuerst an Grundmauern und Wänden arbeiten, die innere Ausgestaltung kann der Zukunft überlassen werden." .; -r ‘ Du bist nach allem noch nicht mit ganzem Herzen bei der Sache?" „Ich habe Tolstoi gelesen und Nn mit vollem Herzen und.innigster Teilnahme auf der Seite der Armen und Elenden, für die er spricht."

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